Monatsarchiv für August 2014

Stahlbranche: Dünne Replik

Freitag, den 22. August 2014

Zuletzt hatten wir uns vor der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes – zum wiederholten Male – mit der Anti-EEG-Kampagne der Stahllobby befassen müssen. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl fühlte sich danach bemüßigt, auf ihrem eigenen Blog eine „Replik“ zu veröffentlichen. Diese beginnt so:

stahl_replik1

Nun lernen wir ja immer gern hinzu. Aber dieser Text, na ja, war dazu nur begrenzt geeignet.

Zur Erinnerung: Unsere erster Hauptkritikpunkt war (und ist), dass die Stahlbranche über eine hohe Ökostrom-Umlage zetert, obwohl sie selbst weitgehend davon befreit ist. Liefert die „Replik“ dazu irgendwelche Fakten? Nein, finden wir.

Die dortige Argumentation sieht zum Beispiel so aus:

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Fällt Ihnen etwas auf? Die Stahllobby schreibt, mit wie vielen Milliarden die gesamte Industrie zur Finanzierung der Energiewende beiträgt. Aber sie sagt nicht, wie groß der Anteil ihrer eigenen Branche ist. Sie schreibt, dass ein „beträchtlicher Teil“ ihres Stromverbrauchs, vor allem in der Stahl-Weiterverarbeitung, nicht von der Mindestumlage profitiert. Aber sie sagt nicht, wie hoch dieser Anteil genau ist. Sie erwähnt zwar, dass sie eine Mindestumlage zahle. Aber sie nennt den Betrag nicht.

Wir hingegen hatten es in unserem Ursprungstext getan. Die Gesamtpassage, aus der sie selektiv zitiert, lautete nämlich:

stahl_replik3Wer spart hier mit konkreten Fakten?

Unser zweiter Kritikpunkt war: Die Stahlbranche betreibt Hochstapelei. Mit Verweis auf ihre – zugegeben sinnvolle! – Praxis, Abgase aus Hochöfen zur Energieerzeugung zu nutzen, verteidigt sie das gesamte „Eigenstromprivileg“ im EEG. Es besagt, dass Strom, den die Industrie für sich selbst erzeugt, von der EEG-Umlage befreit ist. Gegen diese Regelung haben wir wenig einzuwenden. Nur wurde sie eben in den vergangenen Jahren immer häufiger missbraucht, indem Industriebetriebe fremde (Kohle-)Kraftwerke anmieteten und so plötzlich für den von dort bezogenen Strom das „Eigenstromprivileg“ geltend machten.

Welche Fakten liefert die Stahlwirtschaft hierzu in ihrer „Replik“? Sie erklärt, diese Praxis sei in ihrer Branche nicht üblich. Sie selbst erzeuge tatsächlich „fast“ all ihren Eigenstrom aus Kuppelgas und anderen Restenergien. Und man habe damit schon in den 1930er Jahren angefangen.

Das mag so sein, wir wollen uns auch gar nicht an dem Wort „fast“ aufhängen, mit der die Stahllobby eine unauffällige Hintertür in ihre Argumentation eingebaut hat. Fakt bleibt: Die neun Terawattstunden Eigenstrom, die die Stahlbranche aus Kuppelgas erzeugt, sind nur „ein kleiner Teil des Eigenstroms, mit dem sich die deutsche Schwerindustrie aus dem EEG herausstiehlt“. Die Gesamtmenge beträgt nämlich circa 50 Terawattstunden (wie – neben vielem anderen Interessanten – in einem Hintergrundpapier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW, nachzulesen ist).

Mehr als 80 Prozent des privilegierten Eigenstroms der Industrie kommen eben nicht aus Kuppelgasen. Wäre die Stahllobby ehrlich in ihrer Argumentation, könnte sich sich selbst gern loben – müsste aber die Managerkollegen in anderen Branchen für weniger klimafreundliches Handeln kritisieren. Das tut sie natürlich nicht, getreu dem alten Sprichwort: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Stattdessen hackt sie lieber und immer wieder auf dem EEG herum.

Ach so, zum Schluss noch ein Fakt aus dem erwähnten DIW-Papier. Die Wissenschaftler haben mal ausgerechnet, wie sich in den vergangenen Jahren die Ökostrom-Umlage entwickelt hätte, gäbe es die lukrativen Ausnahmen für die energieintensive Industrie nicht. Das Ergebnis sieht so aus:

stahl_replik4Seit fünf Jahren ist demnach der Anstieg der so vielgeschmähten Ökostrom-Umlage zu einem wesentlichen Teil auf die Industrieprivilegien zurückzuführen. Die Stahlbranche könnte dankbar dafür sein. Oder genießerisch schweigen, weil gerade Großverbraucher vom deutlichen Rückgang der Strom-Großhandelspreise profitieren, die der Ausbau von Wind- und Solarenergie mit sich bringt. Aber nein, stattdessen macht sie immer weiter Front gegen das EEG und die Energiewende.


Eon: Der Zukunft hinterherhinken

Donnerstag, den 14. August 2014

Neuester Schrei in der Konzernkommunikation sind die sozialen Medien. Wobei etliches, was auf Facebook publiziert wird, oder manch „Scheißsturm“ bei Twitter eigentlich die Bezeichnung „asozial“ verdient hätte. Aber sei es drum, die Konzernkommunikation von Eon fand es eine gute Idee, mit folgendem „empfohlenen Beitrag“ – wie Werbung bei Facebook heißt – auf Sendung zu gehen:

eonface

Wie kommt man bei Windstille zu Strom? Komische Frage – ausgerechnet von Eon. Na, aus Atomkraftwerken von Eon zum Beispiel. Oder aus den Eon-Kohlekraftwerken.

