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EnBW: Die nicht geschaltete Anzeige

Mittwoch, den 30. September 2015

Das war für die „Energie Baden-Württemberg AG“ eine großartige Woche: Deutschlands drittgrößter Strom-Konzern mit Sitz in Karlsruhe schaltete am vergangenen Freitag folgende Annonce – unter anderem in der weitestgehend Großanzeigen-freien taz:

enbw

Es geht um den zweiten Offshore-Windpark, den die „Energie Baden-Württemberg AG“ betreibt. Seit Mai 2011 drehen sich 16 Kilometer vor der Küste der Ostsee-Halbinsel Darß 21 EnBW-Windkraftwerke. Der Windpark „Baltic 1″ besitzt eine Leistung von maximal 48,3 Megawatt – ein Offshore-Windparkchen sozusagen.

Aber nun ist ja in der vergangenen Woche „Baltic 2″ ans Netz gegangen, 80 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 288 Megawatt arbeiten jetzt gleich neben „Baltic 1″. EnBW ist damit in der Liga der großen Windkraft-Produzenten auf dem Meer angekommen:

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Toll, toll, toll!

Komisch nur, dass der zweite ganz große Höhepunkt der „Energie Baden-Württemberg AG“ in der vergangenen Woche überhaupt nicht gefeiert wurde. Keine Pressemeldung, kein Artikel in der Firmenzeitung, kein großer Bahnhof. Ist EnBW der Höhepunkt womöglich peinlich?

Der Lügendetektor hat mal recherchiert, wie die Anzeige zum anderen großen Event aussehen sollte:

Klima-Rotzpaket

EnBW hat in der vergangenen Woche nämlich nicht nur 288 Megawatt Windkraft-Leistung in Betrieb genommen, sondern auch das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. In Mannheim ging Block 9 mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt ans Netz – mehr als dreimal so viel wie die Windkraftleistung auf der Ostsee.

Und anders als die Windräder muss der Kohleblock mindestens 40 Jahre lang laufen, um die Investitionssumme – 1,3 Milliarden Euro – wieder einzuspielen. „Unser Block 9 wird auch noch nach 2050 am Netz sein und Versorgungssicherheit garantieren. Auf mindestens 40 Jahre Laufzeit ist die Anlage ausgelegt“, erklärt GKM-Vorstand Markus Binder. Und man kann es nicht fassen, dass verantwortliche Wirtschaftsmanager solchen realitätsfernen Quatsch offenbar tatsächlich noch glauben.

EnBW besitzt 32 Prozent am Kraftwerk, „eines der effizientesten Steinkohlekraftwerke Europas“, wie es auf den Seiten derEnergie Baden-Württemberg AG“ heißt. Weshalb die EnBW-Willensbekundung „Wir glauben an die Kraft des Windes“ wie folgt korrigiert werden muss:

Klima-Rotzpaket-klein

Wir danken Adrian T. aus Berlin für den Hinweis


EnBW: Unbescheidene Zukunftsmusik

Mittwoch, den 14. August 2013

The German Times ist eine Monatszeitung aus Berlin, die sich der englischen Sprache bedient. Sie erscheint seit 2007, die Auflage beträgt 60.000 Exemplare. „Wir hielten die Zeit für gekommen, eine Plattform zu schaffen, um europäische Themen kontrovers zu diskutieren“, erklärte Herausgeber Theo Sommer damals gegenüber dem Independent. Jener Theo Sommer, der früher einmal Die Zeit herausgegeben hat.

Ein guter Teil der Auflage wird kostenlos an alle Abgeordneten des Europaparlaments verteilt. Außerdem erhalten alle Parlamentarier und Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten eine German Times. Eben weil die ja wissen sollen, wie die europäischen Themen diskutiert werden. In der jüngsten Ausgabe war Folgendes zu lesen:

enbWo die Energiezukunft startet, das ist natürlich enorm spannend in den Zeiten der Erderwärmung und Energiewende. Wo denn? Wo startet sie denn?

Nun, sehen Sie selbst:

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Die Windräder stehen in der Ostsee, 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß. Auf einem Areal von rund sieben Quadratkilometern drehen sich 21 Windanlagen mit einer Gesamtleistung von 48 Megawatt. Diese erzeugen jährlich 185 Gigawattstunden Strom – genug für rund 50.000 Haushalte.

EnBW bedeutet übrigens Energie Baden-Württemberg. „Wirkliche Pionierleistungen finden oft fern der Heimat statt“, heißt es weiter in der Anzeige. „Wir sorgen dafür, dass Ökostrom nicht nur in aller Munde ist, sondern tatsächlich verfügbar.“

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Das stimmt. Aber nur halb. Baltic 1 heißt der Windpark, er ist wirklich Deutschlands erstes kommerzielles Offshore-Windfeld in der Ostsee. Aber er gehört nur zur Hälfte EnBW – die andere Hälfte besitzen 19 Stadtwerke.

Ans Netz ging Baltic 1 im Mai 2011. Nach dem Branchenreport „Fascination Offshore“ aus dem Jahr 2003 sollte der Park aber ursprünglich doppelt so groß sein und bereits 2005 gebaut werden. Geplant wurde am Projekt schon seit 1997, Anfang 2005 lagen auch alle Genehmigungen vor. Aber weil die Offshore-Technik Neuland ist, zögerte EnBW: Der Anteil von Atomstrom am EnBW-Konzernmix lag damals bei 51 Prozent und es schien, als könne der Ausstieg aus dem Atomausstieg doch noch gelingen.

Auch der zweite Windpark von EnBW verzögert sich. Baubeginn für Baltic 2 war im November 2011, also nach dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg – EnBW hatte versprochen, jetzt richtig ranklotzen zu wollen bei der Energiewende. 32 Kilometer nördlich von Rügen sollten noch in diesem Jahr 80 Windräder ans Netz gehen, bisher aber steht kein einziges. „Wir wollen in Kürze mit dem maritimen Baustart beginnen“, sagt Friederike Eckstein, Sprecherin der EnBW Kraftwerke AG. Dabei wollte EnBW aus diesem Park 2013 schon Strom verkaufen. Eckstein sagt: „Ab 2014 werden dann die Anlagen installiert.“

Den dritten EnBW-Windpark – mit dem schönen Namen „Hohe See“ – hat der Konzern gleich ganz abgesagt. „Aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Diskussion über die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) sowie der damit einhergehenden Unsicherheiten hinsichtlich verbindlicher Termine für die Netzanbindung von Offshore-Windparks verschiebt die EnBW ihre Investitionsentscheidung“, teilte der Konzern vor neun Monaten mit. Still ruht seitdem der See für die „Hohe See“. Zum Jahresende 2013 läuft die Baugenehmigung ab.

Das mit der Zukunft ist ja so eine Sache: Prognosen sind schwierig, weil sie in der Zukunft spielen. Aber es ist natürlich gut, dass EnBW in der German Times einen Debattenbeitrag zu den europäischen Themen leistet. Nur sollten die Baden-Württemberger im europäischen Kontext etwas bescheidener sein: Die Briten und die Dänen sind bei der Offshore-Windkraft wesentlich weiter.

PS:

Noch eine Frage, liebe EnBW: Wenn die Zukunft tatsächlich dort draußen auf dem Meer startet, wieso baut ihr dann zu Hause in Karlsruhe ein neues Kohlekraftwerk? Mit einer elektrischen Bruttonennleistung, die 19 Mal größer ist als die von Baltic 1!


Otto Brenner: Ausgezeichnete Lügen

Donnerstag, den 1. November 2012

Aus Berlin Henriette Wienges

4,8 Milliarden Euro. So viel Steuergeld zahlte das Land Baden-Württemberg wohl insgesamt, um der EdF die Anteile an der Energie Baden-Württemberg abzukaufen – Deutschlands viertgrößtem Stromkonzern. Wir wissen heute: Der Deal war nicht koscher. Im Gegenteil: Er war ein Skandal.

Aufgedeckt hat diesen Andreas Müller von der Stuttgarter Zeitung. Und dafür wurde er nun mit dem 1. Preis der Otto-Brenner-Stiftung für kritischen Journalismus 2012 ausgezeichnet. Nur weil er sich nicht mit vagen Erklärungen zufrieden gab, sondern unermüdlich nachfragte, „erfuhr die Öffentlichkeit vom ganzen Ausmaß des Amtsmissbrauchs zum Schaden der Steuerzahler“, so die Jury, zu der unter anderen Sonia Mikich (WDR), Harald Schumann (Tagesspiegel) und Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) gehören.


Die „Väter“ der Klimaretter-Berichterstattung: Toralf Staud (2. v. l.) und Nick Reimer (3. v. l) gründeten 2007 klimaretter.info und 2008 den klima-luegendetektor.de. Ganz links Bertold Huber von der IG Metall, ganz rechts Sonja Mikich, neue Inlandschefin des WDR. In der Mitte Laudator Harald Schumann. (Foto: Marco Eisenack)

Gewonnen hat auch der Klima-Lügendetektor: In der Kategorie Medienprojekt sind in diesem Jahr dessen Gründer Nick Reimer und Toralf Staud geehrt worden. Der Klimalügendetektor decke mit gut recherchierten Artikeln sogenanntes Greenwashing von Firmen in Werbung auf. In der Klima- und Energiepolitik würden interessierte Konzerne und ihre Lobbyisten sowie folgsame Politiker fortwährend eine Flut von Halbwahrheiten und gelenkter Information verbreiten, so die Jury. „Selbst politischen Kennern fällt es schwer zu erkennen, ob die jeweilige Expertise seriös ist, ob die Annahmen stimmen und die Ergebnisse den Tatsachen entsprechen“, so die Brenner-Jury. Zum Glück gebe es online den Klima-Lügendetektor.

