Archiv des Schlagwortes ‘Deutsche Umwelthilfe’

Coca-Cola: Den Preis verschweigen

Montag, den 19. Oktober 2015

Heute geht es um die Alltagspraxis. Es geht um Coca-Cola:
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Nun werden Sie vielleicht anmerken, dass Ihnen im persönlichen Alltag „Coca-Cola Zero“ in etwa genau so schnurz ist wie der FC Bayern. Aber es geht hier weder um ein „kalorienfreies Erfrischungsgetränk“ noch um eine geldgeschmierte Fußballmaschinerie, die Samstag für Samstag gewinnt.

Hier geht es um Betrug. Konkret um das Pfand.

Die Verpackungsverordnung schreibt nämlich Folgendes vor: „Vertreiber haben Getränke in Einweggetränkeverpackungen, die nach Satz 1 der Pfandpflicht unterliegen, vor dem Inverkehrbringen deutlich lesbar und an gut sichtbarer Stelle als pfandpflichtig zu kennzeichnen und sich an einem bundesweit tätigen Pfandsystem zu beteiligen, das Systemteilnehmern die Abwicklung von Pfanderstattungsansprüchen untereinander ermöglicht.“

Das könnte dann genau so aussehen:

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Kein Hinweis aber auf der Flasche des US-Getränkekonzerns. Coca-Cola verschweigt bei seiner Einweg-Kennzeichnung schlichtweg, dass das Pfand 25 Cent beträgt. 25 Cent, die der Kunde zurückbekommt, wenn er die Flasche abgibt. Wenn der Kunde aber gar nicht weiß, dass der Weg zurück 25 Cent in sein Portemonnaie spült, dann wird er sie vielleicht auch nicht zurückbringen?

Eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung hatte im Mai ergeben, dass 59 Prozent der Kunden das Logo allein nicht in Verbindung mit 25 Cent Pfand bringen. Wird die Flasche einfach in den Müll geworfen, bekommt diese 25 Cent Coca-Cola – ein Millionengeschäft jedes Jahr. Und weil Branchenprimus Coca-Cola damit durchgekommen ist, machen inzwischen so ziemlich alle Einweg-Flaschenanbieter mit bei der unkorrekten Logo-Schau.

Deshalb hat die Deutsche Umwelthilfe jetzt Klage beim Landgericht Berlin eingereicht. „Wir wollen in einem Musterprozess erreichen, dass Coca-Cola das Pfand-Logo wie vom Gesetzgeber vorgesehen verwendet“, erklärt Thomas Fischer, Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft bei der Umwelthilfe. Schließlich geht es hier um mehr als nur zusätzliche Millionen für den nordamerikanischen Getränkekonzern: „Mehrweg schont natürliche Ressourcen und vermeidet Verpackungsmüll“, sagt Bereichsleiter Fischer: „Mehrweg ist Klimaschutz.“

Dass Coca-Cola übrigens weiß, wie es geht, zeigt ein „Damals versus heute“-Vergleich:

Coce_2003_2015

PS: Unser skeptischer Leser Sebastian W. fragte nach: „Ist es wirklich so, dass das gesamte Pfandgeld von nicht zurückgebrachten Flaschen zugunsten von Coca-Cola verbucht wird?“ Darauf antwortet Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe:

„Wenn der Verbraucher eine bepfandete Flasche nicht zurückgibt, verbleiben seine 25 Cent Pfandgeld beim Abfüller des Getränks. Denn dieser hat als Erstinverkehrbringer das Einwegpfand erhoben und 25 Cent beim Weiterkauf erhalten. Wird die Flasche vom Kunden nicht zurückgegeben, so muss das Pfandgeld nicht rückabgewickelt werden und verbleibt beim Abfüller.“ Also bei Coca-Cola. 

Achtung: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Ball Packaging & Coca Cola: 50 Jahre Dosenmüll

Donnerstag, den 11. Juli 2013

Mit großem Trara feiert der Büchsenmacher Ball Packaging (ehemals Schmalbach-Lubeca) ein – wie wir finden – trauriges Jubiläum:

Ausriss von Firmenwebsite mit Zitat: "Erste Coca-Cola Dose kam 1963 auf den deutschen Markt / Trendverpackung als moderner Freizeitbegleiter -- Kultverpackung für Kultgetränk: 1963 kam in Deutschland die erste Coca-Cola in der Getränkedose auf den Markt. Seitdem erfrischt Coca-Cola in der praktischen Metallverpackung die Konsumenten. Das koffein- und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränk, das Markengeschichte geschrieben hat, war auch in der Getränkedose ein Erfolg. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Dose als Verpackung nicht nur optisch, sondern auch in puncto Umweltbilanz enorm weiterentwickelt.

In diesem Tonfall geht es auf der Firmenwebsite noch zehn (!) Absätze lang weiter. Vom tollen Lebensstil mit Blechbüchsen wird da schwadroniert und von superkreativen Dosendesigns – und natürlich auch von der Ökobilanz der Getränkedose. Die ist, wie wir hier auf dem Blog schon öfter schrieben, richtig lausig im Vergleich zu Mehrwegflaschen. Aber mit professionellem Wortgeklingel verschleiern die Werber von Ball Packaging das immer wieder. So auch diesmal:

Ausriss von Firmenwebsite mit Text: "Recyclingweltmeister mit Zukunft Eine aus Weißblech hergestellte 33cl-Dose bringt heute rund 21 Gramm auf die Waage, eine Aluminiumdose nur etwa 10 Gramm (ohne Deckel). Die Dosenwände sind mit 0,097 Millimeter sogar dünner als ein menschliches Haar. Ebenso wichtig für die Umweltbilanz der Dosen: Die Dose ist die meistrecycelte Getränkeverpackung der Welt, in Deutschland sind es 96 Prozent. Das verringert CO2-Emissionen und trägt zum Klimaschutz bei. Durch das Recycling lassen sich bis zu 95 Prozent der Energie einsparen, die zur Herstellung von Neumaterial benötigt würde. Durch zunehmende Gewichtsreduzierung können heute mit der gleichen Menge Primärmaterial rund dreimal mehr Dosen hergestellt werden, als dies noch vor rund 30 Jahren der Fall war.  Ohne Ende Gut Die zwei wichtigsten Vorteile der Getränkedose auf den Punkt gebracht: Erstens bietet die Dose den besten Schutz für Getränke, vermittelt absolute Frische und ist ein Lifestyle-Produkt. Zweitens sind Getränkedosen unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar: Metall ist ein permanentes Material. Und deshalb sind Getränkedosen: Ohne Ende Gut"

Der Text ist eine Sammlung der typischen Grünfärber-Tricks:

  1. unauffällige, aber wichtige Einschränkungen in Klammern („ohne Deckel“ – zählt man die Deckel mit, so erhöht sich das Dosengewicht laut Angaben auf einer anderen Ball-Website um immerhin 50 Prozent auf 30 Gramm für Weißblech und 16 Gramm für Alu),
  2. belanglose Superlative („meistrecycelte Getränkeverpackung der Welt“ – das sagt nichts, weil die umwelt- und klimaschonendste Getränkeverpackung, nämlich die in der Region befüllte Mehrwegflasche, überhaupt nicht recycelt zu werden braucht, sondern direkt wiederverwendet wird),
  3. Bis-zu-Angaben („bis zu 95 Prozent“ – die Zahl gilt nur für ideale Rahmenbedingungen, die oft mit der Realität wenig gemein haben),
  4. relative statt absolute Aussagen („95 Prozent der Energie, die zur Herstellung von Neumaterial benötigt würde“ – auch die restlichen fünf Prozent könnten, absolut betrachtet, noch eine ganze Menge sein),
  5. Betonung von Möglichkeiten („unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar“ – stimmt in der Theorie, sagt aber nichts über das tatsächliche Recycling).

Und der letzte Satz („Ohne Ende Gut“) ist wirklich ein Musterbeispiel für ebenso wohlklingende wie unpräzise Slogans – je weniger konkret, desto weniger sind sie angreifbar. Hier haben die Mülldemagogen offenbar dazugelernt – mit einem früheren Werbespruch nämlich hatte Ball Packaging vor wenigen Wochen juristischen Schiffbruch erlitten. Gegen den Aufdruck „Die Dose ist grün“ war die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erfolgreich vors Düsseldorfer Landgericht gezogen.

Wir gratulieren der DUH. Und möchten Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Kernsätze des Urteils (Az. 37 O 90/12) nicht vorenthalten:

Ausriss mit Zitat: "Die Beklagte wird verurteilt, es zu unterlassen, im geschäftlichen Verkehr ... mit der Aufschrift zu werben: "Die Dose ist grün". ... Der Beklagten werden für den Fall der Zuwiderhandlung gegen dieses gerichtliche Verbot als Zwangsvollstreckungsmaßnahmen Ordnungsgeld bis zu 250.000 Euro ... und Ordnungshaft bis zu 6 Monaten angedroht".

Und weiter hinten:

Ausriss mit Zitat: "... Ergebnis, dass die werbend verwendete Aussage ... bei einem nicht unerheblichen Teil des Verkehrs die Vorstellung der besonderen ökologischen Vorteilhaftigkeit der mit ihr bedruckten Getränkedosen aus Eisenblech hervorzurufen ... Ein solches Verständnis ist unzutreffend ..."

Man wolle „künftig“ die „Kommunikationsaktivitäten intensivieren“, erklärte Ball nach dem Urteil. Oha! Statt von „unendlich recyclebar“ spricht Ball nun beispielsweise von „unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar“ …


Tetra Pak: Schon wieder grüßt das Murmeltier

Donnerstag, den 15. November 2012

Unser Leser Benjamin D. aus Bernau hat folgende Anzeige zur Prüfung eingereicht:

Und dazu die Frage gestellt: „Was bitt’schön ist am Getränkekarton Zukunft? Ich dachte bislang, die regionale Pfandflasche liefere das ökologische Optimum…“

Betrachten wir zunächst, wie Tetra Pak die Behauptung, „zukunftsweisend zu sein“, im Kleingedruckten der Annonce begründet:

Und, was fällt Ihnen auf? Eine der guten Ideen, die angeblich in den Einwegverpackungen des schwedischen Konzerns stecken, ist die „überwiegende“ Verwendung von Holz, eine zweite, die „Möglichkeit“ zum Recycling, die dritte ein „möglichst kleiner“ CO2-Fußabdruck.

Soweit die Ideen, hier die Tatsachen. In seiner Selbstdarstellung erklärt Tetra Pak, seine Verbundkartons „bestehen im Durchschnitt zu 75 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. Dies ist aus ökologischen Gesichtspunkten eine gute Wahl.“ Bedeutet aber auch: Zu durchschnittlich einem Viertel besteht die Verpackung eben nicht aus nachwachsenden Rohstoffen. Aus ökologischen Gesichtspunkten also nur dritte Wahl.

Und die „Möglichkeit“ des Recyclings – zweite Idee – ist gar nicht so leicht umzusetzen. Der Tetra Pak besteht aus einem Verbund von Karton sowie hauchdünnen Alu- und Polyethylenfolien. Ein Recycling, das den Namen wirklich verdient, gibt es noch nicht: Wenn es gut läuft, landet ein leerer Getränkekarton in den Gelben Tonnen des „Dualen Systems“ – aber das klappt in Deutschland selbst nach Angaben des Unternehmens nur für „rund zwei Drittel aller Getränkekartons“. Doch auch diese Zahl sagt wenig über die Wiederverwertungsquote – um diese zu ermitteln, müssen noch eine ganze Reihe von Prozessverlusten berücksichtigt werden, und nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wird am Ende lediglich gut ein Drittel des Materials der hierzulande verkauften Getränkekartons wiederverwendet. Der Rest, so diese DUH-Grafik, wird aussortiert oder verbrannt oder ähnliches:

„Tetra Pak macht seine Produkte grüner als sie sind“, hatte deshalb vor Jahresfrist Rechtsanwalt Remo Klinger erklärt und Tetra Pak im Auftrag der DUH verklagt. Damals hatte das Unternehmen in seiner Werbung noch von einem „vollständigen Recycling“ gesprochen, was sich nicht als besonders zukunftsweisend herausstellte – die DUH bekam nämlich Recht, Tetra Pak änderte den Anzeigentext.

Bleibt als dritte Idee die des „möglichst kleinen“ CO2-Fußabdrucks. Dazu haben wir hier bereits vor anderthalb Jahren recherchiert. Damals behauptete Tetra Pak (Werbeslogan: „Ich bin CO2-Sparkönig“), seine Verpackung weise „einen der kleinsten CO2-Fußabdrücke unter den Einweg-Getränkeverpackungen“ auf.   Das Umweltbundesamt (UBA) hatte aber in einer Studie festgestellt: Deutlich Kohlendioxid-sparend sind Tetra Paks nur im Vergleich mit anderen Einweg-Verpackungen, nicht aber gegenüber Mehrweg-Systemen.

Fazit: Die Ideen, die Tetra Pak als zukunftsweisend präsentiert, mögen nicht alle ganz falsch sein – bei deren Umsetzung aber hapert’s. Unterm Strich können wir unserem Leser Benjamin D. also nur zustimmen: Für Umwelt und Klima ist es das beste, zu Milch oder Saft in der Glas-Mehrwegflasche aus einer regionalen Molkerei oder Kelterei zu greifen.

Danke für den Hinweis an Benjamin D. aus Bernau

P.S.: Seit gut einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen einige Euros, um die Recherchen auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Ball Packaging: Verpackungsabfall ist grün

Dienstag, den 31. Juli 2012

Im vergangenen Jahr wurden hierzulande erstmals seit Einführung des Dosenpfands 2003 wieder mehr als eine Milliarde Getränkebüchsen verkauft. Um 20 Prozent schossen die Absatzzahlen in die Höhe. „Dem Verbraucher ist das Dosenpfand egal – er zahlt“, fasst Die Welt die offenbar weit verbreitete Stimmung zusammen.

Die Verpackungsindustrie – wäre zu ergänzen – tut alles Erdenkliche, um diese Stimmung zu fördern. Mit viel Phantasie versucht sie zum Beispiel, dem Verpackungsfrevel Getränkedose sein mieses Image zu nehmen. Ein besonders „schönes“ Beispiel ist kürzlich der Deutschen Umwelthilfe (DUH) aufgefallen. Die Firma Ball Packaging, einer der größten Büchsenmacher Europas, versieht seine Produkte seit einiger Zeit mit dem knackigen Slogan „Die Dose ist grün“.

Hier eine Dose der Edeka-Billigbiermarke „Neunundzwanzig“,
Foto: DUH

Die DUH hat das Unternehmen wegen des Spruchs verklagt. Ball Packaging antwortete selbstbewusst: Man werde den Slogan weiter verwenden, und dies war die (worteiche) Erklärung:

Na, ist Ihnen etwas aufgefallen? Nein, wir stören uns nicht daran, dass der konkretisierende Zusatz „unendlich recyclebar“ viel kleiner auf der Dose steht als der Spruch „Die Dose ist grün“. Wir meinen auch nicht, dass da lediglich recyclebar steht – was über das tatsächliche Recycling ja wenig aussagt. Uns ist vor allem die beiden Worte „darunter auch“ in diesem Satz aufgefallen: „Aus alten Getränkedosen können immer wieder neue hochwertige Metallprodukte, darunter auch Getränkedosen, hergestellt werden – ohne Qualitätsverlust. “ Und natürlich der Klassiker der Grünfärberei – relative statt absoluter Angaben: Es ist von 95 Prozent Energieeinsparung bei  recycletem Material im Vergleich zu Primärmetall die Rede.

Zum ersten Punkt wäre die Nachfrage, wieviel Recycling-Metall denn tatsächlich in der Dosenherstellung verwendet wird. Anruf bei der Firma Ball, bei der Pressesprecherin und dem Nachhaltigkeitsmanager. Doch beide können keine konkrete Zahlen für das Unternehmen nennen. Man kaufe das Rohmaterial für Stahlblech- oder Alu-Dosen bei verschiedenen Herstellern, im europäischen Durchschnitt werde von Stahl- oder Alu-Hütten 50 bis 55 Schrott eingeschmolzen und etwa so hoch werde dann wohl auch bei den eigenen Dosen der Anteil an recycletem Metall sein. Thomas Fischer von der DUH hingegen sagt, Firmen wie Ball verwendeten „fast ausschließlich Neumaterial“, deshalb enthalte „eine Weißblechdose weniger als 6 Prozent Recyclingmaterial – eine Aluminiumdose gar keine Anteile“. Das lasse sich einer Studie des IFEU-Instituts entnehmen, die im Auftrag der Dosenindustrie vor zwei Jahren erstellt wurde (siehe S. 32 und S. 184 der Untersuchung).

Beim zweiten Punkt wird ausgeblendeet, dass zum Einsammeln, Einschmelzen und Neuproduzieren von Metallprodukten erhebliche Mengen Energie nötig sind – selbstverständlich weniger als bei der Produktion von neuem Stahl oder Aluminium, aber doch soviel, dass die Ökobilanz von Dosen alles andere als grün ist. Ökologisch am besten ist jedenfalls, Getränke in Pfandflaschen von einem regionalen Hersteller zu kaufen. Dosen nämlich müssen eingeschmolzen werden, um (eventuell) wiederverwendet zu werden – Pfandflaschen hingegen werden direkt wiederverwendet. Und zwar in der Regel Dutzende Male. Bei Getränkedosen sieht das ganz anders aus: Zwar werden wegen des Dosenpfands in Deutschland Sammelquoten von 95 Prozent erreicht – aber nach dem Einschmelzen werden die Dosen eben nicht wieder zu Dosen, sondern zu irgendwelchen Metallprodukten (ob sie „hochwertig“ sind, wie Ball in seiner oben zitierten Verteidigungsschrift, darf man getrost bezweifeln). Aus Getränkedosen werden vielleicht Fahrradrahmen oder Alu-Folien, Brillengestelle oder Konservenbüchsen, Träger für Stahlbeton oder Nägel oder was auch immer. Ob all dieses Metall jemals wieder eingesammelt und -verwendet wird, ist offen.

Pfandflaschen werden oft Dutzende Male befüllt – das ist tatsächlich umweltschonende Kreislaufwirtschaft. Getränkedosen werden, wenn es gut läuft, einmal wieder eingesammelt und dann mit erheblichem Energieaufwand zu irgend etwas anderem verarbeitet.


Lexus: Vielleicht vier Kilometer emissionsfrei

Donnerstag, den 5. Juli 2012

Anfang dieses Jahres waren nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe exakt 4.541 elektrisch betriebene Pkw in Deutschland zugelassen. Aber das soll sich ändern, und zwar rasant – jedenfalls wenn es nach dem „Regierungsprogramm Elektromobilität“ geht, das die Bundesregierung im Mai 2011 beschlossen hat. Das Ziel von Angela Merkels Kabinett: bis 2020 (also in siebeneinhalb Jahren) mindestens eine Million Elektroautos auf die deutschen Straßen zu bringen, 2030 sollen es sogar sechs Millionen sein.

Ein großes Wachstumspotenzial also, und darauf stellen sich die Autobauer – respektive ihre Werbestrategen – ein. Zum Beispiel Toyota mit seiner Edelmarke Lexus. Versprochen wird in der aktuellen Kampagne:

Wie es sich für das Bewerben eines Luxusgutes geziemt, bedienen sich die Werber feinster Luxus-Werbeprosa: „Erleben Sie außergewöhnliche Dynamik und Effizienz! Der zukunftsweisende Vollhybridantrieb – die Kombination aus Benzin- und Hochleistungs-Elektromotor – begeistert mit atemberaubenden 254 kW (345 PS)“. Soweit die „Emotion“.

Und dies sind die Aussagen zu den Emissionen: „… bei einem kombinierten Normverbrauch ab 5,9 l/100 km*“ Außerdem:

Schließlich das Fazit: „Dazu erwarten Sie eine Premium-Ausstattung und technologische Innovationen, die beweisen: Der neue Lexus GS 450h ist eine Klasse für sich.“

Phantastisch, oder? So ein „spritziger Schlitten“! Mit doppelt so viel PS wie beispielsweise der BMW-Öko-Konkurrent i3! Und das absolut lautlos und emissionsfrei!

Seit 2007 gilt in der EU die Richtlinie „RL 70/220/EWG“, mit der Verbrauchsangaben der Autohersteller normiert und  Unternehmen verpflichtet werden, diese vergleichbaren Ergebnisse in ihrer Werbung  zu veröffentlichen. Als erfahrene Leserinnen und Leser ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass Lexus bei den Verbrauchs- und Emissionsangaben das Wörtchen „ab“ untergebracht hat, außerdem zwei Fußnoten, gekennzeichnet mit * und **. Und in Fußnoten steckt ja oft das Wichtigste. So auch diesmal:

Ein Sternchen führt im Kleingedruckten zur Angabe: „CO2-Emissionen kombiniert: 145-137 g/km“. Aber das ist ja, huch, deutlich mehr als jene 130 Gramm Kohlendioxidemission je Kilometer, die die EU ab 2015 als Grenzwert für die Toyota-/Lexus-Neuwagenflotte gesetzt hat?  Richtiger müsste der Slogan also wohl heißen: „VIEL EMISSION UND EMOTION“.

Aber MomentMomentMoment, das ist noch nicht alles! Da sind ja auch noch die zwei Sternchen. Hierzu heißt die Auflösung:

Großartig: Lexus glänzt mit einer Werbeaussage, die höchstens 4.000 Meter weit stimmt…

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Berliner Wirtschaft: Milliarden für 4.500

Sonntag, den 6. Mai 2012

Es gibt in der deutschen Presselandschaft einige ausgesprochene Exoten. Berliner Wirtschaft heißt ein solcher – das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, so der Untertitel. „Mit einer monatlichen Auflage von 52.000 Exemplaren“, heißt es in den Mediadaten, “ erreicht die Berliner Wirtschaft flächendeckend Unternehmen mit hoher Gewinnumlage ohne jeglichen Streuverlust.“ Zu gut deutsch: Jede Firma, die in Berlin (Zwangs-)Mitglied der IHK ist, hat Monat für Monat das Blatt ungefragt in seinem Briefkasten. Weiter heißt es: „Die Leser der Berliner Wirtschaft repräsentieren ein hohes Investitionspotenzial und stellen eine wichtige Zielgruppe für die Business-to-Business-Kommunikation dar. Sie sind über alle Kompetenzbereiche hinweg an den Entscheidungsprozessen beteiligt.“ Aha.

Also dann mal reingeschaut: Im  70 Seiten dicken Mai-Heft porträtiert die Redaktion unter der Überschrift „Essen per Mausclick“ die Firma „Lieferheld“ – ein Bringedienst für Manager und Angestellte, die es nicht schaffen, Mittags zum Essen zu gehen. Weiter wird über eine „erfolgreiche Dialogreise“ Berliner Unternehmer nach Indien berichtet, es geht um die Wahlen zu den IHK-Gremien oder in der Rubrik „Märkte und Trends“ um das International Design Festival Berlin. Das „Interview des Monats“ trägt die Überschrift

Befragt wird Kurt Blumenröder, einer der Chefs der Firma IAV, einem „Engineering-Unternehmen im Bereich der Automobil- und Zulieferindustrie“, das weltweit mit 4.500 Mitarbeitern Entwicklungsprojekte für Autohersteller anbietet. “ Wir haben einen ganzheitlichen Blick auf das Automobil“, sagt Blumenröder. Das sei wichtig, weil eine einzelne Komponente „für das Gelingen eines kompletten Autos natürlich nicht isoliert betrachtet werden darf“.

Um jetzt zum Auto der Zukunft zu kommen, erklärt Blumenröder:

Für dieses Megathema müssten seine 4.500 Mitarbeiter an vielen Stellen arbeiten, „nicht nur an den Antriebsaggregaten. Wir brauchen auch neue Materialien, um Autos leichter bauen zu können.“  Berlin sei ja gerade zu einer der vier deutschen Modellregionen für Elektromobilität  erkoren worden. „Gottseidank“, wie  Blumenröder sagt: „Es gibt keinen anderen Ort in Deutschland, an dem die Elektromobilität so gut entwickelt und in Szene gesetzt werden kann, wie in Berlin. Elektromobilität ist eine Technologie für Metropolen und nicht für ländliche Räume.“

Natürlich hat der Visionär auch ein paar konkrete Ideen. Zitieren wir ihn noch einmal: „Wir haben mal angeregt, eine E-Taxi-Flotte am Hauptbahnhof aufzubauen, die ihre Fahrzeuge am Taxistand mit Induktionsstrom auftankt. Ein solcher berührungsloser Ladevorgang ist ideal für Taxis. Oder glauben Sie, dass jeder Taxifahrer beim Aufrücken in der Schlange jedes Mal den Stecker in die nächste Ladesäule umsteckt? Beim berührungslosen Laden wird das Taxi auch mit Strom für die Standheizung oder die Standklimatisierung versorgt. Der Fahrgast steigt in ein angenehm klimatisiertes Taxi ein.“ Dass die Autos dann wohl dreckigen Braunkohlestrom tanken würden – jedenfalls wenn sie das Angebot des Berliner Grundversorgers Vattenfall nutzen –, daran verschwendet Blumenröder kein Wort. Aber leider fehlt ja ohnehin das Geld für solch brilliante Idee.

Nun hat die Deutsche Umwelthilfe just in dieser Woche eine Bilanz der „Nationalen Plattform Elektromobilität“ vorgelegt, die exakt vor zwei Jahren startete. Demnach sei die Pkw-Strategie der Bundesregierung Merkel „im Ansatz falsch und für eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik im Mobilitätssektor sogar kontraproduktiv“. Und erfolglos obendrein: Bis zum Jahresende 2011 seien gerade einmal 4.500 Elektro-Pkw zugelassen gewesen. Autohersteller würden mit Steuergeldern Milliardensummen Förderung einstreichen für praxisfernes Technikspielzeug oder auch E-Fahrräder, die es längst gibt, so der Vorwurf.

In einer anderen Metropole (die es nicht nötig hat, sich selbst den „Weltstadt“-Anstrich aufzukleistern) sind übrigens just diese Woche Taxi-Ideen nicht nur angedacht, sondern umgesetzt worden: New York hat 18.000 neue, sparsame Taxis eingeführt. Allerdings hat man sich am Hudson River einen Dreck um die „Jahrhundertchance Elektromobilität“ geschert. Und auf heute schon verfügbare  Hybridfahrzeuge gesetzt.

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Rewe: Die kompostierbare Leiche im Keller

Freitag, den 13. April 2012

Der Lebensmittelkonzern Rewe versucht uns gerade seine Geschäftstätigkeit sehr schmackhaft zu machen. Gleich mit einer ganzen Anzeigenserie. „Arbeitsleben oder Familie? Ich lebe beides“, sagt da beispielsweise Maren R. 32 Jahre, Fachverkäuferin und Mutter. Für Rewe sei Familie und Beruf kein Widerspruch, wie es in der Anzeige heißt. Hier geht eben beides – so selbstverständlich wie die tägliche Ernährung.

Oder Sandra G., 34jährige Marktmanagerin und Abdenteurerin: „Ich will im Beruf als Frau meinen Mann stehen. Mach ich ja auch privat“.  Der Anzeigentext erklärt, dass bei Rewe „Anstellung auch Gleichstellung“ bedeutet.

Beim Kauf von Lebensmitteln geht es im 21. Jahrhundert hierzulande eben um mehr als nur ums satt werden: Langsam scheint sich der Gedanke durchzusetzen, dass es ohne Ausbeutung von Individuum und Umwelt schmackhafter ist. „Mein Job soll auch nachhaltig Früchte tragen“, sagt beispielsweise Manfred B., Marktmanager und Hobby-Gärtner. Dabei steht er vor einem Wandbild, ein bisschen wirkt, als stamme es aus realsozialistischen Propagandazeiten. Der Anzeigentext dazu erklärt:

„Rewe – jeden Tag ein bisschen besser“ – das ist der Kampagnenslogan, der uns Hoffnung schenkt. Und Rewe jeden Tag ein paar mehr Kunden bringen soll. Dummerweise hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) diese Woche kritisiert, dass von Rewe vertriebene „Bio“-Einkaufstüten zuviel versprächen. Der Umweltverband beklagt: „Die als kompostierbar beworbenen Tragetaschen aus Bioplastik bestehen zu mehr als zwei Dritteln aus Erdöl. Nach Recherchen der Deutschen Umwelthilfe werden sie weder kompostiert noch recycelt. Die DUH fordert deshalb ein sofortiges Ende der Werbelüge und die Umstellung auf eine umweltfreundlichere Alternative.“

Neben Rewe bieten auch Aldi und andere Ketten diese „Biotüten“ der Firma Victor Güthoff & Partner aus Frechen im Rheinland an. Und werben mit deren angeblichen Umweltvorteilen. So seien die Tragetaschen „so weit wie möglich aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt“ und „100 Prozent kompostierbar“.

Rewe verspricht seinen Kunden, mit dem Kauf der Einwegtüte „gemeinsam Gutes“ zu tun. Aldi Süd ist noch pathetischer mit dem Aufdruck „Zeig der Umwelt ein Lächeln“. Alle Tüten sind mit lieblichen Motiven bedruckt, etwa mit Blumen, Tieren oder Wiesen. Dadurch werde der Eindruck erweckt, dass es sich bei den Plastiktüten um ein ökologisch vorteilhaftes Produkt handele, so die DUH. Die Beutel seien unter gewissen Umständen zwar kompostierbar, wirklich kompostiert würden sie aber nicht, wie eine Umfrage bei Abfallentsorgern ergeben habe.

Wie hieß nochmal der Werbespruch: „Jeden Tag ein bisschen besser“. Einen Tag nach der Pressekonferenz der Umwelthilfe reagierte Rewe denn auch und nahm die Tüten vorläufig aus dem Sortiment. „Mit diesem Schritt wollen wir dafür sorgen, dass es bei unseren Kunden nicht zu Verunsicherung über die tatsächliche Umweltverträglichkeit dieser Tragetaschen kommt“, erläuterte Rewe-Sprecher Martin Brüning. Gemeinsam mit Herstellern und unabhängigen Experten will Rewe die Tüten nun noch einmal auf ihre Umweltverträglichkeit hin untersuchen.

Rewe braucht also offenbar noch ein paar Tage, um wirklich gut zu werden.

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Die Welt: Blick für das Besondere

Montag, den 24. Oktober 2011

Die Welt ist einfach wunderbar. Und vor allem: Sie wird immer besser. Dieses Wochenende hieß es in der 

Ausriss mit Zeitungskopf, der Unterzeile "Sonderausgabe Ökologische Verantwortung" und der Headline "Warum jeder ein bisschen öko sein sollte"

In der Unterzeile schrieb das Springer-Blatt: „Verantwortung für die Umwelt übernehmen, kann ganz einfach sein. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen Ökologie auch im Alltag leben – das beginnt beim Einkaufen oder beim Kaffeetrinken.“

Oder beim „Blattmachen“. So nennen Printjournalisten das alltägliche oder -wöchentliche Zusammenstellen einer Zeitung. Und die Blattmacher – nicht nur, aber auch sehr bei der Welt – sind regelmäßig empört, wenn Politiker ihren moralischen Ansprüchen nicht genügen. Wenn etwa ein Bündnisgrüner bei der Lufthansa dienstlich Bonusmeilen sammelt und sie dann privat nutzt. Oder sich ein Verteidigungsminister in Damenbegleitung planschend auf Mallorca ablichten lässt, während „seine“ Soldaten zu einem Auslandseinsatz aufbrechen. Oder wenn sich ausgerechnet ein CDU-Spitzenkandidat in ein minderjähriges Mädchen verliebt.

Wie schaut es bei der Welt am Sonntag (WamS) selbst aus? Ist sie wenigstens „ein bisschen öko“? Auf Seite 3 – nach der Titelseite ja die prominenteste einer Zeitung – lautet diesen Sonntag die Überschrift: „Aus weniger wird besser“. Obwohl es nicht dabei steht, handelt es sich offenbar um eine Anzeige für den Audi Q3, den neuesten Stadtgeländewagen der Ingolstädter – mit einem CO2-Ausstoß von bis zu 179 Gramm pro Kilometer kein wirkliches Öko-Mobil.

Im Politikteil geht es auf den Seiten 4 bis 7 um die Rettung des Euro und Europas Zukunft. Der Wirtschaftsteil stellt die drängende Frage

Ausriss mit Zitat "Was wird aus den Banken?"

und versucht, auf den Seiten 29 bis 35 Antworten zu geben. Es folgt ein Finanzteil, der erklärt, warum der Kapitalismus eine feine Sache ist. Es folgt das Feuilleton mit „Tim und Struppi“ und einer Lady-Di-Biografie, dann die Abteilung Stil mit Edelrestaurants und „Uhren nach Maß“ – zu 1095 Euro das Stück. Im beiliegenden „Stil-Magazin“ namens Icon schließlich wird für jene Dinge geworben, die das Leben wirklich lebenswert machen:

Ausriss mit Zitat: "Wer Großes schafft, hat den Blick für das Besondere. Der Bentley Mulsanne ... CO2-Emissionen 393 g/km"

25,3 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer, 393 Gramm Kohlendioxid je Kilometer. Wow! Das kann sich wirklich sehen lassen.

Sieht man von einer kleinen Kolumne über „Ökoterror“ ab, kommt auf den 98 Seiten vor der Öko-Beilage das Thema Umwelt kein bisschen vor. Zugegeben, in dem einmaligen Umwelt-Sonderteil geben sich die Autoren und Redakteure dann durchaus Mühe. Es geht um die globale Artenvielfalt, Stadtgärten in Berlin oder auch die Regenwälder Brasiliens. Die Werbeannoncen aber lassen den grünen Lack gleich wieder abplatzen: Ausgerechnet Tetrapak darf sich dort präsentieren, und das gleich dreimal. Jener Verpackungsmulti, der bei uns auch schon Thema war und den die Deutsche Umwelthilfe gerade wegen „Verbrauchertäuschung“ vor Gericht gezerrt hat.

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REWE/toom: Nachhaltige Startschwierigkeiten

Mittwoch, den 24. November 2010

Das Hauptmotiv der neuen Anzeigenkampagne der Rewe-Handelsgruppe ist ganz hübsch: Eine Kleinfamilie steht da mit ihrem gefüllten Einkaufswagen auf einem Waldweg, vor ihr ein großer Holzlaster, die Trucker gucken verblüfft: „Unsere Kunden bewegen mehr als ihren Einkaufswagen“, lautet der Slogan dazu. Der zweitgrößte Lebensmittelhändler Deutschlands will sich so als Adresse für „verantwortungsvollen Einkauf“ empfehlen. Nachhaltigkeit, heißt es auf der Firmenwebsite, sei bei Rewe „fest in der Unternehmensphilosophie“ verankert.

Im Anzeigentext erfährt man dann leider, dass die „verantwortungsvollen“ Produkte nur einen Teil des Sortiments ausmachen. An einem neuen Label namens „Pro Planet“ sollen sie bei Rewe, toom und Penny ab sofort zu erkennen sein, es geht beispielsweise um Schreibblöcke aus Recyclingpapier oder Wandfarben ohne Lösungsmittel. „Dabei kombinieren wir Imagewerbung intelligent mit Verkaufsimpulsen“, erklärte Rewe-Vorstandschef Alain Caparros.

Die Realität bei Rewe sieht allerdings nicht ganz so glänzend aus wie die von der Edel-Agentur Scholz&Friends betreute PR-Kampagne. So wählte man als Partner für die Elektroauto-Ladestationen in Berliner Märkten ausgerechnet Vattenfall - jenen Konzern, dessen Braunkohlekraftwerke Unmengen von Kohlendioxid ausstoßen und der mit 890 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde laut Greenpeace „Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter“ ist.

Zudem ging bei Rewes Baumarkttochter toom der Start der Öko-Offensive gründlich daneben, dort hat man Imagewerbung und Kaufimpulse tatsächlich sehr intelligent miteinander verbunden. Mit billigen Energiesparlampen lockte toom Kunden in die Filialen, schaltete dazu auf Seite 1 der Bild eine große Annonce. Für 99 Cent wurden da Lampen aus „Energieeffizienzklasse A“ angepriesen – doch tatsächlich zeigte und verkaufte toom schlechtere Energiesparlampen der Klasse B. Daraufhin ging die Deutsche Umwelthilfe (DUH) juristisch gegen Rewe und die Bild vor. „Mit falschen Angaben wurden die Verbraucher getäuscht und zum Kauf niederwertiger Energiesparlampen verleitet“, kritisiert DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. „Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes wird mit solchen Aktionen eine grundsätzlich positive Technologie wie die Energiesparlampe diskreditiert.“

Vor einigen Tagen fiel toom zum zweiten Mal negativ auf: Die Kette verkaufte Energiesparlampen mit überhöhten Quecksilberwerten. Bereits seit Juli 2006 beschränkt die RoHS-Richtlinie der EU die Menge dieses gefährlichen Schwermetalls auf höchstens fünf Milligramm pro Lampe, die DUH fand bei Testkäufen jedoch 5,7 und 6,35 Milligramm. Rewe rechtfertigte das gegenüber der DUH mit den Worten, man habe die beanstandeten Lampen schon im Mai 2002 eingekauft – dieses Datum sei juristisch der Zeitpunkt des Inverkehrbringens, mithin fielen die fraglichen Lampen auch heute noch nicht unter den EU-Grenzwert. Nachhaltig sei bei Rewe, so DUH-Mann Resch, „nur das Streben nach Gewinnmaximierung, notfalls auch zu Lasten der Gesundheit der Verbraucher und der Umwelt“.

„Das ist zweimal wirklich blöd gelaufen“, sagt Rewe-Sprecher Andreas Krämer hörbar zerknirscht. Im ersten Fall sei einem Mitarbeiter der Werbeabteilung schlicht ein Fehler passiert, im zweiten Fall habe es sich um „eine minimale Restmenge“ alter Lampen gehandelt – und die Antwort des Firmenjuristen sei mit der Unternehmensspitze nicht abgestimmt gewesen. Krämer versichert, dass man es tatsächlich ernst meine mit dem Nachhaltigkeitsengagement. Die Vorfälle seien Rewe bzw. toom „wirklich unangenehm“ – und sollten nicht nochmal vorkommen.

Nun, wir werden ein Auge drauf haben.

Danke an Christian B. und Christoph S. für die Hinweise


Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Donnerstag, den 2. September 2010

Mitte Juli getraenkedose_gruenedosehaben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte tatsächlich, dass die frechsten Aussagen zurückgezogen wurde. Aber der Reihe nach:

Beim renommierten IFEU-Institut hatte sich der Branchenverband BCME eine Ökobilanz erstellen lassen. Dabei hatte man Annahmen vorgegeben, mit denen für die Dose vorteilhafte Ergebnisse programmiert waren. In Presseerklärungen und auf einer Website „Forum Getränkedose“ schlachtete die Büchsenlobby das gewünschte Resultat dann aus. Man färbte Dosen – im wahrsten Sinne des Wortes – grün (siehe rechts), in einer bunten Broschüre behauptete man vollmundig:

getraenkedose_rueckzug1

Das IFEU-Institut distanzierte sich daraufhin von seinem Auftraggeber. Und Anfang August ging die DUH die Dosenlobby frontal an: Deren Kampagne sei „ein Lehrstück an Verbrauchertäuschung“, sie sei „in hohem Maße irreführend, unseriös und unglaubwürdig“. In einem 19-seitigen Papier listete der Umweltverband auf, wie die Industrie Mehrwegverpackungen „mit nachweislich falschen Annahmen schlechtgerechnet“ habe. Die DUH verlangte vom Lobbyverband eine Unterlassungserklärung, zunächst erfolglos. Am Dienstag dieser Woche unterschrieb die Dosenindustrie dann doch – offenbar wenige Stunden nach Einreichung einer entsprechenden Klage beim Landgericht Hannover.

Das „Forum Getränkedose“, ein Zusammenschluss der Büchsenproduzenten Ball Packaging Europe, Rexam und Crown Bevcan Europe, darf nun nicht mehr behaupten: „Die Getränkedose ist jetzt auf Augenhöhe mit Mehrweg“, „Neue Ökobilanz des IFEU-Instituts zeigt: Getränkedosen sind ökologisch konkurrenzfähig“ und „Die Dose ist eine umweltfreundliche Verpackung, die ökologisch auf Augenhöhe mit Mehrwegflaschen liegt. Das bestätigt jetzt eine neue Ökobilanz“.

Die Dosenlobby sei damit „einer gerichtlichen Verurteilung zuvorgekommen“, kommentiert DUH-Anwalt Remo Klinger. „Eine derart dreiste Form der Täuschung des Verbrauchers habe ich selten erlebt.“ Welf Jung, einer der Sprecher des Lobbyverbandes, wies auf Anfrage die DUH-Vorwürfe „vehement zurück“. Man habe lediglich einen langen Rechtsstreit vermeiden wollen über „Formulierungen, die missverständlich sein könnten“. An der inhaltlichen Position aber wolle man festhalten.

Die grünfärberische Broschüre, in der die umstrittenen Ergebnisse der Ökobilanz nochmal zugespitzt worden waren, findet sich nun jedenfalls nicht mehr auf der Verbands-Website.