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Angela Merkel (CDU): Die Klima-Diesel-Lüge

Mittwoch, den 6. September 2017

Wenn Lügen oft genug wiederholt werden, dann werden sie irgendwann wahr – beziehungsweise für wahr gehalten. Als Klimakanzlerin Angela Merkel (CDU) sich gestern im Bundestag für die deutsche Autoindustrie in die Bresche warf und den Dieselmotor verteidigte, tat sie dies mit explizitem Verweis auf den Klimaschutz. Das hatte vor ihr zwar auch schon der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) getan, ebenso – übrigens fast wortgleich mit Merkel – der Ex-Bundesminister und Auto-Oberlobbyist Matthias Wissmann. Wörtlich sagte Merkel: „Gegen den Diesel vorzugehen, bedeutet gleichermaßen auch, gegen die CO2-Ziele vorzugehen. Das darf nicht passieren.“

Doch nun steht die Klima-Diesel-Lüge sogar schon als Schlagzeile auf der Titelseite der größten Qualitätszeitung des Landes:

Deshalb müssen wir hier zwar kurz, aber doch vehement widersprechen – auch wenn dies bereits mehrfach auch von anderen getan wurde: Zwar sind Dieselmotoren tatsächlich effizienter als Benziner und können weniger Kohlendioxid ausstoßen – aber dieser Vorteil gilt nur bei gleicher Motorleistung. In der Realität dienen die Dieselmotoren der deutschen Autohersteller dazu, dass sie immer größere, schwerere und stärkere Fahrzeuge herstellen und verkaufen. Wie das Umweltbundesamt (UBA) auf seiner Internetseite vorrechnet, sind deshalb die Diesel-Pkw auf den deutschen Straßen exakt so klimaschädlich wie jene mit Benzinmotor: Beim durchschnittlichen CO2-Ausstoß pro Kilometer liegen beide Motorenarten gleichauf. Die UBA-Experten stellen unmissverständlich klar:

Die Klimaschädlichkeit der deutschen Autoflotte, betont das UBA, ist auch Folge von falschen Anreizen – also von falscher Politik. Die Behörde verweist auf das Beispiel der Niederlande, die Deutschland in den vergangenen 15 Jahren beim Klimaschutz im Verkehrsbereich davongerauscht sind. Wir können uns dem Fazit der Behörde nur anschließen:


Die Wendehälse von der CDU

Dienstag, den 10. Mai 2011

Es gibt eine politische Theorie, die behauptet, dass große Umwälzungen immer nur gegen die Klientel der regierenden Parteien durchgesetzt werden können. Die Umstrukturierung der Arbeitsmarktpolitik – besser bekannt als „Hartz IV“ – ist so ein Beispiel: Gerhard Schröders SPD wäre gemeinsam mit den Gewerkschaften Sturm gegen die Pläne der Jahre 2003 bis 2005 gelaufen, wären sie nicht von ihm sondern in einer christdemokratischen Denkerstuben erdacht worden.

Die journalistische Recherche ist zwar kein probates Mittel um politische Theorie zu überprüfen. Immerhin gibt es aber eine Reihe von Beispielen, die nahe legen, dass an dieser Theorie etwas dran sein muss. Zum Beispiel der Bankenskandal in Berlin: Kaum an der Macht, beschloss die Linkspartei – damals noch PDS – die Risiken einiger weniger Aktionäre zu verstaatlichen. Berlin war mit einem Schlag pleite, die Kita-Gebühren stiegen, Stadtteilbibliotheken, Schwimmbäder, Kulturprojekte mussten mit dem „Segen“ der Linken schließen. Die CDU wäre damit sicherlich nicht durchgekommen. Die verbal bankenbäschenden Linken aber schon.

Oder der Atomkonsens vom Juni 2000:  Wäre die windelweiche Vereinbarung nicht von den erstmals mitregierenden Grünen ausgearbeitet worden, hätten sie vermutlich Massenproteste gegen einen Konsens organisiert, der sich nie und nimmer als rechtsfest erweisen würde. Die jüngste Illustration der Theorie ist das Ende der Wehrplicht: Hätten Grüne und Sozialdemokraten dieses Projekt angestoßen, wären die Konservativen Sturm gelaufen. So aber ging es durch.


Insofern ist das Energiekonzept bemerkenswert, das die CDU vorgelegt hat. Es ist acht Monate und vier Tage her, da das Kabinett Angela Merkel die Konterrevolution auf dem Schlachtfeld der Energieversorgung gewann: Solartarife runter, Atomlaufzeiten rauf. Acht Monate und vier Tage später wollen die Christdemokraten die Wende von der Wende. Titel:  „Den Umstieg beschleunigen – Wegmarken in das Zeitalter der erneuerbaren Energien“

„Vorfahrt für Erneuerbare Energien“ heißt es in dem zehnseitigen Energiekonzept, man wolle „um Konsens werben“, um die „Zustimmung der Menschen als Voraussetzung für beschleunigten Netzausbau“. Im Konzept heißt es auf Seite 2:

Die CDU hat also die Chuzpe, die Laufzeitverlängerung aus dem letzten Jahr als Grundlage des neuen Zukunftskonzeptes zu verkaufen. Die Christdemokraten erklären das so: “ Im Rahmen des Energiekonzepts war –wie in unserem Grundsatzprogramm im Jahr 2007 beschlossen – die Kernenergie eine Brückentechnologie hin zu den Erneuerbaren Energien. Die Reaktorkatastrophe im Hochtechnologieland Japan muss aber auch für uns Anlass sein, über unsere Position zur Kernenergie neu nachzudenken.“

Unterstellen wir der CDU einmal Lernfähigkeit – eigentlich ja ein schöner Wesenszug, gerade in der Politik:  „Den Ausbau der Erneuerbaren Energien wollen wir beschleunigen und so alles dafür tun, die Brücke der Kernkraft schneller hinter uns lassen zu können“, heißt es in dem Papier. Und:  „Wir stehen zu unseren ehrgeizigen Klimaschutzzielen und wollen deshalb möglichst schnell das Zeitalter der Erneuerbaren Energien erreichen.“

Dann allerdings heißt es an einer anderen Stelle: Auch der


Die ehrgeizigen, aber notwendigen Klimaschutzziele würden zwar dem Ausbau von Kohle- und Gas-Kraftwerken Grenzen setzen. „Dennoch werden wir auf sie als Brückentechnologie nicht verzichten können.“ Also raus aus der einen als falsch erkannten Brückentechnologie, rein in die andere.

So widersprüchlich geht es seitenweise weiter: Energiesparpotentiale sollen genutzt, Energie aber nicht teurer werden – weshalb der Anreiz zum Sparen fehlen wird. Kosten und Lasten der Energiewende sollen fair verteilt werden, nicht aber auf die energieintensive Industrie, deren Wettbewerbsfähigkeit ja sonst leide. Ein atomares Müllendlager solle mit einem Konsens gefunden, aber Gorleben gleichzeitig „ergebnisoffen“ weiter erkundet werden.

Was allerdings fehlt im Konzept,  sind konkrete politische Zielvorgaben. Wann die Atomkraftwerke abgeschalten werden sollen, darüber schweigt das Papier.  Statt dessen sind dort Floskeln zu lesen wie „Auch der weitere Ausbau von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen ist ein erfolgversprechender Weg zu mehr Energieeffizienz.“

„Wir wollten den Ergebnissen der Reaktorsicherheits – und Ethikkommission nicht vorgreifen“, begründete CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe.  Damit illustriert er, wie schwer das Leben der Wendehälse ist. Merkel hatte beide Kommissionen nach Fukushima einberufen, um der Rolle rückwärts bei den AKW-Laufzeiten wenigstens einen Anschein von Plausibilität zu geben.

Sollte es so immerhin gelingen, die eigene Klientel zu überzeugen, könnte ein neues Beispiel für die politische Theorie der Veränderungen gegen die eigene Klientel entstehen.


Die Klima-Allianz: Schnellschuss am Ziel vorbei

Mittwoch, den 26. August 2009

Die Tischler unter unseren Leserinnen und Lesern wissen das: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“ Und Leute, die Tischler näher kennen, wissen, dass Holzhandwerker in Demut hobeln: Jeder einzelne Span tut schließlich dem Holz weh, das er zu neuem Leben zu erwecken gedenkt. Also immer sachte, sachte bei der Bewegung!