Mit den dort veröffentlichten Analysen und Kommentaren setzen die Autoren nach Auffassung der Jury „ebenso fachkundig wie zuverlässig Fakten und Aufklärung gegen Irreführung und Propaganda“. Schnell und auch unterhaltsam werden alle, die Bescheid wissen wollen, hier auf den aktuellen Stand gebracht. Die Jury nennt das Angebot der Redaktion eines, „das vorbildlich den Nutzen von kritischem Journalismus demonstriert“. Die beiden Kollegen würden „fachkundig und zuverlässig Fakten und Aufklärung gegen die ganze Irreführung, wie sie in der Klima- und Energiepolitik seit vielen Jahren gang und gäbe ist“, erklärte Jurymitglied Harald Schumann in seiner Laudatio.

Er empfinde eine „tiefe Demut“, sagte Nick Reimer nach der Preisverleihung. „Die anderen Preisträger haben im ablaufenden Jahr wirklich herausragendes im deutschen Journalismus geleistet. Und da gehören wir jetzt also auch dazu.“ Und Toralf Staud, lange Jahre Kopf des Klima-Lügendetektors, sagte: „Die Zeit, in der die Druckerschwärze den journalistischen Qualitätstakt bestimmt, ist längts vorbei. Wir sind der lebende Beweis“.

Der 2. Preis war Wilfried Huismann für seinen Film „Der Pakt mit dem Panda“ zugesprochen worden, der hinter die Öko-Fassade des WWF schaut. Huismanns größte Tat war sicherlich, seine Recherche gegen die spitzfindigen Anwälte des WWF zu verteidigen: Der Film weist nach, wie stark die Umweltschützer vom Kapital gekauft sind und nach dessen Pfeife tanzen.

Mit dem 3. Preis wurden Stefan Koldehoff und Tobias Timm für ihr Buch „Falsche Bilder – Echtes Geld“ über die Abgründe des Kunstmarktes ausgezeichnet. Gewinner des Spezial-Preises sind Hauke Wendler und Carsten Rau mit ihrem Film „Wadim“ (NDR) über den Selbstmord eines Asylbewerbers. Eine weitere Ehrung ging an Anne Lena Mösken von der „Berliner Zeitung“.


Das Kritischste, was der deutsche Journalismus 2012 zu bieten hatte: Die Preisträger der Otto-Brenner-Jury. (Foto: Marco Eisenack)

Namhafte Konkurrenz also. Während aber hinter all den anderen Preisträgern Verlage, Redaktionen, Sendeanstalten nebst juristischem, logistischem oder finanziellem Beistand stehen, steht hinter dem Klima-Lügendetektor „nur“ die Leserschaft. Dies mache das Projekt „besonders, aber eben auch besonders anfällig“, so Laudator Harald Schumann. Ohne stärkere Unterstützung sei absehbar, dass die Redaktion die wichtige Rechercheleistung nicht mehr erbringen könne. „Der Preis ist ein kleiner Beitrag, die Lücke finanziell zu stopfen“, sagte Schumann – immerhin 2.000 Euro Preisgeld sind ausgelobt. „Vor allem aber soll mit dem Preis klar gemacht werden: Wir brauchen den Lügendetektor“.

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Naturenergie: Alter Strom mit neuem Marketing

Donnerstag, den 24. März 2011

Werber glauben offenbar, Recyclingpapier sei immer noch schmutzigbraun. Diese Grundfarbe hat sich jedenfalls die Firma Naturenergie verpassen lassen – für ihre Internetseite, für Infobroschüren oder auch für die Werbebanner, die derzeit zum Beispiel auf SpiegelOnline laufen.

Durch „die Verwendung von Naturpapier als Gestaltungselement“ und einen insgesamt „ungeschminkten Look“ werde ein „glaubwürdiger Markenauftritt“ geschaffen, erklärt die Stuttgarter PR-Agentur Strichpunkt ihr Werk. Aber wie glaubwürdig ist das Produkt?

Naturenergie verspricht „Strom aus 100 % Wasserkraft“, komplett ohne CO2-Emissionen, und es entstünden auch „keine radioaktiven Abfälle“. Wer zu Naturenergie wechsle, der leiste einen „Beitrag zum Klimaschutz“. Nun, der Strom stammt tatsächlich aus Wasserkraft. Doch was das Angebot fürs Klima bringt, ist fraglich. Denn die Kraftwerke von Naturenergie (übrigens nicht zu verwechseln mit der Marke Naturstrom, die von Umweltverbänden empfohlen wird) gehören zu den ältesten Europas, teilweise gingen sie bereits 1898 in Betrieb. Die Energie aus solchen Altanlagen gehört seit Jahrzehnten zum normalen deutschen Strommix. Wenn er plötzlich unter einem eigenen Markenzeichen (und mit Aufpreis) an Öko-Kundschaft verkauft wird, bringt das der Umwelt nichts – denn die Energie, die die restlichen Kunden in Deutschland bekommen, wird durch das Ausgliedern des Wasserstroms schlicht ein Stückchen dreckiger.

Ein besonderes G’schmäckle bekommt das Angebot dadurch, dass Naturenergie eine Tochter von EnBW ist, dem viertgrößten deutschen Stromkonzern. Kein Versorger, schrieb kürzlich der Energiewissenschaftler Uwe Leprich in einer Studie für Greenpeace, setze so sehr auf Atomkraft. Mehr als die Hälfte des EnBW-Gewinns stamme allein aus dem Betrieb der vier konzerneigenen Akw, zweitwichtigstes Standbein sei die klimaschädliche Kohleverstromung. Dagegen hinke das Unternehmen bei erneuerbaren Energien hinterher, gerade 0,4 Prozent seines Stroms stamme derzeit aus „neuen“ Ökostromanlagen, etwa aus Solar- oder Windparks, aus Biomasse- oder Erdwärmekraftwerken.

Man könnte meinen, in einer solchen Lage (und bei einem solchen Marketingauftritt) müsse ein Konzern besonders stark in Erneuerbare Energien investieren. Was aber kündigte Vorstandschef Hans-Peter Villis auf der letzten Bilanzpressekonferenz an?


Deutsches Atomforum: Flexibel tricksen

Donnerstag, den 23. September 2010

Gerade hat die Bundesregierung die heißesten Träume der Atomlobby verwirklicht, für die längst abgeschriebenen und deshalb hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW soll es satte Verlängerungen der Laufzeiten geben. Wohl um diesen Erfolg zu feiern, hat das Deutsche Atomforum – etwa im Spiegel - ein weiteres Motiv seiner berühmt-berüchtigten „Klimaschützer-Kampagne“ geschaltet.

Ein paar Windräder sind dort neben einem Reaktor zu sehen, dazu der Spruch: „Kernkraftwerk Unterweser und Windenergie: CO2-Ausstoß = Null“. Diese offenkundige Lüge übergehen wir heute mal (sie wurde bereits hier widerlegt), sondern schauen ins Kleingedruckten der Annonce:

Dies ist ein ziemlich neues Argument der Atomlobby, vor wenigen Jahren noch versuchte sie die Erneuerbaren als Gutmenschen-Spinnerei abzutun. Und weiter:

Komisch, dass Umweltverbände, Wissenschaftler und die Branche der Erneuerbaren Energien das glatte Gegenteil sagen. Erst diese Woche wieder betonte der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung: „Kernkraftwerke können aufgrund ihrer technischen Eigenschaften nur bedingt zum Lastfolgebetrieb eingesetzt werden, können also die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien nicht flexibel genug ergänzen.“

Was stimmt denn nun?

Wie so oft bei gekonnter Grünfärberei: Es stimmt beides! Denn in der Tat können Atomkraftwerke ihre Stromproduktion dem Bedarf anpassen, wie es das Atomforum behauptet, die Eignung für diesen sogenannten „Lastfolgebetrieb“ wurde bei der Konstruktion berücksichtigt. Die spannende Frage ist aber, wie stark und wie schnell lassen sich Kernreaktoren hoch- und runterregeln?

Hierzu hat das Institut für Energiewirtschaft (IER) der Universität Stuttgart im Oktober 2009 im Auftrag von Eon eine ausführliche Studie vorgelegt. Detailliert wird darin die Regelbarkeit von Druckwasser- und Siedewasserreaktoren erörtert – mit dem Ergebnis, die Kritik an mangelnder Regelbarkeit sei „aus technisch-betrieblicher Sicht nicht haltbar“. Doch schaut man genau hin, dann bestätigt die Studie (siehe dort Seite 24) sogar, dass Gaskraftwerke schneller und dynamischer regelbar sind als Atomkraftwerke und deshalb besser geeignet sind als Stütze für die stark schwankende Windkraft. Die Reaktoren von Eon & Co. könnten laut Gutachten zwar um 40 bis 80 Prozent gedrosselt werden – wenn dies aber nicht genügt und sie wegen eines reichlichen Angebots von Ökostrom ganz abgeschaltet werden müssen, dann brauchen Atomkraftwerke mehrere Tage, um wieder angeworfen zu werden.

Genau solche Situationen, das hat im Auftrag des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) das Fraunhofer-Instituts IWES in Kassel simuliert, werden bei starkem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht mehr die Ausnahme sein, sondern die Regel. Schon im Jahr 2020 müssten die deutschen Atomkraftwerke 629-mal vom Netz genommen werden, errechnete die Universität Flensburg in einer Studie im Auftrag des Ökostrom-Anbieters Lichtblick (siehe dort Seite 17).

Die Eon-Auftragsstudie hingegen verneint derartige Probleme. Ihr kategorisches Fazit steht jedoch in gewissem Widerspruch zum Gutachtentext; die dortige Schilderung nämlich (ab Seite 33), wie bei hoher Windkrafteinspeisung doch noch Reaktoren am Netz gehalten werden könnten, klingt reichlich kompliziert und wirkt eher wie ein Beleg für die erwartbaren Schwierigkeiten. Und offenbar funktioniert das Eon-Szenario auch nur dann, wenn Pumpspeicherwerke überschüssigen Strom aus inflexiblen Kohle- und Kernkraftwerke puffern – doch diese Pumpspeicherwerke werden dafür nicht zur Verfügung stehen, in allen offiziellen Energieszenarien sind sie nämlich bereits als Puffer für Windkraftanlagen fest verplant!

Noch weitere Unstimmigkeiten fallen am Eon-Gutachten auf; der wichtigste Punkt ist, wie so oft, eine Rahmenannahme. Die Autoren schreiben (auf Seite 12):

Dies aber sind falsche Zahlen! Die Bundesregierung geht für 2020 schon von 38,6 Prozent Ökostrom-Anteil aus (die Branchenlobby BEE hält gar 47 Prozent für möglich), als Ziel für 2030 nennt die Regierung in ihrem neuen Energiekonzept 50 Prozent. Das Eon-Gutachten geht also von zu niedrigen Ökostrom-Anteilen an, dadurch sind auch die Einspeise-Schwankungen im Netz kleiner – und damit der Regelbedarf der Kernkraftwerke, mithin das Problem, das die Studie eigentlich untersuchen sollte.

Vielleicht sollte man doch eher auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen hören – also auf Leute, deren Arbeiten nicht von Eon bezahlt wurden?

P.S.: Kommende Woche schauen wir uns einmal an, welche Behauptungen die Atomlobby vor gut zehn Jahren in ihren Anzeigen aufstellte – und was daraus wurde.


Eon & Co.: Energievergangenheit für Deutschland

Samstag, den 21. August 2010

Sie müssen wirklich mächtig Fracksausen haben, die Herren in den Chefetagen der vier Akw-Betreiber Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Sie sind enttäuscht von Schwarz-Gelb – versprochen waren ihnen satte Laufzeitverlängerungen für die hochprofitablen Alt-Reaktoren, doch die wackeln; stattdessen soll nun erstmal eine milliardenschwere Brennelementesteuer kommen. bdi_energiepolappell1Letzte Woche drohten die Konzerne, ihre Meiler einfach abzuschalten (und wunderten sich, dass dies kaum jemanden schreckte – im Gegenteil). Nun hat die Atomlobby eine beispiellose PR-Kampagne gestartet: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen lässt man 40 mehr oder weniger alte Männer aus Wirtschaft, Politik und High Society für sich auftreten (es ist tatsächlich nicht eine einzige Frau dabei!) – darunter sind Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Fußballer Oliver Bierhoff. Dahinter stehen der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und ein eigens gegründeter Verein „Energiezukunft für Deutschland“, der in Essen unter der Eon-Adresse residiert.

Der Anzeigentext unter der Überschrift „Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft“ ist ein gekonnter Mix aus scheinbar wohlwollenden Öko-Phrasen und clever gequirlten Unwahrheiten. Schauen wir uns einige Passagen genauer an:

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Gleich im ersten Satz der Annonce beginnt die geschickte Besetzung von Begriffen: Stünde das Wörtchen „sicher“ für die garantierte Abwesenheit unbeherrschbarer Risiken, dann schiede die Atomkraft sofort aus. Selbst die Bedeutung „verlässlich“ ist für Akw weit hergeholt – denn selbst die vermeintlich so zuverlässigen deutschen Reaktoren stehen immer wieder wegen Störfällen still, zudem müssen solche Großkraftwerke in den zunehmend heißen Sommern gedrosselt oder abgeschaltet werden (also genau dann, wenn große Mengen Strom für Klimaanlagen gebraucht werden), weil in den Flüssen das Kühlwasser knapp wird. Was also meinen die Stromkonzerne mit „sicher“? Offenbar nur, dass ihre Großanlagen rund um die Uhr dieselbe Menge Strom liefern. Wenn aber künftig mehr und mehr Strom aus fluktuierenden Quellen wie der Windkraft ins Netz fließt, dann sind die schwer regelbaren Atom- oder Kohlekraftwerke keine „sichere“ Energiequelle, sondern eine Gefahr für die Stabilität der Stromnetze.

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Klingt super, oder? Dieser Aussage können auch wir zustimmen. Doch Atomstrom ist – bei vollständiger Betrachtung und Einbeziehung beispielsweise der Emissionen aus Uranförderung und -anreicherung – überhaupt nicht CO2-frei. Laut einer Studie des Öko-Instituts werden für jede Kilowattstunde Strom aus den Reaktoren von Eon, RWE & Co. rund 32 Gramm Kohlendioxid freigesetzt. Dies lassen die Initiatoren der Annonce unter den Tisch fallen, sie wollen mit der Formulierung ihre riskanten und strahlenden Akw grünwaschen.

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Solches Eigenlob ist hierzulande üblich, aber völliger Quatsch. Der deutsche Treibhausgas-Ausstoß liegt mit mehr als zehn Tonnen pro Kopf deutlich über dem europäischen Durchschnitt von knapp neun Tonnen – und beträgt etwa das Zweieinhalbfache des weltweiten Durchschnitts von gut vier Tonnen. Ein Grund dafür sind die vielen, besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke von RWE und Vattenfall. Und der Rückgang der deutschen Emissionen seit 1990 geht neben dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft vor allem auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die Ökosteuer zurück – beides sind rot-grünen Projekte und wurden von kaum jemandem so heftig bekämpft wie von den vier Stromriesen und dem BDI.

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Diese Passage ist der demagogische Höhepunkt der Annonce. Energiekonzerne wie Eon und RWE machen jedes Quartal Milliardengewinne – nicht zuletzt wegen großzügiger Ausnahmen im CO2-Emissionshandel und Steuervorteilen für die Atomkraft. Eine Brennelementesteuer würde der Kernenergie zumindest einen Teil ihrer finanziellen Privilegien nehmen. Und ökonomisch ist die Sache natürlich genau andersherum als in der Anzeige suggeriert: Steuern und Abgaben auf umweltschädliche Brennstoffe wie Kohle oder Uran sorgen dafür, dass Investitionen in Erneuerbare Energien rentabler werden. Sie lenken Investitionen in die ökologisch richtige Richtung. Wenn die Konzerne weiter in alte Energien investieren wollen, bitteschön. Dafür staatliche Unterstützung einzufordern, ist reichlich frech.

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Hier sehen wir einen altbekannten Propagandatrick: Man picke mit der Solarkraft die allerteuerste Erneuerbare Energie heraus und verschweige, dass etwa Windstrom längst so billig ist, dass er – zum Nutzen der Endkunden – die Börsenpreise für Strom drückt. Zudem werden die Milliardensubventionen ausgeblendet, mit denen hierzulande die Kernforschung gefördert wurde und wird – und milliardenschwere Folgekosten etwa für die Sanierung des abgesoffenen Atomlagers Asse verschweigt man sowieso. Schließlich: Kernenergie mag in der Erzeugung relativ billig sein – aber die niedrigen Betriebskosten der Alt-Akw erhöhen vor allem die Gewinnspanne von Eon, RWE & Co., bei den Endkundenpreisen kommt davon praktisch nichts an.

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Dies ist die Schlusspassage der Annonce – und deshalb besonders reich an Verdrehungen und Lügen. Natürlich, von heute auf morgen ist eine hundertprozentige Versorgung mit Ökostrom nicht zu machen. Es geht aber viel schneller, als Energiekonzerne und Großindustrie behaupten - das zeigen unter anderem Studien des Umweltbundesamtes, des Sachverständigenrates der Bundesregierung zu Umweltfragen, des Bundesumweltministeriums oder auch von McKinsey. Große Kohle- und Atomkraftwerke sind – wie schon erwähnt – gerade keine „flexiblen Partner“ für die Erneuerbaren, vielmehr werden als Back-up etwa für die Windkraft künftig schnell regelbare Gaskraftwerke gebraucht. Die deutschen CO2-Minderungsziele sind gut und preiswert auch ohne Akw erreichbar - mit Atomkraft könnte es in der Tat etwas billiger werden, dafür würde man sich aber die Risiken dieser Technologie einhandeln.

Und der letzte Satz vermischt schlicht Betriebs- und Volkswirtschaft: Es mag im Eigeninteresse der Stromkonzerne sein, die abgeschriebenen Atommeiler länger laufen zu lassen, mit dem Gemeininteresse hat das herzlich wenig zu tun. Ein baldiger Ausstieg aus der Atomkraft würde nicht gesellschaftliches Kapital, sondern private Profite in Milliardenhöhe vernichten. Um das zu verhindern, kann man schonmal ein paar Milliönchen Euro für ganzseitige Anzeigen springen lassen und darin die Wahrheit verdrehen.


Jürgen Rüttgers: Ein Herz für RWE & Co.

Montag, den 8. Dezember 2008

Noch vier Tage bis zum Showdown in Brüssel, bis zum Beschluss über das EU-Klimapaket. Über Jahre wird damit der Kurs abgesteckt für die Klimapolitik, weshalb das Kriegsgeschrei immer lauter wird. Ein CDU-Ministerpräsident nach dem anderen betätigt sich als Lautsprecher der deutschen Kohlelobby, nach Stanislaw Tillich aus Sachsen plappert nun auch Jürgen Rüttgers die Propaganda von E.on, RWE, Vattenfall & Co. nach. In seiner heutigen Ausgabe zitiert das Magazin Focus den nordrhein-westfälischen Regierungschef mit den Worten:

