Monatsarchiv für Juni 2013

Stahllobby: Teil des Problems, nicht der Lösung

Dienstag, den 25. Juni 2013

Die Sommerferien haben in den ersten Bundesländern begonnen. Wer jetzt (klimafreundlich) mit dem Zug in den Urlaub fährt und im Bordmagazin DB mobil blättert, stößt in einem Beiheft auf dieses Motiv:

stahlindustrie_klima1Die Annonce ist Teil einer 16-seitigen Beilage mit dem Titel Faszination Stahl, verantwortet und bezahlt vom Stahl-Informations-Zentrum, dem Lobby-Verband der deutschen Stahlindustrie. Darin geht es unter anderem um den New Yorker Kitsch-Künstler Jeff Koons, der aus Stahl bunte Luftballons schmiedet, die phantastisch federleicht aussehen. Um ein 132 Meter langes Schiff, das in der Nordsee beim Bau von Windparks hilft. Und um „Spezialstahl für die Energiewende“, also für Windkraftanlagen, Turbinengetriebe und so. Sehr nett! Daneben lässt man den Chef der Deutschen Energieagentur dena und Beinahe-RWE-Manager Stephan Kohler altbekannte Argumente der Stahlwirtschaft aussprechen: „Die Energiewende darf nicht dazu führen, dass der Industriestandort Deutschland gefährdet wird“ – mit diesen Worten wehrt sich die Branche gern (und erfolgreich) gegen eine volle Beteiligung an den Kosten der Energiewende.

Natürlich darf – im Mülltrennermusterland – der Verweis aufs Recycling nicht fehlen. Auf Seite 9 findet sich diese Grafik:

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Doch dies, liebe Stahllobby, ist glatt gelogen! Es gibt keinen „ewigen Kreislauf“. Erstens unterschlägt die Kreislaufphilosophie elegant 70 Prozent der Stoffströme – Abraum aus der Eisenerz-Förderung beispielsweise, der ganz am Anfang des sogenannten „Kreislaufes“ steht. Zweitens gewinnt kein noch so guter Recyclingprozess hundert Prozent eines Stoffes zurück – nicht einmal bei Gold. Legt man eine (technisch bereits anspruchsvolle) Rückführquote von 75 Prozent zugrunde, sind nach 15 Durchläufen von der ursprünglich eingesetzten Menge 99 Prozent verschwunden. Drittens schließlich: Energie ist nicht recycelbar. Im Gegenteil, die Kreislaufwirtschaft selbst ist sehr energieintensiv! Beim Einsammeln der Schrottmetalle, bei Transport, Trennen, Wiederaufarbeiten, überall wird Energie gebraucht.

Natürlich bemüht sich die Stahlindustrie, schon der Kosten wegen, ums Energiesparen. Doch was sie gern unter den Tisch kehrt, hat im vergangenen Jahr die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) festgehalten:

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Weltweit nämlich nimmt laut einer PwC-Studie die jährlich produzierte Stahlmenge rasant zu, laut Prognose zwischen 2010 und 2025 um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr auf rund 2,56 Milliarden Tonnen. Pro Tonne Stahl entstehen – je nach Herstellungsprozess – zwischen 1,8 und 1,4 Tonnen Kohlendioxid. Grob überschlagen könnte die Stahlbranche 2025 also für mehr als vier Milliarden Tonnen Treibhausgas verantwortlich sein. Während alle Welt Emissionen mindern will, legt die globale Stahlwirtschaft rasant zu. Schon um den Klimagas-Ausstoß der Branche zumindest stabil zu halten, wären Effizienzverbesserungen nötig, die PwC „unrealistisch“ nennt. 

Wenig überraschend redeten dieselben Lobbyisten, die sich heute als Klimaschutz- und Energiewende-Fan aufspielen, noch vor ein paar Jahren ganz anders. Als der damalige grüne Umweltminister im Jahr 2003 während des Tauziehens ums Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Stahlbranche darauf hinwies, dass ein Boom der Windkraft auch ihr nützen werde, holzte der damalige Präsident des Branchenverbands, Dieter Ameling, zurück:

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Heute jubelt die Lobby im Kleingedruckten ihrer DB-mobil-Annonce: „Windräder bestehen zu rund 82 Prozent aus Stahl.“ Wie die Zeiten sich ändern…

Aber, Moment: Ameling, Ameling – kennen wir den Namen nicht irgendwoher? Ja, genau: Der Herr – mittlerweile pensioniert – ist unter die Klimaleugner gegangen und beschäftigte uns hier vor gut zwei Jahren.

Fassen wir zusammen, was Klimawandel und Stahlindustrie miteinander zu tun haben: Einige Produkte der Branche mögen Teil der Lösung sein, ganz sicher aber ist sie Teil des Problems. Zum Glück gibt es mittlerweile die ersten Windräder, deren Türme aus dem klimaschonenden Werkstoff Holz gebaut werden – die also nicht Kohlendioxid verursachen, sondern Kohlendioxid binden. Das wäre also eine wirklich gute Schlagzeile: „Klimaschutz OHNE Stahl beginnt“.


Daimler: Generation Verarsche

Samstag, den 15. Juni 2013

Deutschlands nobelster Autobauer hat gerade eine neue Anzeigenkampagne gestartet. Mit dieser Darstellung:

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Na? Geht Ihnen eine Energiesparlampe auf?

Nein, das abgebildete Ding ist nicht der neue Stern, der Daimlers Benzen vorne auf den Kühlergrill geschraubt werden wird. Es handelt sich auch nicht um eine besonders innovative Autobeleuchtung.

Daimler macht jetzt in Elektromobilität:

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„Mit Energie aus der Steckdose macht das Autofahren richtig Spaß“, wird da behauptet. „Deshalb gewinnt der Elektroantrieb mehr und mehr Freunde.“

Hätte Daimler wohl gern. Aber die Zahlen sagen etwas anderes. Ganze 2.956 Elektroautos wurden im vergangenen Jahr neu zugelassen, wie aus der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes hervorgeht.

Genau genommen sagt diese Zahl noch nicht mal aus, wie wenig neue Freunde der Elektroantrieb im vergangenen Jahr tatsächlich fand: Die deutschen Renault-Händler waren beispielsweise vom Mutterkonzern angehalten, jeder einen dieser schrägen, zweisitzigen Twizys zu kaufen, für den Barbara Schöneberger ziemlich naiv wirbt. Jetzt stehen die Karren – zugelassen – bleischwer in den Renault-Autohäusern, was zwar die Statistik aufpeppt, aber für alles andere als „richtig Spaß“ bei den Händlern sorgt. Schließlich kosten die unverkäuflichen Dinger 7.000 Euro.

Die Freunde-Zahlen sind also noch geschönt: Insgesamt rollten zu Beginn dieses Jahres ganze 7.500 Elektro-Pkw auf deutschen Straßen. Das entspricht 0,1 Promille der gesamten Pkw-Flotte – trotz immenser Förderung durch die Steuerzahler.

Daimler schwindelt also ein bisschen, wenn da „mehr und mehr Freunde“ reklamiert werden. Ganz und gar gelogen aber ist die Aussage:

daimleggrWer heute elektrisch aus der Steckdose tankt, der tankt nur 38 Prozent emissionsfreien Strom. 22 Prozent liefern Sonne, Wind und Co, 16 Prozent kommen aus den Atomreaktoren.

Die anderen 62 Prozent aber kommen aus den Kohle- und Gaskraftwerken. Bedeutete 2012 nach Erhebung des Umweltbundesamtes 576 Gramm emittiertes Kohlendioxid je Kilowattstunde getanktem Strom.

www.daimler.com steht übrigens am Ende der Anzeige. Wer dort nach Informationen zum emmissionsfreien Elektrospaß und seinen Freunden sucht, findet was zum Produktionsstart der neuen S-Klasse. Oder zum „Goldenen Öltropfen“. Nichts aber zum emissionsfreien Fahren. Auch nicht eine Erklärung, was die krude Abbildung in der Anzeige eigentlich darstellen soll.

Vielen Dank an Laura S. aus Potsdam für den Hinweis!


Brüderle: Vorsicht mit der Reißleine!

Samstag, den 8. Juni 2013

Im Handelsblatt erschien am Freitag ein Kommentar von Rainer Brüderle, der als Spitzenkandidat der FDP im Bundestagswahlkampf das liberale Zugpferd spielen soll.

Überschrift:

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Nein, es geht nicht um Jürgen W. Möllemann, den Brüderle zu dessen Lebzeiten nicht sonderlich mochte: Beim Vor-Vorgänger des aktuellen FDP-Zugpferdes war ja irgendwas mit der Reißleine, die nicht gezogen wurde, weshalb Möllemann einen ziemlich harten Aufprall mit dem Leben bezahlte.

Brüderle geht es nicht um Fallschirmflug, sondern um die Energiewende. „Der Bundesumweltminister warnt die Umweltminister der Länder zu Recht davor, dass die Kosten für die Förderung der Erneuerbaren ohne die Strompreisbremse ungebremst weiter steigen“, schreibt der einstige Wirtschaftsminister.  Tausende Betriebe in Deutschland seien schon jetzt betroffen. „Die deutschen Energiepreise sind so hoch wie kaum irgendwo auf der Welt. Energieintensive Unternehmen verlagern bereits Arbeitsplätze ins Ausland.“

Weiter heißt es:

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Um Gottes Willen: Es geht ans Eingemachte! Unser Wohlstand ist bedroht, und zwar von den Wurzeln her! Und wer die Reißleine nicht zieht, endet erwiesener Maßen wie Jürgen W. Möllemann!

Keine Bange, liebe Leser, Rainer Brüderle lügt wie gedruckt. Tatsächlich nämlich sind die Strompreise in Deutschland derzeit so niedrig wie lange nicht mehr. Am Spotmarkt der Strombörse sank der Preis für eine Kilowattstunde im Mai auf durchschnittlich 3,2 Cent – den tiefsten Stand seit vier Jahren. Und auch im Termingeschäft ist Strom so günstig wie lange nicht: So war der Preis für Strom zur Lieferung im Jahr 2014 im April 2013 erstmals unter die Marke von vier Cent je Kilowattstunde gerutscht. Bereits heute kann am Terminmarkt Strom zu vier Cent bis zum Jahr 2019 gekauft werden. Zum Vergleich: Haushaltstrom kostet im Bundesdurchschnitt 28,5 Cent die Kilowattstunde.

Damit hat Brüderle natürlich recht: Die Strompreise in Deutschland zählen zu den höchsten in Europa. Aber darunter leidet nicht die Industrie, wie der Spitzenliberale glauben machen will: Nach Paragraph 41 Abs. 3 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) müssen Unternehmen bis zu einem Stromverbrauch von 1.000 Megawattstunden die komplette EEG-Umlage bezahlen. Firmen, deren Stromverbrauch 1.000 Megawattstunden übersteigt, zahlen lediglich zehn Prozent der EEG-Umlage. Wer zwischen 10.000 und 100.000 Megawattstunden verbraucht, muss nur noch ein Prozent der EEG-Umlage bezahlen, für jede weitere Megawattstunde über 100.000 Megawattstunden hinaus werden pauschal 0,05 Cent pro Kilowattstunde fällig.

1.000 Megawattstunden Jahresstromverbrauch – das ist übrigens so viel, wie 285 bundesdeutsche Musterpersonenhaushalte verbrauchen. Faktisch gibt es keinen Industriebetrieb, der so wenig Strom verbraucht. Das bedeutet: Faktisch genießen alle Industriebetriebe Ausnahmen. Und weil die Zahl der erneuerbaren Kraftwerke weiter zunimmt, zahlen Handel, Kleingewerbe und Haushalte für die Industriebetriebe mit.

Brüderle führt in seinem Beitrag sogar aus, für wie viele Anlagen die „Kleinen“  mitzahlen müssen: „Zwischen Flensburg und Konstanz stehen heute mehr als 23.000 Windindustrieanlagen. Viele sind höher als der Kölner Dom. Mehr als 1,3 Millionen Solaranlagen sind in Deutschland auf Feldern und Dächern installiert“, schreibt Brüderle. Mehr als 7.200 Biogasanlagen seien in den letzten Jahren gebaut worden.

„Nun könnte man sagen, dass alles ist berechtigt, weil es uns unabhängig mache von fossilen Energieträgern und der Kernenergie“, argumentiert Brüderle. Und weil es dem Klimaschutz diene. Der Spitzenliberale weiter: „Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen, dass wir mit der bisherigen Energiepolitik keines der Ziele erreicht haben und so auch nicht erreichen werden. Wind und Sonne sind keine zuverlässigen Energielieferanten.“

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Aber gern, Herr Brüderle: Lassen Sie uns ehrlich sein! Dass Deutschland im vergangenen Jahr wieder mehr Kohle verfeuert hat, liegt an der FDP. Gern nämlich würde die EU-Kommission ihren Zertifikatehandel reparieren. Dummerweise scheiterte das auch am Veto des deutschen Wirtschaftsministers Philipp Rösler. Deshalb ist Braunkohle heute derat billig, dass klimafreundlichere Kraftwerke wie die Gaskraftwerke stillstehen.

In seinem Handelsblatt-Kommentar verspricht Brüderle: „Direkt nach der Bundestagswahl wird sich die christlich-liberale Koalition gemeinsam mit den Ländern an eine grundlegende Reform des EEG-Gesetzes machen müssen.“ Was für ihn nichts anderes bedeutet als den ganzen Öko-Schnickschnack abzuschaffen.

Voraussetzung ist natürlich, dass die Wähler für die FDP nicht „die Reißleine“ ziehen. Andererseits: Reißleine ziehen kann der FDP womöglich das Möllemann-Schicksal ersparen.

 

PS: Seit zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER