Monatsarchiv für Dezember 2011

Eon: Die Zukunft ist schon fast zehn Jahre alt

Mittwoch, den 28. Dezember 2011

Anna Kuhn ist wieder da. Beziehungsweise ein weiteres Motiv der Eon-Kampagne, in der sich der Atom-, äh, Energiekonzern mit dem Gesicht einer jungen Frau als zukunftsfähiger Stromversorger zu präsentieren sucht. Die Annonce, die zu Weihnachten beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung oder im Berliner Tagesspiegel erschien, setzt den künstlichen Dialog aus dem ersten Motiv fort. Wie die von Eon versprochene „Zukunft der Energie“ denn „konkret“ aussehe, lautet diesmal die Frage. Antwort: „Hallo Frau Kuhn, zum Beispiel so: Wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘ in der Nordsee.“

Amrumbank West? Amrumbank West? Klingt irgendwie bekannt …

Genau, das ist einer jener Windparks vor der deutschen Nordseeküste, über die seit mehr als zehn Jahren geredet wird. Bereits im Jahr 2000 wurde der Antrag für das Projekt gestellt, Eon hat es 2002 vom niedersächsischen Windkraftpionier Ingo Rennert übernommen. Seitdem, schreibt der Konzern in einem „Factsheet“ zu Amrumbank West, treibe man die Entwicklung des Windparks voran.

Nunja, besonders erfolgreich war Eon damit nicht. Bereits im Juni 2004 erteilte das zuständige Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie die Genehmigung, also vor geschlagenen siebeneinhalb Jahren. Im April 2005 wurde ein Messpfahl errichtet, unter anderem für Winddaten. Und dann passierte – erstmal nichts. Eon sagt, der Grund dafür lag in technischen Schwierigkeiten – und in der Tat hatte nahezu die gesamte Windkraftbranche unterschätzt, welche Herausforderung der Schritt vom Land aufs Meer ist. Doch gerade Eon ist in Fachkreisen seit Jahren nachgesagt worden, diverse Offshore-Projekte aufzukaufen und dann zu bremsen. Ziel sei, so der Verdacht, die profitablen Atom- und Kohlekraftwerke vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Tatsächlich hat der Konzern früher gern gegen die Windkraft polemisiert. Und vor zwei Jahren gab Eon selbst  zu, Windparks aus Renditegründen lieber im Ausland zu bauen.

Jedenfalls glänzte Eon bei der Offshore-Windkraft und beim Projekt Amrumbank West bisher vor allem durch Ankündigungen:

2004avisierter Baubeginn für Amrumbank West: 2008

2006Eon kündigt an, bei der Offshore-Windkraft „die führende Rolle“ zu übernehmen bis 2011 in deutschen Gewässern Anlagen mit 500 MW Leistung zu errichten

2008der zuständige Eon-Manager wird mit den Worten zitiert: „Endlich geht es los“

2010Eon terminiert die „endgültigen Inbetriebnahme“ von Amrumbank West „bis spätestens 2014″

2011„ab 2015″, so die aktuelle Ankündigung, soll der Windpark Strom ins Netz einspeisen

Doch nicht einmal darauf will sich Eon in der Zeitungsannonce festlegen. Dort heißt es:

Wow, „in wenigen Jahren“! Der Konzern wirbt also mit einem Projekt, das er bereits seit einem Jahrzehnt in Arbeit hat und dessen Fertigstellung nicht genau feststeht. Hatte die Frau Kuhn in der Annonce nicht nach etwas „Konkretem“ gefragt??

P.S.: Sie fragen sich, was aus Eons Ankündigung von 2006 geworden ist? Bis heute ist bloß der Windpark „Alpha Ventus“ am Netz – und dessen 60 MW muss sich der Konzern auch noch mit Vattenfall und EWE teilen. Aus einst versprochenen 500 MW wurden also lediglich 20 MW. Für die „Energie der Zukunft“ wünschen wir Eon mehr Erfolg.


SAA: Spezielle Flugtarife für das Arktis-Eis

Donnerstag, den 15. Dezember 2011

Die Klimabelastung, die ein Flugzeug pro Passagier verursacht, ist bis zu fünfmal so groß wie die, die ein ICE bewirkt. Und im Vergleich mit den Kundenzahlen der Bahn sind die der Luftfahrtbranche geradezu explodiert: Rund 190 Millionen Menschen hoben 2010 von einem der 23 deutschen Verkehrsflughäfen ab, in diesem Jahr sollen es schon 200 Millionen sein. Mittlerweile trägt der weltweite Flugverkehr etwa neun Prozent zum menschgemachten Treibhauseffekt bei.  Wir haben also ein Problem, das sich in der südafrikanischen Tageszeitung Business Day so darstellt:

Über einem Foto, das offenbar brüchiges Meereis zeigt, steht da: „Wenn Du die Welt siehst, wie wir sie sehen, dann wirst du verstehen, warum die Klimakonferenz so wichtig ist.“ Die Annonce stammt von der südafrikanischen Fluggesellschaft South African Airways und erschien während des diesjährigen UN-Klimagipfels in Durban. Tatsächlich haben dort Wissenschaftler des Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) Alarm geschlagen: Der Klimawandel in der Arktis vollziehe sich deutlich schneller als einst vom Weltklimarat IPCC vorhergesagt. Passiere nichts, werde der Arktische Ozean in den nächsten 20 bis 30 Jahren im Sommer komplett frei von Eis sein.

