Monatsarchiv für Oktober 2011

Die Welt: Blick für das Besondere

Montag, den 24. Oktober 2011

Die Welt ist einfach wunderbar. Und vor allem: Sie wird immer besser. Dieses Wochenende hieß es in der 

Ausriss mit Zeitungskopf, der Unterzeile "Sonderausgabe Ökologische Verantwortung" und der Headline "Warum jeder ein bisschen öko sein sollte"

In der Unterzeile schrieb das Springer-Blatt: „Verantwortung für die Umwelt übernehmen, kann ganz einfach sein. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen Ökologie auch im Alltag leben – das beginnt beim Einkaufen oder beim Kaffeetrinken.“

Oder beim „Blattmachen“. So nennen Printjournalisten das alltägliche oder -wöchentliche Zusammenstellen einer Zeitung. Und die Blattmacher – nicht nur, aber auch sehr bei der Welt – sind regelmäßig empört, wenn Politiker ihren moralischen Ansprüchen nicht genügen. Wenn etwa ein Bündnisgrüner bei der Lufthansa dienstlich Bonusmeilen sammelt und sie dann privat nutzt. Oder sich ein Verteidigungsminister in Damenbegleitung planschend auf Mallorca ablichten lässt, während „seine“ Soldaten zu einem Auslandseinsatz aufbrechen. Oder wenn sich ausgerechnet ein CDU-Spitzenkandidat in ein minderjähriges Mädchen verliebt.

Wie schaut es bei der Welt am Sonntag (WamS) selbst aus? Ist sie wenigstens „ein bisschen öko“? Auf Seite 3 – nach der Titelseite ja die prominenteste einer Zeitung – lautet diesen Sonntag die Überschrift: „Aus weniger wird besser“. Obwohl es nicht dabei steht, handelt es sich offenbar um eine Anzeige für den Audi Q3, den neuesten Stadtgeländewagen der Ingolstädter – mit einem CO2-Ausstoß von bis zu 179 Gramm pro Kilometer kein wirkliches Öko-Mobil.

Im Politikteil geht es auf den Seiten 4 bis 7 um die Rettung des Euro und Europas Zukunft. Der Wirtschaftsteil stellt die drängende Frage

Ausriss mit Zitat "Was wird aus den Banken?"

und versucht, auf den Seiten 29 bis 35 Antworten zu geben. Es folgt ein Finanzteil, der erklärt, warum der Kapitalismus eine feine Sache ist. Es folgt das Feuilleton mit „Tim und Struppi“ und einer Lady-Di-Biografie, dann die Abteilung Stil mit Edelrestaurants und „Uhren nach Maß“ – zu 1095 Euro das Stück. Im beiliegenden „Stil-Magazin“ namens Icon schließlich wird für jene Dinge geworben, die das Leben wirklich lebenswert machen:

Ausriss mit Zitat: "Wer Großes schafft, hat den Blick für das Besondere. Der Bentley Mulsanne ... CO2-Emissionen 393 g/km"

25,3 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer, 393 Gramm Kohlendioxid je Kilometer. Wow! Das kann sich wirklich sehen lassen.

Sieht man von einer kleinen Kolumne über „Ökoterror“ ab, kommt auf den 98 Seiten vor der Öko-Beilage das Thema Umwelt kein bisschen vor. Zugegeben, in dem einmaligen Umwelt-Sonderteil geben sich die Autoren und Redakteure dann durchaus Mühe. Es geht um die globale Artenvielfalt, Stadtgärten in Berlin oder auch die Regenwälder Brasiliens. Die Werbeannoncen aber lassen den grünen Lack gleich wieder abplatzen: Ausgerechnet Tetrapak darf sich dort präsentieren, und das gleich dreimal. Jener Verpackungsmulti, der bei uns auch schon Thema war und den die Deutsche Umwelthilfe gerade wegen „Verbrauchertäuschung“ vor Gericht gezerrt hat.

PS: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherchequalität adäquat zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


dena: Mit Vattenfall auf dem Holzweg

Samstag, den 22. Oktober 2011

Die Deutsche Energieagentur (dena) hat mal wieder eine spannende Studie vorgelegt. Genau, jene Institution, die vor dreieinhalb Jahren auf Basis zweifelhafter Zahlen kassandra-artig vor einer „Stromlücke“ warnte und noch mehr neue Kohlekraftwerke forderte. Auch diesmal geht es um Kohlekraftwerke, allerdings unter ganz anderem Blickwinkel:

Die Studie handelt vom neuesten Clou, mit dem Konzerne wie RWE oder Vattenfall ihre Großkraftwerke retten wollen: In Kohleblöcken, die mit CO2-Emissionen von bis zu 1.200 Gramm pro erzeugter Kilowattstunde Strom echte Klimakiller sind, wird einfach ein Teil der Kohle durch Holz ersetzt. Dieser nachwachsende Rohstoff gilt als „CO2-neutral“, durch die Beifeuerung (engl.: „Co-Firing“) sinkt deshalb der Treibhausgas-Ausstoß der Gesamtanlage.

Auf 36 Seiten beleuchtet die dena Vor- und Nachteile – nein, Moment, irgendwie geht es die ganze Zeit nur um die Vorteile: Die Beifeuerung „wird als technisch unbedenklich erachtet“ und  „birgt ein hohes Treibhausgasvermeidungspotenzial“, heißt es da. Zugleich seien die Kosten pro vermiedener Tonne Kohlendioxid „im Vergleich zu anderen Erneuerbaren Energien … niedrig“. Eine tolle Sache, könnte man meinen. Konsequenterweise meldet die dena-Studie gleich einen Förderbedarf an: Der Staat könnte künftig ja auch Großkraftwerke, wenn in ihnen Holz verfeuert wird, über das Erneuerbare-Energien-Gesetz fördern.

Die kritischen Punkte beim „Co-Firing“ werden dagegen nur am Rande oder in Frageform oder gleich gar nicht behandelt. Beispielsweise steht und fällt der vorgebliche Klimanutzen mit der Herkunft des verfeuerten Holzes. Nun ist der deutsche Holzmarkt so gut wie leergefegt, weshalb man sich – so die dena – um „die Erschließung zusätzlicher Holzpotenziale“ kümmern müsse.

Völlig verschwiegen wird hier, dass Umweltverbände wie BUND oder Nabu bei diesen neuen Plantagen „zum Teil schwerwiegende Risiken“ für Artenvielfalt und Grundwasserhaushalt sehen.

Schon heute werden deshalb große Mengen an Holzpellets oder -hackschnitzeln nach Deutschland eingeführt. Im Ausland aber lässt sich der umweltschonende Anbau noch schwerer kontrollieren, und der Energieaufwand für den Transport schmälert die Klimabilanz. Vattenfall beispielsweise importiert für seine Berliner Kraftwerke bereits Holz aus Liberia – was Umweltschützer und Menschenrechtler sehr kritisch sehen. Die dena-Studie jedoch handelt den Punkt eher lapidar ab. Es müssten, konstatiert sie,

Auf absehbare Zeit dürfte also die Beifeuerung mit ausländischem Holz keine sinnvolle Klimaschutzmaßnahme sein. Doch diese Schlussfolgerung zieht die dena nicht. Stattdessen rechnet die Studie seitenlang CO2-Vermeidungskosten und -Einsparpotenziale vor, macht aber einen großen Bogen um das Hauptargument gegen „Co-Firing“.

Klar, die Beifeuerung ist eine schön billige Sache – die Konzerne können ja ihre alten Kohleblöcke weiternutzen („Man muss nichts Neues bauen“, brachte es kürzlich ein erfreuter RWE-Manager auf den Punkt). Natürlich kann Holz in Kohleblöcken viel CO2 sparen – deren Emissionen im Normalbetrieb sind ja auch exorbitant hoch. Die Kernfrage aber ist, ob die knappe Ressource Holz in Kohlekraftwerken überhaupt optimal genutzt wird. Die Antwort lautet: Nein. Im Anhang vermerkt die Studie selbst, dass der Wirkungsgrad konventioneller Kohleblöcke nur bei rund 40 Prozent liegt. Mehr als die Hälfte der Energie verpufft dort also ungenutzt. Kleine und dezentrale Heizkraftwerke hingegen sind doppelt so effizient. Weil dort neben dem Strom auch fast die komplette Abwärme genutzt wird, kommen sie locker auf Gesamt-Wirkungsgrade von mehr als 80 Prozent. „Wir sehen das Co-Firing kritisch“, sagt daher beispielsweise der Deutsche Energieholz- und Pelletverband (DEPV). Es sei „eigentlich eine Verschwendung unseres hochwertigen Energieträgers Holz“.

Wie gesagt, diese Frage wird in der gesamten Studie nicht einmal gestreift. Komisch, oder? Oder auch nicht. Im Impressum findet sich dieser Vermerk:

Danke an Martin D. für den Hinweis


Danke! Der Klima-Lügendetektor ist gerettet

Montag, den 17. Oktober 2011

Liebe Leserinnen und Leser, nach der beiläufigen Erwähnung vergangene Woche nun auch noch einmal ganz offiziell die Nachricht: Der Klima-Lügendetektor macht weiter!! Wir möchten Ihnen herzlich danken für die vielen ermutigenden Worte und einmaligen Zuwendungen, für Daueraufträge und Einzugsermächtigungen.

Leider ist nicht soviel Geld zusammengekommen, wie von uns im Sommer erbeten. Unsere Hoffnung, mit zwei (fair bezahlten) RedakteurInnen groß durchzustarten, lässt sich nicht verwirklichen. Aber dank Ihrer Hilfe reicht das Redaktionsbudget für eine halbe Stelle. Und das haben Verlag und Redaktion bewogen, erstmal weiterzumachen. Wir werden parallel weiter mit Stiftungen und anderen Förderern verhandeln. Und auch den Vorschlag prüfen, unseren Blog durch Werbeeinnahmen mitzufinanzieren. Aber erstmal verlieren wir hier keine weiteren Worte, sondern machen uns an die (Recherche-)Arbeit.

Achso, eins doch noch: Wir brauchen noch viele weitere Abonnenten. Wenn Sie noch keiner sind, klicken Sie bitte hier. Danke!


Und weiter geht’s: Bilds Ökostrom-Bashing

Samstag, den 8. Oktober 2011

So, da sind wir wieder. Der Klima-Lügendetektor macht weiter – Bild sei „Dank“. Zwar war unser Rettungsaufruf vom Sommer nicht ganz erfolgreich (obwohl, etwas hat er schon gebracht – mehr dazu nächste Woche). Doch als wir heute morgen die Schlagzeile von Springers Schlachtschiff sahen, war klar: Wir müssen weitermachen.

Denn wir bringen es einfach nicht übers Journalistenherz, diese Schlagzeile und den zugehörigen Text auf Seite 2 unwidersprochen zu lassen.

„Bild erklärt den Irrsinn“? Nein, das Blatt erklärt wenig, sondern macht vor allem Stimmung. Das fängt an bei der unterschwelligen Fremdenfeindlichkeit: Mehrfach betont das Boulevardblatt, „deutscher“ Strom werde „ins Ausland verschenkt“. Ginge es Bild nur um Aufklärung über ein (echtes oder vermeintliches) „Energie-Chaos“, wäre das keiner Erwähnung wert – denn für Netzstabilität und Versorgungssicherheit ist es reichlich irrelevant, ob überschüssiger Strom zu negativen Preisen an Abnehmer im In- oder Ausland geht.

Aber es kommt noch schöner tendenziöser in dem Text der Bild-Redakteure Stefan Ernst und Christin Martens:

Der erste Absatz ist gelinde gesagt unvollständig: An den meisten „schönen Sommertagen“ liegen „die Menschen“ nämlich nicht „am Strand oder im Schwimmbad“, sondern schwitzen in Büros. Wo dann zum Beispiel die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Und gerade mittags der Stromverbrauch am größten ist. Dass Solaranlagen just während dieser „Mittagsspitze“ den meisten Strom einspeisen, ist eher ein Vorteil für die Versorgungssicherheit. Die größten Diskrepanzen zwischen Ökostrom-Erzeugung und Elektrizitätsnachfrage gibt es weniger an Sommertagen, sondern eher nachts und an Wochenenden und vor allem im Herbst und Winter. Richtig hätte der Absatz etwa so lauten müssen: „In windigen Herbstnächten liegen die Leute im Bett, und viele Industrieanlagen stehen still – gleichzeitig speisen Windkraftanlagen jede Menge Energie ein.“

Regelrecht falsch ist dann der erste Satz des zweiten Absatzes: In der Klammer müsste stehen „z.B. Kohle, Atom“, nicht „Gas“. Denn Erdgaskraftwerke sind gerade nicht das Problem – sie können flexibel an- und abgeschaltet werden, um auf die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren Energien zu reagieren. Die eigentliche Ursache für das „Energie-Chaos“ sind große, träge Kohle- und Kernkraftwerke, die künftig nicht mehr ins Energieversorgungssystem passen, wenn es auf sauberen, aber eben schwankenden Erneuerbaren basieren soll. Etwas verschämt wird dies im folgenden „Auch“-Satz eingeräumt: Für Eon, RWE & Co. ist es schlicht billiger, ihre Großmeiler weiterlaufen zu lassen, wenn die zur Nachfragedeckung eigentlich gar nicht gebraucht werden. Das Stromaufkommen von Wind- oder Solaranlagen macht nur deshalb Probleme, weil die Netze allzu oft mit Kohle- und Atomstrom aus unflexiblen Großkraftwerken verstopft sind. Bild müsste also nicht nur den Ökostrom, sondern auch die Kohle- und Atom-Konzerne zumindest mit-verantwortlich machen für Stromüberschüsse, Netzbelastungen und empörende Geschenke ans Ausland.

Stattdessen darf am Schluss des Textes ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann zu Wort kommen:

Genau, jener Herr, der vor zweieinhalb Jahren in Bild noch dramatisch davor warnen durfte, dass im Sommer hierzulande Strommangel drohe. Und dessen Unternehmen mit gerade 2,6 Prozent Ökostrom-Anteil den grünen Energie-Boom verpennt hat.

Bleibt die Frage, warum Bild ausgerechnet jetzt das Ganze hochzieht – wo doch das Thema Netzbelastung und negative Preise seit langem bekannt ist. Vielleicht weil am kommenden Freitag voraussichtlich der nächste Anstieg bei der Ökostrom-Umlage bekanntgegeben wird? Da kann man ja schonmal ein bisschen Stimmung machen.