Monatsarchiv für Mai 2017

Die Welt: Den Redakteursjob vergessen??

Dienstag, den 30. Mai 2017

Bei der Tageszeitung Die Welt arbeitet eine Reihe exzellenter Journalistinnen und Journalisten, nicht zuletzt unser Ex-taz-Kollege Deniz Yücel, der seit inzwischen mehr als hundert Tagen in einem türkischen Gefängnis sitzt, weil er einfach nur seinen Job gemacht hat.

Bei der Welt arbeiten aber offensichtlich auch … tja, was? Sicherlich verstehen sich die Kollegen, deren Arbeit (oder Nicht-Arbeit) uns am Wochenende aufgefallen ist, auch als Journalisten. Aber irgendwie tun sie einfach nicht ihren Job. Es geht um folgenden Text, der im Ressort „Meinung“ erschienen ist – und ein Versagen der Redaktion dokumentiert:

Autor ist Josef Reichholf, ein Biologe, mittlerweile 72 Jahre alt, Honorarprofessor der TU München, Autor zahlreicher Sachbücher, Ex-Präsidiumsmitglied der Umweltstiftung WWF. Die Zeitschrift Bild der Wissenschaft hat ihn mal liebevoll-kritisch einen „Tausendsassa“ genannt, dem man „nicht alles auf Anhieb glauben“ sollte. In der Tat …

Sein kurzer Welt-Text ist randvoll mit Provokationen – was an sich ja noch nicht schlecht wäre. Er enthält aber auch Falschaussagen, die den Klima-Lügendetektor heftig ausschlagen lassen. Und das ist dann schon ein Problem, sowohl für den Akademiker Reichholf als auch für die Welt und ihren Anspruch als Qualitätszeitung.

Lassen wir mal die Überschrift beiseite, in der ja häufig zugespitzt wird und die schon mal danebengehen kann. Aber die Unterzeile, nun, die besteht aus drei Sätzen – von denen alle drei falsch sind. Denn Tatsache ist: Die globale Temperatur steigt sehr wohl. Die Daten passen auch gut zu den Szenarienberechnungen der Klimaforschung. Und in der Wissenschaft wird man nicht verunglimpft, wenn man hierüber reden will – jedenfalls nicht, wenn man (den Berufsstandards seriöser Forscher folgend) seine Thesen nachvollziehbar und mit Quellen und Daten unterlegt in Fachaufsätzen vorträgt.

Aber der Reihe nach, gucken wir uns den Text im Detail an. Der erste Absatz lautet:

Hä? Die „globale Temperatur“ (Fachbegriff: „Erdmitteltemperatur“) stieg seit fünfzehn Jahren nicht mehr an? Liest Herr Reichholf keine Zeitung? Die vergangenen drei Jahre 2014, 2015 und 2016 markierten allesamt neue Rekordwerte bei der globalen Temperatur.

Zugegeben, dies allein ist kein Beleg für irgendetwas, denn das Klima ist das über mindestens 30 Jahre gemittelte Wetter. Man muss sich also (zumindest wenn man seriöser Wissenschaftler sein will) wenigstens drei Jahrzehnte anschauen und nicht anderthalb. Und in den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Erdmitteltemperatur deutlich gestiegen, wie beispielsweise der Weltklimarat IPCC in einer eindrucksvollen Grafik in seinem letzten Sachstandsbericht 2013 zeigte. Nimmt man die Mittel der einzelnen Jahrzehnte, ergibt sich eine mustergültige Treppe:

Diese langfristige Entwicklung darf man nicht vermischen mit einem Blick auf die Werte kürzerer Zeitspannen oder gar einzelner Jahre. Im Rahmen natürlicher Schwankungen des Klimasystems schießen nämlich die Temperaturen im einen Jahr mal steil nach oben, im anderen geht es wieder nach unten – so weit, so normal und in der Klimaforschung unumstritten.

Wenn nun Herr Reichholf (wie es viele Leugner des menschengemachten Klimawandel in den vergangenen Jahren getan haben), sich eine relativ kurze Zeitspanne herauspickt (zum Beispiel anderthalb Jahrzehnte), und wenn er dann über diese Zeitspanne Ausssagen zum Klima tätigt, dann belegt das entweder Unwissen oder Lügenabsicht.

Das wäre etwa so, als würde Reichholf schreiben: „Gestern gab es in München keinen Regen“ – dabei aber nur auf die Wetterdaten des Nachmittags und Abends schauen und einen morgendlichen Wolkenbruch unter den Tisch fallen lassen. Wer etwas über „gestern“ sagen will, muss schon auf volle 24 Stunden schauen – denn es herrscht ja allgemeiner Konsens darüber, dass ein Tag 24 Stunden hat. Genauso muss, wer etwas übers Klima sagen will, mindestens 30 Jahre betrachten.

Aber selbst wenn man dies außer Acht lässt, ist Reichholfs Aussage schlicht falsch. Für „die letzten anderthalb Jahrzehnte“, also den Zeitraum von 2002 bis 2017, zeigen alle einschlägigen Datensätze einen deutlichen Anstieg (wer es überprüfen will, gehe auf dieses hübsche Online-Tool der University of York und stelle die gewünschten Zeiträume ein).

Nun kann man sich natürlich 5- oder 10- oder auch 15-Jahres-Zeiträume herauspicken, in denen es keine oder nur wenig Erwärmung gab. (Viel Spaß beim Rumprobieren im genannten Online-Tool!) Nur sind solche Kurzzeittrends erstens fürs Klima irrelevant. Erst vor wenigen Wochen hat ein deutsch-amerikanisches Forscherteam um den Potsdamer Stefan Rahmstorf in den Environmental Research Letters vorgerechnet, dass alle Kurzfristschwankungen (ob nach oben oder nach unten) vollkommen im Rahmen der natürlichen Variabilität des steigenden Langfristtrends bei der Erderwärmung liegen.

Und zweitens spricht Reichholf aber nicht von irgendwelchen anderthalb Jahrzehnten, sondern von den „letzten“, in denen „die globale Temperatur nicht mehr“ zugenommen habe. Keine Ahnung, ob der Text schon ein paar Jahre irgendwo unveröffentlicht herumlag – aber im Jahr 2017 gedruckt, ist die Aussage schlicht und ergreifend Bullshit.

Seinen zweiten Satz beginnt Reichholf mit den Worten:

Wie gesagt, eine Pause bei der Erderwärmung hat es nicht gegeben. Was es jedoch unbestritten gab, ist eine Phase von 1998 bis etwa 2013 (also rund 15 Jahre), in denen einige Datensätze zur Lufttemperatur an der Erdoberfläche eine geringere Erwärmung zeigten als in den Jahren davor und danach. (Gut sichtbar, wenn Sie im o.g. Online-Tool den Datensatz „HadCRUT4″ anklicken und den genannten Zeitraum einstellen – dann liegt der Trend bei nur noch 0,052 °C pro Dekade.) Das ist immer noch weit entfernt von einer „Pause der Erwärmung“ oder einem Null-Anstieg. Aber doch eine vorübergehende Verlangsamung der Erwärmung – und über dieses Phänomen ist unter dem Begriff „Hiatus“ (lateinisch „Kluft“, englisch „Lücke“, „Auszeit“) in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden.

Aber erstens sind – man kann es gar nicht oft genug betonen – 15 Jahre zu kurz, um etwas über das Klima zu sagen. Und seit 2014 ging es dann auch wieder rasant nach oben. (Schon wenn Sie im Online-Tool den Zeitraum nur um ein einziges Jahr verschieben, also HadCRUT4 von 1999 bis 2014 abfragen, liegt der Trend mit 0,087 °C pro Dekade gut 50 Prozent höher).

Zweitens ist die oberflächennahe Lufttemperatur nur ein Indikator für die Erderwärmung – andere wie die Temperatur der Ozeane (die viel mehr Wärme aufnehmen als die Erdatmosphäre) zeigten im gleichen Zeitraum eine ungebrochene Erwärmung.

Und drittens hat sich bei genauer Betrachtung der Datensätze und -zeiträume mit „Hiatus“ herausgestellt, dass sie Ungenauigkeiten enthielten – zum Beispiel hatte HadCRUT4 nur wenige Daten zur Arktis; rings um den Nordpol jedoch verläuft die Erwärmung besonders rasant, HadCRUT4 unterschätzt also die Erderwärmung. Berücksichtigt man nun auch die Arktis-Daten, verschwindet der „Hiatus“ weitgehend. Vor wenigen Wochen haben Schweizer Forscher in einer Übersichtsstudie im Fachmagazin Nature den Forschungsstand zu der ganzen Debatte zusammengefasst.

Skurrilerweise verweist der Reichholf-Text auf genau diesen Nature-Aufsatz, nämlich im zweiten Absatz (der Link unter dem Wort „Klimamodellen“ führt zu einer entsprechenden Meldung im Wissenschaftsteil der Welt):

Auch nach mehrmaligem Lesen dieses und des vorherigen Absatzes verstehen wir nicht ganz, was Herr Reihholf da argumentiert. Anscheinend will er suggerieren, irgendwelche Klimaforscher hätten an ihren Daten oder Modellen gedreht, um beides passend zu machen. Allerdings beschreibt der hier erwähnte Nature-Aufsatz das glatte Gegenteil: Dass Daten und Modelle halt auf den ersten Blick nicht passten (was zu einer aufgeregten Debatte um den „Hiatus“ führte), aber dieses Nicht-Passen eben bei genauer Betrachtung plausibel erklärbar ist – und es (wir schreiben es nochmal) keine signifikante Pause bei der Erderwärmung gab.

Seufz.

Wenn die ersten beiden Absätze eines Textes dermaßen falsch sind – was soll danach noch kommen? Na ja, Josef Reichholf nölt noch ein bisschen über „die Politik“. Er verteidigt den Ex-Welt-Autor Michael Miersch (der uns hier auch schon beschäftigt hat). Er teilt gegen das Umweltbundesamt aus (dass die Behörde vor Jahren mal in einer Broschüre einige umstrittene Autoren namentlich nannte, wird in einem Atemzug mit Inhaftierungen wie der von Deniz Yücel genannt). Und ganz am Ende lobt Reichholf die wissenschaftliche Tugend der Skepsis (kommt immer gut).

Doch was hat das alles mit der Redaktion der Welt zu tun? Beziehungsweise mit ihrem – wie wir eingangs schrieben - Versagen? Nun ja, der Pressekodex (in dem die von Journalisten allgemein akzeptieren Standards ihres Berufsstands formuliert sind) besagt in Ziffer 2 eindeutig: „Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen … sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.“

Natürlich ist in Kommentaren oder Debattenbeiträgen die Meinung frei. Josef Reichholf darf selbstverständlich gern denken und glauben und meinen, was er will. Jedoch sollten die Faktenaussagen, die er dabei tätigt, korrekt sein – für einen Wissenschaftler ist eine solche Forderung eigentlich banal. Aber okay, in einem Vortrag oder auf seinem Privatblog könnte Reichholf vielleicht auch unzutreffende Sachaussagen treffen. In einem journalistischen Text aber (zumindest wenn er allgemein anerkannten Qualitätsmaßstäben entsprechen soll) geht dies nicht.

Doch verantworlich hierfür ist nicht mehr allein der Autor, sondern auch die Redaktion, in unserem Fall die ehrwürdige Welt. Wie der Deutsche Presserat (der Hüter über den Pressekodex) zu Jahresbeginn dem Wissenschaftsportal klimafakten.de bestätigte, gilt die journalistische Sorgfaltspflicht auch für Meinungsbeiträge. Die Hürde hänge hier sicherlich niedriger als in einer klassischen Meldung. Doch was für einen Nachrichtenredakteur Pflicht ist (Fakten prüfen), gelte prinzipiell auch für einen Meinungsredakteur. Auch er habe die Pflicht, so der Experte des Presserats, Beiträge etwa von Gastautoren auf Korrektheit der Sachaussagen zu überprüfen.

Uns ist schleierhaft, wie die Kollegen der Welt ihren Redakteursjob so sehr vergessen und dermaßen falsche Tatsachenbehauptungen durchgehen lassen konnten. Lag’s daran, dass der eine oder die andere noch unter einem Herrentags-Kater litt? In ausgenüchtertem Zustand, so unsere Hoffnung, erledigen die Meinungsredakteure der Welt ihre Arbeit künftig sorgfältiger.


Öl: Aus den Überlegungen streichen

Mittwoch, den 24. Mai 2017

Folgende Anzeige, gefunden im Vorwärts, der SPD-Parteizeitung, wurde uns von Marion A. zugesandt:

„Öl weiter denken?“

Ist doch schon geschehen: Das Klimaabkommen von Paris verpflichtet seine Vertragsstaaten, binnen der nächsten 32 Jahre treibhausgasneutral zu werden. Das bedeutet: Die Verbrennung fossiler Rohstoffe muss schrittweise zurückgefahren werden, sodass immer mehr Lebensbereiche unabhängig von Öl, Kohle oder Erdgas werden.

Zum Beispiel durch Elektromobilität (die aber nur dann besser ist, wenn der eingesetzte Strom aus regenerativen Quellen stammt). Zum Beispiel aber auch in der Wärmeversorgung unserer Gebäude – wie viel Kohlendioxid die traditionellen Träger von Wärmeenergie verursachen, zeigt diese Grafik:

Dummerweise fördert die Bundesregierung aber immer noch den Einbau von Ölheizungen. Eine Kleine Anfrage der energiepolitischen Sprecherin der Linken im Bundestag, Eva Bulling-Schröter, förderte im vergangenen Jahr zutage: Insgesamt 14.100 Öl-Brennwertkessel wurden 2015 gefördert, die staatliche Bank KfW gab dafür 52 Millionen Euro Subventionen aus. 2015 war der Absatz von Ölheizungen um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, der von erneuerbar betriebenen Heizungen hingegen gesunken.

Weil es „gute Gründe für eine Energiewende mit Heizöl“ gibt?

Verantwortlich für diesen Schwachsinn diese Argumentation ist das Institut für Wärme und Öltechnik (IWO):

Das Institut für Wärme und Öltechnik ist aber kein Institut. Mit einem Forschungsinstitut hat das IWO in etwa so viel zu tun wie ein Vegetarier mit Blutwurst. Das Institut für Wärme und Öltechnik ist vielmehr ein Lobbyverband der deutschen Mineralöl-Industrie, zu dessen Mitgliedern die Heizölproduzenten BP, Esso oder auch Shell zählen.

Das IWO wirbt für Ölheizungen. In der SPD-Parteizeitung. Just zu einem Zeitpunkt, zu dem das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium seine Förderrichtlinien für Ölheizungen überarbeitet. Wegen Klimaschutz und so. Und hat damit anscheinend Erfolg. Nach dem Ministeriums-Entwurf soll die Förderung von Heizkesseln, die ausschließlich mit fossilen Energieträgern betrieben werden, nun erst 2019 auslaufen.

Danke an Marion A. aus Berlin für den Hinweis


SPD: Im Wahlkampf Fehler korrigieren

Donnerstag, den 11. Mai 2017

Heiße Phase im Wahlkampf in Deutschlands größtem Bundesland! Folgende Werbung flatterte dem Klima-Lügendetektor aus Nordrhein-Westfalen ins Haus:

Sorry, Genossen, da kann irgendetwas nicht stimmen! In eurem „Regierungsprogramm für NRW“ heißt es doch auf Seite 32: „Wir wollen erreichen, dass wir Zug um Zug weniger fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung einsetzen müssen.“

Okay: „Zug um Zug“ ist dehnbar. Geht es nicht ein bisschen konkreter?

Doch, es geht. Ebenfalls auf Seite 32 heißt es im „Plan für NRW“:

Wie passt denn das mit „Wir brauchen die Braunkohle noch lange“ – siehe oben – zusammen?

Also Anruf in der SPD-Wahlkampfzentrale mit der Bitte, den Widerspruch aufzuklären.

Das ist den Genossen sichtlich peinlich. Denn erstens stammt die abgebildete Aussage von Rainer Thiel, der zwar für die SPD Sprecher im Unterauschuss Klimaschutzplan in NRW ist. Den aber „der erzieherische und oft moralisierende Unterton“ stört, wie er auf der Website der Splittergruppe Deutscher Arbeitgeberverband (nicht zu verwechseln mit dem großen Bundesverband der Arbeitgeberverbände BDA) erklärt, „mit dem ambitionierter Klimaschutz mit immer ehrgeizigeren Zielen vorangetrieben werden soll, verbunden mit Drohkulissen und Angstszenarien“. Thiel hat im Landtag gerade dagegen gestimmt, ein „Gutachten zu den Folgekosten des Braunkohleabbaus“ in Auftrag zu geben – wohl, weil er will, dass es immer so weitergeht mit den Tagebauen.

Zweitens haben sich in die Aussage der NRW-SPD tatsächlich drei kleine Fehlerchen eingeschlichen. Korrekterweise muss es nämlich heißen:

Vielen Dank an Dirk J. aus Düsseldorf
und Michael A. aus Bonn für den Hinweis.


„Schweizer Bürger“: Spiel mir das Lied vom Vogeltod

Donnerstag, den 4. Mai 2017

Besorgte Bürger gibt es auch in der Schweiz. Zum Beispiel Kurt Zollinger, der sich selbst als „besorgten Bürger“ bezeichnet und sich gerade sehr, sehr besorgt an die Mitbürger der Schweiz gewandt hat. Und zwar mit dieser Postwurfsendung:

Es geht um eine Volksabstimmung am 21. Mai: Dann geben die Eidgenossen ihr Votum ab über die Zukunft ihrer Energieversorgung. Mit der „Energiestrategie 2050″ soll das bisherige Energiegesetz revidiert und damit ein erstes Maßnahmenpaket beschlossen werden. „Es dient dazu, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und erneuerbare Energien zu fördern. Zudem wird der Bau neuer Kernkraftwerke verboten“, erklärt die Schweizer Regierung.

Es geht also um die helvetische Version der Energiewende: Alle Parteien in der Schweiz sind dafür – außer der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Und außer den „besorgten Bürgern“. Die haben sich Sachverstand von Franz Helfenstein eingeholt, der den Aufruf gegen die Schweizer Energiewende als „Vogelliebhaber“ unterschrieben hat. Er behauptet, wie es in Energiewendekritikerkreisen sehr beliebt ist, der Ausbau der Windkraft habe dramatische Folgen für die Vogelwelt.

Na ja, gucken wir uns die Postwurfsendung mal genauer an:

Im Kopf ist der Vierwaldstättersee nahe Luzern abgebildet, einer der schönsten Seen der Schweiz, der sich als Gletscherrandsee am Ende der letzten großen Eiszeit bildete. Dass gerade dort an den Ufern Windräder aufgestellt werden – ausgesprochen unwahrscheinlich: Der See ist tief im Tal eingebettet, bei den vorherrschenden Windverhältnissen wären Windräder hier ziemlicher Unsinn.

Abgebildet auf dem Postwurf sind zweifelsfrei Kraniche, die – nun ja – vereinzelt ab und zu schon mal in der Schweiz gesichtet wurden. In Brandenburg kann man dagegen die Tiere zu Zehntausenden beobachten. Gleichzeitig ist Brandenburg das deutsche Binnenland mit den meisten Windkraftanlagen, weshalb das dortige Landesamt für Umwelt die Auswirkungen der Windkraft auf die Kraniche untersucht hat. Ergebnis:

Kraniche umfliegen also Windparks, weshalb in ganz Deutschland bislang 18 tote Kraniche in der Nähe von Windrädern gefunden wurden, was eine so geringe Menge ist, dass ein Zusammenhang „Windrad – Kranichtod“ statistisch eher nicht gezogen werden kann.

Bei dem kleinen toten Vogel, den die „besorgten Bürger“ auf ihrem Postwurf abgebildet haben, handelt es sich übrigens um eine Dachsammer, die am liebsten nahe am Boden unter Büschen brütet, weit weg von Windkraftrotoren – und auch nicht in der Schweiz, sondern hauptsächlich in Nordamerika.

Komisch! Sollte das ein „Vogelliebhaber“ nicht wissen? Und wer steckt eigentlich hinter den „besorgten Bürgern“?

Tataaa!

Der „besorgte Bürger“ Kurt Zollinger war bis vor Kurzem Präsident der SVP-Ortspartei in Stäfa am Zürichsee. Und die SVP ist – siehe oben – gegen die Energiewende in der Schweiz:

Und die tatsächlichen Schweizer Vogelschützer sind, ganz anders als die „besorgten Bürger“, für die Energiewende:

Aber um Vögel geht es den „besorgten Bürgern“ in Wahrheit gar nicht. Ihr Web-Auftritt ist unter der Adresse www.rettungwerkplatzschweiz.ch angelegt. Die wirklichen Fragen, die die „besorgten Bürger“ umtreiben, sind folgende:

Also ehrlich, ein so dilettantischer Versuch von Vogeltod-Alarmismus ist uns selten auf den Schreibtisch geflattert.

Vielen Dank für den Hinweis an Florian W. aus Zürich

PS: Die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Vogelwelt sind ein ernsthaftes Problem, dass seriös betrachtet werden muss. Verglichen mit den Auswirkungen der Kohleverstromung auf die Vogelwelt (und alles andere, was in der Umgebung von Förderstätten oder Kraftwerken vormals kreuchte und fleuchte) sind die Auswirkungen aber deutlich geringer.

PPS: Wie Deutschland fällt Klimaschutz auch der Schweiz schwer. Die jetzt zur Abstimmung stehende Energiewende soll das ändern: Laut jüngster Tamedia-Umfrage wollen 55 Prozent für das Gesetz stimmen, während 42 Prozent Nein sagen wollen – nur drei Prozent sind noch unentschieden.