Beide sind bekanntlich weder “intelligente Lösungen“ noch die „Energiezukunft“, wie es im Anreißer der Werbung heißt: Statt nach der intensiv zu suchen, hatte der größte Energiekonzern Europas jahrelang lieber all seine Energie in die Lobby-Arbeit für die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke gesteckt oder ins Anschalten illegal gebauter Kohle-Blöcke.

Aber seien wir nicht so voreingenommen und gönnen Eon den Klick. Denn darum geht es in der Internet-Werbewirtschaft, um Klicks: Was empfehlen uns denn die Werbeexperten des Fossilkonzerns auf die Frage, was passiert, wenn der Wind nicht weht?

Nichts Geringeres als die Zukunft:

eon

Abgebildet ist die Nordsee-Insel Pellworm. Weil es hier weder Kohle- noch Atomkraftwerke gibt, wurden 1983 auf dem 37 Quadratkilometer großen Eiland 17.568 Solarmodule vom Typ AEG PQ 10-20 an Netz gebracht und ein – heute museal anmutendes – Windrad Enercon-E-33 aufgebaut. Zukunfsfreundliche Stromversorgung, die gibt es für die 1.200 Pellwormer schon länger, als es Eon gibt – seit über 30 Jahren.

Aber natürlich ist auch auf der Insel der Stromverbrauch gestiegen. Und dann kommen immer mehr Touristen. Zwar gibt es für den Fall, dass es Nacht ist und der Wind nicht bläst, ein Untersee-Kabel zum stromversorgenden Festland. Seit 2013 aber gibt es das Projekt „Smart Region Pellworm“Die Schleswig-Holstein Netz AG erprobt hier gemeinsam mit der Fachhochschule Westküste, dem Fraunhofer-Institut, der Saft Group und der Aachener Universität RWTH, wie sich Strom speichern lässt. Die Pellwormer sollen im Kleinen testen, was irgendwann für alle Wirklichkeit werden soll: Ohne Atom- und Kohlestrom auszukommen, regenerativ und dezentral. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium, Eon stellt die Batterien.

So weit die Fakten. Im zur Kampagne gehörenden Eon-Werbespot brüstet sich Eon dafür: „Schon heute können wir ein ganzes Gebiet zuverlässig mit Erneuerbarer Energie versorgen“.

Schon heute?

Liebe Werbe-Leute von Eon: Kann ja sein, das euer Konzern damals beim Installieren der Pellwormer Autark-Systeme nicht dabei war. Eon hat die Zukunft glatt verschlafen. Die Zukunft der Erneuerbaren hat nämlich schon vor Jahren begonnen!

Vielen Dank für den Hinweis an Kathrin K. aus Erlangen!


Gabriel-Ministerium: 809.039,35 Euro für die EEG-Kampagne

Freitag, den 8. August 2014

Wenn Sie regelmäßig Leserin oder Leser dieses Watchblogs sind, ist Ihnen das Procedere geläufig: Der Klima-Lügendetektor veröffentlicht eine Recherche, unser „Mutterblatt“ klimaretter.info weist dann auf diese in seinem Aufmacher hin.

Heute ist es einmal andersrum. Die Kollegen haben vermeldet, dass das Bundeswirtschaftsministerium ein Viertel seines Jahresbudgets für Öffentlichkeitsarbeit in die Werbung für die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gesteckt hat. In jene, die gerade Thema auf dem Detektor war:

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Genau 809.039,35 Euro investierte demnach das Gabriel-Ministerium, um seine eigene Arbeit zu lobhudeln. Allein 548.000 Euro seien für Anzeigen in überregionalen Zeitungen und Publikumszeitschriften ausgegeben worden. Quelle ist eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Caren Lay, die auch verbraucherpolitische Sprecherin der Linken ist: „Das Geld wäre bei denen, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, besser angelegt“, sagte Lay.

Nach Ansicht der Verbraucherzentralen ist die Reform ein Fiasko für Verbraucher. Denn die Strompreise für private Haushalte blieben bei der EEG-Reform unbeachtet, kritisierte ihr Bundesverband. Stattdessen müssten die Verbraucher die Rabatte der Industrie von rund 5,1 Milliarden Euro zahlen. Unternehmen aus mehr als 200 Branchen, die als besonders wettbewerbsintensiv gelten und einen bestimmten Stromkostenanteil an ihrer Wertschöpfung nachweisen können, zahlen nur 15 Prozent der Umlage.

Ins Gesetz geschrieben hatte das Wirtschaftsministerium dagegen eine Belastung für Eigenstromnutzer. Wer beispielsweise den Strom aus einer Solaranlage vom Dach selbst zum Kochen oder Waschen nutzen will, muss künftig 30 Prozent der EEG-Umlage zahlen, bis 2017 steigt der Anteil auf 40 Prozent. Ausgenommen sind nur Anlagen bis zehn Kilowatt Nennleistung, also die typischen Solaranlagen auf Eigenheimen. Für alle anderen – Supermärkte beispielsweise oder kleine Firmen, die sich eine Anlage zur Selbstnutzung aufs Dach setzen wollten – wird die Eigenstromnutzung wirtschaftlich nicht mehr attraktiv. Unter anderem deshalb sah unser Urteil zu Gabriels EEG-Reform so aus:

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