Archiv des Schlagwortes ‘Energiewende’

„Schweizer Bürger“: Spiel mir das Lied vom Vogeltod

Donnerstag, den 4. Mai 2017

Besorgte Bürger gibt es auch in der Schweiz. Zum Beispiel Kurt Zollinger, der sich selbst als „besorgten Bürger“ bezeichnet und sich gerade sehr, sehr besorgt an die Mitbürger der Schweiz gewandt hat. Und zwar mit dieser Postwurfsendung:

Es geht um eine Volksabstimmung am 21. Mai: Dann geben die Eidgenossen ihr Votum ab über die Zukunft ihrer Energieversorgung. Mit der „Energiestrategie 2050″ soll das bisherige Energiegesetz revidiert und damit ein erstes Maßnahmenpaket beschlossen werden. „Es dient dazu, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und erneuerbare Energien zu fördern. Zudem wird der Bau neuer Kernkraftwerke verboten“, erklärt die Schweizer Regierung.

Es geht also um die helvetische Version der Energiewende: Alle Parteien in der Schweiz sind dafür – außer der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Und außer den „besorgten Bürgern“. Die haben sich Sachverstand von Franz Helfenstein eingeholt, der den Aufruf gegen die Schweizer Energiewende als „Vogelliebhaber“ unterschrieben hat. Er behauptet, wie es in Energiewendekritikerkreisen sehr beliebt ist, der Ausbau der Windkraft habe dramatische Folgen für die Vogelwelt.

Na ja, gucken wir uns die Postwurfsendung mal genauer an:

Im Kopf ist der Vierwaldstättersee nahe Luzern abgebildet, einer der schönsten Seen der Schweiz, der sich als Gletscherrandsee am Ende der letzten großen Eiszeit bildete. Dass gerade dort an den Ufern Windräder aufgestellt werden – ausgesprochen unwahrscheinlich: Der See ist tief im Tal eingebettet, bei den vorherrschenden Windverhältnissen wären Windräder hier ziemlicher Unsinn.

Abgebildet auf dem Postwurf sind zweifelsfrei Kraniche, die – nun ja – vereinzelt ab und zu schon mal in der Schweiz gesichtet wurden. In Brandenburg kann man dagegen die Tiere zu Zehntausenden beobachten. Gleichzeitig ist Brandenburg das deutsche Binnenland mit den meisten Windkraftanlagen, weshalb das dortige Landesamt für Umwelt die Auswirkungen der Windkraft auf die Kraniche untersucht hat. Ergebnis:

Kraniche umfliegen also Windparks, weshalb in ganz Deutschland bislang 18 tote Kraniche in der Nähe von Windrädern gefunden wurden, was eine so geringe Menge ist, dass ein Zusammenhang „Windrad – Kranichtod“ statistisch eher nicht gezogen werden kann.

Bei dem kleinen toten Vogel, den die „besorgten Bürger“ auf ihrem Postwurf abgebildet haben, handelt es sich übrigens um eine Dachsammer, die am liebsten nahe am Boden unter Büschen brütet, weit weg von Windkraftrotoren – und auch nicht in der Schweiz, sondern hauptsächlich in Nordamerika.

Komisch! Sollte das ein „Vogelliebhaber“ nicht wissen? Und wer steckt eigentlich hinter den „besorgten Bürgern“?

Tataaa!

Der „besorgte Bürger“ Kurt Zollinger war bis vor Kurzem Präsident der SVP-Ortspartei in Stäfa am Zürichsee. Und die SVP ist – siehe oben – gegen die Energiewende in der Schweiz:

Und die tatsächlichen Schweizer Vogelschützer sind, ganz anders als die „besorgten Bürger“, für die Energiewende:

Aber um Vögel geht es den „besorgten Bürgern“ in Wahrheit gar nicht. Ihr Web-Auftritt ist unter der Adresse www.rettungwerkplatzschweiz.ch angelegt. Die wirklichen Fragen, die die „besorgten Bürger“ umtreiben, sind folgende:

Also ehrlich, ein so dilettantischer Versuch von Vogeltod-Alarmismus ist uns selten auf den Schreibtisch geflattert.

Vielen Dank für den Hinweis an Florian W. aus Zürich

PS: Die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Vogelwelt sind ein ernsthaftes Problem, dass seriös betrachtet werden muss. Verglichen mit den Auswirkungen der Kohleverstromung auf die Vogelwelt (und alles andere, was in der Umgebung von Förderstätten oder Kraftwerken vormals kreuchte und fleuchte) sind die Auswirkungen aber deutlich geringer.

PPS: Wie Deutschland fällt Klimaschutz auch der Schweiz schwer. Die jetzt zur Abstimmung stehende Energiewende soll das ändern: Laut jüngster Tamedia-Umfrage wollen 55 Prozent für das Gesetz stimmen, während 42 Prozent Nein sagen wollen – nur drei Prozent sind noch unentschieden.


BDEW: Für Verstimmung sorgen

Samstag, den 21. September 2013

Der Vorwärts ist seit 1876 die Parteizeitung der deutschen Sozialdemokratie. In seiner Septemberausgabe findet sich folgende Anzeige:

Zeit für Verantwortung. Die Energiewende marktwirtschaftlich gestalten.Geschaltet hat diese Anzeige der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft – kurz BDEW. Glaubt man der Anzeigenpreisliste des Vorwärts, kostete das die Energiewirtschaft 10.710 Euro – inklusive Steuern.

Aber das dürfte gut investiertes Geld sein: Die Chance, dass die SPD am 22. September in das Bundeswirtschafts- oder Umweltministerium gewählt wird, ist zuletzt ja wieder gestiegen.

„1.800 Unternehmen – 1 Stimme“, lautet der Slogan, mit dem sich die Energiewirtschaft den etwaigen SPD-Ministern als Gesprächspartner anbietet. Weiter heißt es in der Anzeige:

Die Energiewende im Realitätstest: Steigende Strompreise, zunehmende Engpässe im Netz, Reservekraftwerke ohne wirtschaftliche Basis. Gleich nach der Bundestagswahl müssen Lösungen kommen. Die Branche hat Vorschläge erarbeitet. Eine immense Herausforderung und eine großartige Chance zugleich - für uns alle.Hildegard Müller, die ehemals enge Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und heutige BDEW-Vorsitzende, hat nun etwas gestelzt erklärt: „Der BDEW wird Ende September ein Konzept für eine tiefgreifende zweistufige Reform des EEG und einen konkreten Vorschlag für ein reformiertes Marktdesign – einen ‚Markt für gesicherte Leistung‘ – mit dem Fokus Versorgungssicherheit vorlegen.“

Toll, die Branche hat schon Lösungsvorschläge. Da kann es ja losgehen mit der Wiederbelebung der Energiewende – gleich nach der Bundestagswahl.

Überhaupt nicht, sagen Umweltverbände. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat nämlich sein Konzept für eine tiefgreifende Reform bereits vor der Wahl vorgestellt. „Energiewende ganzheitlich denken“ ist es überschrieben – und würde die Energiewende „massiv bedrohen“, wie die Umweltschützer sagen: „Unter dem Mantel einer objektiven Abwägung vertritt der BDI knallhart Partikularinteressen bestimmter Industrieakteure.“

Das bringt uns zu dem Fehler, den der „Bundesverband der Energiewirtschaft“ in die Vorwärts-Anzeige eingebaut hat:

bdew-anzeige-rest

Mitgliedsunternehmen sind zum Beispiel die E.ON Anlagenservice GmbH, die E.ON Kernkraft GmbHE.ON Energie AG und 28 andere Firmen, deren Name mit E.ON beginnt. Mitglieder sind auch Firmen wie die Kraftwerk Plattling GmbH, die Bayernwerk AG oder die E.DIS AG, allesamt Töchter von E.ON. Und dazu kommen noch die Töchter dieser Töchter, wie die e.distherm Wärmedienstleistungen GmbHSüdWasser oder die Regensburger Energie- und Wasserversorgung AG.

Natürlich gibt es auch einige Stadtwerke, die Mitglied im BDEW sind. In erster Linie aber ist die angebotene Stimme die Stimme der Großindustrie: Was für E.ON in der Mitgliedsliste gilt, das gilt genauso für Vattenfall, RWE, EnBW und Co: Die Töchter und Töchterstöchter der großen vier Stromkonzerne bilden das Schwergewicht im BDEW – also nicht die Träger der Energiewende, sondern die Bremser.

Entsprechend gereizt sind die anderen Stimmen der Energiewirtschaft. Der Verband kommunaler Unternehmen – Stimme für 1.400 Mitgliedsfirmen in den Bereichen Energie, Wasser, Abfall – fordert „verbindliche Ausbauziele der erneuerbaren Energien“. Der Bundesverband Erneuerbare Energie – Stimme für 5.000 Unternehmen – nennt den BDI-Vorschlag „eine hilflose Mogelpackung“. Der Bundesverband Windenergie mit über 20.000 Mitgliedern spricht von „Polemik“.

Aber vielleicht ist die ganze Aufregung über die SPD und die Zukunft der Erneuerbaren ja auch umsonst: wenn an diesem Sonntag die Bündnisgrünen ins Bundeswirtschafts- und Umweltministerium gewählt werden.


PS: Seit zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Nordrhein-Westfalen: Waahnsinns-Boom

Mittwoch, den 7. November 2012

Nordrhein-Westfalen ist noch immer Deutschlands Kohleland und die SPD in weiten Teilen noch immer die Partei der Kohlekumpel. Aber die Zukunft gehört ja bekanntlich den Erneuerbaren. Deshalb sind Nachrichten wie die folgende aus Deutschlands größtem Bundesland besonders willkommen:

Das interessiert uns natürlich, weshalb wir gern mehr lesen: „Im vorigen Jahr konnte der Wirtschaftszweig der Zukunftsenergien ein deutliches Plus bei Umsätzen, Stromerzeugung und bei den Beschäftigten erzielen. Dies geht aus der jährlichen Erhebung des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) im Auftrag des Umweltministeriums hervor.“

Der Untersuchung zufolge ist der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung in Nordrhein-Westfalen von 2010 zu 2011 um mehr als 20 Prozent gestiegen. Den größten Zuwachs binnen Jahresfrist verbuchte die Photovoltaik – mit satten 82 Prozent. Die Windenergie wuchs um knapp ein Drittel, die Biomasse immerhin um sechs Prozent. In der Studie ist dann auch folgende beeindruckende Grafik zu finden:

Wirklich toll! 23 Prozent mehr Grünstrom binnen eines Jahres! Das kann sich sehen lassen. Der bündnisgrüne Umweltminister Johannes Remmel sagt dazu: „Nordrhein-Westfalen setzt so ein Signal für die erfolgreiche Bewältigung der Energiewende.“ Sehr gut! Man nickt begeistert, wenn man das Fazit des Umweltministeriums liest: „Die Branche der Erneuerbaren Energien in Nordrhein-Westfalen boomt weiter.“

Kurze Nachfrage noch: Wie hoch ist eigentlich zurzeit der Anteil der Erneuerbaren an der Gesamtstromerzeugung in NRW? Nur mal so zum Vergleich mit anderen Bundesländern. In der Studie steht das nämlich nicht drin. „Die Zahl liegt uns nicht vor“, erklärt ein Sprecher Remmels gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Immerhin kann er mit einem Recherchetipp dienen: „Versuchen Sie es bei der Energieagentur NRW!“

Doch dort wird die Recherche auch nicht fündig. „Am besten Sie wenden sich ans Institut direkt. Ans Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien“, erklärt ein Sprecher der Energieagentur.

Beim Institut druckst ein Mitarbeiter etwas verschämt herum. Ja, die Zahlen seien bekannt, in der Studie aber bewusst nicht genannt worden. Er sagt: „Wenn Sie sich aktuelle Zahlen zur Gesamtstromerzeugung des Landes NRW besorgen und diese dann den Zahlen der regenerativen Energien gegenüberstellen, können Sie Ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen“. NRW sei ein Kohle-Land, „das machen diese Zahlen deutlich“. Der Mitarbeiter verweist schließlich an seinen Institutsdirektor, der bestimmt gern die Zahlen und den Sachverhalt erläutere.

Wir ersparen Ihnen hier die Ausführungen des Institutschefs. Hilfreicher ist eine Erhebung des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW): Mit Ausnahme der Stadtstaaten und des Saarlandes hinkt demnach kein anderes Bundesland bei der Energiewende so weit hinterher wie Nordrhein-Westfalen:

 Rechte Spalte: Durchschnitt Deutschland ohne die große Wasserkraft und ohne Biomasseanlagen, die nicht durchs EEG gefördert werden.

Während bundesweit in den ersten drei Quartalen dieses Jahres bereits 26 Prozent Strom aus Erneuerbaren stammen, sind es in Nordrhein-Westfalen gerade einmal 8 Prozent. Sicherlich kann man Johannes Remmel dies nicht allein ankreiden. Der Vorgänger-Regierung unter Jürgen Rüttgers (CDU) waren zwischen 2005 und 2010 die Erneuerbaren herzlich egal. Aber davor regierten ja die Grünen schon einmal zehn Jahre lang in NRW mit. Ganz so unschuldig am schlechten Tabellenplatz scheint Remmels Partei also nicht zu sein.

„Die Branchenzahlen 2011 zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind“, hatte der Umweltminister bei der Vorstellung des IWR-Reports Anfang der Woche erklärt. Richtiger wäre gewesen, Remmel hätte gesagt: „Wir müssen aufholen, damit wir uns nicht irgendwann in zehn Jahren umschauen und um uns herum ist eine schöne neue Energiewelt entstanden und wir bleiben letztlich auf unseren alten Kohlekraftwerken sitzen.“ Aber das sagte der Minister nicht bei der Präsentation der landeseigenen Branchenzahlen, sondern als es in der vergangenen Woche darum ging, den andernorts rasanten Ausbau der Erneuerbaren besser zwischen den Bundesländern abzustimmen. Als es um’s Verteilen der Pfründe ging.

PS: Mittlerweile hat das Umweltministerium aus Nordrhein-Westfalen doch noch Zahlen für 2011 gefunden und uns zugeleitet. Demnach deckten grüne Kraftwerke im vergangenen Jahr 7,3 Prozent des NRW-Stromverbrauches.