Monatsarchiv für März 2021

Armin Laschet: Dreist lügen

Dienstag, den 30. März 2021

Wer ist der größte – ach was, der allergrößte – Klimaschützer im Land?

Armin Laschet:

Armin Laschet ist bekanntlich Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Und Chef der CDU. Und deshalb vielleicht auch bald Kanzlerkandidat und deshalb vielleicht auch bald Kanzler von Deutschland. Gut also, wenn Laschet beim Klimaschutz in Nordrhein-Westfalen vorangeht!

Nur leider ist das glatt gelogen: Gerade hat nämlich seine Landesregierung die „Leitentscheidung zur Braunkohle beschlossen. Mit dieser dürfen die Tagebaue im Land bis mindestens Ende dieses Jahrzehnts weiterbetrieben werden.

deshalb auch diese Leitentscheidung. Umweltschützer kritisieren sie jedoch: Die Abbruchkante des Tagebaus rücke durch die Leitentscheidung so nah an den Hambacher Forst heran, dass das Biotop dadurch zerstört werde.

Was die Windkraft anbelangt: In Niedersachsen drehen sich Windräder mit einer Spitzenleistung von 11.430 Megawatt, in Brandenburg sind es knapp 7.500 Megawatt. Es folgt Schleswig-Holstein und erst danach das Land von Armin Laschet.

2019 hat übrigens das grün regierte Baden-Württemberg mehr Treibhausgase binnen eines Jahres eingespart. Verglichen mit dem Jahr 1990 liegen Thüringen, Sachsen oder Rheinland-Pfalz sehr weit vor NRW. Trotzdem behauptet Armin Laschet via Instagram:

Der Hoffnungsträger der Union lügt also wie gedruckt. Wobei er in einem Punkt recht hat: Im Jahr 2020 wurden deutschlandweit in Nordrhein-Westfalen die meisten Windräder aufgestellt: 93 Neuanlagen. Im Jahr davor waren es nur 38.

Herzlichen Dank an Marta R. aus Nidderau für den Hinweis!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


FDP: Einfach nicht durchdacht

Mittwoch, den 24. März 2021

Vielleicht muss man die FDP nach ihrem Wahlerfolg in Baden-Württemberg ja doch ernst nehmen? Mit Blick auf die Liberalen sagte SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nach der Wahl: „Es sind Regierungsbildungen ohne die CDU/CSU in Deutschland möglich.“

Ob das eine Drohung war? Befassen wir uns also mit der FDP. Und hier aktuell mit Michael Theurer:

Theurer ist seit 2017 Mitglied im Deutschen Bundestag und stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender. Im Autoländle Baden-Württemberg ist er seit acht Jahren Vorsitzender der FDP. Auf Facebook erklärt der Beisitzer des Präsidiums der FDP-Bundespartei zum aktuellen Autogipfel:

„Mit synthetischen Kraftstoffen ließen sich die eine Milliarde im Einsatz befindlichen Verbrenner klimaneutral machen“?

👍

???

Aber Herr Theurer, doch nur, wenn die „synthetischen Kraftstoffe“ – es geht um die Wasserstofftechnologie – zu 100 Prozent aus erneuerbarem Strom gewonnen werden! Notwendig ist sogenannter „Grüner Wasserstoff“, denn zur Wasserstoff-Herstellung ist viel Energie notwendig – und die ist nur klimaneutral, wenn sie via Wind, Sonne oder Wasserkraft CO2-frei hergestellt wird.

Analog zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl in den 1950ern eine Europäische Wasserstoffunion gründen, fordern Sie? 

Ähhh, stopp! Zuerst einmal bräuchten wir genügend Wind- und Sonnenstrom! 2020 kamen erst 47 Prozent der in Deutschland verbrauchten Elektrizität aus erneuerbaren Quellen, bisher ist schlicht kein erneuerbarer Strom übrig, um daraus Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen klimaneutral zu machen. Wir bräuchten dafür einen radikalen Ausbau von Windkraft, Photovoltaik und Co.

Wofür die FDP plädiert? Eine Auswahl von vier Minuten Recherche im Netz:

Arnsberg liegt in Nordrhein-Westfalen.

Der Zeitungsausschnitt stammt aus dem Jahr 2017.

Das ist aktuelle Beschlusslage der FDP in Theurers BaWü-Fraktion.

So argumentiert die FDP in Hessen.

Das ist die Forderung der Bundespartei. (Abstandsregeln haben den Ausbau der Windkraft zuletzt nahezu unmöglich gemacht. Zudem sind sie strittig, weil die Abstände stellenweise größer sind als zu Atomkraftwerken.)

fordert der forstpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Und hier noch die Entwicklung in NRW, wo die FDP mit der CDU regiert:

Mit synthetischen Kraftstoffen eine Milliarde Verbrenner klimaneutral machen? Michael Theurer argumentiert, den „Grünen Wasserstoff“ könne man ja aus Portugal, Nordafrika, Südamerika oder dem arabischen Raum importieren, wo er mittels Photovoltaik hergestellt werden kann. Dumm nur, dass in diesen Ländern nicht annähernd so viel Grünstrom im Netz ist wie in Deutschland. Dem Klimaschutz wäre mit solch einer Importinitiative deshalb in keinster Weise geholfen, die FDP-Idee ist einfach nicht durchdacht.

👎

!!!

Vielen Dank an Andreas W. aus Berlin für seinen Hinweis via Facebook.


ZDF: Silikon im Hirn

Donnerstag, den 18. März 2021

Das Zweite Deutsche Fernsehen ist einer ganz großen Sache auf der Spur: Die Energiewende ist reinstes Greenwashing!

Das zumindest ist Tenor des Films „Nicht ganz grün – Nebenwirkungen der Energiewende“, der in dieser Woche auf ZDFinfo lief: 

Es ist natürlich wichtig, sich den Nebenwirkungen der Energiewende zu widmen! Allerdings enttäuscht der Film anfangs, denn es geht gar nicht um die Energiewende, sondern um Rohstoffe. Das ZDF führt uns in ein Graphitwerk nach China, in eine Kupfermine nach Chile, zu den Lithiumlagerstätten in Bolivien.

Die Arbeitsbedingungen vor Ort sind mies, überall gibt es „Umweltschäden, die zur Kehrseite der Energiewende zählen“, wie es im Film bei Minute 18:40 heißt:

„Für saubere Luft in einem Teil der Welt werden anderswo ganze Landstriche zerstört“, sagt die Sprecherin mit dramatischer Musik unterlegt. Jetzt wird der aufgeklärte Zuschauer ein bisschen unruhig, denn bei der Energiewende geht es ja ums Klima und weniger um saubere Luft. Was also ist „nicht ganz grün“ an Wind- oder Solarkraft? Was sind die „Nebenwirkungen der Energiewende“?

Es ist der Verbrauch von Rohstoffen – so die These des Films: „Batterien von Elektroautos haben die Nachfrage nach Lithium stark steigen lassen“, heißt es bei Minute 34:17:

Das ist natürlich eine korrekte Feststellung. Genauso wie die Aussage: „Batterien von Handys haben die Nachfrage nach Lithium stark steigen lassen.“ Statt „Handys“ können Sie gern auch Laptops oder Tablets in diesem Satz verwenden.

Bei Minute 37:33 scheint der Film dann endlich zur Energiewende zu kommen – auch rein optisch:

„Die Lebensdauer einer Windkraftanlage ist begrenzt“, sagt die Sprecherin. „Sie muss entsorgt oder verwertet werden.“ Auch das ist absolut zutreffend, genauso wie übrigens die Lebensdauer von Atomkraftwerken, Chemiefabriken oder Flugzeugen begrenzt ist, die auch entsorgt oder verwertet werden müssen.

„Bevor die neuen, grünen Energien ihr Potenzial voll ausschöpfen, ist noch viel Forschung nötig“, sagt eine Forscherin auf Französisch, und dann, bei Minute 38:58, erklärt sie, dass die Solarzellen „Silikon“ enthalten.

Spätestens jetzt ist klar, dass mit dem Film etwas nicht stimmt: Schließlich stammt in Deutschland mittlerweile fast die Hälfte des Stromes aus den „neuen, grünen Energien“, genutzt wird so viel Potenzial wie bei keiner anderen Ressource. Und Solarzellen enthalten Silizium, nicht Silikon – ein peinlicher Übersetzungsfehler. Der Film wurde in Frankreich produziert, aber das macht das ZDF nicht sichtbar.

Das Wort „Klimaschutz“ kommt im ganzen Film nicht ein einziges Mal vor, auch nicht ein ähnliches wie „Erderhitzung“ oder „Klimakatastrophe“. Stattdessen darf der Ingenieur Philippe Bihouix unwidersprochen sagen: „Die Energiewende ist reinstes Greenwashing. Man gibt sich einen sauberen Anstrich, aber die Verschmutzung wird nur verlagert.“

Das ist reinstes „Energiewende-Bashing“ ohne jegliche Substanz. Erstens erhebt sich die Frage, ob das ZDF keine eigenen Autoren besitzt, um sich fundiert den Nebenwirkungen der Energiewende zu widmen. Zweitens fragt man sich, warum nicht wenigstens der Filmstoff von internen Experten auf Plausibilität geprüft wurde, bevor ihn das ZDF einkaufte. Drittens stellt sich die Frage, ob wir mit unseren Gebühren solche Stimmungsmache aus dem Land des Atomstroms tatsächlich finanzieren sollten: Frankreich will die Laufzeit für seine AKW auf 50 Jahre verlängern, übrigens auch für die direkt an der deutschen Grenze stehenden.

Offensichtlich also, dass die Energiewende nach französischer Lesart unangenehme Nebenwirkungen haben muss!

Kurz nach den „Nebenwirkungen der Energiewende“ zeigte das ZDF übrigens die Dokumentation „Strahlendes Comeback – Rettet Atomkraft das Klima?“.

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER