Archiv des Schlagwortes ‘Verpackungen’

Ball Packaging & Coca Cola: 50 Jahre Dosenmüll

Donnerstag, den 11. Juli 2013

Mit großem Trara feiert der Büchsenmacher Ball Packaging (ehemals Schmalbach-Lubeca) ein – wie wir finden – trauriges Jubiläum:

Ausriss von Firmenwebsite mit Zitat: "Erste Coca-Cola Dose kam 1963 auf den deutschen Markt / Trendverpackung als moderner Freizeitbegleiter -- Kultverpackung für Kultgetränk: 1963 kam in Deutschland die erste Coca-Cola in der Getränkedose auf den Markt. Seitdem erfrischt Coca-Cola in der praktischen Metallverpackung die Konsumenten. Das koffein- und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränk, das Markengeschichte geschrieben hat, war auch in der Getränkedose ein Erfolg. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Dose als Verpackung nicht nur optisch, sondern auch in puncto Umweltbilanz enorm weiterentwickelt.

In diesem Tonfall geht es auf der Firmenwebsite noch zehn (!) Absätze lang weiter. Vom tollen Lebensstil mit Blechbüchsen wird da schwadroniert und von superkreativen Dosendesigns – und natürlich auch von der Ökobilanz der Getränkedose. Die ist, wie wir hier auf dem Blog schon öfter schrieben, richtig lausig im Vergleich zu Mehrwegflaschen. Aber mit professionellem Wortgeklingel verschleiern die Werber von Ball Packaging das immer wieder. So auch diesmal:

Ausriss von Firmenwebsite mit Text: "Recyclingweltmeister mit Zukunft Eine aus Weißblech hergestellte 33cl-Dose bringt heute rund 21 Gramm auf die Waage, eine Aluminiumdose nur etwa 10 Gramm (ohne Deckel). Die Dosenwände sind mit 0,097 Millimeter sogar dünner als ein menschliches Haar. Ebenso wichtig für die Umweltbilanz der Dosen: Die Dose ist die meistrecycelte Getränkeverpackung der Welt, in Deutschland sind es 96 Prozent. Das verringert CO2-Emissionen und trägt zum Klimaschutz bei. Durch das Recycling lassen sich bis zu 95 Prozent der Energie einsparen, die zur Herstellung von Neumaterial benötigt würde. Durch zunehmende Gewichtsreduzierung können heute mit der gleichen Menge Primärmaterial rund dreimal mehr Dosen hergestellt werden, als dies noch vor rund 30 Jahren der Fall war.  Ohne Ende Gut Die zwei wichtigsten Vorteile der Getränkedose auf den Punkt gebracht: Erstens bietet die Dose den besten Schutz für Getränke, vermittelt absolute Frische und ist ein Lifestyle-Produkt. Zweitens sind Getränkedosen unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar: Metall ist ein permanentes Material. Und deshalb sind Getränkedosen: Ohne Ende Gut"

Der Text ist eine Sammlung der typischen Grünfärber-Tricks:

  1. unauffällige, aber wichtige Einschränkungen in Klammern („ohne Deckel“ – zählt man die Deckel mit, so erhöht sich das Dosengewicht laut Angaben auf einer anderen Ball-Website um immerhin 50 Prozent auf 30 Gramm für Weißblech und 16 Gramm für Alu),
  2. belanglose Superlative („meistrecycelte Getränkeverpackung der Welt“ – das sagt nichts, weil die umwelt- und klimaschonendste Getränkeverpackung, nämlich die in der Region befüllte Mehrwegflasche, überhaupt nicht recycelt zu werden braucht, sondern direkt wiederverwendet wird),
  3. Bis-zu-Angaben („bis zu 95 Prozent“ – die Zahl gilt nur für ideale Rahmenbedingungen, die oft mit der Realität wenig gemein haben),
  4. relative statt absolute Aussagen („95 Prozent der Energie, die zur Herstellung von Neumaterial benötigt würde“ – auch die restlichen fünf Prozent könnten, absolut betrachtet, noch eine ganze Menge sein),
  5. Betonung von Möglichkeiten („unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar“ – stimmt in der Theorie, sagt aber nichts über das tatsächliche Recycling).

Und der letzte Satz („Ohne Ende Gut“) ist wirklich ein Musterbeispiel für ebenso wohlklingende wie unpräzise Slogans – je weniger konkret, desto weniger sind sie angreifbar. Hier haben die Mülldemagogen offenbar dazugelernt – mit einem früheren Werbespruch nämlich hatte Ball Packaging vor wenigen Wochen juristischen Schiffbruch erlitten. Gegen den Aufdruck „Die Dose ist grün“ war die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erfolgreich vors Düsseldorfer Landgericht gezogen.

Wir gratulieren der DUH. Und möchten Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Kernsätze des Urteils (Az. 37 O 90/12) nicht vorenthalten:

Ausriss mit Zitat: "Die Beklagte wird verurteilt, es zu unterlassen, im geschäftlichen Verkehr ... mit der Aufschrift zu werben: "Die Dose ist grün". ... Der Beklagten werden für den Fall der Zuwiderhandlung gegen dieses gerichtliche Verbot als Zwangsvollstreckungsmaßnahmen Ordnungsgeld bis zu 250.000 Euro ... und Ordnungshaft bis zu 6 Monaten angedroht".

Und weiter hinten:

Ausriss mit Zitat: "... Ergebnis, dass die werbend verwendete Aussage ... bei einem nicht unerheblichen Teil des Verkehrs die Vorstellung der besonderen ökologischen Vorteilhaftigkeit der mit ihr bedruckten Getränkedosen aus Eisenblech hervorzurufen ... Ein solches Verständnis ist unzutreffend ..."

Man wolle „künftig“ die „Kommunikationsaktivitäten intensivieren“, erklärte Ball nach dem Urteil. Oha! Statt von „unendlich recyclebar“ spricht Ball nun beispielsweise von „unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar“ …


Kaiser’s Tengelmann: Eine halbe Korrektur

Donnerstag, den 14. Februar 2013

Vergangene Woche haben wir hier über die vermeintlich umweltfreundlichen Plastiktüten von Kaiser’s, Lidl und Co. geschrieben. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vermeldet nun einen Erfolg: Nach einer Klagedrohung habe sich Kaiser’s Tengelmann schriftlich dazu verpflichtet, nicht mehr mit dem Slogan „Einkaufen mit gutem Gewissen! … Mit unseren biologisch abbaubaren Plastiktüten“ für seine Einweg-Einkaufsbeutel zu werben. Wir gratulieren!

In einer Stellungnahme betont die Firma, man habe niemanden täuschen wollen – und schiebt dann doch gleich wieder eine zweifelhafte Aussage hinterher: „Unsere I’m green-Tragetaschen sind umweltfreundliche Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen.“ Der zweite Teilsatz mag stimmen, der erste nicht. Oder in den bereits letzte Woche zitierten Worten des Umweltbundesamtes: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“

Es bleibt dabei: Wirklich umweltfreundlich sind nur Mehrweg-Einkaufsbeutel.


Lidl, Kaiser’s & Co: Im Schein der grünen Tüte

Freitag, den 8. Februar 2013

„Wenn ich an der Supermarktkasse Leuten sage: ‚Hey, kauft keine Plastiktüte!‘, erwidern die immer häufiger: ‚Wieso, das sind doch die neuen, umweltfreundlichen!‘“ Dies schrieb unser Leser Benedikt B. aus Berlin und fragt: Haben die Leute etwa recht?

Tatsächlich werben Lidl, Kaiser’s & Co. auf ihren Plastik-Tragetaschen neuerdings mit dem Slogan: „I‘m green“. Die Tüten bestünden schließlich nicht aus Erdöl, sondern aus „Polyethylen, welches zum Großteil aus Zuckerrohr hergestellt wird“. Und mit dem Naturprodukt Zuckerrohr werde ein nachwachsender Rohstoff eingesetzt – „bei 100 %-iger Recyclingfähigkeit“. Na, super!

zucker

„Als erster Lebensmittelhändler in Deutschland haben wir uns für den Einsatz der sogenannten ‚I‘m green‘-Taschen entschieden, die im Gegensatz zu herkömmlichen Plastiktüten aus nachwachsenden statt fossilen Rohstoffen hergestellt werden“, hatte im Jahr 2011 Raimund Luig, Geschäftsführer der Kaiser’s Tengelmann GmbH, erklärt. Auch Lidl, Aldi, Rewe und andere entdeckten inzwischen die angeblich grünen Tüten. Sie alle wissen: Der deutsche Konsument ist umweltbewusst wie kaum ein anderer auf dieser Welt, die deutsche Konsumentin erst recht.

Noch einmal O-Ton Kaiser’s Tengelmann: „Neben der Ressourcenschonung leistet die ‚I‘m green‘-Tasche einen Beitrag zum Klimaschutz. Durch die Gewinnung von einem Kilogramm grünem Polyethylen wird 2,5 Kilogramm CO2 gebunden. Die Zuckerrohrpflanze wandelt dabei CO2 in das Naturprodukt Saccharose um. Aus einem Kilogramm grünem Polyethylen können durchschnittlich 50 Tragetaschen hergestellt werden. Bei der Herstellung von einem Kilogramm herkömmlichen Polyethylen hingegen werden 2,5 Kilogramm CO2 freigesetzt.“ Eine solche Plastiktüte, soll das wohl heißen, ist praktizierter Klimaschutz. Also: Kauft, kauft, kauft die neuen Plastiktüten! Ja, was denn sonst?

Wer dabei Bauchschmerzen bekommt, dem kann der Klima-Lügendetektor gesunden Menschenverstand attestieren. Denn die wichtigste Frage bei jeder Einkaufstüte ist: Was passiert mit ihr nach dem Gebrauch? Wandern die 50 „grünen“ Tragetaschen gleich nach Benutzung in den Müll? Und von dort gar in eine Müllverbrennungsanlage? Dort würde das vom Zuckerrohr gebundene Kohlendioxid ja doch bloß wieder freigesetzt.

Selbst wenn die „Bio-Tragetüte“ in die Biotonne und auf den Weg in eine professionelle Kompostierungsanlage geschickt würde, wäre das nur wenig besser: Die meisten solchen Anlagen sind noch gar nicht auf die neuen Beutel ausgelegt, bei der Sortierung kann oft nicht zuverlässig zwischen verrottbarem und unverrottbarem Plastik unterschieden werden – weshalb in der Regel alle Tüten aus dem Biomüll gefischt werden und im Verbrennungsofen landen.

