Monatsarchiv für Juni 2015

RWE: Den Feind ins eigene Haus holen

Dienstag, den 23. Juni 2015

hier: heißt das „Nachbarschaftsmagazin“ von RWE Power, also jener Tochtergesellschaft, in der das Kraftwerksgeschäft gebündelt ist. Und hier war „hier„ – „Das Magazin für unsere Nachbarn im Rheinischen Braunkohlenrevier“, wie es im Untertitel heißt – schon einmal zu Gast auf unserem Lügendetektor.

Aber jetzt will ja auch RWE bei der Energiewende mitziehen, in der aktuellen Ausgabe präsentiert das Nachbarschaftsmagazin nichts geringeres als die

Unbenannt

Es geht um den Strukturwandel, die Arbeit der Gesellschaft „Innovationsregion Rheinisches Revier“, das „Innovationszentrum Kohle“, in dem an der „Kohle von morgen“ geforscht wird. Es geht um ressourcenschonendes Bauen, um den Fotowettbewerb „Rekultivierung“ und den Windpark auf der Königshovener Höhe.

RWE baut dort auf einer rekultivierten Fläche des Tagebaus Garzweiler neun weitere Windkraftanlagen mit einer Leistung von jeweils 3,2 Megawatt auf. Die ersten zwölf Windkraftanlagen laufen schon, das Investitionsvolumen …

rwe

Allerdings könnte diese Partnerschaft bei RWE jetzt einen Knacks bekommen. Auf Seite 5 des Nachbarschaftsmagazins wird nämlich folgendes vermeldet:

rwe1

… beteiligen, wie es im Text heißt.

Der Knackpunkt: Die neuen „Bürgerinitiative“ heißt zukunftsfroh im Untertitel „Unser Revier – unsere Zukunft – An Rur und Erft“. Die „Bürgerinitiative“versteht sich als „Allianz für Realismus und Sachlichkeit“ in der Energiepolitik, und wolle „Konstruktiv und kreativ“ sich in die gesellschaftspolitische Diskussion „um die Zukunft der Braunkohle und des Reviers einbringen“.  Aber die „Bürgerinitiative pro Braunkohle“ ist eben keine „Allianz für Realismus und Sachlichkeit“. Sondern ein – drücken wir es vorsichtig aus – mit RWEs Geschäftsinteressen sehr verbundener Verein.

Im Vorstand sitzt, das erfahren wir im Text auch, der Alu-Lobbyist und Anti-Windkraft-Anwalt Thomas Mock, der bereits seit Jahren anwaltlich überall in Deutschland gegen Windeergieanlagen vorgeht. Mock spricht von „Verzweiflung von Menschen, deren gesamte Lebensplanung von Windrädern über den Haufen geweht wird“, das ARD-Politmagazin Monitor bezeichnete Mock bereits 2004 als einen, der überall auftaucht, wo Lobbyarbeit gegen Windkraft gefragt ist.

Tja, liebe „Nachbarn“ von RWE Power: Könnte sein, dass es nun doch nichts wird mit der „Zukunft im Revier“ und den „zuverlässigen und nachhaltigen Partnerschaften“! Statt Strukturwandel, Innovation und Windkraft gibt’s dann weiter nur aus der Erde gebuddelten Kohledreck.

Vielen Dank an Udo H. aus Düren für den Hinweis!


Spiegel TV: Viel Lärm um Nichtlärm

Montag, den 15. Juni 2015

Die Spiegel-Verlagsgruppe setzt ihren „War on Windkraft“ fort: „Krank durch Infraschall. Der stumme Lärm der Windräder“ heißt ein Bericht von Spiegel TV, der sich mit niederfrequenten Geräuschen beschäftigt, die von Windkraftanlagen erzeugt werden und die Menschen krankmachen sollen. Und das, obwohl Infraschall per Definition unter der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegt. Die Töne sind so tief, dass wir sie nicht hören können.

Statt auf den üblichen mehr oder minder feinsinnigen Sarkasmus setzt das TV-Team des „Nachrichtenmagazins“ diesmal auf platte Schwarz-Weiß-Betroffenheitslyrik ohne Endreim. Da sind einerseits die bösen Landwirte, die – stets allein auftretend – rücksichtslos Reibach machen mit ihren Windrädern. Und da sind ihre gepeinigten Nachbarn – ordentliche deutsche Familien mit Vater, Mutter, Kindern – die sich durch die Windräder der Geldgierigen gequält sehen. Sie können nicht schlafen, müssen sich im Keller des Eigenheims verbunkern oder sogar umziehen. Selbst ihre Rindviecher sind betroffen: Sie weigern sich zu kopulieren – weswegen kaum noch süße Kälbchen geboren werden!

Alles nach der „Invasion der Windräder“. Spiegel TV präsentiert uns eine Untersuchung des Umweltbundesamtes zur Wirkungen von Infraschall. Aus dieser, publiziert genau vor einem Jahr, zitiert Spiegel TV:

spiegel-tv-Screenshot

In der Tat, das steht da so: Negative Auswirkungen sind nicht ausgeschlossen. Was die Kollegen von Spiegel TV aber nicht aus der UBA-Studie zitieren, ist folgende Passage:

schall

„Keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse“ – die Forscher des Umweltbundesamts sehen also erheblichen Forschungsbedarf, das ist die Kernbotschaft der 135-seitigen Studie. Denn bisher, auch das haben die Spiegel TV-Macher ihrem Publikum unterschlagen, werden nicht einmal die Beschwerden über vermeintlich durch Infraschall erzeugte Probleme systematisch erfasst. Und auf Seite 93 der Studie heißt es, bei den bekannten Fällen „fehlen objektive Nachweise über die Höhe der Geräuscheinwirkungen häufig vollständig“.

Aber beschweren sich die Beschwerdeführer denn wenigstens im Sinne der Windverächter von Spiegel TV? Nicht ganz. Nur in jedem dreißigsten der dokumentierten Fälle spielt Windkraft als Ursache eine Rolle – glaubt man der Studie des Umweltbundesamts. Selbst Wärmepumpen und Biogasanlagen werden häufiger subjektiv als Infraschall-Problemquelle wahrgenommen.

Zweiter-Ausschnitt-UBA-Studie

Es ist klar, dass die Wissenschaft schnell und seriös die Ängste und Anliegen der Betroffenen klären muss. Interessanterweise steht in der ein Jahr alten UBA-Studie aber auch schon, was Spiegel TV ein Jahr später mit seinem Beitrag machen wird. Auf Seite 20 heißt es: „Interessengruppen“ und Betroffene würden „meist stark verkürzt ihre Vermutungen über die Ursache der Geräuscheinwirkungen äußern“.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Polarstern: Stromsparn is a Schmarrn??

Dienstag, den 9. Juni 2015

Der Ökostromanbieter Polarstern hat neulich eine Mitteilung an die Presse verschickt, Titel:

polarstern1

Und weiter hieß es da: Es gebe „kaum Sparpotenzial beim Stromverbrauch“.

Häh?

Eigentlich will die junge Münchner Firma Polarstern ja zu den Guten gehören. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood empfiehlt sie als einen von sechs bundesweiten Ökostromanbietern. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen über sich: „Die Polarstern GmbH wurde im Sommer 2011 gegründet, um mit Energie die Welt zu verändern. Der unabhängige Ökoenergieversorger will die Menschen für einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Energie begeistern.“

Ahja. Und wie tut man das am besten? Indem man ihnen zuruft: „Stromsparn is a Schmarrn“?

Ausführlich wird in der Pressemitteilung ein Herr namens Günther Ohland zitiert, seines Zeichens Geschäftsführer einer „Smart Home Initiative Deutschland“. Und er darf da allen Ernstes erklären: „Beim Strom lässt sich heute kaum mehr etwas sparen, weil der Geräte-Energieverbrauch ohnehin schon sehr niedrig ist.“ Zur Erklärung sagt Ohland dann: „Man bekommt heute fast ausschließlich Geräte mit Energieeffizienzklasse A oder besser.“

Leider ist die Aussage ziemlicher Quatsch. Sie stimmt allenfalls für Waschmaschinen, Kühlgeräte oder Geschirrspüler – da sind inzwischen keine Geräte im Handel mehr erlaubt, die schlechter als A oder A+ firmieren. Aber warum ist das so? Weil die Effizienzklassen schon seit Jahren nicht an den technischen Fortschritt angepasst werden. Statt „A“ immer nur an die sparsamsten Geräte zu vergeben, werden munter neue Klassen erfunden: „A+“, „A++“ und sogar „A+++“. Mittlerweile sind – etwa bei Kühlschränken – die Geräte in der A-Klasse in Wirklichkeit fiese Stromfresser. In anderen Produktkategorien hingegen, etwa Wäschetrocknern oder Staubsaugern, gibt es noch reihenweise Geräte der Klassen B, C oder  schlechter auf dem Markt. Sowas müsste ein Ökostromanbieter, der seinen Anspruch ernst nimmt, den Kunden eigentlich mitteilen! Der von Polarstern zitierte Herr Ohland hingegen versteigt sich zu der Behauptung, Energiesparen könne „auf Kosten der Lebensqualität“ gehen. Klar, und wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, gehen in Deutschland die Lichter aus 

Polarstern hätte sich lieber bei wirklichen Experten fürs Thema umhören sollen. Dann hätte das Unternehmen in seine Pressemitteilung beispielsweise schreiben können, dass Haushaltsgroßgeräte für rund die Hälfte des Stromverbrauchs in Privathaushalten verantwortlich sind. Und bei Kühl- und Gefriergeräten der Verbrauchsunterschied zwischen Klasse A und der besten Klasse A+++ satte 60 Prozent ausmacht. Aber sowas steht nicht in der Polarstern-Mitteilung, sondern beispielsweise in einer Broschüre der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur (dena).

Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, wie viel Strom die privaten Haushalte bis zum Jahr 2030 sparen können – nicht durch ein Zurück in die Steinzeit, sondern durch einen klugen Einsatz effizienter Geräte:

polarstern2

Zwischen 2015 und 2030, so diese Szenarienberechnungen (Seite 149), könnte der Stromverbrauch demnach um 14,2 Terawattstunden sinken. Für Herrn Ohland: Das sind 14.200.000.000 Kilowattstunden – so viel, wie heute ungefähr 3,5 Millionen durchschnittliche Drei-Personen-Haushalte verbrauchen. Und das kann man vernachlässigen?

Selbst die großen Atom- und Kohlekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW sind da inzwischen klüger und bieten Tipps zum Stromsparen an. Energieberatung sehen sie als einen Markt der Zukunft. Nur Polarstern meint, in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken zu müssen,  Stromsparen bringe nicht viel.

Warum veröffentlicht das Unternehmen überhaupt die schrägen Äußerungen von Günther Ohland? Auf der Website der Smart Home Initiative wird er als „Autor mehrerer Bücher“ angepriesen – die jedoch alle bei Books on Demand erschienen sind. Ein etablierter Verlag hat sich anscheinend nicht für die Werke gefunden. Ohland ist auch nicht Mitarbeiter irgendeiner renommierten Forschungsinstitution, sondern schlicht Inhaber eines PR- und Pressebüros. Der Sinn der gesamten Mitteilung erschließt sich auch bei mehrfachem Lesen nicht – irgendwie geht es da vor allem ums Sparen von Heizenergie (was ja auch wichtig ist) und um intelligente Heizungs- und Klimasteuerung (tolle Sache) und um „Smart Home“ (wer’s mag) ganz allgemein.

Immerhin, am Ende war die ganze Sache den Leuten von Polarstern offenbar selbst peinlich. Auf der Firmenwebsite trägt die Pressemitteilung nun jedenfalls eine andere Überschrift: „Smart Home: Sparpotenzial beim Stromverbrauch und Heizen“, steht da jetzt etwas kryptisch. Die einstige Überschrift ist nur noch ganz klein zu lesen. Aber der ganze andere Schmarrn steht da trotzdem immer noch …

P.S. vom 12. Juni 2015: Nach Erscheinen dieses Textes hat sich Florian Henle, einer der Gründer von Polarstern, bei der Redaktion gemeldet. Der Beitrag sei „sehr befremdend“, schreibt er, der Inhalt der Pressemeldung darin „krass verdreht“. Polarstern und dem Experten Günther Ohland sei es „nicht um Stromsparen allgemein“ gegangen, sondern „ausschließlich um das Stromsparpotenzial von Smart Home“. Und dies sei halt „begrenzt“; besser geeignet sei Smart Home im Moment zur Steigerung des Wohnkomforts oder zur Senkung von Heizkosten. Dies betonte auch Günther Ohland in einem separaten Schreiben an die Redaktion. Im Übrigen, so Florian Henle, fänden sich auf der Polarstern-Website viele andere Texte zum Thema Stromsparen – beispielsweise hier oder hier oder auch hier.