Um Bewegung in die Klimapolitik zu bringen, veranstaltet die Klima-Allianz – ein Zusammenschluss von 110 Organisationen – derzeit bundesweit Podiumsdiskussionen in sogenannten „Schlüsselwahlkreisen“. Also dort, wo beispielsweise neue Kohlekraftwerke geplant sind – und der Wahlkreis Wiesbaden steht wegen des höchst umstrittenen Projektes auf der Ingelheimer Aue natürlich auch im Programm. Allerdings gelang es der Klima-Allianz bislang nicht, ein wirklich kontroverses Podium zu besetzen. Deshalb vermeldeten die Öffentlichkeitsarbeiter der Berliner Zentrale: „Sämtliche von CDU und FDP angefragten Direktkandidaten und Landespolitiker der Region lehnen die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung ab. Die Ablehnung durch die CDU ist bundesweit auffällig, doch das Verhalten in Wiesbaden ist beispiellos.“ Ausgerechnet die Parteien, die eine „bürgerliche Mehrheit“ anstreben, stellten sich den Bürgern nicht.

klimaallianz_wanted_klUnd um dies anzuprangern, hat die finanziell nicht so schlecht ausgestattete Klima-Allianz ein Plakat veröffentlicht: „Wanted: Wiesbadens erste Klimaflüchtlinge“. Darauf sehe man die Köpfe von sechs Politikern, die vor „dem Dialog mit den Bürgern“ flöhen. Dumm nur: Abgebildetet ist (Mitte, unten) auch die Bundestagsabgeordnete Ute Granold von der Mainzer CDU. Die hat sich in der Vergangenheit jedoch weder für das Kohlekraftwerk ausgesprochen noch einer Debatte zum Thema verweigert.

Weshalb die Klima-Allianz auch eine Entschuldigung versenden musste. Saloppe Überschrift: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“ Da wünscht man den Klimahandwerkern glatt mehr Demut! Und lernt nebenbei, dass Klimafeinde nicht immer dort stehen, wo man sie vermutet.


NRW-Landesregierung: Bremser statt Vorreiter

Sonntag, den 11. Mai 2008

„Nordrhein-Westfalen“, verkündete vor ein paar Tagen die dortige Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU), „wird in Sachen Klimaschutz die Führungsrolle in Deutschland übernehmen.“ Das hat das Land auch bitter nötig, fällt einem dazu als erstes ein. An Rhein und Ruhr wird nämlich soviel Kohlendioxid ausgestoßen wie sonst nirgendwo in Deutschland, vor allem die dortigen Braun- und Steinkohlekraftwerke sind dafür verantwortlich. Beim Klima-Ranking der Zeitschrift Geo belegte NRW deshalb unter 16 Bundesländern nur Platz zwölf.

Nun aber habe man eine „ambitionierte Energie- und Klimaschutzstrategie“, heißt es in einer Presseerklärung der Landesregierung. (Die von etlichen Medien unkritisch aufgegriffen wurde, beispielsweise schrieb die Welt am Sonntag sofort vom „Klima-Vorreiter“ NRW.) Um 81 Millionen Tonnen bis 2020 wolle man die energiebedingten CO2-Emissionen senken, so die großspurige Ankündigung der Landesregierung. In ihrer Pressemitteilung jongliert sie fröhlich mit Jahreszahlen und Reduktionsversprechen – gekrönt von der Feststellung, man schaffe allein in NRW 44 Prozent der bundesweit bis 2020 avisierten Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Wortgleich mit den Energiekonzernen verkauft Thoben den Bau neuer Kohlekraftwerke als „Beitrag zum Klimaschutz“ – dabei sind selbst die modernsten Anlagen noch CO2-Schleudern, auf Jahrzehnte wird NRW durch die Neubauten von RWE & Co. zur größten Treibhausgas-Quelle ganz Europas (wie gerade erst eine Studie des Öko-Instituts festgestellt hat).

Nehmen wir ganz nüchtern den Taschenrechner zur Hand: Laut NRW-Landesamt für Statistik betrugen im Jahr 2005 die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen des Landes 282 Millionen Tonnen. Die Landesregierung verspricht nun bis 2020 eine Senkung um 81 Millionen Tonnen – es wären dann also 201 Millionen Tonnen. Im Jahr 1990 aber beliefen sich die Emissionen, so das Statistikamt, noch auf 299 Millionen Tonnen. Ergibt gegenüber dem Basisjahr des Kyoto-Protokolls folglich eine Senkung um 32,8 Prozent.

Nanu? Hatte nicht die Bundesregierung im vergangenen Jahr eine Senkung des deutschen Treibhausgas-Ausstoßes um 40 Prozent bis 2020 versprochen? Wie Christa Thoben da von einer „Führungsrolle“ ihres Landes sprechen kann, bleibt ihr Geheimnis.


CDU/CSU: Zahlentricks für die Autolobby

Freitag, den 22. Februar 2008

Dieser Text kommt mehr als zwei Wochen zu spät – aber so lange brauchte es, um einer wundersame Presseerklärung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf den Grund zu gehen (bzw. zu kommen): Unter der Überschrift „EU-Klimapolitik darf Innovationen nicht verhindern“ meldete sich am 6. Februar der bayerische Abgeordnete Dr. Hans-Peter Friedrich zu Wort, der für Verkehr zuständige Vize-Chef der Unionsfraktion. In der Erklärung stellte sich Friedrich vehement an die Seite des Auto-Branchenverbands VDA, der sich am selben Tag mit zweifelhaften Zahlen als Klimavorreiter präsentiert und die Klimaschutz-Pläne der EU scharf angegriffen hatte.

„Unbestritten waren die deutschen Automobilhersteller in der Vergangenheit technologisch führend bei der Entwicklung von Fahrzeugtechnik zur Reduktion von Treibhausgasen“, schrieb Friedrich. Das aber ist nicht nur nicht unbestritten, sondern ziemlich verkehrt. Zwar sind die deutschen Hersteller innovativ, sie haben aber ihre Ingenieurskunst in der Vergangenheit für alles Mögliche eingesetzt (z.B. Geschwindigkeit, Leistungssteigerung, Sicherheit) – doch nur zuallerletzt zur Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes ihrer Autos. Seit Jahren rangieren deshalb deutsche Hersteller in Klimaschutz-Ranglisten weit hinten.

„Auf diese Weise“, so der Abgeordnete Friedrich weiter, „hat die deutsche Automobilindustrie dazu beigetragen, dass Deutschland das einzige Land in der EU ist, das die CO2-Emissionen in den zurückliegenden acht Jahren gesenkt hat, und zwar um 20 Mio. Tonnen, die ausschließlich auf den Individualverkehr entfallen.“

Dieser Satz ist nun vollkommen falsch. Die zuständige Fraktionsreferentin bekennt auf Nachfrage freimütig, man habe die Zahl ungeprüft aus einem Papier des Verkehrsministeriums übernommen. Auch drei Anrufe bzw. eine Woche später kann sie die 20 Millionen Tonnen immer noch nicht aufschlüsseln. Nachfragen beim Verkehrsministerium bleiben ebenfalls einige Tage lang unbeantwortet. Schließlich verweist man dort auf Daten des Umweltbundesamtes.

Die UBA-Daten zum Kohlendioxid-Ausstoß im Straßenverkehr zeigen tatsächlich einen Rückgang. Die beeindruckende Zahl von 20 Millionen Tonnen kommt aber nur zustande, wenn man den Vergleichzeitraum auf acht Jahre festlegt – also den aktuellen Ausstoß mit dem des Jahres 1999 vergleicht. 2000 nämlich sanken die Kohlendioxid-Emissionen schlagartig – in jenem Jahr trat die rot-grüne Ökosteuer in Kraft, was erstmals seit dem Wirtschaftswunder den Benzinabsatz in der Bundesrepublik zurückgehen ließ. Dass seitdem der CO2-Ausstoß durch Pkw weiter leicht sinkt, führen die Experten des Umweltbundesamtes vor allem auf die Zunahme von Autos mit sparsamen Dieselmotoren zurück.

Der Pkw-Bereich, auch das zeigt ein genauer Blick auf die UBA-Daten, ist nur für knapp neun Millionen Tonnen CO2-Reduktion verantwortlich – also weniger als die Hälfte der von der CDU/CSU gepriesenen Minderung. Viel stärker (nämlich um 13,2 Mio. Tonnen) sanken seit 1999 die Emissionen durch schwere Lkw (über 3,5 t). Die Laster aber kann man nun wirklich nicht dem „Individualverkehr“ zurechnen.

Fassen wir zusammen: Die von der Union zum Lob von Audi, BMW & Co. angeführte CO2-Minderung stammt erstens nur zu weniger als der Hälfte wirklich von Pkws. Und er hat zweitens weniger mit der Innovationskraft der deutschen Autohersteller zu tun als mit der rot-grünen Ökosteuer und dem Trend zu mehr Diesel-Pkw.

„Es wäre fatal“, schließt Hans-Peter Friedrich seine Presseerklärung, „wenn die geplante Verordnung der EU dazu führen würde, dass ausgerechnet der Innovationsfähigkeit der deutschen Automobilhersteller durch eine falsche EU-Politik der Boden entzogen würde.“ Es wäre fatal, schließen wir, wenn man Presseerklärungen der CDU/CSU-Fraktion ungeprüft glauben würde.


Vattenfall: Große Versprechen in Moorburg

Mittwoch, den 20. Februar 2008

Am kommenden Sonntag wird in Hamburg gewählt, und da geht es auch ums Klima: CDU und FDP sind für den Bau eines großen Kohlekraftwerks durch den Energieerzeuger Vattenfall; SPD, Grüne und Linke sowie zwei Drittel der Hamburger lehnen das Projekt im Stadtteil Moorburg ab. Ab 2012 wird das Kraftwerk pro Jahr voraussichtlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen – die Emissionen der Hansestadt würden auf einen Schlag um 70 Prozent anschwellen.

Um das Kraftwerk genehmigt zu bekommen, handelte Vattenfall mit dem CDU-Senat im November eine umstrittene Vereinbarung aus. Darin verpflichtet sich der Konzern zu Umweltschutzmaßnahmen, unter anderem zu einer CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Der Energiekonzern verspricht, „spätestens zum 31.12.2013 genehmigungsfähige Anträge“ für die Zulassung einer solchen Anlage einzureichen und sie drei Jahre nach der Genehmigung in Betrieb zu nehmen. Vattenfall gibt sich damit extrem optimistisch, denn alle Experten gehen von einer Verfügbarkeit frühestens im Jahr 2020 aus. Im CDU-Wahlprogramm steht jedenfalls: „Das neue Kraftwerk soll eine CO2-Abtrennung erhalten und ist damit technologisch wegweisend.“

Das klingt alles sehr schön – aber was ist dran? Auf der Internet-Seite von Vattenfall findet sich neben dem Infotext zum Kraftwerk Moorburg ein Link zu dem „weltweit ersten Pilotprojekt für ein CO2-freies Kraftwerk“.

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Vattenfall baut derzeit in der Lausitz eine Versuchsanlage, um das sogenannte Oxyfuel-Verfahren zu erproben. Doch diese Technologie erfordert ein komplett anderes Anlagendesign als in konventionellen Kraftwerken – eine spätere Nachrüstung mit Oxyfuel ist deshalb nicht möglich. Auf Nachfragen räumt die für Moorburg zuständige Vattenfall-Sprecherin denn auch ein: Dort plane man mit dem „Post Combustion“-Verfahren, einer nachgeschalteten Rauchgaswäsche.

Aber forscht Vattenfall dann in der Lausitz nicht an der ganz falschen Technologie?

Die Sprecherin sagt, man sei finanziell auch noch an anderen Projekten beteiligt und verweist auf eines im norwegischen Mongstad. Dort wollen der norwegische Energiekonzern Statoil und das Energieministerium in einem gasbefeuerten Demonstrationskraftwerk die Post-Combustion-Technologie erproben. Doch zentrale Teile dieses Projekts wurden aufgrund der enormen Kosten gerade erst aufgeschoben. Ob und wann das in Mongstad abgeschiedene Kohlendioxid tatsächlich unterirdisch gelagert wird, steht in den Sternen.

Sicher ist: „Post Combustion“ ist die energieaufwändigste und teuerste von drei derzeit denkbaren CCS-Varianten. Die Technologie „führt zu einer signifikanten Erhöhung der Stromgestehungskosten, bringt einen erheblichen zusätzlichen Brennstoffverbrauch mit sich und reduziert substantiell den Kraftwerkswirkungsgrad“, bilanziert eine Studie des Wuppertal-Instituts. Der Netto-CO2-Austoß einer solchen Anlage reduziere sich übrigens nur um rund 67 Prozent.

So lässt denn auch die Vereinbarung mit dem CDU-Senat für Vattenfall Hintertüren offen, so groß wie Scheunentore. Die Zusage sei nur verbindlich, steht darin, wenn der Einsatz von CCS sich rechne (was bei der derzeit geplanten Technologie besonders unwahrscheinlich ist) und bis dahin die „rechtlichen und technischen Vorraussetzungen“ vorliegen (was angesichts des Forschungsstandes kaum zu erwarten ist).

Falls Vattenfall das Versprechen selbstverschuldet nicht erfüllt, muss das Unternehmen eine Strafe an Hamburg zahlen: 10,5 Millionen Euro. Allein die deutsche Vattenfall-Tochter erzielte 2007 ein Betriebsergebnis von 1,6 Milliarden Euro – vor allem mit seinen Kohlekraftwerken.


Vattenfall: Der Rüpel wird zum Oberlehrer

Freitag, den 8. Februar 2008

Es gibt Meldungen, die braucht man eigentlich gar nicht zu kommentieren. Wenn George W. Bush für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird. Oder McDonalds Ernährungskundeunterricht in Schulen sponsert. Oder Alice Schwarzer sich für Werbeplakate der Bild-Zeitung ablichten lässt.

Nun also diese: Der Energieversorger Vattenfall veranstaltet im Rahmen einer Klimaakademie Unterricht an Schulen in Brandenburg. Ein ähnliches Projekt läuft seit ein paar Wochen in Hamburg. Auch auf der Homepage des Unternehmens wird das Projekt groß angekündigt:
Vattenfall: Der Rüpel wird zum Oberlehrer

Ein – wohl unfreiwillig – wahrhaftiger Slogan, will doch Vattenfall ganz offenbar wirklich ernsthaften Klimaschutz in die nächste Generation verschieben. Mit seinen Kohlekraftwerken ist der Konzern nämlich laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers der zweitgrößte Kohlendioxid-Emittent Europas (Ausstoß 2006: 82 Millionen Tonnen). Und die derzeit im Bau befindlichen Anlagen werden zwar einen etwas höheren Wirkungsgrad haben, aber doch Kohlendioxid-Schleudern bleiben.

Trotzdem hat Vattenfall als Schirmherren für seine „Akademie“ Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) und die Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges Dierig (CDU) einkaufen gewinnen können. Umweltverbände, Grüne und Linkspartei kritisierten das Projekt, denn damit werde der Bock zum Gärtner gemacht.

Das Praktische am Lehrer-Sein ist ja, dass man gar nicht Lügen braucht, um falsches Wissen zu vermitteln. Man braucht nur zu schweigen, zum Beispiel darüber, dass es keinen Energieträger gibt, bei dem pro erzeugter Kilowattstunde so viel Kohlendioxid frei wird wie bei Braunkohle. Dass riesige Kohlekraftwerke einen lausigen Wirkungsgrad haben und Vattenfall die auf der Homepage für Schulen angebotene „Effizienzberatung“ vielleicht selbst gut gebrauchen könnte. Oder dass das „co2-freie“ Vattenfall-Pilot-Kraftwerk in der Lausitz, mit dem Vattenfall bereits geworben hat (was ihm inzwischen aber gerichtlich untersagt wurde), noch ganz ferne Zukunftsmusik ist.

Aber vielleicht sollten wir uns einfach auf den Widerspruchsgeist von mündigen Schülern verlassen? Einen besseren Debattengegner als Vattenfall kann man sich in einer Klimaakademie kaum vorstellen.