Archiv des Schlagwortes ‘Kohlekraftwerke’

Neues aus dem Fundus (VI): Nicht mehr voRWEg

Donnerstag, den 5. Januar 2017

Kennen Sie den noch?

Den Witz hatten sich schlaue Werbeköpfe im Sommer 2013 ausgedacht.

Gut ist auch der hier aus dem Jahr 2008:

Es gibt auf dem Klima-Lügendetektor unzählige VoRWEg-Geh-Witze (dieser stammt aus dem Jahr 2009).

Wir haben dafür sogar eine eigene Rubrik eingerichtet!

Damit könnte nun Schluss sein. Einerseits gibt es diese RWE so nämlich nicht mehr. Weil der Konzern immer nur hinterherhinkte, ist er in schwere wirtschaftliche Turbulenzen geraten und hat sich aufgespalten. Der moderne Teil, also der mit Windkraft und der Energiewende, nennt sich jetzt Innogy.

Der andere Teil, also der mit den alten Kohlemöhren, heißt immer noch RWE. Dessen neuer Vorstandsboss Rolf Martin Schmitz hat nun im Interview erklärt, dass er nicht mehr „voRWEg gehen“ will. „‚VoRWEg gehen‘ verwenden wir nicht mehr“, sagte Schmitz der Welt. Wäre ja auch blöd – mit Atomkraftwerken wie Gundremmingen im Portfolio, dessen Block B Ende dieses Jahres in Rente geht.

Wir meinen: Ach, bitte nicht doch! Liebe RWE, macht weiter, „voRWEg gehen“ ist doch wirklich schick!!! Wollt ihr denn wirklich die Arbeit des Klima-Lügendetektors unnötig verkomplizieren?

Vielen Dank an Matthias B. aus Berlin für den Hinweis!


RWE: Die Kandidaten für den Klimaschutz-Preis

Dienstag, den 27. Oktober 2015

Deutschlands zweitgrößter Stromkonzern RWE hat einen Klimaschutz-Preis ausgelobt:

rwe

Im Aufruf heißt es: „Bürger, Vereine, Institutionen und Firmen können zeigen, wie sie vor Ort mit konkreten Projekten die Umwelt schonen und sich für den Klimaschutz einsetzen.“

Also los! Hier sind unsere „starken Ideen für Umwelt und Klima“, die wir dem verehrten Preisgericht vorschlagen:

Erstens: Die Gemeinde Keyenberg schlägt vor, das Umsiedlungsprogramm von RWE zu stoppen. Die im Jahre 893 erstmals urkundlich als cheyenburghc erwähnte Ortschaft steht auf Braunkohle, dem klimaschädlichsten aller Energieträger. Deshalb soll Keyenberg verschwinden, RWE will die 826 Einwohner der Gemeinde abbaggern.

Rohbraunkohle besteht zu 55 Prozent aus Wasser, zu 5 Prozent aus nicht brennbaren Bestandteilen und zu 40 Prozent aus Kohle. Beim Verfeuern einer Tonne Kohle in einem Braunkohlekraftwerk entsteht etwa eine Tonne Kohlendioxid, wenn Förderung und Transport einbezogen werden – so viel wie bei keinem anderen Energieträger.

Eine „starke Idee für Umwelt und Klima“ wäre also, die Abbau-Pläne zu beenden: Ab kommendem Jahr soll es losgehen mit der Umsiedlung von Keyenberg, noch ist es also nicht zu spät. Und seitdem bekannt geworden ist, dass die Braunkohlekraftwerke jetzt sowieso Schritt für Schritt abgeschaltet werden müssen, hat der Vorschlag gute Chancen für den RWE-Klimaschutzpreis 2015!

Zweiter Preis-Vorschlag: Die Gemeinde Niederzier schlägt vor, aus den Resten des Hambacher Forsts ein Klimaschutz-Denkmal zu errichten. Ursprünglich war der Wald nahe dem Ort Hambach 5.500 Hektar groß, schon der heilige Arnold von Arnoldsweiler hatte den Bürgewald im 8. Jahrhundert umritten. Jetzt sollen die Bäume dem Tagebau Hambach weichen, wiederum, um eine zukunftslose Energieversorgung noch ein bisschen weiterbetreiben zu können.

Dagegen hatten immer wieder Klimaschützer protestiert, bei Wind und Wetter Bäume besetzt, um RWE zur Vernunft zu bringen. Jetzt – so die Begründung des Preisvorschlages – könnte sich RWE bedanken bei den Aktivisten: Jawohl, eure Argumente waren die richtigen, wir von RWE haben uns geirrt – und das dokumentieren wir mit dem Klimaschutz-Denkmal Hambacher Forst. Chapeau!

Vorschlag Nummer drei für den RWE-Klimaschutzpreis 2015: Die Stadt Grevenbroich schlägt vor, das RWE-Kohlekraftwerk Neurath dichtzumachen. Mit 33,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr ist es die größte Treibhausgas-Quelle in der Bundesrepublik, und schön sieht die Dinosaurier-Technologie nun auch nicht aus. Geld lässt sich mit den Kohlekraftwerken sowieso nicht mehr verdienen, eine „gute Idee“ und „vorbildliche Aktion aus dem lokalen und regionalen Umfeld“ – wie in der Ausschreibung gefordert – und „für die Öffentlichkeit sichtbar“ wäre das Abschalten allemal. Ein heißer Kandidat für den RWE-Klimaschutzpreis!

Es gibt logischerweise noch viele andere Vorschläge, die RWE berücksichtigen sollte! Ein Umschulungsprogramm der Gemeinde Jüchen beispielsweise, bei dem ehemals fossile Kraftwerksmitarbeiter zu Solarinstallateuren ausgebildet werden. Oder Bürgersolaranlagen wie die in Köln-Brück, die jenen Strom produziert, mit dem ein „Energieversorger“ wie RWE seine Kunden eigentlich heute schon zukunftstauglich versorgen sollte.

Wir aber reichen mit den geschilderten Kandidaten unsere drei Favoriten für das Jahr 2015 ein. Und sind gespannt, wer die 5.000 Euro Preisgeld gewinnen wird.

RWE-Jury: Bitte übernehmen Sie!

rwee

Danke an Timo aus Bonn für den Hinweis!


EnBW: Die nicht geschaltete Anzeige

Mittwoch, den 30. September 2015

Das war für die „Energie Baden-Württemberg AG“ eine großartige Woche: Deutschlands drittgrößter Strom-Konzern mit Sitz in Karlsruhe schaltete am vergangenen Freitag folgende Annonce – unter anderem in der weitestgehend Großanzeigen-freien taz:

enbw

Es geht um den zweiten Offshore-Windpark, den die „Energie Baden-Württemberg AG“ betreibt. Seit Mai 2011 drehen sich 16 Kilometer vor der Küste der Ostsee-Halbinsel Darß 21 EnBW-Windkraftwerke. Der Windpark „Baltic 1″ besitzt eine Leistung von maximal 48,3 Megawatt – ein Offshore-Windparkchen sozusagen.

Aber nun ist ja in der vergangenen Woche „Baltic 2″ ans Netz gegangen, 80 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 288 Megawatt arbeiten jetzt gleich neben „Baltic 1″. EnBW ist damit in der Liga der großen Windkraft-Produzenten auf dem Meer angekommen:

enbw1

Toll, toll, toll!

Komisch nur, dass der zweite ganz große Höhepunkt der „Energie Baden-Württemberg AG“ in der vergangenen Woche überhaupt nicht gefeiert wurde. Keine Pressemeldung, kein Artikel in der Firmenzeitung, kein großer Bahnhof. Ist EnBW der Höhepunkt womöglich peinlich?

Der Lügendetektor hat mal recherchiert, wie die Anzeige zum anderen großen Event aussehen sollte:

Klima-Rotzpaket

EnBW hat in der vergangenen Woche nämlich nicht nur 288 Megawatt Windkraft-Leistung in Betrieb genommen, sondern auch das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. In Mannheim ging Block 9 mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt ans Netz – mehr als dreimal so viel wie die Windkraftleistung auf der Ostsee.

Und anders als die Windräder muss der Kohleblock mindestens 40 Jahre lang laufen, um die Investitionssumme – 1,3 Milliarden Euro – wieder einzuspielen. „Unser Block 9 wird auch noch nach 2050 am Netz sein und Versorgungssicherheit garantieren. Auf mindestens 40 Jahre Laufzeit ist die Anlage ausgelegt“, erklärt GKM-Vorstand Markus Binder. Und man kann es nicht fassen, dass verantwortliche Wirtschaftsmanager solchen realitätsfernen Quatsch offenbar tatsächlich noch glauben.

EnBW besitzt 32 Prozent am Kraftwerk, „eines der effizientesten Steinkohlekraftwerke Europas“, wie es auf den Seiten derEnergie Baden-Württemberg AG“ heißt. Weshalb die EnBW-Willensbekundung „Wir glauben an die Kraft des Windes“ wie folgt korrigiert werden muss:

Klima-Rotzpaket-klein

Wir danken Adrian T. aus Berlin für den Hinweis


Philipp Rösler: Des-Informationsoffensive

Mittwoch, den 15. Mai 2013

Das Bundeswirtschaftsministerium ist in der „Informationsoffensive“. Mit folgender Darstellung:

bmwi-netzausbau

„Damit nicht Sie zum Strom kommen müssen, sondern der Strom zu Ihnen“, begründet das FDP-geführte Ministerium im Kleingedruckten seinen Appell an die Steuerzahler.

Im dazugehörigen Kino-Spot sieht man dann auch, was bei einem „Nein zum Netzausbau“ passieren wird: Die Leute greifen sich ihr liebstes elektrisches Gerät und pilgern zu den Strommasten, um endlich einmal E-Gitarre spielen oder die Wäsche waschen zu können. Oder um einfach mal das Licht der Lieblings-Stehlampe zu genießen.

kino

Vielleicht fragen Sie sich: Häh? Was soll denn dieser Unsinn? Panikmache mit „Zurück ins Mittelalter“?

Also bitte, liebe Leser! Nicht so despektierlich! Immerhin handelt es sich um eine Informationsoffensive von den Experten des Bundeswirtschaftsministers Philipp Rösler (FDP). Und natürlich haben die sich etwas gedacht bei der Offensive. Schließlich hatte die FDP beschlossen, die Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen – äähh: bis 2022 aus der Atomenergie auszusteigen. Weshalb Röslers Experten in ihrer Informationsoffensive nun auch folgerichtig ausführen: Um die erforderliche Strommenge ohne Atomkraftwerke zu produzieren, „setzen wir auf den Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind, Wasser und Sonne“.

Echt jetzt? In der Informationsoffensive heißt es weiter:

Damit unsere Stromversorgung sichergestellt bleibt, sind also auch Investitionen in hochmoderne Kohle- und Gaskraftwerke notwendig. Ein leistungsfähiges Netz ist außerdem die Voraussetzung dafür, dass in Zukunft neue dezentrale Erzeugungsanlagen ihren Strom einspeisen können.

Also, nun wird man langsam ungeduldig! Neue Kohlekraftwerke sind notwendig und der Ausbau der Netze, damit dann auch „neue dezentrale Kraftwerke ihren Strom einspeisen können“? Wo ist denn da die Logik? Vielleicht so: Neue Kohlekraftwerke produzieren noch mehr Kohlestrom, der dann das Netz verstopft, das dann natürlich erst ausgebaut werden muss, bevor neue dezentrale Kraftwerke ihren Strom einspeisen können?

„Die Diskussionen der vergangenen Wochen stimmen mich zuversichtlich, dass die Verantwortlichen auf allen Ebenen in unserem Lande den Netzausbau inzwischen als nationale Aufgabe begreifen und gemeinsam voranbringen wollen“, erklärte der Chef des Hauses, Philipp Rösler, Ende April. Gerade hatte der Bundestag das „Bundesbedarfsplangesetz“ für den Netzausbau beschlossen – ein Gesetz, das die Einspruchsmöglichkeiten Betroffener bei den Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich beschränkt. „Rechtsstreitigkeiten hinsichtlich der im Bundesbedarfsplan genannten Vorhaben werden erst- und letztinstanzlich dem Bundesverwaltungsgericht zugewiesen“, heißt es aus dem Ministerium. Wenn jetzt auch noch der Bundesrat im Juni zustimmt – dann war Röslers Informationsoffensive ein voller Erfolg.

Oder vielleicht doch nicht? „Der angestrebte Netzausbau ist überdimensioniert“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Lorenz Jarass. Der beschlossene Stromnetzausbau sei vielmehr ein „Verstoß gegen die Energiewende“, weil er diese unnötig verteuere: Statt die geplanten neuen Leitungen (5.700 Kilometer) für bis zu 20 Milliarden Euro zu bauen, sollte das Netz nicht aus-, sondern bedarfsgerecht umgebaut werden: Für ungefähr zehn Milliarden Euro – das wäre um die Hälfte billiger!

Aber davon wollen Rösler und Co nichts wissen: Die Politik plant ein Netz aufzubauen, das auch die seltenen Starkwindeinspeisungen etwa im deutschen Norden gesichert abtransportieren kann – und „zusätzlich und parallel dazu auch noch Strom von einer Vielzahl von Kohlekraftwerken“, so Jarass. „Das widerspricht der Idee der Energiewende“, sagt der Ökonomieprofessor. „Wenn ich mehr Strom aus umweltfreundlichen erneuerbaren Energien habe, dann kann ich doch die umweltbelastenden Kohlekraftwerke herunterfahren. Aber das geschieht nicht. Die Kohlekraftwerksbetreiber haben einen Rechtsanspruch darauf, auch bei Starkwind einspeisen zu können.“

Rechtsanspruch? Starkwindeinspeisungen? 20 Milliarden Euro, die dann ja doch wieder nur auf die kleinen Leute umgelegt werden, weil die großen von der FDP wieder großzügig mit „Ausnahmen“ ausgestattet werden? Darüber erfährt man nichts in Röslers Info-Offensive zum Netzausbau. Man erfährt nichts über das Förderprogramm des Bundesumweltministeriums für Batteriesysteme zur Solarstromspeicherung, das in diesem Monat angelaufen ist. Nichts über neue Ideen wie das „Zuhause-Kraftwerk“, die – konsequent umgesetzt – einen Netzausbau zumindest teilweise obsolet machen würden.

Aber das darf Sie jetzt nicht verwundern: Bundeswirtschaftsminister Rösler WILL den Netzausbau. Er WILL den großen Übertragungsnetzbetreibern ein hübsches Investitionsprogramm zuschanzen, das dann die Steuerzahler finanzieren. Und damit sein WILLE geschehe, beauftragte er die Kölner Agentur ergo, ihm eine DES-Informationsoffensive zu organisieren. Finanziert mit Steuermitteln, versteht sich.

Gern blenden wir uns in diese Kampagne noch einmal ein. Tenor: Bekommt Rösler seinen Netzausbau nicht, dann bleibt uns nur noch der beschwerliche Gang zu den Strommasten vor der Stadt:

netz

PS: Seit zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Vattenfall: Sie tun’s schon wieder

Donnerstag, den 20. September 2012

Dieser Klima-Lügendetektor beginnt mit einem Zitat. Mit einem etwas längerem.

Vorhang auf (Zitat-Anfang):

„Von allen Energiekonzernen lügt Vattenfall am dreistesten. Regelmäßige Leser des Klima-Lügendetektors erinnern sich gewiss an die „Klima-Unterschrift“: In großformatigen Anzeigen und im Internet rief Vattenfall dazu auf, mit unserer Unterschrift die Politik zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Zur gleichen Zeit beantragte der Konzern drei neue Braunkohletagebaue in der Lausitz.

Erinnert sei auch an das Kraftwerk Hamburg-Moorburg, welches Vattenfall mit einer CCS-Technologie versprach, also mit integrierter Abscheidung des Kohlendioxids aus den Rauchgasen. Das war natürlich genauso gelogen, wie der Slogan „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“, mit der Vattenfall im Frühjahr 2008 warb: Damals produzierte der Konzern gut 1 Prozent seines Stromes mit Windkraftwerken, heute sind es immer noch gut 1 Prozent.“

Vorhang zu (Zitat-Ende)

Vattenfall-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor zu präsentieren, ist nicht sonderlich innovativ. Kenner dieser Seite haben vielleicht erkannt: Der Detektor zitiert sich hier selbst.  Und doch kommen wir gar nicht umhin, uns immer wieder mit dem Deutschlandableger des schwedischen Staatskonzerns zu befassen. Tatsächlich haben etliche PR-Agenturen gelernt, die halbwahren Werbe-Botschaften ihrer fossilen Kunden nicht mehr so offenkundig, die menschliche Intelligenz beleidigend zu verkaufen. Was die Arbeit für die Lügendetektoren übrigens deutlich schwieriger gemacht hat. Aber dann kommen eben Vattenfall-Werbe-Strategen daher und die Arbeit der Detektoren ist wieder so simpel, dass sich die Autoren fragen, ob im fünften Jahr des Bestehens so etwas dem Stammpublikum eigentlich noch zuzumuten ist.

Konkret: Vattenfall lügt. Schon wieder!

Vattenfall hatte im vergangenen Jahr versprochen:

In der dazugehörigen Anzeige hieß es: „Die Hauptstadt hat ambitionierte Klimaschutzziele. Vattenfall trägt wesentlich zu deren Erreichen bei. In der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin verpflichtet sich Vattenfall, seine CO2-Emissionen in Berlin bis zum Jahr 2020 zu halbieren.“

Vattenfall wollte dafür ein altes Kohlekraftwerk durch ein neues Biomasse-Kraftwerk ersetzen, in dem ab 2019 jährlich rund 500.000 Tonnen Holz verfeuert werden sollten. In Berlin-Lichterfelde sollte ab 2014 ein modernes Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Betrieb gehen und 70.000 Haushalte versorgen.

Doch nun heißt es in der taz:

Es wird nämlich nichts mit dem von Vattenfall versprochenen Gas- und Biomasse-Kraftwerken. Zumindest nicht vor 2020. Das Motto von Vattenfall: ‚Was scheren mich meine Zusagen von Gestern, wenn ich heute meinen Profit maximieren kann.‘

Michael Schäfer, klimapolitischer Sprecher der Grünen, wirft Wowereit in der taz vor, Vattenfall aus der Verantwortung für das wichtigste Klimaschutzprojekt der Legislatur zu entlassen. Durch einen verspäteten Braunkohleausstieg könnten bis zu 4 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 ausgestoßen werden, was 20 Prozent des Berliner Jahresausstoßes entspräche.

Vattenfall wollte gegenüber der taz nichts zu einem späteren Ausstieg sagen. „Aber wir werden die Klimaschutzvereinbarung und die Halbierung der CO2-Emission bis 2020 erreichen“, beteuerte ein Sprecher Steifen Ernstes. Wie Vattenfall das gelingen will – dazu konnte der Sprecher nichts aussagen.

Jede Wette: Zu diesem Thema werden Sie hier wieder lesen – MÜSSEN.

Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Vattenfall: Gute Stimmung herlügen

Montag, den 17. September 2012

Vattenfall hat gerade eine Werbeoffensive gestartet. „Komm ins Team“, heißt es beispielsweise in der Berliner Zeitung. Oder im Hamburger Abendblatt: „Für die Energiewende in Hamburg braucht es Innovationen, Versorgungssicherheit – und mich“.  In der Sächsischen Zeitung lautet die Botschaft:

Im Kleingedruckten heißt es dort: „Braunkohle ist ein moderner, flexibler und bezahlbarer Energieträger – und spielt eine wichtige Rolle bei der Beschäftigung und Wertschöpfung in der Lausitz.“

„Modern, flexibel und bezahlbar“ – das ist natürlich glatt gelogen. Das größte Problem der Moderne ist die Erderwärmung und Braunkohle ist der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger und damit das unmodernste, was es gibt. Pro Kilowattstunde Strom werden dreimal so viel Treibhausgase frei, als wenn diese Kilowattstunde beispielsweise in einem wirklich modernen Gaskraftwerk erzeugt worden wäre.

Die Bezeichnung „flexibel“ ist ein Witz der Werbetexter: Rohbraunkohle besteht zu 55 Prozent aus Wasser, zu 5 Prozent aus Asche und zu 40 Prozent aus Kohle. 60 Prozent des Brennstoffs sind also schon einmal Abfall. Und wenn man bedenkt, dass Menschen umgesiedelt werden müssen, bevor viele tausend Tonnen Abraum bewegt werden können, um die Tonnen Rohbraunkohle dann endlich zu heben, wird deutlich, wie „flexibel“ Braunkohle tatsächlich ist.

„Bezahlbar“ ist die Braunkohle nur deshalb, weil ihre wahren Kosten verschleiert sind: Der deutsche Steuerzahler musste Milliarden aufbringen, um die Tagebau-Restlöcher aus DDR-Zeiten zu renaturieren. Weil die Politik jede Menge Schlupflöcher in den europäischen Emissionshandel einbaute, kostet dort die Tonne Treibhausgas derzeit gerade mal so viel wie zwei Gläser Bier. Für die Klimaschuld in anderen Ländern zahlt Vattenfall natürlich nichts. Nach Greenpeace-Recherchen sind die deutschen Vattenfall-Kohlekraftwerke für rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich– doppelt so viel wie ganz Bangladesch emittiert. In Bangladesch aber sterben schon heute Menschen an der Erderwärmung.

Menschenleben sind nicht „bezahlbar“. Vattenfall lügt wie gedruckt, weil der Konzern gute Stimmung für einen neuen Tagebau braucht. Derzeit laufen die Anhörungen zum geplanten Tagebau Welzow Süd. Zwar will Vattenfall hier erst ab 2027 Braunkohle fördern. Aber das Genehmigungs-Prozedere ist eben so unflexibel, dass jetzt schon mit den Planungen begonnen werden muss.

Zumal der Widerstand von den Betroffenen nicht unerheblich ist. Die Lausitzer Rundschau vermeldete (man beachte die dazu gehörige Werbung):

Ganz „modern“ ist Vattenfalls Politik der Zwangsumsiedlung nämlich nicht: 800 Menschen würden ihr Zuhause verlieren, sollte der Tagebau genehmigt werden. Das erinnert doch sehr an Nazi- oder DDR-Zeiten, als die Leute notfalls mit Gewalt vertrieben wurden.

Deshalb führt Vattenfall „Beschäftigung und Wertschöpfung“ ins Gefecht. Und hier sagt Vattenfall tatsächlich die Wahrheit. Nach dem Motto: „Wenn viele das Falsche machen und damit richtig Kohle verdienen, dann kann das Falsche von Vattenfall ja nur das Richtige für alle anderen sein.“

Danke an Susi M. aus Dresden für den Hinweis

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


dena: Mit Vattenfall auf dem Holzweg

Samstag, den 22. Oktober 2011

Die Deutsche Energieagentur (dena) hat mal wieder eine spannende Studie vorgelegt. Genau, jene Institution, die vor dreieinhalb Jahren auf Basis zweifelhafter Zahlen kassandra-artig vor einer „Stromlücke“ warnte und noch mehr neue Kohlekraftwerke forderte. Auch diesmal geht es um Kohlekraftwerke, allerdings unter ganz anderem Blickwinkel:

Die Studie handelt vom neuesten Clou, mit dem Konzerne wie RWE oder Vattenfall ihre Großkraftwerke retten wollen: In Kohleblöcken, die mit CO2-Emissionen von bis zu 1.200 Gramm pro erzeugter Kilowattstunde Strom echte Klimakiller sind, wird einfach ein Teil der Kohle durch Holz ersetzt. Dieser nachwachsende Rohstoff gilt als „CO2-neutral“, durch die Beifeuerung (engl.: „Co-Firing“) sinkt deshalb der Treibhausgas-Ausstoß der Gesamtanlage.

Auf 36 Seiten beleuchtet die dena Vor- und Nachteile – nein, Moment, irgendwie geht es die ganze Zeit nur um die Vorteile: Die Beifeuerung „wird als technisch unbedenklich erachtet“ und  „birgt ein hohes Treibhausgasvermeidungspotenzial“, heißt es da. Zugleich seien die Kosten pro vermiedener Tonne Kohlendioxid „im Vergleich zu anderen Erneuerbaren Energien … niedrig“. Eine tolle Sache, könnte man meinen. Konsequenterweise meldet die dena-Studie gleich einen Förderbedarf an: Der Staat könnte künftig ja auch Großkraftwerke, wenn in ihnen Holz verfeuert wird, über das Erneuerbare-Energien-Gesetz fördern.

Die kritischen Punkte beim „Co-Firing“ werden dagegen nur am Rande oder in Frageform oder gleich gar nicht behandelt. Beispielsweise steht und fällt der vorgebliche Klimanutzen mit der Herkunft des verfeuerten Holzes. Nun ist der deutsche Holzmarkt so gut wie leergefegt, weshalb man sich – so die dena – um „die Erschließung zusätzlicher Holzpotenziale“ kümmern müsse.

Völlig verschwiegen wird hier, dass Umweltverbände wie BUND oder Nabu bei diesen neuen Plantagen „zum Teil schwerwiegende Risiken“ für Artenvielfalt und Grundwasserhaushalt sehen.

Schon heute werden deshalb große Mengen an Holzpellets oder -hackschnitzeln nach Deutschland eingeführt. Im Ausland aber lässt sich der umweltschonende Anbau noch schwerer kontrollieren, und der Energieaufwand für den Transport schmälert die Klimabilanz. Vattenfall beispielsweise importiert für seine Berliner Kraftwerke bereits Holz aus Liberia – was Umweltschützer und Menschenrechtler sehr kritisch sehen. Die dena-Studie jedoch handelt den Punkt eher lapidar ab. Es müssten, konstatiert sie,

Auf absehbare Zeit dürfte also die Beifeuerung mit ausländischem Holz keine sinnvolle Klimaschutzmaßnahme sein. Doch diese Schlussfolgerung zieht die dena nicht. Stattdessen rechnet die Studie seitenlang CO2-Vermeidungskosten und -Einsparpotenziale vor, macht aber einen großen Bogen um das Hauptargument gegen „Co-Firing“.

Klar, die Beifeuerung ist eine schön billige Sache – die Konzerne können ja ihre alten Kohleblöcke weiternutzen („Man muss nichts Neues bauen“, brachte es kürzlich ein erfreuter RWE-Manager auf den Punkt). Natürlich kann Holz in Kohleblöcken viel CO2 sparen – deren Emissionen im Normalbetrieb sind ja auch exorbitant hoch. Die Kernfrage aber ist, ob die knappe Ressource Holz in Kohlekraftwerken überhaupt optimal genutzt wird. Die Antwort lautet: Nein. Im Anhang vermerkt die Studie selbst, dass der Wirkungsgrad konventioneller Kohleblöcke nur bei rund 40 Prozent liegt. Mehr als die Hälfte der Energie verpufft dort also ungenutzt. Kleine und dezentrale Heizkraftwerke hingegen sind doppelt so effizient. Weil dort neben dem Strom auch fast die komplette Abwärme genutzt wird, kommen sie locker auf Gesamt-Wirkungsgrade von mehr als 80 Prozent. „Wir sehen das Co-Firing kritisch“, sagt daher beispielsweise der Deutsche Energieholz- und Pelletverband (DEPV). Es sei „eigentlich eine Verschwendung unseres hochwertigen Energieträgers Holz“.

Wie gesagt, diese Frage wird in der gesamten Studie nicht einmal gestreift. Komisch, oder? Oder auch nicht. Im Impressum findet sich dieser Vermerk:

Danke an Martin D. für den Hinweis


Schwarz-Gelb: Scheingrünes Energiekonzept

Dienstag, den 7. September 2010

Sie kriegen sich gar nicht wieder ein, die Vertreter der schwarz-gelben Bundesregierung. Als sie am Montag ihren „Kompromiss“ zu Akw-Laufzeiten und Energiepolitik vorstellten, griffen sie allesamt zu Superlativen: Die Kanzlerin sprach von „Revolution“, CSU-Chef Horst Seehofer von „Quantensprung“, und der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle von einem Beschluss mit  „epochaler Bedeutung“. Interessanterweise war Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), der sich weitgehend durchgesetzt hatte, mit der Vokabel „großer Wurf“ noch am bescheidensten. bundesregierung_atom1Sein Kontrahent aus dem Umweltressort versuchte die Niederlage im Atomstreit denn auch mit großen Worten zu kaschieren. Deutschland bekomme nun „die klimaverträglichste“ Energieversorgung, so Norbert Röttgen in den ARD-Tagesthemen, das beschlossene Konzept sei „weltweit einzigartig“. Schön wär’s. In Wahrheit sind andere Industriestaaten längst weiter. Und für die deutsche Politik ist der schwarz-gelbe Beschluss an etlichen Punkten ein Rückschritt.

So setzt das Energiekonzept langfristige Ziele für die Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes: Von mindestens

bundesregierung_atom2

ist die Rede. Doch exakt dieselbe Marke beschloss die britische Regierung schon 2008 - und zwar nicht als politische Absicht, sondern als verbindliches Gesetz! Schweden geht mit seinen Klimazielen gar noch weiter: Der (konservative) Ministerpräsident Frederik Reinfeldt kündigte im vergangenen Jahr an, bis 2050 die Kohlendioxid-Emissionen seines Landes um hundert Prozent zu senken.

Schaut man das schwarz-gelbe Energiekonzept auch nur etwas genauer an, finden sich reihenweise Enttäuschungen. Bis 2020, heißt es da, solle der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch 18 Prozent betragen, beim Strom 35 Prozent. Klingt nett, ist aber weniger als im „Nationalen Aktionsplan erneuerbare Energie“, der gerade vier Wochen alt ist. Dort steht noch:

bundesregierung_atom3

Vielleicht nimmt Schwarz-Gelb hier schon den Effekt der beschlossenen Akw-Laufzeitverlängerung vorweg, den zahlreiche Experten (etwa vom Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung) prophezeien? Ein Überangebot von billig und unflexibel erzeugtem Atomstrom wird nämlich voraussichtlich den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen. Jedenfalls nennt das Energiekonzept für 2050 lediglich ein Ziel von 80 Prozent Ökostrom. Für Röttgen kommt dies einer Ohrfeige gleich: Er hatte in den vergangenen Monaten wieder und wieder von „nahezu“ hundert Prozent bis 2050 gesprochen.

Neun Einzelpunkte listet das Energiekonzept im Folgenden auf (und natürlich ist nicht alles davon verkehrt). Wir wollen hier aber erstmal nur drei Punkte betrachten:

Die Steigerung der Energieeffizienz wird als „Schlüsselfrage“ bezeichnet, hierzulande bestünden „ganz erhebliche Potenziale zur Stromeinsparung“. Das stimmt zweifellos. Doch die dann genannten Maßnahmen sind wenig mehr als Placebo-Pillen. Ein ernsthaftes Energieeffizienzgesetz spart sich die Regierung. Und die angekündigte CO2-Kennzeichnung von Neuwagen ist nicht „transparent“, wie Schwarz-Gelb behauptet, sondern schlicht irreführend.

Zu Kohlekraftwerken heißt es im Energiekonzept, weitere Investitionen seien im Interesse von Klimaschutz und Energiewende notwendig. Dies hat das Umweltbundesamt bereits 2006 in einer Kurzstudie widerlegt (das Papier ist auf der UBA-Website nicht verfügbar, dafür aber hier). Doch Schwarz-Gelb will nun Kraftwerksneubauten sogar noch fördern. Die Subventionen werden zwar daran gebunden, dass die Anlagen „fähig“ sein müssen für die umstrittene CCS-Technologie zur Abscheidung und unterirdischen Verpressung von Kohlendioxid. In der Praxis aber wird das heißen, dass sie erstmal ohne CCS in Betrieb gehen – und später wegen hoher Kosten nie nachgerüstet werden. Die Förderung werde aber

bundesregierung_atom4

Das wirkt ökologisch, ist jedoch ein Rückschlag für Röttgen: Er hatte koalitionsintern Mindestwirkungsgrade für Kohlekraftwerke gefordert, so hätten Stromkonzerne ihre oft uralten Braun- oder Steinkohleblöcke garantiert vom Netz nehmen müssen. Nun aber sollen sie Zuschüsse für Anlagen bekommen, die im Vergleich zu modernen Erdgas- oder Biogaskraftwerken immer noch wahre CO2-Schleudern sein werden.

Beim Punkt energetische Gebäudesanierung schließlich ist die schwarz-gelbe Diskrepanz zwischen Worten und Taten atemberaubend. Verstärkte Wärmedämmung und Heizungssanierung, so das Energiekonzept, sei „ein zentraler Schwerpunkt“ und „der zentrale Schlüssel zum Erreichen der Klimaziele“. Deshalb werde

bundesregierung_atom5

Bisher tat Schwarz-Gelb das Gegenteil. Seit Regierungsübernahme gehen die Gelder zurück. Die KfW-Bank kündigte bereits an, Teile des Förderprogramms einzustellen. Und im Rahmen des Sparpakets hat das Kabinett gerade beschlossen, dass die Mittel von 1,2 Milliarden in diesem Jahr auf rund 430 Millionen Euro für 2011 sinken.

Das Energiekonzept der Bundesregierung ist also tatsächlich ein Quantensprung – in Grünfärberei.


RWE: Kohle + Kohle = Klimaschutz

Sonntag, den 20. Dezember 2009

Wie so viele andere Firmen wollte auch RWE sich die Chance nicht entgehen lassen, den Klimagipfel von Kopenhagen für Imagewerbung zu nutzen. Und weil der Essener Konzern so superkreative Werber hat, kam genau das Motiv heraus, was einem als erstes bei den Stichworten „Kopenhagen“ und „Umwelt“ einfällt: Die kleine Meerjungfrau aus dem Kopenhagener Hafen hält eine Erde in der Hand. In der aktuellen ZEIT ist das Motiv beispielsweise zu finden.

rwe_kopenhagen_gr

Im Text der Annonce schmückt sich RWE damit, weltweit ganz, ganz viele Klimaprojekte durchzuführen,

rwe_kopenhagen_kl

In Sambia, heißt es weiter, bekämen 30.000 Haushalte dank RWE effizientere Kocher, damit im Land weniger Bäume abgeholzt werden müssen. Toll!

Doch nicht aus purer Menschenfreundlichkeit betreibt RWE solche Projekte, sondern weil der Konzern sich die anderswo erbrachten CO2-Einsparungen zuhause auf die Klimabilanz anrechnen lassen kann. „Clean Development Mechanism“ (CDM) heißt das Prinzip. Es wurde im Rahmen des Kyoto-Protokoll eingeführt und erlaubt eine Art weltweiten Emissionshandel: Seit 2005 müssen Kraftwerksbetreiber in Europa bekanntlich so viele CO2-Zertifikate vorweisen, wie ihre Anlagen jährlich ausstoßen. Den größten Teil bekommen sie bisher geschenkt – aber weil RWE besonders ineffiziente Braunkohlekraftwerke betreibt, muss der Konzern etwa ein Drittel der benötigten Zertifikate zukaufen. Und eine besonders preiswerte Möglichkeit sind CDM-Projekt im Ausland. Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich in der Essener Konzernzentrale allein um die Zertifikatebeschaffung, satte 1,1 Milliarden Euro musste RWE dafür nach eigenen Angaben im Jahr 2008 ausgeben.

Unter Umweltschützern aber wird der „Clean Development Mechanism“ heftig kritisiert. Denn ob die CO2-Sparmaßnahmen in fernen Ländern wie Sambia wirklich stattfinden, lässt sich schwer kontrollieren. Viele Projekte, das ergab vor zwei Jahren eine Studie im Auftrag des WWF, wären auch ganz ohne Zutun von Konzernen wie RWE gestartet. Friends of the Earth nennt CDM eine „gefährliche Ablenkung“: Durch billige Maßnahmen in den Entwicklungsländern könnten sich nämlich die Industriestaaten zu lange darum drücken, ihre eigene Wirtschaft auf CO2-arme Gleise zu setzen.

Ein besonders bizarres Projekt hat die Organisation CDM-Watch anlässlich des Klimagipfels bekanntgemacht: In der chinesischen Stadt Ningbo (Distrikt Beilun, Provinz Zhejiang) beteiligt sich RWE am Bau eines Kohlekraftwerks. Weil es technisch auf dem neuesten Stand sei, würden dadurch mehr als 460.000 Tonnen CO2 pro Jahr gespart, heißt es in den Projektunterlagen, die beim UN-Klimasekretariat zur Anerkennung eingereicht wurden. Laut CDM-Watch aber wäre das Kraftwerk sowieso gebaut worden. Eine reale CO2-Einsparung bedeutet es ohnehin nicht, denn es ist ja ein neues Kraftwerk, das den steigenden Energiebedarf Chinas decken soll. Doch RWE will Zertifikate aus diesem Projekt als CO2-Minderung in Europa anrechnen lassen, für sein neues Riesenkraftwerk in Neurath etwa bräuchte der Konzern dann weniger Zertifikate hierzulande teuer einkaufen. Im Klartext: RWE investiert in China in ein Kohlekraftwerk und kann damit Kohlekraftwerke in Deutschland verbilligen. Genial, oder?

Nun versteht man auch, warum sich RWE so für den UN-Klimagipfel interessiert – und warum der Konzern CDM-Projekte in einem neuen Klimaabkommen verankert wissen will.

rwe_kopenhagen_zitRWE-Chef Jürgen Großmann fordert das nicht nur auf der Firmenwebsite, sondern reiste auch höchstpersönlich nach Kopenhagen. Er würde gern alle Klimapflichten ins Ausland verlagern dürfen, auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verlangt einen „Ausbau“ der CDM-Projekte. Wieso, erklärt bündig Wolfgang Sterk vom Wuppertal Institut: „CDM ist kein Instrument für den Klimaschutz, sondern zur Senkung der Kosten für die Industrieländer. Für die Atmosphäre ist der Mechanismus bestenfalls ein Nullsummenspiel.“


IZ Klima: Kohlepropaganda schon in der Schule

Donnerstag, den 3. Dezember 2009

izklima_zeitbildcoverKennen Sie das IZ Klima? Dieses „Informationszentrum“ mit Sitz in Berlin hat vor ein paar Wochen gemeinsam mit dem Münchner Bildungsverlag Zeitbild eine Broschüre „Klimaschutz und CCS“ für den Schulunterricht veröffentlicht. Auf der verlagseigenen Internet-Plattform „Lehrerwink“ gibt es das Material zum kostenlosen Download.

CCS ist die Abkürzung für die umstrittene Technologie zur Abtrennung und unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Doch Wörter wie „umstritten“ oder „Kritik“ finden sich in der 36-seitigen Broschüre nicht ein einziges Mal. Stattdessen wird – in einer professionell gemachten Infografik – erklärt, woher die Welt derzeit ihre Energie bezieht (erneuerbare Quellen und Energiesparen kommt dabei nur ganz am Rande vor). Ebenso anschaulich werden der Kohlenstoffkreislauf der Erde und das CCS-Prinzip erläutert, welche verschiedenen Varianten eventuell möglich sind und so weiter.

Glatt gelogen ist nichts in der Broschüre. Aber äußerst geschickt wird suggeriert, eine Energieversorgung sei hierzulande ohne CCS nicht möglich – „denn noch basieren in Deutschland über 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs auf fossilen Energieträgern“, wie es auf Seite 9 der Broschüre heißt. Um den Anteil fossiler Energieträger wie Kohle besonders hoch erscheinen zu lassen, wird hier die Primärenergiestatistik bemüht und so auch alles Heizöl und sämtlicher Sprit einbezogen – an der Stromversorgung (und nur dafür könnte CCS, wenn überhaupt, je brauchbar sein) ist der Kohleanteil mit 42 Prozent gerade halb so groß.

Systematisch spielt die Broschüre Kosten und Risiken von CCS herunter. Dass die Technologie die ohnehin ineffizienten Kohle-Großkraftwerke noch ineffizienter macht, wird nur ganz beiläufig erwähnt. Und dass die Nachrüstung bestehender Kraftwerke mit „CO2-Waschanlagen“ in der Praxis aus Kostengründen vermutlich niemals stattfinden wird, verstecken die Autoren in diesem feinziselierten Satz:

izklima_zeitbild2

Zu den bislang ungeklärten Risiken der CO2-Verpressung gibt es in der Broschüre nur ein paar Absätze unter der großen Überschriftizklima_zeitbild3

Und völlig ignoriert wird in diesem „Unterrichtsmaterial“, dass der Platz im Boden sehr begrenzt ist und die geologischen Formationen, die eventuell für eine Verpressung von CO2 aus Kohlekraftwerken geeignet sind, nur wenige Jahre oder Jahrzehnte ausreichen würden und im Übrigen für andere Optionen einer wirklich zukunftsfähigen Energieversorgung gebraucht werden, für die Gewinnung von Erdwärme etwa oder als Kavernen für Wasserstoff und Methan, die als Speichermedien für Windstrom in Frage kommen.

Komisch, dass von alledem in einer Broschüre des IZ Klima nicht die Rede ist. Naja, vielleicht ist die Erklärung dafür auch ganz einfach. Klitzeklein auf dem Deckblatt ist erkennbar, wofür die Abkürzung steht:
izklima_zeitbild4

Dass dieses „Informationszentrum“ von so klimafreundlichen Unternehmen wie Eon, RWE, EnBW oder Vattenfall getragen wird, müssen  interessierte Lehrer oder Schüler anderswo recherchieren. (Übrigens findet sich auch auf dem staatlichen Bildungsserver Berlin-Brandenburg, wo das Material inzwischen angeboten wird, kein Hinweis dazu.)

Am Ende der Broschüre steht der „methodische und didaktische Hinweis“:

izklima_zeitbild5In der kohlelobby-gesponserten Unterrichtsbroschüre werden die Schüler schwerlich Contra-Argumente finden.

Danke an Mike K. aus Berlin für den Hinweis