Monatsarchiv für Mai 2015

RWE: In der Lügenfalle

Freitag, den 15. Mai 2015

Spielen Sie Schach?

Da kann es folgende Situation geben: Sie spielen Zug um Zug, haben das Gefühl, dass alles super läuft. Der Gegner wird bald geschlagen sein, Sie werden Ihren König sicher durchs Spiel bringen. Und da passiert es: Sie haben sich in eine Situation hineinmanövriert, in der Sie nichts mehr richtig machen können. Egal, welchen Zug Sie als nächstes auch tun, es wird ein falscher sein. Sie sind überführt, noch bevor Sie Ihre Figur setzen.

So geht es auch Peter Terium und RWE.

Und folgendermaßen läuft die Partie: Unter dem Druck der Kritiker behauptete das Unternehmen jahrelang, dass es genügend Geld für den Rückbau der Atomkraftwerke zur Seite gelegt hat. Das Geld sei sicher, hieß es. Wieder und wieder und wieder. Zehn Milliarden Euro an Atomrückstellungen stünden bereit und warteten nur darauf, bei Bedarf für den AKW-Rückbau und die Lagerung der strahlenden Altlasten ihren Einsatz zu finden. Schachfigur gesetzt.

Angriff an der Nuklearflanke fürs Erste abgewehrt.

Die Partie geht aber weiter. Scheinbar überraschend gibt es einen Angriff an der Kohleflanke. Die Klimaabgabe, die sich das Bundeswirtschaftsministerium unter dem verhaltenen Jubel der Umweltverbände ausgedacht hat, droht das fossile Kraftwerksgeschäft zu schmälern.

Was nun?

Um die RWE-Figuren zu retten, tat Konzernchef Peter Terium in einem Interview mit dem Sender n-tv in dieser Woche den nächsten Schachzug: Er behauptete, dass die Klimaabgabe 80 bis 90 Prozent der Braunkohle in einem Ausmaß treffen würde, „wo RWE es nicht mehr stemmen würde“. Das Geld aus dem Braunkohlegeschäft aber brauche man auch dafür – holte Terium die ganz große Keule raus –, um die Versprechungen zu den Atomrückstellungen einzuhalten.

Und jetzt sitzt er in der Falle.

Terium_LügD_a

Denn:

Gilt sein Argument, hat er gerade – als erster führender Vertreter der großen Energiekonzerne und in aller Öffentlichkeit – zugegeben, dass RWE die Öffentlichkeit bei der Sicherheit der Atomrückstellungen all die Jahre über belogen hat. Mit seiner Aussage würde er bestätigen, wovor Umweltverbände und Anti-Atom-Gruppen immer gewarnt haben: Die Energieriesen haben mit der Nuklearenergie das Geschäft gemacht, auf der teuren Entsorgung der Altlasten aber bleiben die Steuerzahler sitzen. Eine Bankrotterklärung und Blamage auf ganzer Linie.

Sollte das Ganze aber „so nicht gemeint gewesen“ sein, kann Terium die Partie ebenso wenig für sich retten. Denn dann würde sich sein Rückstellungs-Argument als ein überaus dreister Erpressungsversuch erweisen, um die drohende Klimaabgabe abzuwenden. (Experten sind sich einig, dass die Abgabe den zum Erreichen des deutschen Klimaziels wichtigen Strukturwandel auf sehr sanfte Weise einläutet.)

So oder so, an dieser Stelle der Partie kann der RWE-Chef nichts mehr richtig machen. Er trägt eine peinliche Niederlage davon.

Vielen Dank an Jürgen D. für den Hinweis


Der Lügendetektor: Noch gebraucht?

Dienstag, den 12. Mai 2015

Bild

„Wolfgang Clement: Die Lüge von der Energie-Abhängigkeit“, lautete am 20. Januar 2008 die Überschrift im Klima-Lügendetektor. Wohlgemerkt: Über dem allerersten Text! Am vergangenen Dienstag hieß die Schlagzeile: „CDU-Wirtschaftsrat: Nicht rechnen können!“ Jubel, Tusch und „Aber Hallo!“ Es war der 400. Text auf dem Watchblog zu den Lügen und Halbwahrheiten, die rund um die Energie- und Klimawende verbreitet werden.

Das macht ein Dankeschön an unsere Leser notwendig: Viele Texte sind nur deshalb entstanden, weil Sie uns beauftragt haben.

Einerseits gibt es viele Leser, die unsere Arbeit finanzieren. Seit Oktober 2011 ist der Klima-Lügendetektor leserfinanziert. Andererseits übermitteln uns die Leser immer wieder Verdachtsmomente. Die Bahn ist jetzt klimafreundlich, weil die Bahncard grün ist? Die Deutsche Post ist vorbildlich, weil sie mit grünem Elektrostrom fährt? Der Weltklimarat IPCC hat bei seinem neuen Sachstandsbericht wirklich geschlampt, wie es im Spiegel stand? Fragen Sie uns, dann wird Ihnen geholfen!

Allerdings nicht immer: Die 400 Texte befassen sich nämlich mit den Lügen, die wir aufdecken konnten. Jene Verdachtsmomente, die eingesandt, aber nicht bestätigt werden konnten, sind natürlich nicht veröffentlicht wurden. Wir haben überlegt, eine Rubrik „ungelogen“ einzuführen, damit die Arbeit, die wir in die Recherche gesteckt haben, nicht umsonst war. Aber uns dagegen entschieden: Lügen sollten nicht mit der Wahrheit verquickt werden.

Beim Greenwashing werden „die Techniken der Öffentlichkeitsarbeit, der Rhetorik und der Manipulation benutzt, um einer Firmengeschichte eine reine Weste zu verpassen“, wie es in der Wikipedia heißt. Es sind nur selten glatte Lügen, mit denen heutzutage Grünfärberei betrieben wird. Vielmehr werden Informationen verdreht, weggelassen oder in irreführende Zusammen­hänge gestellt. Oder man schmückt sich mit Stars, schreibt Preise mit wohlklingenden Namen aus. Das Süddeutsche Zeitung Magazin hat 2007 in einer Titelgeschichte fünf Methoden dieses „grünen Schmierentheaters“ beschrieben.

Seidem hat die Branche viel gelernt. Unsere Arbeit ist schwieriger geworden, „die Gegenseite geht subtiler vor“, wie Redaktionsleiter Toralf Staud urteilt. Vielleicht liegt es daran, dass uns zuletzt nicht mehr so viele Prüfaufträge aus der Leserschaft erreichten. Vielleicht ist aber auch nur unsere Leserschaft sensibler und weniger aufregbar geworden. Vielleicht braucht es den Klima-Lügendetektor gar nicht mehr?

Was sagen Sie dazu?


CDU-Wirtschaftsrat: Nicht rechnen können

Dienstag, den 5. Mai 2015

Der Streit um die Zukunft der Kohlenutzung ist in vollem Gange. Die CDU will die Klimapläne von SPD-Minister Sigmar Gabriel durchkreuzen und bemüht dabei die Mathematik:

feli

Donnerwetter! Warum überhaupt noch Emissionen senken? Wo nun sogar mathematisch nachweisbar ist, dass alles nichts bringt!

Quod erat demonstrandum: Nachgerechnet hat der Wirtschaftsrat der CDU. In einer Pressemitteilung erklärt deren Präsident Kurt J. Lauk, dass es unmöglich sei, den Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu senken – wie es doch die CDU beschlossen hatte. „Das sagen wir schon seit langer Zeit, weil wir die Grundrechenarten beherrschen.“ ὅπερ ἔδει δεῖξαι!

Vielleicht hat der kleine Kurt in den 50er Jahren einfach nicht richtig zugehört, als er in Baden-Württemberg die Schulbank gedrückt hat. Der inzwischen 68-jährige CDU-Politiker präsentiert nämlich eine Rechnung, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Bisher wurde zu wenig Treibhausgas eingespart, also kann es auch in Zukunft keinesfalls klappen. Und deswegen sollten wir jetzt auch gar nicht erst probierenen, doch noch mehr Kohlendioxid einzusparen.

Aber Herr Lauk beherrscht nicht nur die Grundrechenarten, er übt sich auch in der Prozentrechnung. Das ehemalige  Vorstandsmitglied der Daimler-Chrysler AG argumentiert, dass in den kommenden Jahren die Emissionen stärker sinken müssten als in den vergangenen Jahren seit 1990:felix2Stimmt: Durch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft ist der Kohlendioxid-Ausstoß deutlich stärker zurückgegangen als in den übrigen Jahren. Nur: Bisher waren es stets die Umweltschützer, die auf den „DDR-Effekt“ hingewiesen haben – und die regierenden Politiker, oft von der CDU, haben das ignoriert, um die Fortschritte im Klimaschutz schönzureden und möglichst wenig zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen.

Ähnlich absurd wird es, wenn Lauk auf den EU-Emissionshandel zu sprechen kommt. Deutschland solle keine zusätzlichen Klimaschutzvorgaben für Sektoren beschließen, die bereits dem europäischen Emissionshandel unterliegen. Der Emissionshandel liegt  derzeit am Boden, die Tonne Kohlendioxid ist für weniger als fünf Euro zu haben, es gibt kaum einen Anreiz, in klimafreundliche Alternativen zu investieren. Und wer hat in den vergangenen Jahren gegen die Reparatur des Emissionshandels gekämpft? Die CDU!

Kommen wir noch einmal zur Mathematik: Was will uns Herr Lauk eigentlich sagen, wenn er davon spricht, dass die 2,5 Prozent „durchschnittlich noch in keinem Jahr erreicht“ worden seien, „trotz DDR-Effekt“? Wurden sie „in keinem Jahr“ erreicht? Das ist falsch, 1991 waren es nach Datenlage des Umweltbundesamtes beispielsweise ungefähr vier Prozent. Oder meint Herr Lauk, die 2,5 Prozent wurden „durchschnittlich“ in all den Jahren nicht erreicht?

Nochmal zurück zu den Grundrechenarten, weil deren Darstellung klarer ist als die Sätze des Herrn Lauk. Der Wirtschaftsrats-Chef  schreibt in seiner Pressemeldung:

felix4

Huhu, Herr Lauk!

2014 minus 1990 sind 24 Jahre!!
In 24 Jahren wurden 27 Prozent erreicht!!!

Wer so stolz wie Herr Lauk auf das so gute Beherrschen der Grundrechenarten ist, den muss man wirklich ernst nehmen!

Danke an Rüdiger H. aus Aachen für den Hinweis.