Monatsarchiv für Juli 2008

Klein, aber oho (4): X-Leasing München

Mittwoch, den 30. Juli 2008

Echt was Feines hat sich die Münchner Firma X-Leasing ausgedacht: „co2-neutrale“ Leasingfahrzeuge. Gegen Aufpreis, so das Versprechen, werde alles während der Vertragslaufzeit anfallende Kohlendioxid durch neugepflanzte Wälder „kompensiert“. Eine eigene Internetseite gibt es auch, in bewegten Grafiken verwandeln sich dort sieben Autos in wunderschön grüne Urwälder – doch bis auf einen Mini Cooper sind alle präsentierten Fahrzeuge echte Klimakiller wie der Porsche Cayenne (Spritverbrauch: 15,8 l/100 km, Kohlendioxidausstoß: ca. 350 g/km).

X-Leasing könnte den Kunden natürlich auch raten, ein kleineres Auto zu wählen oder generell weniger Auto zu fahren, wenn sie etwas fürs Klima tun möchten. Doch das Unternehmen kennt den „Mythos Auto als Ausdrucksmittel für Individualität, Status und Lebensfreude“, so die Homepage, will aber eine „optimale Dienstleistung für alle Belange rund ums Auto“ anbieten – und dazu zählt nun offenbar auch ein gutes Gewissen. Für drei Jahre Porsche-Cayenne-Fahren kostet es exakt 227,52 Euro.

Bei diesem Angebot kooperiert X-leasing mit dem gemeinnützigen Verein „Prima Klima weltweit“ aus Düsseldorf. Dieser unterstützt seit mehr als zehn Jahren Aufforstungsprojekte; das Geld dafür kommt von Menschen oder Unternehmen, die mittels neuer Wälder ihren eigenen Kohlendioxid-Ausstoß wiedergutmachen wollen. Nun ist es ohne Frage eine feine Sache, Bäume zu pflanzen. Das Prinzip „Klimaneutralität“ aber – den eigenen Treibhausgasausstoß an anderer Stelle wieder einzusparen – wird von vielen Umweltschützern als Ablasshandel kritisiert: Die Kunden kauften sich damit von Verhaltensänderungen frei; und langfristig könne es gar nicht funktionieren, wenn alle Welt immer nur versuche, woanders die CO2-Emissionen zu senken.

Besonders umstritten ist der Ansatz von Anbietern wie „Prima Klima weltweit“, Wälder als Klimakompensation anzubieten. Umweltorganisationen wie der WWF oder das Klima-Bündnis lehnen diese explizit ab. Denn es ist praktisch unmöglich, das von Bäumen im Laufe ihres Lebens gebundene Kohlendioxid präzise zu beziffern. Zudem gibt es Aufforstungsprojekte in der Dritten Welt, bei denen die örtliche Bevölkerung von angestammtem Land vertrieben wird. Und was passiert eigentlich, wenn die neuen Wälder irgendwann abbrennen?

Liest man das Angebot von X-Leasing genau, stößt man auch auf den prinzipiellen Haken an der Klimakompensation durch Wälder – das Problem der Ungleichzeitigkeit:

Nur „linearisiert betrachtet“ bindet der Wald eine (per „Faustregel“) bezifferte CO2-Menge. Im korrekten Zeitverlauf sieht die Sache anders aus: Neugepflanzte Bäume entziehen der Atmosphäre während der ersten Jahre kaum Kohlendioxid, im Gegenteil. Vor allem in jungen Jahren setzen sie bei der Aufnahme von Nährstoffen an den Wurzeln oft mehr von dem Klimakiller frei, als sie aufnehmen. Es dauert also viele Jahre oder gar Jahrzehnte, bis neugepflanzte Bäume die versprochene Menge Kohlendioxid aus der Atmosphäre gefiltert haben – der dafür zahlende Porsche-Fahrer aber stößt das Klimagift heute aus. Den paradoxen Effekt von Waldprojekten hat die Gruppe Carbon Trade Watch in einer Broschüre genau beschrieben („The Carbon Neutral Myth“, zu deutsch: „Der Mythos der Kohlenstoff-Neutralität“, siehe S. 63ff.): Wenn ein Kunde Jahr für Jahr in derartige „Klimakompensation“ investiert, statt sofort CO2 zu sparen, türmt er eine immer größer werdende Bugwelle vor sich auf – weil Jahr für Jahr netto erst mal Treibhausgase freiwerden.

Bei Werbern und Konsumenten sind Waldprojekte wie die von „Prima Klima weltweit“ trotzdem populär, denn es ist so unheimlich einleuchtend, Bäume zu pflanzen. Fürs Klima allerdings ist die Tücke der Ungleichzeitigkeit alles andere als egal. Klimaforscher weisen nämlich darauf hin, dass die Erderwärmung in den nächsten Jahren einen Punkt erreichen könnte, an der sie unumkehrbar wird. Als solcher „tipping point“ gilt etwa das Tauen des sibirischen Permafrostbodens. Sind diese „Kippschalter“ erst umgelegt, wäre der Klimawandel unbeherrschbar, die Erdtemperatur könnte sprunghaft steigen, und die mit dem Geld von Porsche-Fahrern gepflanzten Wälder würden vermutlich eingehen. Ist dann aber auch egal.

P. S.: Die Werbung von X-Leasing hantiert mit Bildern eines tropischen Urwaldes – das sieht besonders grün aus. Die Mehrzahl der Projekte von „Prima Klima weltweit e.V.“ aber liegt nicht in den Tropen, sondern hier in Deutschland.

Danke an Elke D. für den Hinweis


Erwin Huber (CSU): Lügen für die Atomkraft

Montag, den 28. Juli 2008

CSU-Chef Erwin Huber hat am Wochenende der Bild am Sonntag ein Interview, äh, „Heimatgespräch“ gegeben.

Passend zur Überschrift ließ sich Huber von Starfotograf André Rival vor einem Akw ablichten. „Vergleichbares hat sich seit der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 kein deutscher Spitzenpolitiker getraut“, kommentierte Spiegel Online. In dem Interview geht es erst um Hubers „harte Kindheit“ und seine Zeit in der Freiwilligen Feuerwehr – und schließlich um die Atomkraft:

Huber gelingt hier das Kunststück, in drei Sätzen vier Lügen bzw. Halbwahrheiten über die Atomkraft unterzubringen:

Erstens sind (auch wenn es bisher keine Katastrophe wie in Tschernobyl gab) die deutschen Akw nicht sicher - Listen von gravierenden Störfällen gibt es auf den Internetseiten von Greenpeace und den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs.

Zweitens ist Atomstrom nicht „CO2-frei“ – eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums ermittelte 31 bis 61 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde, je nach Herkunft des Urans.

Drittens ist Atomstrom keine „heimische Energiequelle“ – sämtliches Uran für die deutschen Akw muss importiert werden.

Viertens ist Atomstrom nicht der „preisgünstigste, den es auf der Welt gibt“ – sondern nur durch milliardenschwere Subventionen und die Freistellung der Betreiber von den Risiken überhaupt konkurrenzfähig (eine Übersicht findet sich beispielsweise bei Eurosolar oder in einem englischsprachigen Greenpeace-Papier).

Auf die Bitte nach Belegen für Hubers Behauptungen bat die CSU-Pressestelle erstmal um schriftliche Einreichung der Fragen. Am Nachmittag kamen dann die – ebenfalls schriftlichen – Antworten: Erstens habe Erwin Huber in dem Interview doch auch gesagt, dass die Risiken der Kernkraft „beherrschbar“ seien, „der Treibhauseffekt ist es nicht“. Zweitens, ja, es gebe schon Kohlendioxid-Emissionen bei der Atomkraft, aber eben weniger als bei anderen Arten der Energieerzeugung. Etwas komplizierter ist die CSU-Logik zu Punkt 3: Weil Akw (rein volumenmäßig) weniger Brennstoffe bräuchten als Kohlekraftwerke, stehe bei der Atomkraft „die Technologie der Energiegewinnung im Vordergrund“ – und „die Technologie der deutschen Kernkraftwerke stammt aus heimischer Produktion“. Viertens schließlich seien die deutschen Akw längst  abgeschrieben, deshalb fielen – anders als bei neu zu bauenden – Kohlekraftwerken oder Windparks auch keine „Amortisationskosten“ mehr an.

Toll. Dann sollte man die deutschen Akw doch am besten noch tausend Jahre laufen lassen!

Danke an Roland S. für den Hinweis


Mercedes-Benz: Die mit dem Sternchen

Mittwoch, den 23. Juli 2008

Vor ein paar Wochen schrieben wir über eine Mercedes-Benz-Annonce in der ZEIT; mit einer – nun ja – äußerst vorteilhaft gestalteten Grafik hatte der Konzern darin den Kohlendioxid-Ausstoß seiner Fahrzeuge dargestellt. Ein Konzernsprecher hatte damals reichlich gereizt reagiert, als wir diese hinterfragten.

In der letzten ZEIT nun fand sich erneut eine ganzseitige Anzeige zum Thema, erneut stellte die Daimler AG darin die Effizienzfortschritte ihrer Mercedes-Autos heraus. Und erneut rechnete man in einer Grafik den niedrigen Verbrauch der Smart-Baureihen in die Mercedes-Benz-Bilanz hinein. Aber diesmal wurde es wenigstens explizit vermerkt – mit einem kleinen Sternchen.

Eine Darstellung der Verbrauchswerte ausschließlich der Mercedes-Benz-Flotte ist das zwar immer noch nicht. Aber wir rufen trotzdem nach Stuttgart: „Gratulation zu mehr Ehrlichkeit!“


Matthias Wissmann (VDA): Lieber Stau als S-Bahn

Sonntag, den 20. Juli 2008

„Sattelt die Fahrräder – Auslaufmodell Auto?“, lautete das Thema der Anne-Will-Sendung heute abend. Auf einem der dunkelroten Stühle saß Matthias Wissmann, Ex-Bundesverkehrsminister, jetzt Präsident des Auto-Hersteller-Verbandes VDA und ein gewiefter Lobbyist. Er tat seinen Job und redete das Auto schön, leider mit einer falschen Anekdote: Es sei „praktisch unmöglich“, klagte Wissmann, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad das Fernsehstudio zu erreichen, in dem die Sendung aufgezeichnet wurde.

Eine Recherche im Internet-Routenplaner ergibt, dass man mit dem Auto aus Berlin-Mitte (Friedrichstraße) bis zum Studio nach Adlershof 29 Minuten braucht – tagsüber bei Stau kann es sehr leicht sehr viel länger dauern. Die Online-Auskunft der Verkehrsbetriebe BVG berechnet (je nach Verbindung) 39 oder 44 Minuten – nähme man für die letzten Meter vom S-Bahnhof Adlershof bis zum Studio das Rad, ginge es sogar noch schneller. Außerdem spricht für die Bahn (wenn man nicht wie Wissmann einen Chauffeur hat), dass man da die Fahrzeit sinnvoll nutzen und etwa Zeitung lesen kann.

Leider widersprachen weder Anne Will, noch die anderen Gäste Bärbel Höhn (Grüne), Christine Haderthauer (CSU), Waldemar Hartmann (Sportreporter) und Franz Alt (Umweltpublizist) dem Lobbyisten. Vermutlich waren sie auch alle mit dem Auto ins Studio gekommen.

Danke an Günter B. für den Hinweis


Total: Rätselhafte Fragen zum Klimawandel

Freitag, den 18. Juli 2008

Die französische Total S.A. ist der viertgrößte Ölkonzern der Welt und betreibt allein in Deutschland mehr als tausend Tankstellen. Wenn alle Welt über den Klimawandel redet, wird man sich in der Unternehmenszentrale in Paris gedacht haben, dann darf man selbst nicht schweigen. Auch wenn man eigentlich nichts zu sagen hat. Anders ist die Anzeige kaum zu erklären, die sich beispielsweise diese Woche im Spiegel fand.

Ein blauer Himmel über weitem Horizont, dazu ein fröhliches Kind – dies ist nur ein Motiv der weltweiten PR-Kampagne, die sich Total für viele, viele Millionen Euro von der französischen Werbeagentur Harrison&Wolf hat schneidern lassen. „Könnte es sein, dass der Aufbau einer nachhaltigen Energiezukunft auch von der Entdeckung neuer Erdölvorkommen abhängt“, fragt der Konzern da. Na, klar das könnte schon sein, aber es ist äußerst unwahrscheinlich. Genauso gut könnte man fragen: „Könnte es sein, dass die gesunde Zukunft eines übergewichtigen Menschen von der Entdeckung weiterer, leckerer Torten abhängt?“ Nein? Man wird doch wohl noch fragen dürfen.

Beneidenswert gehaltlos ist auch das Kleingedruckte der Annonce:

Auch auf der genannten Unternehmenshomepage sucht man vergebens nach Totals Antworten auf den Klimawandel. Stattdessen gibt es dort ein langweiliges Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden, werden Agro-Kraftstoffe als Mittel gegen den Treibhauseffekt genannt (obwohl das längst zweifelhaft ist), auch das windige Versprechen der unterirdischen CO2-Verpressung fehlt natürlich nicht. Zumindest auf ein Rätsel findet sich dort eine Antwort: Warum nämlich das „Ge“ links oben in der Annonce so komisch aussieht und eine andere Farbe hat: In allen anderen Sprachen beginnt das erste Wort mit den Buchstaben „CO“ – womit zumindest eine entfernte Anspielung an Kohlendioxid und damit den Klimawandel gegeben ist.

Einen Vorteil jedenfalls hat es, nur Fragen zu stellen. Man kommt um – möglicherweise – verlogene Antworten herum.


E.on WasserKraft: Alter Strom in neuen Schläuchen

Mittwoch, den 16. Juli 2008

„Wir freuen uns, treuen Kunden ein ganz besonderes Angebot zu machen“, heißt es in einem Brief, den E.on Bayern in diesen Wochen verschickt. „Wie wäre es, wenn Sie ganz unkompliziert einen Beitrag für eine saubere Zukunft leisten könnten?“ Prima Idee, denkt man. E.on sei, preist sich das Unternehmen in dem Brief, „Deutschlands größter Betreiber von Wasserkraftwerken“ – dabei sollte es für den größten Energieversorger Deutschlands eigentlich selbstverständlich sein, auch die meisten Wasserkraftwerke zu haben. Aber E.on versucht sich ja neuerdings mit vielerlei Mitteln ein grünes Image zu geben.

Egal. Unter dem Namen „E.on WasserKraft“ bietet das Unternehmen nun Strom an, der „komplett aus Wasserkraft gewonnen“ wird. Und dies zu „fairen Konditionen“, wie E.on schreibt – unter „fair“ versteht der Konzern offenbar, den eigenen Preis knapp unter dem von unabhängigen Ökostrom-Anbietern wie GreenpeaceEnergy oder Lichtblick zu kalkulieren. Auf deren umweltbewusste, potenzielle Kundschaft hat der Energieriese es offenbar abgesehen.

Auf dem  Hochglanz-Faltblatt, das dem Brief beiliegt, finden sich liebliche Fotos und blumige Worte – aber auch ein Versprechen, das dieser Zielgruppe besonders wichtig sein dürfte:

Dies Versprechen aber ist zumindest zweifelhaft. Der Strom, den E.on seinen Kunden hier anbietet, stammt nämlich aus den 133 Wasserkraftanlagen, die der Konzern ohnehin betreibt – das sagt E.on auf Anfrage auch ganz offen, und ebenso offen gibt man zu, dass die Einnahmen auch nicht direkt in neue Ökostrom-Erzeugungsanlagen fließen. Die Produktidee von E.on WasserKraft ist so schlicht wie profitabel: Den Wasserstrom, den man ohnehin produziert und der bisher anteilig an alle E.on-Kunden floss, löst der Konzern einfach aus seinem allgemeinen Strommix heraus und verkauft ihn teurer an umweltbewusste Abnehmer.

Im Kleingedruckten des Faltblatts ist dies auch – mit etwas Mühe – zu erkennen. Laut Gesetz müssen Stromanbieter offenlegen, wieviel Gramm des Klimakillers Kohlendioxid sie pro erzeugter Kilowattstunde ausstoßen. Für die von E.on insgesamt in Deutschland erzeugte Elektrizität sind es 299 Gramm. Für Bezieher von „E.on WasserKraft“ werden in dem Werbeblatt null Gramm angegeben – dafür schlagen im Gegenzug bei den restlichen E.on-Kunden 303 Gramm zu Buche. Sie erhalten in ihrem persönlichen Energiemix einfach ein Prozent weniger Wasserstrom – und dafür ein Prozent mehr Atom- und Kohlestrom. Im Klartext: Je mehr E.on-Kunden zum teureren Wasserstrom wechseln, desto höher steigt bei den weniger umweltbewussten Kunden der Kohlendioxid-Wert - aber die interessiert das ja sowieso nicht. Insgesamt und damit fürs Klima ändert sich dadurch nichts.

Lügt E.on also mit dem Versprechen, „WasserKraft“-Kunden erhöhten den „Anteil von sauberem Strom am Gesamtstromaufkommen“? Nein, natürlich nicht, darauf achtet das Unternehmen selbstverständlich. Auf Anfrage erläutert E.on, man schenke doch jedem neuen WasserKraft-Kunden ein Guthaben von 25 Euro. Dies könnten sie auf Wunsch spenden, und zwar für ein „innovatives Wasserkraftprojekt“, sie müssten auf dem Bestellschein nur ein entsprechendes Kästchen ankreuzen. Welche Wasserkraftprojekt dies denn sei und wo es entstehen werde, konnte der Unternehmensvertreter auf die Schnelle aber nicht sagen. Und erwähnte beiläufig, dass sowieso kaum jemand die 25 Euro spende…

Danke an Carl P. für den Hinweis


Sony: Stromsparen ist halt relativ

Freitag, den 11. Juli 2008

Der Elektronikkonzern Sony berichtete im Februar auf seiner Internetseite von einem mit dem WWF ausgerichteten „Climate-Savers-Gipfel“ in Japan. Sony und andere führende Unternehmen hätten dort die „Tokyo Declaration“ unterzeichnet, die unter anderem „die Förderung eines kohlenstoffarmen Lebensstils bei Konsumenten und unseren Kunden“ zum Ziel habe. Das klingt gut.

Kurz darauf brachte Sony eine Innovation auf den Markt, die den verschwenderischen Lebensstil auf ein neues Niveau hebt: Alle Fernsehgeräte der Serien Bravia W4000, E4000 und W4500 sind jetzt mit einem „Picture Frame Mode“ ausgestattet, der auf dem Monitor ein Standbild erscheinen lässt – „eines der sechs vorinstallierten Bilder von Pop Art bis Van Gogh oder das persönliche Lieblingsbild“, wie es in der Presseerklärung zur Markteinführung hieß. Die Idee ist tatsächlich, dass der Fernseher auch dann läuft, wenn man gar nicht fernsieht. Schließlich wirke ein dunkler Bildschirm ja „nicht sonderlich attraktiv.“

Im Rahmen der „Climate-Savers-Initiative“ hatte Sony eine „transparente und konsequente Kommunikation über seine Umweltschutz-Erfolge“ versprochen – und getreu diesem Motto verkauft der Konzern seinen Bilderrahmen-Modus nun als ökologischen Fortschritt: „Die Bravia der W4000-Serie verbrauchen im Picture Frame Mode bis zu zehn Prozent weniger Strom als im Fernsehbetrieb“, heißt es in der Presseerklärung, „und helfen somit, Energie zu sparen.“

Laut den Datenblättern verbrauchen allerdings zum Beispiel die W4000-Geräte im Normalbetrieb je nach Größe zwischen 120 und 225 Watt. Im Bilderrahmen-Modus liegt der Verbrauch demnach immer noch bei rund 100 beziehungsweise 200 Watt – das ist 1000-mal mehr als im Stand-By-Modus. Genauso gut könnte man mehrere herkömmliche Glühbirnen vor sich hin brennen lassen. Wie war das mit „Energie sparen“?

Die Idee des „digitalen Bilderrahmens“ ist übrigens nicht neu – kleine Modelle, die man sich zum Beispiel auf den Nachttisch stellt, sind schon länger zu haben. Das Magazin Focus hat ausgerechnet, dass diese Geräte pro Jahr bis zu hundert Kilowattstunden Strom verbrauchen und Energiekosten von etwa 15 Euro verursachen. Dabei brauchen sie durchschnittlich „nur“ zehn Watt – einen Bruchteil der Bravia-Fernseher. Wer sich auf jeden Fall über die Produkte freuen dürfte, hat Focus aus ausgerechnet: Den Energieversorger brächten die kleinen Bilderrahmen, wenn sich nur jeder vierte Deutsche einen solchen anschaffte, einen zusätzlichen Jahresumsatz von 300 Millionen Euro.

Danke an Tanja M. für den Hinweis


Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

Mittwoch, den 9. Juli 2008

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“, hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu Zweitem bräuchte man eigentlich nur zu sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wie viel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erst mal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des AKW-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.


Audi, BMW & Co: Das sind nicht `unsere Autos´

Samstag, den 5. Juli 2008

Seit mindestens hundertfünfzig Jahren kennen Politiker in aller Welt diese erfolgversprechende Strategie: Wenn man von hausgemachten Problemen ablenken, seine Macht sichern oder andere Interessen bemänteln will, dann ziehe man einfach die nationalistische Karte. In der – wie sich gezeigt hat, häufig begründeten – Hoffnung, das Volk werde schon drauf reinfallen.

Nun haben die deutschen Autokonzerne den Klimawandel so gründlich verschlafen, dass es selbst der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kritisiert. Andere Hersteller bauen längst die gefragteren Wagen. Der deutsche Branchenverband VDA versucht nun, mit einer PR-Kampagne und halbseitigen Zeitungsannoncen dagegenzuhalten.

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Die Internetseite zur Kampagne hat die hübsche Adresse www.unsere-autos.de, und auch das schwarz-rot-goldene Logo appelliert an das Nationalgefühl der Autokäufer.

unsereautos_kl.jpgAuf der Homepage und in der Bild-Zeitung stellt die deutsche Autobranche ihre – vergleichsweise wenigen – klimaschonenden Modelle vor. Bei einem Preisausschreiben sind fünf Autos zu gewinnen, außerdem 500 Testfahrten plus Tankgutscheine. „Dank neuester Technologien aus deutschen Entwicklungsabteilungen sind unsere neuen Autos besonders effizient, spritsparend und umweltfreundlich“, heißt es im Kleingedruckten der Zeitungsannonce.

In der Tat haben die deutschen Autobauer mittlerweile eine Reihe von Fahrzeugen im Angebot, die weniger als 140 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer ausstoßen. Aber besonders eifrig beworben und nach wie vor am häufigsten verkauft werden Modelle mit größeren und deshalb klimaschädlichen Motoren. Und den Wert von 140 g/km hatten sich die Konzerne vor zehn Jahren in einer Selbstverpflichtung nicht für einzelne Autos gesetzt, sondern für ihre gesamte Neuwagenflotte. Seit klar ist, dass sie dieses Ziel um Längen verfehlen, ist von dem einstigen Versprechen kaum noch die Rede.

Wir fragten beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg, wie denn die aktuellen Zahlen aussehen für die deutschen Automobilhersteller. Daten für 2007, hieß es bedauernd, existierten nicht. Aber auch für die vorherigen Jahre gebe es nichts, weil man amtlicherseits nur einen Durchschnittswert für Neuzulassungen ermittle – eine Aufschlüsselung nach einzelnen Marken sei brisant und deshalb politisch nicht gewollt.

Zumindest für das Jahr 2006 aber können wir hier die Zahlen liefern. Durch ein Versehen wurde nämlich im vergangenen Jahr auf der Internetseite der EU-Kommission kurzzeitig eine mehr als 700-seitige Tabelle veröffentlicht, die detailliert Auskunft gibt über den Ausstoß der europäischen Fahrzeugflotten der vergangenen Jahre. Sie kursiert seitdem in Fachkreisen. Für die Marken, die ihre Autos in der Kampagne „Unsere Autos“ anpreisen, ergeben sich daraus diese Zahlen (in der Annonce von links nach rechts): Ford – 157 g/km, Audi – 188 g/km, Mercedes Benz – 192 g/km, Volkswagen – 172 g/km, BMW – 187 g/km, Opel – 161 g/km. Einzig die Marke Smart (ganz rechts) hat mit einem Wert von 119 g/km die Klima-Selbstverpflichtung der Autoindustrie erfüllt. Ausgerechnet diese Autos aber werden nicht in Deutschland, sondern im französischen Lothringen gebaut.

P.S.: Natürlich finden wir es prima, dass die deutschen Automobilhersteller endlich auch Werbung für klimafreundliche Fahrzeuge machen.