Stahllobby: Teil des Problems, nicht der Lösung

Die Sommerferien haben in den ersten Bundesländern begonnen. Wer jetzt (klimafreundlich) mit dem Zug in den Urlaub fährt und im Bordmagazin DB mobil blättert, stößt in einem Beiheft auf dieses Motiv:

stahlindustrie_klima1Die Annonce ist Teil einer 16-seitigen Beilage mit dem Titel Faszination Stahl, verantwortet und bezahlt vom Stahl-Informations-Zentrum, dem Lobby-Verband der deutschen Stahlindustrie. Darin geht es unter anderem um den New Yorker Kitsch-Künstler Jeff Koons, der aus Stahl bunte Luftballons schmiedet, die phantastisch federleicht aussehen. Um ein 132 Meter langes Schiff, das in der Nordsee beim Bau von Windparks hilft. Und um „Spezialstahl für die Energiewende“, also für Windkraftanlagen, Turbinengetriebe und so. Sehr nett! Daneben lässt man den Chef der Deutschen Energieagentur dena und Beinahe-RWE-Manager Stephan Kohler altbekannte Argumente der Stahlwirtschaft aussprechen: „Die Energiewende darf nicht dazu führen, dass der Industriestandort Deutschland gefährdet wird“ – mit diesen Worten wehrt sich die Branche gern (und erfolgreich) gegen eine volle Beteiligung an den Kosten der Energiewende.

Natürlich darf – im Mülltrennermusterland – der Verweis aufs Recycling nicht fehlen. Auf Seite 9 findet sich diese Grafik:

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Doch dies, liebe Stahllobby, ist glatt gelogen! Es gibt keinen „ewigen Kreislauf“. Erstens unterschlägt die Kreislaufphilosophie elegant 70 Prozent der Stoffströme – Abraum aus der Eisenerz-Förderung beispielsweise, der ganz am Anfang des sogenannten „Kreislaufes“ steht. Zweitens gewinnt kein noch so guter Recyclingprozess hundert Prozent eines Stoffes zurück – nicht einmal bei Gold. Legt man eine (technisch bereits anspruchsvolle) Rückführquote von 75 Prozent zugrunde, sind nach 15 Durchläufen von der ursprünglich eingesetzten Menge 99 Prozent verschwunden. Drittens schließlich: Energie ist nicht recycelbar. Im Gegenteil, die Kreislaufwirtschaft selbst ist sehr energieintensiv! Beim Einsammeln der Schrottmetalle, bei Transport, Trennen, Wiederaufarbeiten, überall wird Energie gebraucht.

Natürlich bemüht sich die Stahlindustrie, schon der Kosten wegen, ums Energiesparen. Doch was sie gern unter den Tisch kehrt, hat im vergangenen Jahr die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) festgehalten:

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Weltweit nämlich nimmt laut einer PwC-Studie die jährlich produzierte Stahlmenge rasant zu, laut Prognose zwischen 2010 und 2025 um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr auf rund 2,56 Milliarden Tonnen. Pro Tonne Stahl entstehen – je nach Herstellungsprozess – zwischen 1,8 und 1,4 Tonnen Kohlendioxid. Grob überschlagen könnte die Stahlbranche 2025 also für mehr als vier Milliarden Tonnen Treibhausgas verantwortlich sein. Während alle Welt Emissionen mindern will, legt die globale Stahlwirtschaft rasant zu. Schon um den Klimagas-Ausstoß der Branche zumindest stabil zu halten, wären Effizienzverbesserungen nötig, die PwC „unrealistisch“ nennt. 

Wenig überraschend redeten dieselben Lobbyisten, die sich heute als Klimaschutz- und Energiewende-Fan aufspielen, noch vor ein paar Jahren ganz anders. Als der damalige grüne Umweltminister im Jahr 2003 während des Tauziehens ums Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Stahlbranche darauf hinwies, dass ein Boom der Windkraft auch ihr nützen werde, holzte der damalige Präsident des Branchenverbands, Dieter Ameling, zurück:

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Heute jubelt die Lobby im Kleingedruckten ihrer DB-mobil-Annonce: „Windräder bestehen zu rund 82 Prozent aus Stahl.“ Wie die Zeiten sich ändern…

Aber, Moment: Ameling, Ameling – kennen wir den Namen nicht irgendwoher? Ja, genau: Der Herr – mittlerweile pensioniert – ist unter die Klimaleugner gegangen und beschäftigte uns hier vor gut zwei Jahren.

Fassen wir zusammen, was Klimawandel und Stahlindustrie miteinander zu tun haben: Einige Produkte der Branche mögen Teil der Lösung sein, ganz sicher aber ist sie Teil des Problems. Zum Glück gibt es mittlerweile die ersten Windräder, deren Türme aus dem klimaschonenden Werkstoff Holz gebaut werden – die also nicht Kohlendioxid verursachen, sondern Kohlendioxid binden. Das wäre also eine wirklich gute Schlagzeile: „Klimaschutz OHNE Stahl beginnt“.