Es müsste also wirklich etwas passieren, damit der Anblick nicht noch schlimmer wird, der sich Piloten und Passagieren von South African Airways bietet. Die Fluglinie hat da auch was im Angebot:

In reichlich verschwurbelten Worten wird die neunfache Auszeichnung als „Beste Fluglinie Afrikas“ als Verpflichtung gedeutet, irgendwie Gutes zu tun. Weshalb man sich gern zur „Offiziellen Fluglinie der Klimakonferenz COP 17″ habe ernennen lassen und Delegierten spezielle Tarife biete: „Wir wollen dabei helfen, die Welt nach Durban zu bringen, um den Klimawandel zu bekämpfen.“

Nun wird das Fliegen bekanntlich sowieso schon künstlich verbilligt: Fluggesellschaften zahlen keine Kerosinsteuer, sind weitgehend befreit von der Mehrwertsteuer, mit Händen und Füßen wehrt sich die Branche gegen die Einbeziehung in den EU-Emissionshandel. Deshalb wird der SAA ihr „Spezialtarif“ nicht besonders schwergefallen sein. Speziell daran war nämlich nichts, nicht einmal das Feigenblatt der Klimakompensation wurde bemüht. Der „Spezialtarif“ war einfach nur besonders billig.

Weshalb die Delegierten in Durban dann unter anderem debattierten, wie man Fliegen teurer – und damit seltener – machen kann. So würden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

Erstens soll aus einer Flugverkehrsabgabe jener Klima-Fonds gefüllt werden, der den Entwicklungsländern ab 2020 jährlich hundert Milliarden Dollar zur Verfügung stellen soll, damit die sich zumindest ein wenig an die schon nicht mehr vermeidbare Erderwärmung anpassen können.

Zweitens würde das Durch-die-Weltgejette zumindest etwas teurer und brächte so manchen Passagier zum Nachdenken, ob er wirklich am Samstag nach Mailand in die Oper oder nach London zum Shoppen muss.

Und drittens müssten sich dann die Leute von South African Airways nicht mehr so oft das schwindende Eis von oben angucken.


Opel Ampera: Unrealistische CO2-Angaben

Sonntag, den 11. Dezember 2011

„Fahren Sie gegen den Strom. Mit Strom“, lautet ein Werbeslogan für den neuen Opel Ampera. „Elektrevolution“ reklamiert ein anderer. Ein dritter besagt:

Weiter heißt es in der Annonce: „Der neue Opel Ampera ist Fakt. Nicht Fiktion. Denn während andere noch am Elektroauto forschen, können Sie den Opel Ampera heute schon fahren. Mit einer Gesamtreichweite von über 500 km ist er uneingeschränkt im Alltag nutzbar.“ Bescheiden ist die Kampagne zur Markteinführung jedenfalls nicht. Und tatsächlich kann sich der Emissionswert im Kleingedruckten sehen lassen:

Das ist wirklich top im Vergleich zum – sagen wir – neuen Zafira 1.8, der es auf 169 Gramm je Kilometer bringt. Aber wie kommt Opel auf seine 27 g/km? Der Wert ist das Ergebnis des EU-weit standardisierten NEFZ-Testverfahrens. Dieses aber steht seit langem in der Kritik, selbst Opels Ampera-Blog nennt es „schwer nachvollziehbar“. Vereinfacht gesagt, ist im NEFZ das Leerfahren der Fahrzeugbatterie erlaubt; zumindest für die Strecke, die der Ampera rein elektrisch fährt, ist somit der CO2-Ausstoß offiziell „Null“. Nach 83 Kilometern muss sich laut Opel der eingebaute „Range Extender“ anschalten, ein kleiner, benzinbetriebener Generator (mit einem rechnerischen Verbrauch von fünf Litern pro hundert Kilometer). Dessen Emissionen ergeben jene schmeichelhaften 27 g/km.

Natürlich muss im echten Leben der Ampera an die Steckdose. Und vermutlich nicht erst nach 83 Kilometern. Denn in der Realität werden – anders als im NEFZ-Test – sicherlich niemals alle stromschluckenden Nebenaggregate ausgeschaltet sein (Heizung, Klimaanlage, Sitzheizung, Fensterheber, Stereo-Anlage etc. pp.), und es wird auch nicht das ganze Jahr über – wie im NEFZ-Test – eine Temperatur von rund 20 Grad Celsius herrschen.

Umso wichtiger ist die Frage: Wie kommt der Strom in die Steckdose? Natürlich aus Kraftwerken. Nach den Daten der Arbeitsgruppe Energiebilanzen stammten im vergangenen Jahr mehr als vierzig Prozent des deutschen Stroms aus Kohlekraftwerken:

Wenn aber fossiler Strom in die Steckdosen reinkommt, dann kommt er doch auch in den Opel Ampera, oder? Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes verursachte jede im Jahr 2010 verbrauchte Kilowattstunde mehr als ein halbes Kilo Kohlendioxid – exakt 563 Gramm. Nach Angaben von Opel verbraucht der Ampera (im  rein-elektrischen Betrieb) auf hundert Kilometer 16,9 Kilowattstunden Strom – macht rund 95 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer. Also  das Dreieinhalbfache der offiziellen Angabe, und bei Einbeziehung der Abgase des Range Extenders läge der Gesamtwert noch höher. In der Realität also und mit deutschem Durchschnittsstrom betrieben dürfte der Ampera nicht „revolutionär“ sein und auch nicht „Klassenerster“ – sondern allenfalls so klimafreundlich wie ein dieselgetriebener VW Golf BlueMotion mit seinen 99 g/km.

Danke an Peter S. aus Dortmund für den Hinweis

P.S.: Opel empfiehlt den Ampera-Kunden das Tanken von Ökostrom – womit der Kohlendioxid-Ausstoß tatsächlich auf Null sinke. Doch wieviele Kunden dem Rat folgen, ist offen. Genausogut könnte man Stromheizungen generell klimafreundlich nennen – denn die lassen sich ja auch mit Ökostrom betreiben.


Entega: Klimakampagne mit bezahlten Bloggern

Montag, den 5. Dezember 2011

Der Markt für Ökostrom ist mittlerweile hart umkämpft. Fast 200 Anbieter mit mehr als 350 verschiedenen „Ökostrom“-Produkten buhlen laut einer aktuellen Umfrage um Kundschaft. Zu denen, die am lautesten klappern, gehört Entega. Das ist die Vertriebstochter des südhessischen Regionalversorgers HSE und nach eigenen Angaben Deutschlands zweitgrößter Ökostrom-Lieferant (40 Prozent an der HSE aber hält noch der Atom- und Kohleriese Eon).

Jedenfalls versucht Entega seit Jahren, mit – nunja – eigenwilligem Marketing auf sich aufmerksam zu machen. Mal lässt man Schneemänner für Klimaschutz demonstrieren (und karrt dafür Kunstschnee und bezahlte Hostessen heran), mal ein Atommüll-Fass durchs Land rollen (wobei der Versorger bis 2008 auch Akw-Strom verkaufte und somit am Endlagerproblem nicht ganz unschuldig ist).

„Wir waren Teil des Problems“, gibt Entega zu und verspricht, „jetzt wollen wir Teil der Lösung sein“. Das PR-Budget eines etablierten Großunternehmens ist da natürlich ein hübsches Hilfsmittel. So sponsert Entega den Fußball-Bundesligisten Mainz 05 ebenso wie den deutschen Werbeagenturverband ADC. Zum Klimagipfel in Durban hat die Firma nun ungefragt die CO2-Emissionen von Angela Merkel durch ein Aufforstungsprojekt kompensiert – und damit auch möglichst viele Leute davon erfahren, hat Entega ein Trickfilmchen produziert.

Soweit, so platt. Wir wollen hier auch nicht – nochmal - darauf hinweisen, dass Waldprojekte zur CO2-Kompensation unter Experten und Umweltverbänden umstritten sind. Sondern mal schauen, wie Entega sich seine Kampagne unter die Leute bringt. Deutschlandweit wurden die Betreiber von Blogs (darunter auch wir) von dem Vermarkter E-Buzzing angeschrieben. Ob wir nicht, so die Frage, über die Aktion berichten wollen. Wollten wir natürlich und fragten nach Details.

Das Angebot folgte prompt: Wer den Entega-Spot auf seinem Blog poste, bekomme 6 Cent für jeden Klick auf das Filmchen. Reihenweise haben sich bereits Blogger offenbar darauf eingelassen. Oft ohne die bezahlte Werbung zu kennzeichnen. Auffällig ist zudem, wie positiv der Tenor der Blogtexte zum Film ist. Die Erklärung dafür könnte dieser Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von E-Buzzing sein: Der Blogger solle

Gern hätten wir das Briefing zur Entega-Kampagne gelesen. Und dann vielleicht verstanden, wo genau der Klimanutzen der ganzen Aktion liegt. Oder ob es vor allem um Aufmerksamkeit für Entega geht. Und warum es vielleicht moralisch vertretbar sein könnte, dass Blogger sich für Texte bezahlen lassen, die sie nach Vorgaben von Kunden verfassen – ohne dies transparent zu machen. Gekaufte Blogposts sind nämlich ebenso weit verbreitet wie umstritten, in den USA hat bereits der Gesetzgeber darauf reagiert.

Um aber das Briefing zur Kampagne zu bekommen, hätten wir uns erst bei E-Buzzing registrieren und die zitierten AGB bestätigen müssen. Das – bzw. uns an irgendwelche Vorgaben halten – wollten wir dann doch nicht. Genauso wenig wie ein Honorar von Entega für diesen Text.

Danke an Anika S. aus Aachen für den Hinweis

P.S.: Von unseren Leserinnen und Lesern hingegen lassen wir uns gern bezahlen, Details gibt es hier.