Diese Klarstellungen veröffentlichen wir hiermit gern.

Zur konkreten Kritik an den Falschaussagen zu den Effizienzklassen von Haushaltsgeräten äußerten sich beide nicht.


Die Bahn: Ein schwarzes Loch produzieren

Dienstag, den 2. Juni 2015

Punkt 3 nennt sich eine Publikation, die von der Berliner S-Bahn und der Regionaltochter der Bahn für Berlin und Brandenburg herausgegeben wird. Die Kundenzeitschrift „erscheint alle 2 Wochen in einer Mindestauflage von 150.000 Exemplaren“, erfahren wir auf der Website der S-Bahn. Die Zeitschrift ist kostenlos und informiert über Fahrplanänderungen, Bauarbeiten und Reiseangebote.

Gefördert wird sie von der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH, die das „Reiseland Brandenburg“ anpreist. Für Hauptstadt-müde Berliner bietet Punkt 3 einiges Interessantes. Zum Beispiel den Aufmacher der aktuellen Ausgabe, in dem es um die 1. Nationale Sonderausstellung zum Reformationsjubiläum „Luther und die Fürsten“ geht:

p32

Auf Seite 18 geht es um das „Themenjahr 2015″: Unter dem Kulturland-Motto „Gestalten – nutzen – bewahren. Landschaft im Wandel“ beschäftigen sich in diesem Jahr „zahlreiche Künstler mit den Herausforderungen der Zukunft, wie Klimawandel, demografische und ökologische Entwicklung“. Dazugestellt sind nicht nur die Veranstaltungstermine, sondern praktischerweise auch die Anreisemöglichkeiten mit der Bahn. Auf Seite 22 geht es um das „Bugabike“ – nebst allen Servicedetails: „Die Bundesgartenschau in der Havelregion lässt sich umweltfreundlich mit dem Regionalexpress RE 1 und dem Fahrrad erkunden.“

So weit, so schön. Auf Seite 27 ist Folgendes zu lesen:

p31
Ups! Was hat denn dieser finster Dreinblickende mit – Punkt 3-Eigenwerbung – „Informationen für unterwegs in bahnbrechenden Zeiten“ zu tun?

Also Anruf bei der Redaktion: Was soll das schwarze Loch auf Seite 27? Wie ist der KOHLEteralschaden in die Kundenzeitung der Bahn gekommen? Das Kraftwerk, das die Bahn im nördlichen Ruhrgebiet, in Datteln, bauen will, ist doch ein Steinkohlekraftwerk! Soll jetzt auch noch ein Braunkohlekraftwerk folgen? Will uns die Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH die KOHLE REGION! als Sommerspecial empfehlen? Und vor allem: Gucken alle jungen Männer in der Lausitz so finster wie der Abgebildete?

Antwort einer Vertreterin von Punkt 3: „Das ist eine Anzeige des Vereins Pro-Lausitz.“ Eine Anzeige in der Kundenzeitschrift der Bahn, die nicht als Anzeige gekennzeichnet ist? „Hat der Verleger eines periodischen Druckwerks oder der Verantwortliche (§ 8 Abs. 2 Satz 4) für eine Veröffentlichung ein Entgelt erhalten, gefordert oder sich versprechen lassen, so hat er diese Veröffentlichung, soweit sie nicht schon durch Anordnung und Gestaltung allgemein als Anzeige zu erkennen ist, deutlich mit dem Wort ‚Anzeige‘ zu bezeichnen“, heißt es im Medienrecht.

Antwort der Punkt 3-Vertreterin: „Ich werd’s weitergeben!“


PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER