Monatsarchiv für März 2012

Wildtierstiftung: Klima“skeptiker“ als neuer Chef

Mittwoch, den 28. März 2012

Fritz Vahrenholt wird wohl bald viel Zeit haben. Als Vorstand der RWE-Tochter Innogy, in der die bislang eher bescheidenen Aktivitäten des Konzerns auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien gebündelt sind, scheidet er ja Mitte 2012 aus. Sein klima“skeptisches“ Buch Die Kalte Sonne ist auf den Bestsellerlisten schon wieder im Sinkflug, die Zahl der Medienauftritte und Lesungen wird deshalb vermutlich auch schnell zurückgehen. Heute nun wurde sein neuer Job bekannt:

Wir gratulieren Herrn Vahrenholt!

Für eine Stiftung, die laut Selbstdarstellung „Lebensräume von Wildtieren in Deutschland“ erhalten will, gibt es bekanntlich einiges zu tun. Auch und vor allem wegen des Klimawandels. So heißt es auf der Website des Climate Service Center (CSC), das im Auftrag der Bundesregierung die Ergebnisse der Klimaforschung für Deutschland sammelt und aufbereitet:

Und das Bundesamt für Naturschutz schreibt im Internet:

Am Forschungszentrum Biodiversität und Klima in Frankfurt/Main, wo sich mehr als hundert Wissenschaftler mit dem Thema beschäftigen, fand im vergangenen Jahr eine große Konferenz zur Situation in Deutschland statt. Dutzende Vorträge wurden da gehalten, die im Internet nachlesbar sind. Deshalb hier nur ein Schlaglicht – eine Grafik über die Auswirkungen des Klimawandels auf Wildvögel:

Einige Brutvogel-Arten werden durch die Erderwärmung gewinnen, signifikant nimmt lediglich die Verbreitung von Star und Rabenkrähe zu (verzeichnet ganz am rechten Rand der Grafik). Die Zahl der Verlierer-Arten aber ist ungleich größer, deutlich zurückgehen wird demnach die Verbreitung von Singdrossel und Tannenmeise, Bachstelze und Zilpzalp, Feldsperling und Klappergrasmücke, Gartengrasmücke und Jagdfasan, Wintergoldhähnchen und Heckenbraunelle, Waldbaumläufer und Fitis.

Zur Erinnerung: Vahrenholt behauptet in seinem Buch, der Klimawandel werde in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten kein dramatisches Problem werden, einer sinkenden Sonnenaktivität und langfristigen Ozeanzyklen sei dank. Im neuen Job wünschen wir ihm viele neue Erkenntnisse.

Danke an Katrin R. aus Berlin für den Hinweis

P.S. am 29.03.: Im Hamburger Abendblatt hat Fritz Vahrenholt heute schonmal angedeutet, wie er seine künftige Rolle versteht. „Eine Vielzahl der großen Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace kümmert sich um alles Mögliche, von Energiepolitik bis Gesellschaftspolitik, aber der Naturschutz wird nicht mehr hinreichend vertreten“, sagte er dem Blatt. Dabei sei doch ein Verlierer der Energiewende ganz klar „die Natur“, nämlich „durch Vermaisung der Landschaft oder Abholzung von Wäldern für Windkraft- und Solaranlagen“.

Aha. Die Braunkohletagebaue seines bisherigen Arbeitgebers RWE gingen mit der Natur echt voll schonend um.


IWO: Zahlentricks für klimaschädliche Ölheizung

Freitag, den 23. März 2012

Das Institut für Wärme und Öltechnik (IWO) ist – nein, kein Forschungsinstitut. Sondern ein Lobbyverband der deutschen Mineralöl-Industrie, zu dessen Mitgliedern BP, Esso oder auch Shell zählen. IWO wirbt für Ölheizungen. Diesen Monat hat die Organisation zum Beispiel eine ganzseitige Annonce im Schrägstrich geschaltet, dem Mitgliedermagazin der Bündnisgrünen – 4.650 Euro (plus Mwst.) hat sich die Ölindustrie das laut Anzeigenpreisliste kosten lassen.

Noch bis zum 31. Juli veranstaltet IWO eine Kampagne „Deutschland macht Plus“: Wer eine moderne Ölheizung kauft, so die Idee, bekommt 350 bis 500 Liter Heizöl geschenkt, mit etwas Losglück können es sogar 1.111 Liter werden. In Zeitungsannoncen, etwa in der Süddeutschen, bewirbt die Heizöl-Lobby ihre Aktion. Ein junger Mann sitzt da mit weißem Laptop auf einem weißen Sofa, vor ihm auf einem weißen Teppich ein Mädchen, das lächelnd in einem „Was ist was“-Buch zum Thema Klima blättert. Hach, schön sauber alles! Dazu die Slogans „Plus für mein Konto: Ich heize bis zu 40% sparsamer – Plus für unsere Umwelt: Wir heizen mit bis zu 40% weniger Emissionen – Machen Sie Plus mit einer Öl+Solar-Heizung.“

Die Werbung ist natürlich nicht gelogen – aber sie trickst mächtig. Dass eine neue Heizung besser ist als eine alte, ist ja eigentlich banal. Auch sind Einsparungen von bis zu 40 Prozent durch einen hochmodernen Ölkessel mit unterstützender Solaranlage sicherlich nicht unmöglich. Aber, sagt Birgit Holfert vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), „die 40 Prozent sind in aller Regel Augenwischerei: Da werden sehr schlechte alte Ölheizungen durch sehr gute ersetzt, und die große Solaranlage leistet einen wesentlichen Beitrag“. Für eine Heizungssanierung im Eigenheim sei das „ein eher untypischer Fall“.

Was die Anzeige auch ausblendet: Betrachtet man nicht relative Einsparungen, sondern absolute Werte, dann gibt es viel bessere Lösungen als den Einbau einer neuen Ölheizung. Stichwort Konto: „Erdgas-Brennwertkessel sind inzwischen sehr preiswert zu bekommen“, erklärt etwa der Berliner Energieberater Peter Mellwig. „Bei Ölgeräten sieht es da noch schlechter aus.“ Auch beim Stichwort Umwelt liegt Gas vor Öl: „Erdgas verbrennt sehr sauber“, so Mellwig, „sodass fast nur feuchte Luft aus dem Schornstein kommt.“

Grundsätzlich gilt: Erdgas-Brennwertkessel sind klimaschonender als vergleichbare Öl-Anlagen. Die Erklärung ist schlichte Chemie: Erdgas enthält mehr Wasserstoff und weniger Kohlenstoff als Erdöl, woraus gleich zwei Vorteile für Erdgas-Brennwertkessel resultieren. Erstens führt der geringere Kohlenstoffanteil von Erdgas dazu, dass bei dessen Verbrennung weniger Kohlendioxid frei wird als bei Erdöl. Bei idealer Vermischung mit der Zuluft beträgt der CO2-Anteil im Abgas bei Erdgas (Typ LL)  maximal 10,8 Prozent, bei Heizöl (Typ EL) höchstens 15,4 Prozent.* Daneben haben Erdgas-Brennwertkessel noch einen zweiten Klimavorteil, der aus dem höheren Wasserstoff-anteil von Gas folgt: Bei dessen Verbrennung entsteht logischerweise mehr Wasserdampf als bei der Verbrennung von Öl. Nun nutzen Brennwertkessel, egal für welchen Brennstoff, neben der normalen Verbrennungshitze auch die Kondensationswärme des Wasser-dampfes im Abgasstrom. Und weil bei Erdgas mehr Wasserdampf entsteht, können Brennwertkessel aus dem Abgasstrom einer Erdgasverbrennung auch mehr Energie saugen als aus dem eines Ölkessels.

Zurück zum IWO-Inserat: In Wahrheit ist für, wie es da so schön heißt, „unsere Umwelt“ (und auch für „mein Konto“) die Investition in eine neue Ölheizung mitnichten das Beste. Sehr klar sind die Kohlendioxid-Emissionen fossiler Energieträger in einer Grafik der ASUE dargestellt, der „Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch“.

Zwar ist die ASUE ein Interessenverband der deutschen Gaswirtschaft, also die direkte Konkurrenz des IWO – doch in punkto CO2-Ausstoß haben diese Lobbyisten halt wirklich bessere Argumente als die Ölindustrie

 

* Noch klimaschonender sind (wenn man kein Passivhaus hat und damit das Heizen praktisch wegfällt) moderne Holz-Brennwertkessel, denn Holz als Brennstoff gilt ja als klimaneutral. „In Verbindung mit einer Solarthermie zur Unterstützung der Warmwasserbereitung ist das klimatechnisch gesehen das Optimum“, sagt Verbraucherschützerin Holfert.


WSJ: Die Zukunft der Atomkraft – war gestern

Donnerstag, den 15. März 2012

Irgendwie war diese Schlagzeile ja erwartbar. Pünktlich zum Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima titelte die deutsche Ausgabe des Wall Street Journal (WSJ):

Der zugehörige Text zitiert die World Nuclear Association, derzufolge im Moment weltweit 60 neue Atomreaktoren Bau seien, 163 weitere geplant. „Das ist kaum weniger als im Februar 2011, als 62 Reaktoren im Bau und 156 in der Planung waren“, schreiben die Autoren des Wall Street Journals. Die Zahlen würden zeigen, „dass Atomenergie durch die Kernschmelze von Fukushima allenfalls einen leichten Dämpfer erhalten hat“.

Oha, das Ungeheuer von Loch Ness ist also wieder da! Denn so zuverlässig wie sich Berichte über „Nessie“ wiederholen, tauchen Behauptungen auf, die Atomkraft stehe vor einer goldenen Zukunft. Wir haben unter anderem hier darüber geschrieben oder auch hier über eine bereits 13 Jahre (!) zurückliegende Sichtung des Ungeheuers.

Aber schauen wir uns den aktuellen WSJ-Text etwas genauer an: Selbst die Schreiber des strengkonservativen Wirtschaftsblattes müssen zugestehen, dass es in Europa um die Atomkraft nicht so toll steht . Deutschland, Italien und die Schweiz hätten angekündigt, ihre Atomprogramme „zurückzubauen oder einzustellen“. Selbst in der Nuklearnation Frankreich traue sich der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande, ein Zurückfahren des Atomanteils im Strommix um ein Drittel anzukündigen. Trübe seien die Aussichten auch in den USA: „Nach Fukushima sind die Sicherheitsauflagen stark erhöht worden, was auch die Baukosten steigen lässt.“ Aber wie ergibt sich dann eine „weltweite Zukunft“ für die Atomkraft?

Okay, Nessie lebt nicht mehr im schottischen Hochland, sondern angeblich in Asien. Obwohl: In Thailand kann die neue Heimat des Ungeheuers nicht liegen, dort ließ die Regierung infolge von Protesten nach Fukushima ihre Atompläne fallen. Auch auf den Philippinen gibt es keine Zuflucht: Die Baustelle des dortigen Atomkraftwerkes Bataan wurde nach Fukushima zu einer Touristenattraktion. In Japan sind bereits 52 der 54 Atomkraftwerke vom Netz, die zwei verbliebenen folgen im April. Und  selbst in China – oben im Text noch als Hort der Renaissance erwähnt – ist erst einmal Schluss mit der Atomkraft. Das Wall Street Journal  schreibt:

Also, wo ist denn jetzt die Zukunft? Schaut man sich auf der Website die Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) die in Bau befindlichen Reaktoren an, dann stößt zum Beispiel auf: Kursk 5 in Russland – Baustart 1985, Khmelnitski 3 und 4 in der Ukraine – Baustart 1986 bzw. 1987, den Rekord hält Watts Bar 2 in den USA – Baustart 1972, erst kürzlich wurde die Inbetriebnahme wieder einmal verschoben. Einen genauen Überblick hierzu und zu vielen anderen Details der Atombranche gibt der regelmäßig erscheinende World Nuclear Industry Status Report des Pariser Experten Mycle Schneider. Von den mehr als 60 „In-Bau“-Reaktoren, heißt es da, verharre ein Dutzend bereits seit mehr als 20 Jahren in diesem Status. In dem Report bekommt man auch ein Gefühl für Größenordnungen: 60 Reaktorbaustellen, das mag viel klingen. Aber 1987 zum Beispiel gab es weltweit 120, der Höchststand war 1979 zu verzeichnen mit 233 Akw-Blöcken „in Bau“.

Und was ist mit den Planungen? Von 163 Neuprojekten schrieb ja das Wall Street Journal unter Berufung auf die World Nuclear Association (WNA). Doch nur ein Teil der Blöcke wird je ans Netz gehen, zeigt die Erfahrung – und das steht auch in einem Gutachten des Prognos-Instituts von 2009 im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz. Die Autoren rechnen damit, dass nur

Unterm Strich werden die derzeit angekündigten oder bereits begonnenen Reaktoren die Zahl Blöcke nicht wettmachen können, die weltweit in den kommenden Jahren wegen Erreichen der Altersgrenze abgeschaltet werden müssen. In den Worten des World Nuclear Industry Status Reports: „Es wird praktisch unmöglich sein, die Zahl der aktiven Atomreaktoren über die nächsten Jahre konstant zu halten oder gar zu steigern.“

Tolle Zukunft.

P.S.: Seit letztem Herbst ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors rein leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, damit wir auch 2012 voll weiterarbeiten können. Bitte unterstützen Sie uns HIER


Mehdorn/Air Berlin: Hoffentlich nicht Alzheimer

Freitag, den 2. März 2012

Früher war Hartmut Bahnchef Mehdorn ganz auf Linie von Angela Merkel (CDU). „Fliegen muss teurer werden“, hatte Bundesumweltministerin Merkel in einem Bild-Interview 1997 erklärt: „Wir machen das Auto zum Umwelt-Buhmann und vergessen die katastrophalen Auswirkungen durch den zunehmenden Luftverkehr.“

Das sah Hartmut Bahnchef Mehdorn früher genauso: Die Luftfahrtgesellschaften seien von steuerlichen Belastungen „vollständig befreit“, sagte der Bahnmanager 2008 im Interview mit der Leipziger Volkszeitung. Und weiter:

In der Tat: Die Bahn muss Mehrwertsteuer zahlen, die Fluglinien bei allen Flügen ins Ausland aber nicht. Die Bahn muss Treibstoffsteuer zahlen, die Airlines auf Kerosin aber nicht. Die Bahn muss Ökosteuer abführen, die Fluglinien aber nicht. Sogar geklagt hatte die Bahn gegen diesen „verkehrs- und klimapolitischen Unsinn“ vor dem höchsten Gericht der Europäischen Union. Die Richter entschieden aber, dass die geltende Steuerbefreiung nicht gegen EU-Recht verstößt. Mehdorn musste eine schwere Niederlage hinnehmen.

Bekanntlich hat sich die Rechtslage aber mittlerweile geändert: Kanzlerin Angela Merkel führte im vergangenem Jahr die Luftverkehrsabgabe ein. Alle Flugzeuge, die in Deutschland starten und landen, zahlen je nach Entfernung pro Passagier acht, 25 oder 45 Euro. „Fliegen muss teurer werden“, weshalb Deutschland auch den Klima-Plänen Brüssels zustimmte: Seit Januar 2012 sind die Airlines zudem auch noch zur Teilnahme am Emissionshandel verpflichtet.

Bekanntlich hat sich auch das Beschäftigungsverhältnis von Hartmut Bahnchef Mehdorn geändert. Nach einem Datenskandal musste Mehdorn 2009 das „Bahnchef“ aus seinem Namen streichen. Im vergangenen Herbst heuerte Mehdorn bei Deutschlands zweitgrößter Fluglinie Air Berlin an. Nun sagt er zum Thema „Fliegen muss teurer werden“ in der Berliner Morgenpost :


Weiterhin war zu lesen:


Dass es Mehdorn ernst mit seinem „Kampf“ meint, machte er am Tag danach deutlich: Gemeinsam mit Lufthansa-Chef Christoph Franz  und dem Präsidenten des Luftverkehrsverbandes Klaus-Peter Siegloch trat er vor die Hauptstadt-Presse, um zu lobbyieren. Der Tagesspiegel titelte am Freitag:

Der Ex-Harmut Bahnchef Mehdorn holt sich zur Verstärkung jene, die er einst bekämpft hat?

Natürlich, der Mann ist schon alt, Ende Juli wird er siebzig Jahre. Air Berlin-Kunden sei aber gewünscht, dass Mehdorn nicht an einer dieser fiesen Alterskrankheiten wie Demenz oder Alzheimer leidet. Oder ist Hartmut Mehdorn einfach nur eine neue Illustration der alten Volksweisheit: „Wes‘ Brot ich fress, dess‘ Lied ich sing“?

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER