Monatsarchiv für März 2018

AfD: Millionen Flüchtlinge verschweigen

Sonntag, den 25. März 2018

„Der Marsch“ war Anfang der 1990er Jahre ein vieldiskutierter Spielfilm nach einem Drehbuch von William Nicholson. In diesem Film wird behauptet, dass sich Millionen Afrikaner aufgrund des Klimawandels übers Mittelmeer auf den Weg nach Europa machen werden, weil Dürren und Hunger ihren Kontinent zunehmend unbewohnbar machen. Zwar versucht die EU-Kommission verzweifelt „Grenzschutz“ zu betreiben. Aber die Afrikaner scheuen keine Schlepperfalle und keinen Bootsuntergang, aus ihrer Not heraus versuchen sie sogar von Libyen aus mit kaum seetüchtigen Booten übers Mittelmeer zu kommen.

Das hat im Film zur Folge, dass die rassistischen Spannungen in Europa zunehmen. Neurechte Gruppen machen die Flüchtlinge für „Überfremdung“, „Kriminalität“ und „Belastung der Sozialsysteme“ verantwortlich. Der Buchhändler Zweitausendeins urteilte damals, dies sei „ein überdenkenswertes Szenario“.

Das ist natürlich purer Unsinn! Urteilt zumindest die AfD im Deutschen Bundestag:

Denn nach Aussage von Karsten Hilse, direkt gewählter Kandidat im sächsischen Wahlkreis „Bautzen I“, gibt es überhaupt kein Problem mit der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Es gibt überhaupt keinen Klimawandel. Die Erderwärmung, so Hilse, sei eine Erfindung „unserer Klimakanzlerin, unterstützt von mit viel Steuergeld gefütterten Forschungsinstitutionen, die immer genau das liefern, was die Geldgeber von ihnen verlangen“.

Deshalb sagt die AfD auch „hier und heute“ der Irrlehre vom menschengemachten Klimawandel den Kampf an.

Ups, jetzt haben wir ein Problem! Entweder hat die „Klimakanzlerin“ mit ihrer Behauptung, dass wir Klimaschutz betreiben müssen, unrecht (weil es ja gar keinen Klimawandel gibt). Oder aber die AfD liegt mit der Behauptung daneben, dass es ein Flüchtlingsproblem gibt (weil in den vergangenen Jahren ja gar keine Flüchtlinge aus Afrika und Asien nach Europa gekommen sein können).

Kein Klimaproblem?

Oder kein Flüchtlingsproblem?

Hilfe!
Kann uns da mal jemand weiterhelfen?
Vielleicht jemand, der unabhängig ist???

Ah! Sieh an: Die Weltbank!! Die hat in dieser Woche zu unserem Thema einen Bericht vorgelegt, der exakt jenen „Marsch“ von 1990 in der – schon wieder – Zukunft beschreibt: Allein in Afrika südlich der Sahara, in Lateinamerika und in Südasien werden bis 2050 insgesamt mehr als 140 Millionen Menschen von Dürren, Missernten, Sturmfluten und steigendem Meeresspiegel bedroht. Diese Menschen werden durch die Klimaerhitzung ihr Zuhause verlieren und müssen sich einen neuen Platz zum Leben suchen.

140 Millionen! Das sind 23-mal so viele Menschen, wie 2017 AfD gewählt haben!

Natürlich werden es nicht alle diese Menschen bis nach Europa schaffen (die meisten werden Binnenflüchtlinge bleiben). Aber so viel ist dank Karsten Hilse und der AfD jetzt evident: Wer keinen Klimaschutz in Europa betreibt, der sorgt dafür, dass die rassistischen Spannungen weiter zunehmen werden.

Danke an Heike H. aus Kamenz und Steffi K. via gmx.

P.S.: Es sind ausschließlich unsere Leserinnen und Leser, die seit Oktober 2011 die Arbeit des Klima-Lügendetektors ermöglichen. Wenn Sie wollen, dass unser Team weiter dranbleibt an Halbwahrheiten und Lügen rund um den Klimawandel in Politik, Wirtschaft und Medien, dann unterstützen Sie unsere Arbeit bitte HIER.


Mercedes-Benz: Einfach nicht vernünftig werden

Mittwoch, den 21. März 2018

Diese Annonce wurde gerade ganzseitig geschaltet, unter anderem in der Süddeutschen Zeitung:

Es geht um Mercedes-Benz, genauer um seine Luxuslimousine CLS, deren neue Modelle in diesem Monat vorgestellt werden. Die neue A-Klassen-Kompaktlimousine gibt es schon ab 30.231,95 Euro, oder – und das interessiert uns vom Klima-Lügendetektor natürlich besonders – mit

Mehr als 200 Gramm Treibhausgas je Kilometer! Wie von gestern ist das denn?

Ab 2020 – also in 19 Monaten – gilt in der EU für Neuzulassungen ein Pkw-Grenzwert von 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer. Weil der Verkehrssektor bislang überhaupt nicht zur Lösung des Zukunftsproblems beigetragen hat, soll dieser Grenzwert ab 2021 schrittweise immer weiter verringert werden. In Deutschland beispielsweise war der Verkehrssektor 1990 für insgesamt 164 Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich, 2016 waren es schon 166 Millionen Tonnen. Und „215–209 g/km“ sind ja nur der Anfang, Modelle wie der GT 63 S 4MATIC+ bringen es auf 256 Gramm je Kilometer – bei 639 PS und dem Einkaufspreis von etwa 150.000 Euro.

Wir wissen zwar nicht, ob die gemessenen und publizierten CO2-Grenzwerte bei Mercedes diesmal wirklich echt korrekt sind (Gerade erst gab es Hausdurchsuchungen bei BMW und Volkswagen – im letzten Falle erneut wegen der vermuteten Manipulation bei CO2). Wir wissen aber, dass es angesichts dieser Genzwerte reichlich unvernünftig ist, sich heute noch einen Mercedes CLS zu kaufen. Vielleicht drohen ja auch wegen der Treibhausgase in Zukunft Fahrverbote?

Was der Autobauer Daimler dazu sagt? Das hier:

Eine Studie zeigte soeben, wie tief wir bereits im Klimawandel stecken: Die weltweite Gletscherschmelze ist demnach nicht mehr aufzuhalten. Selbst wenn die Menschheit plötzlich vernünftig werden und in einen Klimaschutz einsteigen würde, der diese Bezeichnung verdient, das Abschmelzen der Gletscher ist schon nicht mehr zu stoppen. „Alle 500 Meter Autofahrt geht ein Kilo Gletschereis verloren“, schreiben die Forscher.

Einer von ihnen, Georg Kaser vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Uni Innsbruck, sagt: „Wir haben in der Vergangenheit durch Treibhausgasemissionen bereits Entwicklungen angestoßen, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Für die Gletscher ist es fünf nach zwölf.“

Im Falle des neuen Mercedes CLS gehen pro 500 Meter Autofahrt sogar ungefähr zwei Kilo Gletschereis verloren – so viel Treibhausgas produziert das PS-Geschoss. Heute noch solche Autos zu bauen – auch das ist mindestens fünf nach zwölf. Befragen Sie also doch besser noch einmal Ihre Vernunft, bevor Sie sich entschließen, einen neuen Mercedes CLS zu kaufen! Unvernunft ist nämlich allenfalls in der Liebe hilfreich.

Wie sagte einst der griechische Philosoph Herakleitos: „Seinen Unverstand zu (ver)bergen ist besser als ihn zur Schau zu stellen.“ Das gilt auch für die Unvernunft!

Und für den Mercedes CLS der neuen Bauart.

Danke an Fritz V. aus Berlin für den Hinweis!


Zehn Jahre Lügendetektor (4): Wenn physikalische Gesetze geleugnet werden

Montag, den 12. März 2018

Anfang 2008 ging der Klima-Lügendetektor an den Start. Im Jahr davor erschien das Buch Wir Klimaretter – so ist die Wende noch zu schaffen von Toralf Staud und Nick Reimer. Sie standen tief im Thema, sagte Toralf Staud 2012 bei der Verleihung des Otto-Brenner-Preises. „Uns kamen immer diese Presseerklärungen auf den Tisch. Man sieht die und denkt, das ist doch gelogen“. Weil aber eine gelogene Pressemeldung an sich ja noch keine Nachricht sei, hätten die beiden Autoren angefangen, solchen „Quatsch“ auf einem Blog bloßzustellen.

„Ein Selbstläufer, wir können uns vor Einsendungen überhaupt nicht retten“, sagte Toralf Staud damals. Und wie sieht es heute aus?

Herr Staud, was hat sich in den vergangenen zehn Jahren an ihrer Arbeit auf dem Klima-Lügendetektor verändert?

Auf der einen Seite sind die Lügen subtiler geworden, die Unternehmen und Lobbyverbände haben deutlich dazugelernt. Plumpe, dreiste Fälle, die uns vor zehn Jahren fast im Wochentakt auf die Schreibtische flattern, sind deutlich seltener geworden.

Auf der anderen Seite scheint es mir, als würden es generell weniger Fälle von Grünfärberei. Der traurige Grund dafür ist vermutlich, dass Klimaschutz in der Öffentlichkeit ein geringere Rolle spielt als vor zehn Jahren (obwohl das Problem eigentlich noch viel dramatischer geworden ist) – aber weil der Öffentlichkeit das Klima nicht mehr so wichtig ist, ist es halt auch nicht mehr so verlockend, sich mit falschen Klimaschutzfedern zu schmücken.

Fossilkonzerne wie RWE, Eon oder EnBW geben sich jetzt selbst grün. Hat sich die Arbeit des Klima-Lügendetektors also erledigt?

Nein, sie hat sich nicht erledigt. Aber sie hat sich teilweise verändert, würde ich sagen. Einzelne Unternehmen wie EnBW scheinen sich tatsächlich um eine Wende zum Grünen zu bemühen (obwohl sie nicht den Mut haben, sich wirklich von Altlasten und falschen Entscheidungen der Vergangenheit zu emanzipieren).

Auf der anderen Seite ist aber im politischen Bereich neue Arbeit hinzugekommen: Dass wir heute eine Partei im Bundestag und in den meisten Landtagen zu sitzen haben, die offen und offensichtlich grundlegendste wissenschaftliche Erkenntnisse, ja physikalische Gesetze leugnet – und wir uns damit beschäftigen müssen –, das hätte ich vor zehn Jahren echt nicht erwartet.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

Sie machen unsere Arbeit leichter und schwerer zugleich. Wir merken, dass sich unsere Texte über Soziale Netzwerke weiter verbreiten als früher – aber auch die Lügen rund um den Klimawandel haben da natürlich einen riesigen Resonanzboden.

Soweit die Einsachätzungen von Toralf Staud. Und jetzt: Feiern Sie mit uns! Stimmen Sie ab, welches Stück unserer Rückschau die dreisteste unter den dreisten Lügen enthält. Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir am Ende fünf Exemplare des (nicht mehr lieferbaren) Buches „Grün, grün, grün ist alles was wir kaufen“ von eben jenem Toralf Staud.

Heute die Jahre 2014/15:

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