Monatsarchiv für März 2008

Schon wieder die Braunkohle-Lobby: ein "missbrauchter" Kronzeuge

Sonntag, den 30. März 2008

Ein fröhliches „Danke!“ an dieser Stelle an den Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein (DEBRIV) in Köln. Seine seit vier Wochen laufende Werbekampagne „Braunkohle. Was liegt näher?“ liefert uns zuverlässig Material – wir hoffen nur, dass es die Leser (noch) nicht langweilt.

Die Kampagne wirbt mit langen Expertentexten und propagiert neue Kohlekraftwerke. Mal lässt sie einen Professor sagen: „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern, ist nicht sinnvoll.“ Ein anderes Mal heißt es: „Ein Ausstieg aus der Braunkohle wäre ein Weg in eine klimapolitische Sackgasse.“ Die Anzeigen kommen seriös daher, jonglieren aber sehr freihändig mit Zitaten und Fakten. Im neuen SPIEGEL nun lässt der DEBRIV einen überraschenden Kronzeugen auftreten: Professor Robert Socolow von der US-Universität Princeton.

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Socolow ist – im Unterschied zu den vorherigen Kronzeugen des DEBRIV übrigens – ein weltweit renommierter Klimaexperte. Sein Artikel im Magazin Science aus dem Jahr 2004, in dem er die schier übermächtig erscheinende Aufgabe der drastischen Reduzierung des CO2-Ausstoßes in kleine Stückchen („wedges“, zu Deutsch: „Keile“) zerteilte und so ein Szenario für konkrete Klimaschutzmaßnahmen entwarf, ist mittlerweile ein Klassiker der Klima-Literatur.

Deshalb verwundert es, dass Socolow nun ausgerechnet bei der deutschen Kohle-Lobby auftritt. Unten rechts in der Annonce heißt es:

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Eine Nachfrage bei Socolow aber ergibt: „Ich wurde nicht von der deutschen Kohle-Industrie interviewt.“ Er habe nur mit einem Schweizer Journalisten gesprochen, der für die Neue Zürcher Zeitung arbeitet. Über weite Strecken ist der Text eine Wiedergabe von Socolows auch schon auf Deutsch veröffentlichten Thesen: „Schnellstens“ fordert er Maßnahmen zur Senkung des weltweiten CO2-Ausstoßes, zum Beispiel durch Energiesparen oder die Einführung von Vier-Liter-Autos. Ein Teil der Emissionssenkungen, die in den nächsten 50 Jahren geschehen müssten, so Socolow, könne „die Installation von Systemen zur CO2-Abtrennung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) bei 800 großen Kohlekraftwerken“ erbringen.

Auf dieser CCS-Technologie ruht alle Hoffnung der Kohle-Industrie, trotz Klimawandel noch Kraftwerke betreiben zu können. Der Haken: CCS wird frühestens im Jahr 2020 großtechnisch einsatzfähig (und möglicherweise niemals rentabel) sein. Schaut man deshalb auf den Stand neuer Kohlekraftwerks-Projekte in Deutschland, ergibt sich dieses Bild:

derzeit in Bau befindliche Kraftwerke: 5

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

weitere Kraftwerke in konkreter Planung: 22

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

Auf Nachfrage sagt Robert Socolow denn auch explizit: „Nein, ich unterstütze den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht, wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt.“ Die jetzt gebauten Anlagen ohne CCS nämlich haben eine Laufzeit von vier Jahrzehnten – ihr Beitrag zur von Socolow geforderten „schnellstmöglichen“ Emissionsminderung: ebenfalls Null.

Das Klimaproblem lasse sich „nur in Etappen bezwingen“, lässt die Kohle-Lobby ihren unfreiwilligen Kronzeugen in großen Lettern im SPIEGEL sagen. Das Zitat ist zwar korrekt, aber Socolow meint mit seiner Metapher, dass man große Aufgaben in kleine Stücke zerlegen und jeder Bereich einen Beitrag erbringen müsse. In der DEBRIV-Anzeige aber klingt die Aussage, als könne man bestimmte Sachen auch später noch angehen. Das Gespräch, das er mit dem Schweizer Journalisten geführt hat, so Socolow, werde hier „offenbar missbraucht“.

Der Braunkohle-Verband war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.


DEBRIV: Märchen von der sauberen Kohle

Freitag, den 28. März 2008

In Woche 3 seiner großen Braunkohle-Grünwasch-Anzeigenkampagne gibt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein DEBRIV endlich zu: Er erzählt Märchen. Diesmal eines der Gebrüder Grimm. Auf einer halben Seite der ZEIT (Listenpreis: 28 997,76 Euro plus MwSt.) lesen wir:

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Diese Woche ist es Georg Erdmann, Professor an der TU Berlin, den die Braunkohle-Lobby für sich sprechen lässt. Wie schon in den vorherigen Anzeigen wird geschickt mit Zahlen und Fakten jongliert – und es ist nicht klar, ob dies der Professor tut oder die Werber von der DEBRIV. Die ZEIT-Anzeige beispielsweise behauptet – schlicht wahrheitswidrig –, „alle Experten“ seien sich einig, dass es ohne neue Braunkohlekraftwerke eine Stromlücke in Deutschland gäbe. In der Online-Fassung des Erdmann-Textes dagegen heißt es vorsichtiger, dies sei nur die „Ansicht der meisten Experten“.

Gleich am Anfang des Textes fordert die Anzeige ein „großes Forschungsprogramm für eine CO2-neutrale Nutzung von Kohle“ – dabei gibt es das längst. Die Förderung der – höchst umstrittenen – CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage – Abscheidung und unterirdische Lagerung von Kohlendioxid) ist längst ein Schwerpunkt der Energieforschungsprogramme des Bundeswirtschaftsministerium. Die EU fördert die Forschung seit 2007 mit 500 Millionen Euro, die Europäische Investitionsbank stellt sogar eine Milliarde bereit (alles nachzulesen in diesem Bericht der Bundesregierung, Seite 22f). Trotz aller Anstrengungen aber wird CCS nicht vor 2020 großtechnisch einsatzfähig sein – wenn überhaupt. Und ob sie rentabel sein wird, ist noch unsicherer. Die neuen Kohlekraftwerke, um die RWE, Vattenfall & Co derzeit verbissen kämpfen, werden jedenfalls ohne jede CO2-Abscheidung gebaut. Damit ist Braunkohle nach wie vor die klimaschädlichste Energiequelle.

„Wer weiß“, schließt die Anzeige,“vielleicht wird aus unserem Aschenputtel ‚Braunkohle‘ eines Tages die strahlende Partnerin in einem neuen, nachhaltigen Energiesystem.“ Ja, wer weiß, vielleicht ist die Erde auch eine Scheibe.


Brown & Sarkozy: Die Zukunft endet in 50 Jahren

Donnerstag, den 27. März 2008

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist auf Staatsbesuch in Großbritannien, und das Hauptthema – neben seiner frischvermählten Frau Carla Bruni natürlich – ist die künftige Zusammenarbeit beider Länder im Bereich der Atomkraft. Sarkozy und Premierminister Gordon Brown vereinbarten die Entwicklung einer „neuen Generation“ von Reaktoren – und begründeten das mit dem Kampf gegen den Klimawandel. Zuletzt vor ein paar Tagen hatte der britische Wirtschaftsminister die Atomkraft als „klimaschonende Technologie“ gepriesen.

Die „Renaissance der Atomkraft“ ist trotz der britischen und französischen Ankündigungen ein modernes Märchen – um die Zahl der laufenden Reaktoren weltweit auch nur stabil zu halten, müssten nach Berechnungen der FU Berlin in den kommenden sieben Jahren 90 neue Meiler ans Netz gehen. Was nahezu unmöglich ist.

Noch verkehrter ist es, Kernkraftwerke als Lösung des Klimaproblems zu präsentieren. Abgesehen davon, dass die Atomkraft – ganzheitlich betrachtet – mitnichten CO2-frei ist, je nach Herkunft der Brennstoffe werden laut einer Studie des Öko-Instituts 30 bis 60 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom freigesetzt. (Nicht nur Wind- und Wasserkraft, sondern auch Erdgas-Blockheizkraftwerke liegen darunter.) Die weltweiten Uranvorräte reichen nur für einige Jahrzehnte – und je mehr Reaktoren laufen, desto schneller gehen die Lagerstätten zur Neige. Fieberhaft wird bereits nach neuen Uran-Vorkommen gesucht. Die Investitionen in neue Energietechnologien sollten daher besser in wirklich dauerhafte Lösungen fließen.

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages prognostizierte vor zwei Jahren, dass die weltweit sicher bekannten Uranvorräte in etwa 25 Jahren ausgeschöpft seien. Seitdem ist der Marktpreis stark gestiegen, und dadurch können weitere Lagerstätten profitabel ausgebeutet werden – aber selbst bei 130 Dollar pro Tonne würden die „hinreichend gesicherten Vorräte“ („reasonably assured resources“) bloß für 47 Jahre Laufzeit genügen. Und auch das nur, wenn die Zahl der Reaktoren weltweit nicht steigt. Die Autoren kommentieren das nüchtern:

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Klingt echt nach einer zukunftsweisenden Technologie, oder?

Wenn man neben den gesicherten auch noch die geschätzten Vorräte hinzurechnet, erhöht sich die mögliche Laufzeit der Reaktoren auf 67 Jahre. Die von Atombefürwortern gern versprochene Reichweite von mehr als hundert Jahren ergibt sich nur, wenn noch weitere, „spekulative“ Lagerstätten in die Rechnung einbezogen werden.

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Das Fazit des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages lautet:

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Wir finden, bei Fragen des Klimawandels kann der „politische Zeithorizont“ kaum lang genug sein.


Klein, aber oho (3): Südwest-Presse Ulm

Dienstag, den 25. März 2008

Die Südwest-Presse aus Ulm verkauft in Bayern und Baden-Württemberg täglich mehr als 300.000 Zeitungen. Und „seit vielen Jahren“, schreibt das Blatt auf seiner Internet-Seite, „veranstalten wir … unsere beliebten Kulturfahrten“. Zu den Bregenzer Festspielen kann man sich da fahren lassen oder zu Barockkirchen in Oberbayern. „Ein großes Stammpublikum“, so die Werbe-Homepage weiter, „schätzt bereits unsere perfekte Organisation, die versierten Reiseleiter, die umsichtige und kompetente Betreuung, die Harmonie in der Gruppe und die interessanten Besichtigungen.“

swp1_kl_sh.jpgIm Februar warb die Südwest-Presse im eigenen Blatt für eine „Kulturfahrt“ zu einem ungewöhnlichen Reiseziel. Für 33 Euro pro Person ging es unter der Reiseleitung von Dipl.-Ing. Manfred Hekeler zum leistungsstärksten AKW Deutschlands, betrieben von RWE und Eon. Der Ankündigungstext war, äh, sagen wir: atomkraftfreundlich. Darin hieß es zum Beispiel:

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Ja, Kernkraftwerke sind sicherlich faszinierend. Aber sie erhitzen nicht deshalb die Gemüter, weil Deutschland Energie importiert, sondern weil sie risikoreiche „technische Einrichtungen“ sind, die bei einem Störfall gigantische Schäden anrichten können. Die Anzeige verschweigt, dass der Verweis auf Energieimporte im Fall der Atomkraft besonders irreführend ist, weil der Brennstoff Uran zu praktisch hundert Prozent importiert werden muss. Und ein Anstieg des Stromverbrauchs um 75 Prozent ist krass übertrieben – der Elektro-Branchenverband VDE schätzt in einer aktuellen Studie, dass er bis 2025 unter „Annahme realistischer Verbrauchs- bzw. Effizienzprognosen … voraussichtlich um rund 30 Prozent zulegen“ werde. Aber wir wollen den wirklich eindrucksvollen Wortlaut der Annonce gar nicht weiter mit Detailkritik unterbrechen.

swp3_kl_sh.jpgEr klingt nicht nur wie ein Werbetext der Atomlobby, die Formulierung „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ verweist auch auf die Quelle der meisten im Text verwendeten Angaben: die letztjährige Werbekampagne des Deutschen Atomforums. Die übrigens als „beste Grünfärberei“ des Jahres 2007 ausgezeichnet wurde. Dass AKW gefährliche Anlagen sind, klingt allenfalls ganz am Schluss der Annonce an: Da werden die Teilnehmer darauf hingewiesen, dass an der Pforte des Kraftwerks Personalausweis oder Reisepass vorzuzeigen seien.

Zugunsten der Südwest-Presse sei vermerkt: Nach Erscheinen der Anzeige protestierte eine örtliche Anti-AKW-Gruppe bei der Redaktion, woraufhin diese die Annonce als „sehr bedauerlichen Fehler“ bezeichnet habe.

(Danke an Raimund K. aus Augsburg für den Hinweis)


Stromlücke (4): Geheime Zahlen bei der Dena

Freitag, den 21. März 2008

Die „Stromlücke“ wird immer größer – bzw. die Lautstärke, in der über sie geredet wird. Nach Energielobby und RWE warnte diese Woche nun die dena, die Deutsche Energieagentur, vor drohendem Strommangel. Die Agentur gehört mehrheitlich dem Staat, ihr laufender Haushalt – so berichtete vor ein paar Wochen die taz – wird aber zur Hälfte von den großen Energiekonzernen finanziert.

Am Montag saßen im Bundeskanzlerinnenamt die Chefs der Energieriesen beisammen; am Dienstag titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Strom wird 2012 in Deutschland knapp“. Das Blatt berief sich im zugehörigen Text auf „eine Untersuchung“ der dena, die der Runde am Montag „vorgelegt“ worden sei. Die Kurzstudie habe den künftigen Strombedarf mit der „gesicherten Kraftwerksleistung“ verglichen. Ergebnis: Ab 2012 stehe zu wenig Erzeugungskapazität zur Verfügung, um Verbrauchsspitzen abzudecken. Bis 2020 summiere sich diese Lücke auf knapp 12.000 Megawatt, was etwa 15 großen Kraftwerksblöcken entspreche. Ebenfalls am Dienstag berichtete das Handelsblatt im selben Tenor, auch die Wirtschaftszeitung hatte also ein Exemplar des Papiers erhalten. Am Gründonnerstag bekräftigte dena-Chef Stefan Kohler in der Braunschweiger Zeitung die Angaben noch mal und warb für Kraftwerksneubauten.

Die Deutsche Energie-Agentur steht mit ihren Zahlen in Widerspruch zur Bundesregierung und zum Umweltbundesamt, und gern hätten wir die Berechnung geprüft und nachvollzogen. Ein dena-Sprecher teilte allerdings mit, dass die Studie intern sei und Herr Kohler im Urlaub – versprach aber, die Zahlen in Kürze zu veröffentlichen.

Die Erneuerbare-Energien-Branche kritisierte am Donnerstag, die dena habe das Ausbautempo von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie krass unterschätzt, wenn sie zwischen 2010 und 2030 von einer Stagnation der regenerativen Erzeugungskapazitäten ausgehe. In der Tat wurden offizielle Prognosen zu Öko-Strom regelmäßig von der Wirklichkeit überholt: Rot-Grün hatte einst 12,5 Prozent bis 2010 angepeilt – und war dafür der Phantasterei gescholten worden. Diese Marke aber wurde schon 2007 (mit 14 Prozent) überboten.

Laut Handelsblatt und FAZ macht die dena in ihrer Kurzstudie einen Vorschlag zur Deckung der „Stromlücke“: Aufschub des Atomausstiegs – nun kann man sich zusammenreimen, wie das dena-Papier wohl an die beiden Redaktionen gelangt sein wird. Zur Erinnerung: Rot-Grün hatte sich mit den vier großen Energieversorgern auf verkürzte Laufzeiten für deren Atomreaktoren geeinigt und für jeden sogenannte „Reststrommengen“ vereinbart, die bis zur Abschaltung noch erzeugt (und höchst profitabel verkauft) werden dürfen. Just die Meiler, die unter der gegenwärtigen Regierung an ihre Grenzen gelangt wären, standen nun monatelang wegen „Wartungsarbeiten“ still. Kritiker vermuteten, die Konzerne wollten sich damit über die nächste Bundestagswahl retten – in der Hoffnung, dass dann Schwarz-Gelb regiere und der Atomausstieg kippt. Diese Unterstellung war bisher von den Konzernen zurückgewiesen worden.

Nun aber schreibt die FAZ offenherzig: „Die Chefs von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW sicherten im Kanzleramt … zu, man werde kein Kernkraftwerk vor der Wahl im Herbst 2009 schließen. Sie würden vielmehr so betrieben, dass die jeweils zugestandene Reststrommenge einen Betrieb über den Wahltermin hinaus erlaube.“ Wegen der drohenden „Stromlücke“ soll die Öffentlichkeit also auch noch dankbar sein, dass die bekanntermaßen riskante Atomtechnologie weiterläuft.


DEBRIV: www.braunkohle-halbwissen.de

Mittwoch, den 19. März 2008

Rummmms! Die Kohlelobby meldet sich zu Wort. Und wie! Im SPIEGEL, auf SpiegelOnline, in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT und etlichen anderen Medien brüllen einen seit ein paar Tagen Anzeigen des Deutschen Braunkohle-Industrieverbandes – DEBRIV – an (übrigens nie im Wirtschafts-, sondern stets im Politik-Ressort):

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Mit Millionenaufwand – allein eine Doppelseite im SPIEGEL kostet knapp hunderttausend Euro – versucht die Braunkohle-Lobby damit, ihr Image aufzupolieren. Das hat sie auch nötig. Denn Braunkohle ist wegen der Förderung im Tagebau nicht nur extrem landschaftszerstörend, sondern auch ein lausiger Brennstoff: der Heizwert ist niedrig, der Wassergehalt hoch. Kein Energieträger verursacht bei der Stromerzeugung so viel Kohlendioxid wie Braunkohle.

Bis zu 1.200 Gramm CO2 werden in deutschen Braunkohlekraftwerken pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität ausgestoßen. Die Anlagen von RWE und Vattenfall in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gehören zu den zehn klimaschädlichsten Kraftwerken in ganz Europa. Selbst modernste Braunkohlekraftwerke setzen noch etwa 800 Gramm Kohlendioxid pro kWh frei, mehr als das Doppelte von Erdgas-Kraftwerken und ein Vielfaches von Wind- und Solaranlagen. Neue Braunkohlekraftwerke sind so dreckig – stellte kürzlich das Umweltbundesamt in einer Studie fest –, dass die Kurve des CO2-Ausstoßes im Stromsektor nach oben ausschlägt, sobald auch nur ein einziges neues ans Netz geht.

All das erwähnt die Braunkohlelobby natürlich mit keinem Wort. Für ihre Werbekampagne interviewt sie ihr genehme „Energieexperten“, und mit den Protokollen der Gespräche druckt sie dann ihre Anzeigen voll – wohl in der Hoffnung, dass den gesamten Text niemand liest. In der ersten Annonce nämlich spricht der interviewte Prof. Achim Bachem relativ vorsichtig von einem notwendigen Energiemix, er fordert sogar explizit effizientere Kraftwerke und mehr erneuerbare Energien. Der von der DEBRIV brachial herausgehobene Satz „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern ist nicht sinnvoll“ aber, der findet sich in dem gesamten Gespräch nicht. In der zweiten Anzeige der Kampagne schwadroniert „Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. F. W. Wellmer“ sehr ausführlich – und durchaus zutreffend – über die Endlichkeit von Bodenschätzen. Was das mit der deutschen Braunkohle zu tun haben soll, erschließt sich erst auf den dritten Blick.

Das Argument, das die Braunkohlelobby mit ihrer Kampagne der Öffentlichkeit eintrichtern möchte, ist nämlich das des Energiemixes – Deutschland brauche für die Versorgungssicherheit viele Energiequellen und eben auch die Braunkohle. Genau betrachtet lässt sich dies aber sogar gegen die Braunkohle wenden: Kein Land der Welt nämlich setzt so sehr auf die Braunkohle wie Deutschland, nirgendwo wird mehr von diesem Klimakiller aus der Erde geholt und verfeuert als in Deutschland. „Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands“, stellt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe fest, „wird seit 1920 ununterbrochen die weltweit größte Jahresproduktion an Weichbraunkohle erbracht.“ Und selbst wenn ab sofort keine weiteren Braunkohlekraftwerke mehr gebaut würden, wird Braunkohle noch bis Mitte des Jahrtausends Teil des deutschen Strommixes sein – „dank“ der gerade in Boxberg (Sachsen) und Neurath (NRW) neu entstehenden Kraftwerksblöcke, die auf eine Laufzeit von etwa 40 Jahren ausgelegt sind.

Als Teil seiner PR-Offensive hat der DEBRIV auch noch zwei Internet-Portale gestartet. Das eine heißt www.braunkohle-wissen.de, das Wort „Klima“ sucht man dort natürlich vergebens. Stattdessen wird die gestiegene Effizienz neuer Kohlekraftwerke gelobt – und verschwiegen, dass sie immer noch weit unter der moderner Gaskraftwerke liegen. Dort werden CO2-freie Kraftwerke versprochen – die aber noch in weiter Ferne liegen.

Noch kunstvoller drückt sich das zweite Portal um das ungeliebte Thema: Auf www.braunkohle-forum.de gibt es ein lexikalisches Glossar. Von A wie „Abbau“ („planmäßige Gewinnung mineralischer Rohstoffe“) bis Z wie „Zwischenmittel“ („Abraumschicht zwischen zwei Flözen oder im Flöz“) erfährt man dort alles rund um die Braunkohle – aber wieder kein Wort zur Klimabilanz. Unter „K“ findet sich zwar dieser Text zu Kohlendioxid:

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Danke, möchte man da fast der Braunkohle-Lobby zurufen, dass sie durch die Produktion von möglichst viel Kohlendioxid für angenehme Temperaturen auf der Erde sorgt. Kein Wort davon, dass das bei natürlich Prozessen entstehende CO2 Teil eines Kreislaufs ist und deshalb eben kein Problem fürs Klima. Und dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre dramatisch steigt. Dass der angegebene Wert für die Kohlendioxid-Konzentration schlicht falsch ist (er liegt längst über 380 ppm, also 0,038 Prozent), fällt da schon fast nicht mehr ins Gewicht.

Schauen wir zum Schluss noch kurz ins Impressum der Homepage: „Der DEBRIV bemüht sich im Rahmen des Zumutbaren“, steht da, „auf dieser Website richtige und vollständige Informationen zur Verfügung zu stellen. Weder der DEBRIV noch die auf dieser Website genannten Gesellschaften und Personen jedoch übernehmen irgendeine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der auf dieser Website bereitgestellten Informationen.“ Etwas anderes hätte uns auch gewundert.


Stromlücke (3): Zappenduster in der ARD

Samstag, den 15. März 2008

Diese Woche war es soweit: Das Schreckgespenst namens „Stromlücke“, das die Energiewirtschaft seit einiger Zeit beschwört, kam im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an. Zur besten Sendezeit widmete sich das ARD-Magazin Plusminus am Dienstagabend dem Thema Energiekosten. „Warum die Preise explodieren werden“ lautete der Titel des Beitrages.

Wer bisher dachte, die Antwort habe – zumindest ein kleines bisschen – mit der weltweit steigenden Energienachfrage zu tun oder mit Erdöl-Ressourcen, die sich unweigerlich dem Ende zuneigen, den wird der Beitrag überrascht haben. Plusminus nämlich präsentierte drei andere Schuldige: den Erdgas-Riesen Gazprom bzw. die russische Regierung, dazu den rot-grünen Atomausstieg sowie Umweltschützer, die „mit großangelegten Aktionen“ den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern. Der deutsche Verbraucher – in dem Filmchen von einem jungen Mann gespielt – bekommt beim Blick auf seine Stromrechnung jedenfalls angstgeweitete Augen.

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Der immerhin fünfeinhalb Minuten lange Beitrag (hier im Internet) ist voller Halbwahrheiten und Suggestionen, von denen hier nur einige erwähnt werden sollen: Deutschlands Energieversorgung sei abhängig von Importen, hieß es. Das stimmt zwar, aber im Folgenden ist fast nur noch von Erdgas die Rede. Es sei „in Deutschland für die Stromproduktion wichtig“, heißt es, aber das stimmt schon weniger. Denn Erdgas wird hierzulande vor allem für Heizzwecke verwendet, weniger zur Stromerzeugung. Lediglich 11,7 Prozent der in Deutschland erzeugten Elektrizität stammte 2007 aus Gaskraftwerken. Zugegeben, in sämtlichen Klimaschutzkonzepten ist eine Steigerung dieses Anteils vorgesehen. Aber wenn gleichzeitig (wie geplant und von der Bundesregierung mit Milliardensummen gefördert) die Wärmedämmung im Gebäudebestand verbessert und in großem Umfang Heizungsanlagen modernisiert werden, wird dies die insgesamt zu importierende Erdgasmenge kaum erhöhen.

Plusminus aber braucht die zweifelhafte Behauptung einer zunehmenden Erdgas-Abhängigkeit, um dem deutschen Stromkunden Angst zu machen vor dem wenig demokratischen Russland. Mehr Angst haben sollten die Autofahrer, denn beim Mineralöl ist Deutschland zu praktisch hundert Prozent von Ölimporten abhängig – aus Russland, aber auch aus noch undemokratischeren Ländern in Afrika und dem Nahen Osten. Doch das ignorieren die ARD-Kollegen komplett.

ard_stromluecke2_sh.jpgDieser grundsätzliche Argumentationsfehler durchzieht den gesamten Beitrag: So präsentiert Plusminus eine Tortengrafik, um die große Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu belegen (und die geringe Bedeutung von erneuerbaren Energien). Dargestellt ist darin aber der deutsche Verbrauch an PRIMÄRENERGIE, also auch an Benzin, Diesel und Heizenergie. Der von Plusminus als Lösung präsentierte Neubau von Kohlekraftwerken aber (den aber bösartige Umweltschützer behindern), ist für Tankstellen und Heizungskeller ohne Belang. (Wie gesagt: An der STROMERZEUGUNG hatte Erdgas 2007 nur einen Anteil von gut einem Zehntel – Erdöl kommt auf bloße 1,3 Prozent, die Erneuerbaren Energien aber bringen schon 14 Prozent.)

So geht es weiter und weiter: Ein Wissenschaftler warnt vor einer „Vervielfachung der Strompreise“ – was eine drastische Übertreibung ist. Sicherlich wird es auch künftig eine Verteuerung geben, die aber auch dazu führen wird, dass regenerativer Strom schon bald nicht mehr teurer ist als solcher aus Kohlekraftwerken. Plusminus behauptet, die „Stromlücke“ sei nicht durch Erneuerbare zu decken – und liefert dafür nicht einen einzigen Beleg. Plusminus nennt eine Summe von 23 Milliarden Euro, die für die Förderung von Solarstrom anfallen – diese riesige Zahl aber kommt nur zustande, weil sie die Subventionssummen über Jahrzehnte addiert. Und dass die deutsche Kohleförderung oder auch die Subventionen für Atomkraft in der Vergangenheit ein Vielfaches der Zuschüsse für Erneuerbare Energien betrugen, lässt Plusminus unter den Tisch fallen.

Am Ende des Beitrages macht der junge Mann, der den deutschen Verbraucher symbolisieren soll, in seiner Küche das Licht aus. Zappenduster – soll das wohl suggerieren – könnte es bald in Deutschland werden. Die Kohlelobby wird sich über den Film des BR-Journalisten Sebastian Hanisch gefreut haben. Und Kritiker des Bayerischen Rundfunks, die den Sender schon lange für stockkonservativ und wirtschaftsnah halten, sehen sich bestätigt.

(Danke an Fabian R. aus Hamburg für den Hinweis)

P.S.: In der ersten Fassung des Textes schrieben wir am Ende des dritten Absatzes, dass sich der Gesamtbedarf an Erdgas für die deutsche Energieversorgung „nicht“ erhöhen werde, wenn zeitgleich mit der Ausweitung der Stromerzeugung in gasbetrieben Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung in die Gebäudesanierung investiert werde – denn dort sänke dann der Gasbedarf zu Heizzwecken. Das war ein wenig zu optimistisch. Das Greenpeace-Energiekonzept für Deutschland „Plan B“ prognostiziert für 2020 einen gegenüber 2004 geringfügig um 7,5 Prozent höheren Erdgasbedarf (hier zum Herunterladen, siehe Seite 13). – Danke an Florian P. aus Aachen für die Korrektur.


Die Welt: Wo bleibt die Erderwärmung?

Mittwoch, den 12. März 2008

Um die sogenannten Klimaskeptiker war es in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden – um jene Lobbyisten, Politiker, Journalisten und vereinzelten Wissenschaftler also, die in der Debatte über die globale Erwärmung stets gegen den Strich bürsten. Heute jedoch hob Die Welt sie auf ihre Seite Eins. Neben einem niedlichen Eisbären-Foto fragte sie: „Mehr Schnee, mehr Kälte – wo bleibt die Erderwärmung?“ Beides macht neugierig und tut dem Kiosk-Verkauf sicher gut.

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Im dazugehörigen „Essay“ nahm Welt-Redakteur Ulli Kulke dann eine ziemlich wirr verlaufene Klimaskeptiker-Konferenz in New York und die aktuelle Wetterlage zum Anlass für einen Rundumschlag:

1. Derzeit entstehe eine neue „Graswurzelbewegung gegen die Weltuntergangspropheten“ behauptet der Autor mit Blick auf die New Yorker Konferenz. Allerdings: Organisiert wurde die Konferenz vom Heartland Institute. Das aber ist seit langem als Klimaskeptiker-Thinktank bekannt – und wie die Tatsache, dass es von der Industrie und konservativen Spendern finanziell unterstützt wird. Sieht so eine „Graswurzelbewegung“ aus?

2. Seit neun Jahren lege die Erderwärmung „eine Pause“ ein, schreibt Kulke. Allerdings hat vermutlich kein Klimaforscher je gesagt, dass die Erdtemperatur stetig steigt. Vielmehr gibt es Variationen von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Kulke bringt – wie viele Klimaskeptiker – kurzfristige Wetterschwankungen mit langfristigen Trends durcheinander. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat diese Frage auf der Internetseite „Real Climate“ kürzlich ausführlich diskutiert.

3. Auch die jüngsten Wetterdaten sprächen für die Skeptiker, so der Autor: „Die globalen Klimadaten dieses Winters lassen vorerst eine Behauptung nicht mehr zu: dass sich die Erderwärmung immer stärker beschleunige.“ Und weiter: Der vergangene Januar sei weltweit der kälteste seit 15 Jahren gewesen, der Temperatursturz gegenüber dem Vorjahresmonat der steilste seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Hierzu sei angemerkt, dass der Vorjahres-Januar, auf den sich der Vergleich bezieht, der wärmste je gemessene war.

4. Sinnvoller als beim Klimaschutz „in falsche Hektik zu verfallen“ sei es, „unsere Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung zu intensivieren, um auf ein mögliches Wiederanspringen der Erderwärmung reagieren zu können, auf mehr Dürren hier und mehr Regen dort“. Diese Wendung überrascht nun doch. „Anstrengungen“ für etwas, was doch eigentlich vermutlich gar nicht stattfindet?

Kulke kritisiert in seinem Text übrigens ausgiebig Friedensnobelpreisträger Al Gore, weil der sich auf der New Yorker Konferenz nicht seinen Kritikern gestellt habe – und das, obwohl ihm ein Honorar von 200.000 Dollar geboten wurde. Ist es heute schon ehrenrührig, auf eine hohe Geldsumme zu verzichten, um seine Zeit für Sinnvolleres zu investieren?

PS: In der Klimalounge („Wissenslogs“ von Spektrum der Wissenschaft) hat Stefan Rahmstorf Kulkes These von der „Pause der Erderwärmung“ inzwischen gründlich unter die Lupe genommen.


Lufthansa & Co: "umweltschonende Flugzeuge"

Dienstag, den 11. März 2008

Preisfrage: Was ist ein „umweltschonendes Flugzeug“?

a.) ein Flugzeug, dessen Abgase nicht mehr zum Treibhauseffekt beitragen

b.) ein Flugzeug, das die Klimaschäden durch den Luftverkehr insgesamt senkt

c.) oder ein Flugzeug, das lediglich weniger Abgase ausstößt als ältere Flugzeuge

Na ja, wenn wir so fragen, können Sie sich die „richtige“ Antwort sicherlich denken. Jedenfalls können Sie sich denken, was der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) auf der am Wochenende zu Ende gegangenen Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin als großen Fortschritt gefeiert hat: dass nämlich die deutschen Airlines „neue, umweltschonende Flugzeuge“ kaufen. „Die Investition in moderne Technik stellt für uns eine wichtige Säule im Umweltschutz dar, um auf dem direkten Weg Emissionen einzusparen“, so BDF-Geschäftsführerin Tanja Wielgoß auf der ITB. Für insgesamt 20 Milliarden Euro haben demnach Lufthansa, Air Berlin & Co derzeit neue Flugzeuge bestellt.

Für das Klima ist das eigentlich eine Hiobsbotschaft – denn die Fluggastzahlen wachsen seit Jahren dramatisch, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Schon heute trägt die Luftfahrtbranche mit bis zu neun Prozent zum weltweiten Treibhauseffekt bei (zwar liegt ihr Anteil am globalen CO2-Ausstoß nur bei etwa drei Prozent, wie Flug-Lobbyisten gern schönrechnen, aber in den oberen Schichten der Atmosphäre richten die Flugzeugabgase etwa dreimal so viel Klimaschaden an wie am Boden).

Kürzlich hat Airbus seine Marktprognose nach oben korrigiert: In knapp 20 Jahren werde sich demnach der weltweite Flugverkehr verdreifachen, mehr als 24.000 neue Flugzeuge würden dann benötigt. Gleichzeitig kündigt Airbus an, dass man bis 2020 den Kohlendioxid-Ausstoß pro Passagier halbieren wolle.

Zweite Preisfrage: Um wieviel Prozent wird unterm Strich in diesem Zeitraum die ABSOLUTE Klimabelastung durch den Flugverkehr steigen - mit „umweltschonenden Flugzeugen“?


Klein, aber oho (2): Wibo-Werk Hamburg

Sonntag, den 9. März 2008

Im Spielfilm „Ödipussi“ kauft der Stoffhändler Paul Winkelmann (gespielt von Loriot) einen Elektrokamin mit künstlicher Glut, um eine gemütliche Atmosphäre für den bevorstehenden Besuch der Psychologin Margarethe Tietze (Evelyn Hamann) zu schaffen, die er auf einen Hefezopf eingeladen hat. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Effizienz und Umweltschädlichkeit verschiedener Heizungstypen dagegen sind messbar. Deshalb ist die Postwurfsendung des Hamburger Wibo-Werkes einfach zu widerlegen: Ihre Elektrokamine und andere Stromheizungen seien „Feinstaub und CO2 frei“, so die dreiste Behauptung. „Einfach hinstellen und einschalten“, heißt es weiter. Und das Hirn ausschalten, möchten wir hinzufügen.

In Wahrheit ist Heizen mit Strom extrem ineffizient und obendrein teuer. Verbraucherzentralen warnen deshalb seit Langem vor der Anschaffung solcher Geräte. Und weil der Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt, sondern hierzulande immer noch vor allem aus Kohlekraftwerken, sind Elektroheizungen und -kamine alles andere als CO2-frei.

Laut einer Studie des Instituts für Zukunftsenergiesysteme (IZES) verursachen Elektroheizungen 3,6-mal mehr CO2 als moderne Gasbrennwertheizungen und 13-mal mehr als Holzpelletheizungen. In Deutschland sind sie für den Ausstoß von jährlich 30 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich, das sind mehr als drei Prozent der gesamten Emissionen. Aus Gründen des Klimaschutzes möchte deshalb die Bundesregierung Elektroheizungen baldmöglichst verbieten. Für das Klima ist es schließlich egal, ob das CO2 im Wohnzimmer von Herrn Winkelmann entsteht oder in einem Kohlekraftwerk.

Darauf angesprochen, erwidert eine freundliche Dame am Servicetelefon des Wibo-Werks: „Es gibt doch heute Biostrom, das kann jeder selbst wählen.“ Zwar stimmt es, dass man mit einem Anbieterwechsel seine strombedingten CO2-Emissionen um zwei Drittel und mehr senken kann (und sollte!). Wie ernst es der Hamburger Firma aber mit diesem Hinweis ist, zeigt ein Blick auf deren Internetseite.

10 Gründe für das Heizen mit Strom“ sind dort aufgeführt, zum Beispiel: „Sie haben beim Heizen ein Bewusstsein für die Umwelt. Denn mit Strom nutzen Sie die hohen technischen Wirkungsgrade von modernen, staatlich streng kontrollierten Kraftwerken.“ Das ist ziemlicher Humbug, denn für Wirkungsgrade gibt es – leider – in Deutschland keine staatlichen Vorschriften. Ein Hinweis auf Ökostrom ist auch nirgends zu finden. Im übrigen hält Günther Frey, der Autor der IZES-Studie, selbst das Betreiben einer Elektroheizung mit Strom aus regenerativen Quellen für eine „erhebliche Verschwendung von Ressourcen“.

Das angepeilte Verbot der Bundesregierung wird sich vermutlich nur auf Nachtspeicherheizungen beziehen, das weiß auch die Dame am Wibo-Service-Telefon. Ist das vielleicht der Grund, warum die Firma schon mal verstärkt ihre Kamin-Imitate anpreist?

Danke an Torsten M. für den Hinweis