Dieses Argument ist bei der Industrie beliebt, wird aber nicht wahrer, wenn es nun auch Politiker wiederholen. Denn die Kosten für die Kohlendioxid-Zertifikate haben die Stromversorger schon längst auf die Strompreise draufgeschlagen, obwohl sie bisher 90 Prozent der Papiere geschenkt bekommen. Vor allem den Betreibern von Kohlekraftwerken beschert dies zwischen 2008 und 2012 dicke Sondergewinne; nach Berechnungen des Öko-Instituts spülen die bisherigen Regeln des EU-Emissionshandels allein E.on elf Milliarden Euro in die Kassen, RWE kann sich demnach über neun Milliarden, Vattenfall über 6,6 Milliarden, EnBW über sechs Milliarden und Evonik über 2,3 Milliarden Euro freuen.

Ab 2013 sollen die Energieerzeuger endlich vollständig bezahlen für die Emissionszertifikate, die sie laut EU-Recht vorweisen müssen, um CO2-emittierende Kraftwerke zu betreiben. Die Brüsseler Kommission schlägt vor, die Papiere unter den Unternehmen zu versteigern, und bisher war auch Deutschland dafür. Die Stromriesen aber wehren sich heftig, und es scheint, als knicke die Regierung Merkel – wieder mal – ein.

Dabei ist die Versteigerung sogar nach Ansicht von DB Research, der Denkfabrik der Deutschen Bank, eine sinnvolle Sache. Und die Umweltstiftung WWF kommt nach einer detaillierten Studie zum Ergebnis, dass eine Versteigerung „wenig Auswirkung auf die Großhandelsstrompreise“ haben würde. WWF-Expertin Juliette de Grandpré bringt denn auch auf den Punkt, worum es bei dem Streit eigentlich geht: Die Frage ist nicht: Steigen die Strompreise aufgrund der Versteigerung im Emissionshandel? Sondern vielmehr: Was passiert mit dem Geld? Wandert es direkt in die Kassen der Konzerne oder fließt es zurück zum Staat und kann sinnvoll zum Schutz des Klimas eingesetzt werden.“

Würden die EU-Pläne Wirklichkeit, würde also nicht der Strompreis automatisch steigen, sondern die Profite von E.on, RWE, Vattenfall & Co. automatisch sinken.


Stromlücke (4): Geheime Zahlen bei der Dena

Freitag, den 21. März 2008

Die „Stromlücke“ wird immer größer – bzw. die Lautstärke, in der über sie geredet wird. Nach Energielobby und RWE warnte diese Woche nun die dena, die Deutsche Energieagentur, vor drohendem Strommangel. Die Agentur gehört mehrheitlich dem Staat, ihr laufender Haushalt – so berichtete vor ein paar Wochen die taz – wird aber zur Hälfte von den großen Energiekonzernen finanziert.

Am Montag saßen im Bundeskanzlerinnenamt die Chefs der Energieriesen beisammen; am Dienstag titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Strom wird 2012 in Deutschland knapp“. Das Blatt berief sich im zugehörigen Text auf „eine Untersuchung“ der dena, die der Runde am Montag „vorgelegt“ worden sei. Die Kurzstudie habe den künftigen Strombedarf mit der „gesicherten Kraftwerksleistung“ verglichen. Ergebnis: Ab 2012 stehe zu wenig Erzeugungskapazität zur Verfügung, um Verbrauchsspitzen abzudecken. Bis 2020 summiere sich diese Lücke auf knapp 12.000 Megawatt, was etwa 15 großen Kraftwerksblöcken entspreche. Ebenfalls am Dienstag berichtete das Handelsblatt im selben Tenor, auch die Wirtschaftszeitung hatte also ein Exemplar des Papiers erhalten. Am Gründonnerstag bekräftigte dena-Chef Stefan Kohler in der Braunschweiger Zeitung die Angaben noch mal und warb für Kraftwerksneubauten.

Die Deutsche Energie-Agentur steht mit ihren Zahlen in Widerspruch zur Bundesregierung und zum Umweltbundesamt, und gern hätten wir die Berechnung geprüft und nachvollzogen. Ein dena-Sprecher teilte allerdings mit, dass die Studie intern sei und Herr Kohler im Urlaub – versprach aber, die Zahlen in Kürze zu veröffentlichen.

Die Erneuerbare-Energien-Branche kritisierte am Donnerstag, die dena habe das Ausbautempo von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie krass unterschätzt, wenn sie zwischen 2010 und 2030 von einer Stagnation der regenerativen Erzeugungskapazitäten ausgehe. In der Tat wurden offizielle Prognosen zu Öko-Strom regelmäßig von der Wirklichkeit überholt: Rot-Grün hatte einst 12,5 Prozent bis 2010 angepeilt – und war dafür der Phantasterei gescholten worden. Diese Marke aber wurde schon 2007 (mit 14 Prozent) überboten.

Laut Handelsblatt und FAZ macht die dena in ihrer Kurzstudie einen Vorschlag zur Deckung der „Stromlücke“: Aufschub des Atomausstiegs – nun kann man sich zusammenreimen, wie das dena-Papier wohl an die beiden Redaktionen gelangt sein wird. Zur Erinnerung: Rot-Grün hatte sich mit den vier großen Energieversorgern auf verkürzte Laufzeiten für deren Atomreaktoren geeinigt und für jeden sogenannte „Reststrommengen“ vereinbart, die bis zur Abschaltung noch erzeugt (und höchst profitabel verkauft) werden dürfen. Just die Meiler, die unter der gegenwärtigen Regierung an ihre Grenzen gelangt wären, standen nun monatelang wegen „Wartungsarbeiten“ still. Kritiker vermuteten, die Konzerne wollten sich damit über die nächste Bundestagswahl retten – in der Hoffnung, dass dann Schwarz-Gelb regiere und der Atomausstieg kippt. Diese Unterstellung war bisher von den Konzernen zurückgewiesen worden.

Nun aber schreibt die FAZ offenherzig: „Die Chefs von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW sicherten im Kanzleramt … zu, man werde kein Kernkraftwerk vor der Wahl im Herbst 2009 schließen. Sie würden vielmehr so betrieben, dass die jeweils zugestandene Reststrommenge einen Betrieb über den Wahltermin hinaus erlaube.“ Wegen der drohenden „Stromlücke“ soll die Öffentlichkeit also auch noch dankbar sein, dass die bekanntermaßen riskante Atomtechnologie weiterläuft.


EnBW: Zahlenspiele mit Atom- und Wasserkraft

Donnerstag, den 10. Januar 2008

Die „German Times“ ist eine englischsprachige Monatszeitung, die seit Frühjahr 2007 in Berlin erscheint. Sie richtet sich an die politische Klasse Europas. Ein guter Teil der Auflage (nach eigenen Angaben 50.000 Stück) wird kostenlos an alle Abgeordneten des Europaparlaments verteilt, außerdem an alle Parlamentarier und Regierungen der Mitgliedsstaaten, an die EU-Kommission und, wie der Verlag beim Start des Blattes mitteilte, „nicht zuletzt an die wichtigsten europäischen Entscheider der Wirtschaft“.

Ein höchst attraktives Medium also für die Imagewerbung von Großunternehmen. Und so findet sich in der Ausgabe 1/2008 eine ganzseitige Anzeige von EnBW, dem viertgrößten Energiekonzern Deutschlands. Unter einem riesigen Foto von der Baustelle des Wasserkraftwerkes Rheinfelden steht da: Do we have...

 

 

 

 

(Zu deutsch etwa: „Haben wir die Energie, neue Energien zu entwickeln?“) Und weiter: „EnBW hat mehr CO2-freie Energie als jeder andere deutsche Energieversorger. Vor allem Wasserkraft. Aber auch Atomenergie. Das hilft uns, Erneuerbare Energiequellen zu entwickeln. Ohne dass uns in der Gegenwart die Energie ausgeht.“

Das alles ist mit Bedacht formuliert, denn will EnBW nicht lügen. Denn natürlich gibt es Anbieter, die pro Kilowattstunde (kWh) erzeugten Stroms weniger Kohlendioxid ausstoßen als EnBW. Oder bei denen der Anteil von klimaschonendem Strom am Gesamtabsatz größer ist. Die sogar zu hundert Prozent CO2-freien Strom verkaufen. (Im EnBW-Konzern beträgt der Anteil Erneuerbarer Energien laut eigener Homepage nur 17 Prozent.) Aber diese Öko-Konkurrenten sind viel kleiner als EnBW, in absoluter Menge gerechnet „haben“ sie deshalb tatsächlich weniger CO2-freie Energie als der Branchenriese aus Karlsruhe.

Mehr als die Hälfte der Anzeige füllt ein Bild des Wasserkraftwerkes. Und auch im Anzeigentext heißt es, man habe „vor allem Wasserkraft“. Das aber darf man nun nicht mengenmäßig verstehen. Denn der Anteil von Atomstrom am EnBW-Konzernmix ist mit 51 Prozent dreimal so hoch wie alle Erneuerbaren Energien zusammengenommen. Und höher als bei allen anderen deutschen Stromkonzernen – weshalb pro kWh EnBW-Strom fast doppelt so viel Atommüll anfällt als im Bundesdurchschnitt.

Da fällt der offensichtlichste Fehler Schnitzer fast nicht mehr ins Gewicht: Atomkraftwerke mögen zwar weniger Kohlendioxid ausstoßen als Kohlekraftwerke, doch „CO2-frei“ sind sie nicht. Das Öko-Institut hat für deutsche AKW einen Ausstoß von mindestens 31 Gramm Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde ermittelt (wenn das Uran aus Russland kommt, erhöht sich der Wert wegen des dort wenig ökologischen Brennstoffgewinnung schon auf 62 Gramm).