Doch selbst wenn die „I‘m-green“-Tasche es zum Kompostieren schaffen sollte – dort würde lediglich das Material wiederverwendet, nicht aber die Energie, die für das Herstellen des biologisch abbaubaren Kunststoffs verbraucht wurde. Heribert Wefers vom Umweltverband BUND fasste das im Deutschlandradio so zusammen: „Hinsichtlich der Energiebilanz ist das Kompostieren völlig ineffektiv.“

Weil es vielen Menschen so geht wie unserem Leser Benedikt B., hat sich auch das Umweltbundesamt des Themas angenommen und bereits vor einem Jahr eine gründliche Untersuchung der Möchtegern-Öko-Tüten vorgelegt. Ergebnis: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“

Ja, aber was ist mit dem behaupteten Klimanutzen? Lügt der Chef von Kaiser’s Tengelmann etwa? Nein, er blendet nur etwas aus: „Die Klimabilanz von Biokunststoffen ist zwar günstiger“, betont UBA-Präsident Jochen Flasbarth, „dafür gibt es Nachteile bei anderen Umweltbelastungen.“ Aus ihrem Fazit leiten die Experten denn auch eine klare Empfehlung ab:

Damit ist auch klar, dass die derzeit vielfach angepriesenen Bioplastiktüten keine Umweltvorteile gegenüber herkömmlichen Plastiktüten bieten. Wirklich umweltfreundlich sind nur Mehrwegtaschen, etwa Stoffbeutel und Taschen aus anderen langlebigen Materialien.

Was aber macht dann die neuen Tüten so attraktiv für Supermarktketten? Es ist das grüne Image. Und die Möglichkeit, den Kunden an der Kasse das schlechte Gewissen zu nehmen, wenn sie doch wieder zum Einwegbeutel greifen. Aber es gibt auch handfeste finanzielle Vorteile für die Unternehmen: Für Verpackungen aus biologisch abbaubaren Kunststoffen gilt nach § 16 Absatz 2 der Verpackungsverordnung derzeit eine Sonderregelung – für diese Verpackungen brauchen Hersteller und Vertreiber kein Geld an Rücknahmesysteme wie den „Grünen Punkt“ abzuführen. Im Klartext: Je höher der Anteil der Pseudo-Öko-Tüten an den 25 Millionen Plastebeuteln ist, die pro Jahr bei Kaiser’s und Tengelmann über den Kassentisch gehen, desto mehr sinkt für die Firma die Abgabenlast.

Danke an Benedikt B. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Kurz nach Erscheinen unseres Blogbeitrags hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Kaiser’s Tengelmann wegen seiner angeblichen Öko-Plastiktüten „Verbrauchertäuschung“ vorgeworden. Hier geht’s zur DUH-Pressemitteilung


Tetra Pak: Schon wieder grüßt das Murmeltier

Donnerstag, den 15. November 2012

Unser Leser Benjamin D. aus Bernau hat folgende Anzeige zur Prüfung eingereicht:

Und dazu die Frage gestellt: „Was bitt’schön ist am Getränkekarton Zukunft? Ich dachte bislang, die regionale Pfandflasche liefere das ökologische Optimum…“

Betrachten wir zunächst, wie Tetra Pak die Behauptung, „zukunftsweisend zu sein“, im Kleingedruckten der Annonce begründet:

Und, was fällt Ihnen auf? Eine der guten Ideen, die angeblich in den Einwegverpackungen des schwedischen Konzerns stecken, ist die „überwiegende“ Verwendung von Holz, eine zweite, die „Möglichkeit“ zum Recycling, die dritte ein „möglichst kleiner“ CO2-Fußabdruck.

Soweit die Ideen, hier die Tatsachen. In seiner Selbstdarstellung erklärt Tetra Pak, seine Verbundkartons „bestehen im Durchschnitt zu 75 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. Dies ist aus ökologischen Gesichtspunkten eine gute Wahl.“ Bedeutet aber auch: Zu durchschnittlich einem Viertel besteht die Verpackung eben nicht aus nachwachsenden Rohstoffen. Aus ökologischen Gesichtspunkten also nur dritte Wahl.

Und die „Möglichkeit“ des Recyclings – zweite Idee – ist gar nicht so leicht umzusetzen. Der Tetra Pak besteht aus einem Verbund von Karton sowie hauchdünnen Alu- und Polyethylenfolien. Ein Recycling, das den Namen wirklich verdient, gibt es noch nicht: Wenn es gut läuft, landet ein leerer Getränkekarton in den Gelben Tonnen des „Dualen Systems“ – aber das klappt in Deutschland selbst nach Angaben des Unternehmens nur für „rund zwei Drittel aller Getränkekartons“. Doch auch diese Zahl sagt wenig über die Wiederverwertungsquote – um diese zu ermitteln, müssen noch eine ganze Reihe von Prozessverlusten berücksichtigt werden, und nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wird am Ende lediglich gut ein Drittel des Materials der hierzulande verkauften Getränkekartons wiederverwendet. Der Rest, so diese DUH-Grafik, wird aussortiert oder verbrannt oder ähnliches:

„Tetra Pak macht seine Produkte grüner als sie sind“, hatte deshalb vor Jahresfrist Rechtsanwalt Remo Klinger erklärt und Tetra Pak im Auftrag der DUH verklagt. Damals hatte das Unternehmen in seiner Werbung noch von einem „vollständigen Recycling“ gesprochen, was sich nicht als besonders zukunftsweisend herausstellte – die DUH bekam nämlich Recht, Tetra Pak änderte den Anzeigentext.

Bleibt als dritte Idee die des „möglichst kleinen“ CO2-Fußabdrucks. Dazu haben wir hier bereits vor anderthalb Jahren recherchiert. Damals behauptete Tetra Pak (Werbeslogan: „Ich bin CO2-Sparkönig“), seine Verpackung weise „einen der kleinsten CO2-Fußabdrücke unter den Einweg-Getränkeverpackungen“ auf.   Das Umweltbundesamt (UBA) hatte aber in einer Studie festgestellt: Deutlich Kohlendioxid-sparend sind Tetra Paks nur im Vergleich mit anderen Einweg-Verpackungen, nicht aber gegenüber Mehrweg-Systemen.

Fazit: Die Ideen, die Tetra Pak als zukunftsweisend präsentiert, mögen nicht alle ganz falsch sein – bei deren Umsetzung aber hapert’s. Unterm Strich können wir unserem Leser Benjamin D. also nur zustimmen: Für Umwelt und Klima ist es das beste, zu Milch oder Saft in der Glas-Mehrwegflasche aus einer regionalen Molkerei oder Kelterei zu greifen.

Danke für den Hinweis an Benjamin D. aus Bernau

P.S.: Seit gut einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen einige Euros, um die Recherchen auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Ball Packaging: Verpackungsabfall ist grün

Dienstag, den 31. Juli 2012

Im vergangenen Jahr wurden hierzulande erstmals seit Einführung des Dosenpfands 2003 wieder mehr als eine Milliarde Getränkebüchsen verkauft. Um 20 Prozent schossen die Absatzzahlen in die Höhe. „Dem Verbraucher ist das Dosenpfand egal – er zahlt“, fasst Die Welt die offenbar weit verbreitete Stimmung zusammen.

Die Verpackungsindustrie – wäre zu ergänzen – tut alles Erdenkliche, um diese Stimmung zu fördern. Mit viel Phantasie versucht sie zum Beispiel, dem Verpackungsfrevel Getränkedose sein mieses Image zu nehmen. Ein besonders „schönes“ Beispiel ist kürzlich der Deutschen Umwelthilfe (DUH) aufgefallen. Die Firma Ball Packaging, einer der größten Büchsenmacher Europas, versieht seine Produkte seit einiger Zeit mit dem knackigen Slogan „Die Dose ist grün“.

Hier eine Dose der Edeka-Billigbiermarke „Neunundzwanzig“,
Foto: DUH

Die DUH hat das Unternehmen wegen des Spruchs verklagt. Ball Packaging antwortete selbstbewusst: Man werde den Slogan weiter verwenden, und dies war die (worteiche) Erklärung:

Na, ist Ihnen etwas aufgefallen? Nein, wir stören uns nicht daran, dass der konkretisierende Zusatz „unendlich recyclebar“ viel kleiner auf der Dose steht als der Spruch „Die Dose ist grün“. Wir meinen auch nicht, dass da lediglich recyclebar steht – was über das tatsächliche Recycling ja wenig aussagt. Uns ist vor allem die beiden Worte „darunter auch“ in diesem Satz aufgefallen: „Aus alten Getränkedosen können immer wieder neue hochwertige Metallprodukte, darunter auch Getränkedosen, hergestellt werden – ohne Qualitätsverlust. “ Und natürlich der Klassiker der Grünfärberei – relative statt absoluter Angaben: Es ist von 95 Prozent Energieeinsparung bei  recycletem Material im Vergleich zu Primärmetall die Rede.

Zum ersten Punkt wäre die Nachfrage, wieviel Recycling-Metall denn tatsächlich in der Dosenherstellung verwendet wird. Anruf bei der Firma Ball, bei der Pressesprecherin und dem Nachhaltigkeitsmanager. Doch beide können keine konkrete Zahlen für das Unternehmen nennen. Man kaufe das Rohmaterial für Stahlblech- oder Alu-Dosen bei verschiedenen Herstellern, im europäischen Durchschnitt werde von Stahl- oder Alu-Hütten 50 bis 55 Schrott eingeschmolzen und etwa so hoch werde dann wohl auch bei den eigenen Dosen der Anteil an recycletem Metall sein. Thomas Fischer von der DUH hingegen sagt, Firmen wie Ball verwendeten „fast ausschließlich Neumaterial“, deshalb enthalte „eine Weißblechdose weniger als 6 Prozent Recyclingmaterial – eine Aluminiumdose gar keine Anteile“. Das lasse sich einer Studie des IFEU-Instituts entnehmen, die im Auftrag der Dosenindustrie vor zwei Jahren erstellt wurde (siehe S. 32 und S. 184 der Untersuchung).

Beim zweiten Punkt wird ausgeblendeet, dass zum Einsammeln, Einschmelzen und Neuproduzieren von Metallprodukten erhebliche Mengen Energie nötig sind – selbstverständlich weniger als bei der Produktion von neuem Stahl oder Aluminium, aber doch soviel, dass die Ökobilanz von Dosen alles andere als grün ist. Ökologisch am besten ist jedenfalls, Getränke in Pfandflaschen von einem regionalen Hersteller zu kaufen. Dosen nämlich müssen eingeschmolzen werden, um (eventuell) wiederverwendet zu werden – Pfandflaschen hingegen werden direkt wiederverwendet. Und zwar in der Regel Dutzende Male. Bei Getränkedosen sieht das ganz anders aus: Zwar werden wegen des Dosenpfands in Deutschland Sammelquoten von 95 Prozent erreicht – aber nach dem Einschmelzen werden die Dosen eben nicht wieder zu Dosen, sondern zu irgendwelchen Metallprodukten (ob sie „hochwertig“ sind, wie Ball in seiner oben zitierten Verteidigungsschrift, darf man getrost bezweifeln). Aus Getränkedosen werden vielleicht Fahrradrahmen oder Alu-Folien, Brillengestelle oder Konservenbüchsen, Träger für Stahlbeton oder Nägel oder was auch immer. Ob all dieses Metall jemals wieder eingesammelt und -verwendet wird, ist offen.

Pfandflaschen werden oft Dutzende Male befüllt – das ist tatsächlich umweltschonende Kreislaufwirtschaft. Getränkedosen werden, wenn es gut läuft, einmal wieder eingesammelt und dann mit erheblichem Energieaufwand zu irgend etwas anderem verarbeitet.


Nespresso: Teurer Kaffee, viel Müll

Freitag, den 25. Februar 2011

Der Werbespot ist inzwischen ein Klassiker, wahrscheinlich kennen auch Sie ihn: George Clooney kauft eine Kaffeemaschine, und als er aus dem Laden tritt, stürzt ein Klavier auf ihn; im Himmel steht er Gott gegenüber, der ihm einen Tausch anbietet – wenn Clooney die Kaffeemaschine herausrückt, bekommt er sein Leben wieder.

Das Filmchen wirbt für die Nestlé-Tochter Nespresso. Und ironischerweise ist das Hauptprodukt der Schweizer Firma in dem Spot gar nicht zu sehen. Den allergrößten Teil ihres Drei-Milliarden-Franken-Umsatzes macht Nespresso nämlich gar nicht mit den (relativ billigen) Kaffeemaschinen, sondern mit den (umso teureren) Kaffee-Päckchen: Fünf bis sechs Gramm Pulver, einzeln eingesargt in eine Aluminiumkapsel, kosten 33 bis 37 Cent – macht sagenhafte 35 Euro pro Pfund.

Nespresso, schrieb vergangenes Jahr der Spiegel, inszeniere zur Durchsetzung solcher Preise eine „geradezu religiöse Anbetung“ des profanen Getränks: Das Design der Aufbrüh-Geräte preist die Firma als „perfekte Harmonie“, in den Nachfüll-Kapseln stecken vorgeblich „die besten Kaffees der Welt“. Aluminium sei das „ideale Material für die Bewahrung der Aromen“, und die Alu-Kapseln lässt man dann sogar von Star-Fotografen ablichten. In Wahrheit ist Nespresso eine Art des Kaffeekonsums, die besonders viel Verpackungsmüll produziert. Rund ein Gramm des hochwertigen Metalls Aluminium werden pro Kaffeeportion benötigt – wer seinen Espresso in den üblichen vakuumverschweißten 250-Gramm-Tüten kauft, verursacht nur rund ein Zehntel der Abfallmenge.

Um die miese Ökobilanz zu verschleiern, lassen sich Nespresso und deren Werbeagentur McCann einiges einfallen. Unter dem Phantasienamen „Ecolaboration“ wurde beispielsweise ein „Nachhaltigkeits- programm“ gestartet, auf der Firmenwebsite gibt es einen großen Bereich zum Recycling, und in ganzseitigen Magazin-Annoncen wird ein Herr namens Christophe vorgestellt, der George Clooney „die Schau stiehlt“, wenn es „um die Entwicklung recycelbarer Kapseln“ gehe. Im Kleingedruckten dieser Annonce und auch sonst in der Nespresso-PR heißt es, Aluminium sei

Das ist ja durchaus richtig. Nur bedeutet „recycelbar“ eben nicht, dass das Aluminium auch tatsächlich recycelt wird. Nur einen Teil der verbrauchten Nespresso-Kapseln nämlich tragen die Kunden, wie von der Firma erbeten, in die Verkaufsstellen zurück oder werfen sie in die Gelben Tonne. Nespresso selbst spricht davon, die Quote bis 2013 „auf 75 Prozent zu verdreifachen“ – woraus sich schließen lässt, dass bislang bloße 25 Prozent wiederverwertet werden. Dieser Wert wirkt noch lausiger, wenn man den deutschen Durchschnitt kennt: Nach Angaben der Industrie werden hierzulande derzeit mehr als 80 Prozent der Alu-Verpackungen wiederverwertet – selbst mit ihrem Zielwert läge die Kaffeefirma also noch darunter.

Trotz allen Werbegetöses ist auch Nespresso selbst beim Recycling nicht vorbildlich: Für die Verschlussfolie der Kaffeekapseln wird Primär-Aluminium verwendet, dessen Produktion extrem energieaufwändig ist. Was die Firma sowieso verschweigt: Zwar braucht die Aufbereitung gebrauchtem Aluminiums weniger Energie als die Neu-Herstellung – aber auch das Recycling schluckt wertvolle Energie und verursacht Treibhausgase, Verpackungsvermeidung ist deshalb besser als jede Verwertung.

Rund sechs Milliarden Kaffeekapseln soll Nespresso im vergangenen Jahr weltweit verkauft haben – das bedeutete etwa 6.000 Tonnen Aluminium-Abfälle. Zur Verdeutlichung: Dies entspricht etwa einem massivem Würfel mit etwa 13 Metern Kantenlänge. Vielleicht sollte in den Werbespots George Clooney nicht von einem Klavier erschlagen werden, sondern von einem solchen Block Altmetall.


Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Donnerstag, den 2. September 2010

Mitte Juli getraenkedose_gruenedosehaben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte tatsächlich, dass die frechsten Aussagen zurückgezogen wurde. Aber der Reihe nach:

Beim renommierten IFEU-Institut hatte sich der Branchenverband BCME eine Ökobilanz erstellen lassen. Dabei hatte man Annahmen vorgegeben, mit denen für die Dose vorteilhafte Ergebnisse programmiert waren. In Presseerklärungen und auf einer Website „Forum Getränkedose“ schlachtete die Büchsenlobby das gewünschte Resultat dann aus. Man färbte Dosen – im wahrsten Sinne des Wortes – grün (siehe rechts), in einer bunten Broschüre behauptete man vollmundig:

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Das IFEU-Institut distanzierte sich daraufhin von seinem Auftraggeber. Und Anfang August ging die DUH die Dosenlobby frontal an: Deren Kampagne sei „ein Lehrstück an Verbrauchertäuschung“, sie sei „in hohem Maße irreführend, unseriös und unglaubwürdig“. In einem 19-seitigen Papier listete der Umweltverband auf, wie die Industrie Mehrwegverpackungen „mit nachweislich falschen Annahmen schlechtgerechnet“ habe. Die DUH verlangte vom Lobbyverband eine Unterlassungserklärung, zunächst erfolglos. Am Dienstag dieser Woche unterschrieb die Dosenindustrie dann doch – offenbar wenige Stunden nach Einreichung einer entsprechenden Klage beim Landgericht Hannover.

Das „Forum Getränkedose“, ein Zusammenschluss der Büchsenproduzenten Ball Packaging Europe, Rexam und Crown Bevcan Europe, darf nun nicht mehr behaupten: „Die Getränkedose ist jetzt auf Augenhöhe mit Mehrweg“, „Neue Ökobilanz des IFEU-Instituts zeigt: Getränkedosen sind ökologisch konkurrenzfähig“ und „Die Dose ist eine umweltfreundliche Verpackung, die ökologisch auf Augenhöhe mit Mehrwegflaschen liegt. Das bestätigt jetzt eine neue Ökobilanz“.

Die Dosenlobby sei damit „einer gerichtlichen Verurteilung zuvorgekommen“, kommentiert DUH-Anwalt Remo Klinger. „Eine derart dreiste Form der Täuschung des Verbrauchers habe ich selten erlebt.“ Welf Jung, einer der Sprecher des Lobbyverbandes, wies auf Anfrage die DUH-Vorwürfe „vehement zurück“. Man habe lediglich einen langen Rechtsstreit vermeiden wollen über „Formulierungen, die missverständlich sein könnten“. An der inhaltlichen Position aber wolle man festhalten.

Die grünfärberische Broschüre, in der die umstrittenen Ergebnisse der Ökobilanz nochmal zugespitzt worden waren, findet sich nun jedenfalls nicht mehr auf der Verbands-Website.


Dosenindustrie: Die hohe Kunst der Trickserei

Freitag, den 16. Juli 2010

Im Schatten der Fußball-WM hat die Industrie ein Comeback der Getränkedose versucht. Discounter wie Penny oder Netto, Abfüller wie Coca Cola und die Dosenindustrie wollen diese Verpackungsart, die nach Einführung des Einwegpfands vor bald zehn Jahren in Deutschland ein Nischendasein führte, wieder in den Markt drücken. Heutzutage wird so etwas natürlich mit einer (schein-)ökologischen PR-Kampagne flankiert.

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war im Juni eine Pressemitteilung des Branchenverbandes der Getränkedosenhersteller (BCME) überschrieben.

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hatte der Verband schon im Mai vollmundig behauptet. Den Vorwand Anlass bot eine Ökobilanz, die sich BCME beim renommierten Heidelberger Ifeu-Institut hat erarbeiten lassen. Aus deren Ergebnissen bastelte die Dosenlobby eine gefällige, bunte Broschüre. Darin ist von „nachhaltigem Umweltschutz“ die Rede und von „Verantwortung“. Dosen seien, so die Behauptung, „in puncto Umweltverträglichkeit heute mit anderen Verpackungsformen auf Augenhöhe“. Dies sei auf höhere Recyclingraten und ein verringertes Gewicht der Dosen zurückzuführen. Nun, erstere ist ein Erfolg des Einwegpfands, gegen das die Industrie jahrelang und trickreich Sturm gelaufen war. Und letzteres ist nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sehr zweifelhaft. Und beschäftigt man sich genauer mit der Ifeu-Studie, zerbröseln die Umwelt-Argumente der Industrie wie durchgerostetes Blech.

Neun Grafiken präsentiert die Dosenlobby in ihrer Broschüre, diese steht bei ihr an erster Stelle:

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Die Klimaschädlichkeit verschiedener Bierverpackungen wird darin verglichen. Die beiden dunkelgrünen Balken rechts zeigen die CO2-Bilanz von Alu- und Weißblechdosen; die linken Balken stehen für Glas-Mehrwegflaschen (der erste für eine einmalig verwendete, der zweite für eine fünffach, der dritte für eine zehnfach befüllte Flasche. Experten dürften hier schon stutzig werden, denn die sogenannte „Umlaufzahl“ (kurz: ULZ) von Mehrwegflaschen ist oft viel höher.

Und tatsächlich ergibt ein Blick in die vollständige Ifeu-Studie ein deutlich anderes Bild. Doch die Dosenlobby setzt wohl darauf, dass kaum ein Journalist (und schon gar kein Kunde) dieses 200-seitige Werk durcharbeitet. Die Vorlage für die Broschüren-Grafik findet sich dort auf Seite 108 – und sie hat neun Balken, also einen mehr.getraenkedose_oekobil_5

Am rechten Rand stehen auch hier Alu- und Blechdose. Aber für Glas-Mehrwegflaschen finden sich hier vier Balken, nämlich (von links) Nummer 2, 3, 4 und 5.  Der fünfte Balken in dieser Grafik stellt die Klimawirkung von Mehrweg-Bierflaschen dar, die 25-mal wiederbefüllt werden (was das realistischste Szenario sein dürfte). Vergleicht man nun in dieser Grafik den fünften Balken mit dem achten und neunten, steht die Alu-Dose plötzlich gar nicht mehr besser da – und die Weißblechdose sogar rund vierzig Prozent schlechter als die Pfandflasche. Bei der Vereinfachung der Studienergebnisse für die bunte Boschüre ist also  just jener Wert weggefallen, der die Mehrwegflasche am besten dastehen lässt. Welch ein Zufall…

Wollen Sie noch tiefer eintauchen in die hohe Kunst der Trickserei mit wissenschaftlichen Studien? Dann lesen Sie weiter. (Aber Vorsicht, es wird kompliziert.)

An der Ifeu-Studie lässt sich nämlich mustergültig besichtigen, wie ein Auftraggeber von seriösen Experten ein wunschgemäßes Ergebnis bekommen kann – und wie sich Wissenschaftler dagegen zu wehren versuchen. Die Ergebnisse von Ökobilanzen hängen nämlich ganz wesentlich von den zugrundeliegenden Annahmen ab, das ist bei dieser Studie über Bierverpackungen nicht anders. Penibel hat das Ifeu in der Untersuchung alle Annahmen erläutert (weshalb externe Gutachter ihr auch eine „hohe Transparenz und Nachvollziehbarkeit“ bescheinigen – siehe S. 196 der Studie). So wurden etwa verschieden weite Lieferwege der Biere durchgerechnet (alle hier gezeigten Grafiken beziehen sich auf eine Entfernung von 400 km zwischen Brauerei und Verbraucher, was übrigens relativ hoch ist und schwere Glasflaschen eher benachteiligt).

Den größten Einfluss auf das Ergebnis aber hatten die sogenannten „Allokationsregeln“ (siehe S. 13 ff.), also die Art, wie etwa der Energieverbrauch zur Herstellung von Werkstoffen auf Vor- und Nachprodukte aufgeteilt wird. Bei der Betrachtung von Dosen ist die Frage besonders heikel, weil beispielsweise die Produktion von Roh-Aluminium erheblich umweltschädlicher ist als die Verwendung von recycletem Aluminium. Üblich in der Wissenschaft ist, die ökologischen Vorteile von Recycling-Material zu gleichen Teilen aufzusplitten zwischen dem recycleten Produkt einerseits und andererseits dem Produkt, das später aus dem recyleten Material hergestellt wird. „50:50-Allokation“ wird dies von Experten genannt.

Für eine Studie aber, die Getränkedosen möglichst positiv erscheinen lassen soll, müsste man den Umweltvorteil durchs spätere Recycling  weggeworfener Dosen vollständig auf diese gutschreiben (statt nur zur Hälfte). Diese Methode wird „100:0-Allokation“ genannt. Und raten Sie mal, welche Variante die Dosenindustrie dem Ifeu-Institut vorgeschrieben hat? Genau, die 100:0-Allokation! Offenbar haben die Wissenschaftler dies nur mit Bauchschmerzen akzeptiert – und bestanden darauf, beide Methoden durchzurechnen und in ihrer Arbeit darzustellen (denn das Ifeu hat in der Fachöffentlichkeit einen Ruf zu verlieren). Und auf Seite 88 ihrer Studie haben sie in einer weiteren Balkengrafik sogar noch dargestellt, welch unterschiedliche Ergebnisse die beiden Methoden erbringen:

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Grau dargestellt ist hier das Ergebnis der 100:0-Allokation, wie sie die Industrie favorisiert (und wie es sich weiter oben in unserem Text, in der zweiten Balkengrafik wiederfindet). Die blauen Balken hingegen zeigen, was bei der 50:50-Methode herauskommt, die bei Ökobilanzen etwa des Umweltbundesamtes Standard ist. Für Mehrwegflaschen (zweiter Balken von links) sind die Differenzen marginal. Bei Alu-Dosen hingegen ergibt sich eine doppelt so hohe Klimaschädlichkeit, bei Weißblechdosen eine um rund 20 Prozent höhere.

Fassen wir zusammen: Geht man von realistischen Annahmen für die Wiedernutzung von Mehrwegflaschen aus und wählt man die weithin anerkannte Methodik für Ökobilanzen, dann sind Bierdosen (egal ob aus Alu oder aus Weißblech) etwa doppelt so klimaschädlich wie Glas-Pfandflaschen. Was aber hatte nochmal die Dosenlobby über ihre Pressemitteilung zur Studie geschrieben?

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Toll, oder? Offenbar waren die Ifeu-Experten so erbost über den Umgang mit ihrer Studie, dass sie eine eigene, fünfseitige Kurzfassung der Studie und später sogar eine regelrechte Gegendarstellung zu den Äußerungen der Dosenlobby veröffentlichten. Ihr Fazit - und eine erfrischend verständliche Empfehlung an die Verbraucher – lautet: Wer die Umwelt schonen will, sollte Bier aus einer regionalen Brauerei trinken, das in Standard-Pfandflaschen aus Glas abgefüllt ist.

Na dann, Prost!


Getränkedosen: Brunftgeschrei und CO2

Donnerstag, den 8. Januar 2009

Röhrende Hirsche in Öl hingen einst in vielen deutschen Wohnzimmern, und beim Verband Metallverpackungen (VMV) gelten sie noch heute als Symbol für Natur und heile Welt.

Auf seiner Internetseite und in Zeitungsannoncen, zum Beispiel im Fachblatt Lebensmittelzeitung, versucht die Lobby der deutschen Dosen-Industrie gut Wetter zu machen für ihre Produkte. Diese hätten „die höchste Recyclingrate“, heißt es da. „Das spart uns Emissionen, und die Natur sagt Danke. Ein Grund mehr, öfter in Metall zu verpacken.“ Da röhrt der Hirsch: „Danke schön für weniger co2″.

In einem dreiseitigen Informationsblatt führt die Dosen-Lobby ihre – tja, Argumentation mag man das fast nicht nennen – also, ihren Gedankengang weiter aus:

Der Trick heißt: den Energiebedarf ausblenden. Denn natürlich stimmt es, dass die Grundstoffe für Blech- oder Alu-Dosen in der Natur reichlich vorhanden sind. Natürlich stimmt es, dass beide Verpackungsmaterialien prima wieder verwertbar sind. Aber zwischen dem Rohstoff und dem Recycling – da muss natürlich erstmal die Verpackung bzw. das Material dafür hergestellt werden. Was bei Stahl und Aluminium Unmengen an Energie verschlingt. Und viel Energie heißt (solange diese nicht aus regenerativen Quellen stammt) eben auch: hoher Kohlendioxid-Ausstoß. Deshalb haben Getränkedosen aus Aluminium oder Weißblech im Vergleich zu anderen Verpackungsmitteln eine lausige Ökobilanz.

All die vorteilhaft scheinenden Zahlen zum co2-Ausstoß und zur Energieeinsparung, die der Verband Metallverpackungen in seiner Imagekampagne nennt, vergleichen stets nur Kohlendioxid-Ausstoß und Energieverbrauch von recycelten Dosen mit neu hergestellten. Diese relativen Vorteile gegenüber Neumaterial sagen aber überhaupt nicht, wie viel Energie absolut aufgewendet wird beziehungsweise wie viel Kohlendioxid absolut verursacht wird. Darüber verliert das Werbematerial der Dosenlobby wohlweislich kein Wort.

Umso klarere Worte finden sich in einer fast 300-seitigen Studie des Umweltbundesamtes, veröffentlicht im Jahre 2002. Es ist die wohl gründlichste Untersuchung über die Umweltauswirkungen unterschiedlicher Getränkeverpackungen. Ende der 90-Jahre – damals wurde hierzulande heftig um das Dosenpfand gestritten – ließ die Behörde in mehreren Studien akribisch die Vor- und Nachteile von Einweg- und Mehrwegglasflaschen, von Getränkekartons und Plasteflaschen, von Aluminium- und Weißblechdosen untersuchen. Unter anderem wurden da der Energieverbrauch und der Treibhausgas-Ausstoß von Getränkedosen und mit dem von Glas-Mehrwegflaschen direkt verglichen. Mit einem vielleicht etwas umständlich formulierten, aber unmissverständlichem Ergebnis:

Im Klartext: Selbst wenn der Aufwand für das Auswaschen von Pfandflaschen und der Dieselverbrauch der Ausliefer-Lkw berücksichtigt wird, sind Alu- oder Blechdose fürs Klima etwa doppelt bzw. viermal so schädlich. Und daran ändern, vermerkt die Studie explizit, auch die Recyclingquoten nicht viel.

Deshalb: Danke schön, liebe Dosenlobby, für mehr co2!

Danke an Maike J. für den Hinweis