Monatsarchiv für September 2016

25 Jahre Klimaziel: Deutschland liegt daneben

Dienstag, den 27. September 2016

Vor 25 Jahren beschloss der Deutsche Bundestag die Drucksache 12/1136. Damit gab sich die Bundesrepublik zum ersten Mal ein nationales Klimaziel.

Unter „I. Ziele“ heißt es in der Beschlussvorlage:

emiemis

Minus 30 Prozent bis zum Jahr 2005 gegenüber dem Basisjahr 1987! Im Beschluss ist auch detailliert aufgeführt, um welche absolute Menge die deutsche Treibhausgas-Fracht reduziert werden sollte:

emission

Der erste, der dieses Klimaziel zusammenstrich, war Helmut Kohl (CDU). Auf der ersten Vertragsstaatenkonferenz der UN-Klimadiplomatie erklärte der damalige Bundeskanzler am 5. April in Berlin:

emissionen-Kohl

Nicht mehr 1987 war jetzt Bemessungsgrundlage, sondern 1990. Damit sparte sich die wiedervereinigte Bundesrepublik mal eben ein paar Prozent Reduktionspflicht – je nach Berechnung einige Millionen Tonnen.

Der zweite, der das deutsche Klimaziel zusammenstrich, war ausgerechnet der Bündnisgrüne Jürgen Trittin. In einer Presseerklärung vom 19. Februar 2003 heißt es:

emiss-Trittin

Was anderes konnte Umweltminister Trittin im Februar 2003 auch gar nicht erklären. Denn die Treibhausgas-Emissionen im vereinigten Deutschland lagen zwei Jahre vor dem Einlauf zum ersten deutschen Klimaziel bei 1.033 Millionen Tonnen. Die im Beschluss von 1991 avisierten 750 Millionen Tonnen Obergrenze waren nicht mehr zu schaffen.

Aber dann folgte auf Jürgen Trittin ja Sigmar Gabriel (SPD). Und der nahm die 750 Millionen Tonnen wieder ins Visier. Im Jahr 2007 heißt es nämlich aus dem Bundesumweltministerium:

emiss-gabriel

Minus 40 Prozent gegenüber 1990 – das wären exakt 749 Millionen Tonnen Treibhausgas.

Seitdem sind annähernd zehn Jahre vergangen, Sigmar Gabriel ist jetzt der Bundeswirtschaftsminister, was sich gut trifft, denn damit sitzt er an den Hebeln für den Umbau der Industriegesellschaft. Doch wer sich die Entwicklung der vergangenen sieben Jahre genauer ansieht, der wird ins Grübeln kommen. Statt zu sinken, sind die Emissionen nämlich wieder gestiegen:

emission-UBA

Absenkung auf 749 Millionen Tonnen: Um das 2005er Ziel, das jetzt frisch angestrichen als 2020er Ziel strahlen soll, doch noch zu schaffen, müsste die Bundesregierung ihre Anstrengungen dafür mindestens verdreifachen. Stattdessen aber deckelt sie den Ausbau der Erneuerbaren und verweigert auch sonst jegliche Klimaschutzanstrengung.

Aber vermutlich ist das alles nur ein Missverständnis. Offenbar wurden deutsche Reduktionsziele nie gemacht, um sie auch wirklich einzuhalten – sondern um sich als Ankündigungsweltmeister feiern zu lassen.

Also hoch die Tassen, Tusch und Jubel: Heute vor 25 Jahren beschloss der Deutsche Bundestag das erste deutsche Klimaziel. Schalten wir noch einmal live in die Plenardebatte vom 27. September 1991 nach Bonn (damals noch Sitz von Bundestag und Regierung):

emissionen-abstimmung

Zur Erinnerung: Die Regierungskoalition stellten damals CDU/CSU und FDP. Und die Opposition – inklusive Gabriels SPD – hatte damals mit Nein gestimmt, weil sie deutlich ehrgeizigere Ziele wollte.

 

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


RWE Innogy: Da stutzt sogar das Handelsblatt

Donnerstag, den 15. September 2016

Wir freuen uns sehr, wenn unsere Arbeit Früchte trägt. Noch mehr würden wir uns freuen, wenn sie gar überflüssig würde. Entweder weil es kein Greenwashing mehr gäbe. (Ha, ha!) Oder weil Kolleginnen und Kollegen in anderen Medien unsere Arbeit übernähmen und die kleinen und großen Lügen von vermeintlicher Klimafreundlichkeit hinterfragen.

Nun schreiben wir ja schon seit Jahren über RWE, über Märchenfilme und klimaskeptisches Geraune eines Spitzenmanagers, über Waldphantasien und Steinkohle-, äh, Pleitekraftwerke, über Schildkröten und „Stromlücken“-Angstmacherei des damaligen Konzernchefs Jürgen Großmann. (Erinnert sich noch jemand an die „Stromlücke“? Die wurde vor ein paar Jahren für den Fall des Atomausstieg prophezeit. Goldig, oder? Heute, mitten im Atomausstieg, gibts immer öfter Strom im Überfluss …) Und, und, und. Jedenfalls hat uns, wenn wir eben im Archiv richtig gezählt haben, kein Unternehmen seit unserer Gründung 2008 häufiger beschäftigt als RWE.

Inzwischen jedoch hat RWE offenbar erkannt, dass sich die Energiewende nicht mehr verhindern lässt – der Börsengang der peppigen Tochterfirma Innogy, in der unter anderem der alte Ökostrom-Ableger gleichen Namens aufgegangen ist, soll zum Befreiungsschlag werden. Für Innogy hat man sich von der Edel-Agentur Jung von Matt hat einen millionenschweren Markenauftritt auf die Beine stellen lassen. Diese schicke Kampagne aber ist selbst dem gewiss nicht industriefeindlichen Handelsblatt zu viel. Als „fast schon zynisch“ bezeichnete die Zeitung heute einen Slogan, den die RWE-Tochter am Düsseldorfer Flughafen aushängen ließ:

innogy_handelsblatt1

Zur Erinnerung: Im Rheinland betreibt RWE noch immer reihenweise Braunkohlekraftwerke und -tagebaue – und will davon auch nach dem Neustart der grünen Tochter Innogy nicht lassen. Mehr als 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittieren die RWE-Klimakiller pro Jahr, das sind sage und schreibe fast zehn Prozent des gesamten deutschen Treibhausgas-Ausstoßes!

Im Text des Handelsblatt-Kollegen Jürgen Flauger heißt es unter anderem:

innogy_handelsblatt2

Besser hätten wir’s diesmal auch nicht aufschreiben können.

Danke an Sebastian M. aus Bad Neustadt für den Hinweis


Lauretana: Viel zu leicht nehmen

Mittwoch, den 7. September 2016

Regional produziert, ohne Einsatz von Dünger oder Pestiziden – Biolebensmittel sind gut für das Klima. Allerdings sind sie auch um einiges teurer, weshalb es in Bio-Supermärkten etlichen Lesestoff gibt, der beraten soll.

Zum Beispiel eve, das „Kundenmagazin für Naturkost und Naturkosmetik“. Dort gab es im Augustheft auf Seite 5 folgende Anzeige:

Lauretana

Lauretana ist ein „natürliches Mineralwasser“ – „ohne Kohlensäure“.  Mit dem stolzen Preis von 1,09 € pro Liter ist es ganz schön teuer. Aber es ist ja auch – Eigenwerbung – „das leichteste Wasser Europas“ mit nur 14 Milligramm Mineralstoffen pro Liter. Und obendrein klimaverträglich – weil es mit dem Zug nach Deutschland kommt.

Hä? Trinkwasser ist klimaverträglich, weil es mit dem Zug kommt?

Über die Herkunft des Wassers erfahren wir Folgendes:

lauren

Abgefüllt wird das Wasser also in Graglia im Piemont, Italien. Von dort sind es 850 Kilometer Luftlinie bis in einen Berliner Bio-Supermarkt. Ein Straßentransport schlägt gar mit 1.060 Kilometern zu Buche.

Aber Lauretana kommt ja mit dem Zug nach Deutschland!

Jetzt wird es rätselhaft: Graglia verfügt nämlich über keinen Eisenbahnanschluss. Selbst wenn wir dieses kleine Detail einmal vernachlässigen: Was bittschön ist daran klimaverträglich, in den italienischen Bergen abgefülltes Trinkwasser hunderte Kilometer durch die Gegend zu fahren?

Der Bahntransport ist es jedenfalls nicht, die Deutsche Bahn will laut eigenem Beschluss aus dem Jahr 2011 ihren Grünstrom-Anteil bis 2018 auf gerade mal 28 Prozent erhöhen. Grün ist bei der Deutschen Bahn allenfalls die Bahncard: Durch einen Rechentrick wird suggeriert, dass, wer mit ihr fährt, klimafreundlich unterwegs ist. Wieso also ist Lauretana klimafreundlich?

Den Hinweis liefert vielleicht das folgende Zeichen oben in der Anzeigenecke:

focus

Nein, leider hilft das auch nicht weiter! Ein Label „Focus CO₂“ ist der Redaktion unbekannt. Und bei Google findet sich unter dem Begriff nur:

laur

Wir konstatieren: Lauretana hat die Behauptung „klimaverträglich“ viel zu leichtfertig benutzt. Das passt vielleicht zum leichten Wasser, nicht aber zur Klimabilanz des Unternehmens: Davon erfahren wir nämlich nichts.

Die Stiftung Warentest warnt übrigens vor Wasser wie dem von Lauretana: „In bestimmten Situationen kann sehr mineralstoffarmes Wasser gefährlich werden.“ Wer stark schwitzt, verliere nicht nur Flüssigkeit, sondern auch Mineralstoffe. Trinken sei wichtig, um den Wasserverlust auszugleichen. Stiftung Warentest: „Zugleich müssen aber auch je nach Anstrengung neben Kohlenhydraten Natrium, Kalium, Chlorid und Magnesium wieder zugeführt werden. Wer sich dann eine Apfelschorle mit einem besonders mineralstoffarmen Mineralwasser mischt, bleibt auf der Strecke.“

Genauso wie der Klimaschutz bei Lauretana!

Herzlichen Dank an Steffi R. aus Berlin für den Hinweis!

PS: Unsere Leser Christof H. weist darauf hin, dass „Europas leichtestes Wasser“ mit dem LKW aus Graglia zum 9 Kilometer entfernten LKW-Bahnhof nach Biella transportiert wird. Lauretana selbst verweist auf den „Kombinationsverkehr, bei dem LKWs auf Zügen gefahren werden“, was „eine unerreicht klimaschonende Form des Transports“ sei. Ein vollbeladener LKW von 30 Tonnen würde so auf einer Strecke von 600 Kilometern (nach Hamburg) 1 Tonne Kohlendioxid verglichen mit anderen Transportarten sparen!

Oder aber gar nicht erst entstehen, wenn man den örtlichen Sprudel kauft oder das Trinkwasser aus der Leitung nutzt.