Archiv des Schlagwortes ‘Getränkedosen’

Ball Packaging & Coca Cola: 50 Jahre Dosenmüll

Donnerstag, den 11. Juli 2013

Mit großem Trara feiert der Büchsenmacher Ball Packaging (ehemals Schmalbach-Lubeca) ein – wie wir finden – trauriges Jubiläum:

Ausriss von Firmenwebsite mit Zitat: "Erste Coca-Cola Dose kam 1963 auf den deutschen Markt / Trendverpackung als moderner Freizeitbegleiter -- Kultverpackung für Kultgetränk: 1963 kam in Deutschland die erste Coca-Cola in der Getränkedose auf den Markt. Seitdem erfrischt Coca-Cola in der praktischen Metallverpackung die Konsumenten. Das koffein- und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränk, das Markengeschichte geschrieben hat, war auch in der Getränkedose ein Erfolg. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat sich die Dose als Verpackung nicht nur optisch, sondern auch in puncto Umweltbilanz enorm weiterentwickelt.

In diesem Tonfall geht es auf der Firmenwebsite noch zehn (!) Absätze lang weiter. Vom tollen Lebensstil mit Blechbüchsen wird da schwadroniert und von superkreativen Dosendesigns – und natürlich auch von der Ökobilanz der Getränkedose. Die ist, wie wir hier auf dem Blog schon öfter schrieben, richtig lausig im Vergleich zu Mehrwegflaschen. Aber mit professionellem Wortgeklingel verschleiern die Werber von Ball Packaging das immer wieder. So auch diesmal:

Ausriss von Firmenwebsite mit Text: "Recyclingweltmeister mit Zukunft Eine aus Weißblech hergestellte 33cl-Dose bringt heute rund 21 Gramm auf die Waage, eine Aluminiumdose nur etwa 10 Gramm (ohne Deckel). Die Dosenwände sind mit 0,097 Millimeter sogar dünner als ein menschliches Haar. Ebenso wichtig für die Umweltbilanz der Dosen: Die Dose ist die meistrecycelte Getränkeverpackung der Welt, in Deutschland sind es 96 Prozent. Das verringert CO2-Emissionen und trägt zum Klimaschutz bei. Durch das Recycling lassen sich bis zu 95 Prozent der Energie einsparen, die zur Herstellung von Neumaterial benötigt würde. Durch zunehmende Gewichtsreduzierung können heute mit der gleichen Menge Primärmaterial rund dreimal mehr Dosen hergestellt werden, als dies noch vor rund 30 Jahren der Fall war.  Ohne Ende Gut Die zwei wichtigsten Vorteile der Getränkedose auf den Punkt gebracht: Erstens bietet die Dose den besten Schutz für Getränke, vermittelt absolute Frische und ist ein Lifestyle-Produkt. Zweitens sind Getränkedosen unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar: Metall ist ein permanentes Material. Und deshalb sind Getränkedosen: Ohne Ende Gut"

Der Text ist eine Sammlung der typischen Grünfärber-Tricks:

  1. unauffällige, aber wichtige Einschränkungen in Klammern („ohne Deckel“ – zählt man die Deckel mit, so erhöht sich das Dosengewicht laut Angaben auf einer anderen Ball-Website um immerhin 50 Prozent auf 30 Gramm für Weißblech und 16 Gramm für Alu),
  2. belanglose Superlative („meistrecycelte Getränkeverpackung der Welt“ – das sagt nichts, weil die umwelt- und klimaschonendste Getränkeverpackung, nämlich die in der Region befüllte Mehrwegflasche, überhaupt nicht recycelt zu werden braucht, sondern direkt wiederverwendet wird),
  3. Bis-zu-Angaben („bis zu 95 Prozent“ – die Zahl gilt nur für ideale Rahmenbedingungen, die oft mit der Realität wenig gemein haben),
  4. relative statt absolute Aussagen („95 Prozent der Energie, die zur Herstellung von Neumaterial benötigt würde“ – auch die restlichen fünf Prozent könnten, absolut betrachtet, noch eine ganze Menge sein),
  5. Betonung von Möglichkeiten („unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar“ – stimmt in der Theorie, sagt aber nichts über das tatsächliche Recycling).

Und der letzte Satz („Ohne Ende Gut“) ist wirklich ein Musterbeispiel für ebenso wohlklingende wie unpräzise Slogans – je weniger konkret, desto weniger sind sie angreifbar. Hier haben die Mülldemagogen offenbar dazugelernt – mit einem früheren Werbespruch nämlich hatte Ball Packaging vor wenigen Wochen juristischen Schiffbruch erlitten. Gegen den Aufdruck „Die Dose ist grün“ war die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erfolgreich vors Düsseldorfer Landgericht gezogen.

Wir gratulieren der DUH. Und möchten Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Kernsätze des Urteils (Az. 37 O 90/12) nicht vorenthalten:

Ausriss mit Zitat: "Die Beklagte wird verurteilt, es zu unterlassen, im geschäftlichen Verkehr ... mit der Aufschrift zu werben: "Die Dose ist grün". ... Der Beklagten werden für den Fall der Zuwiderhandlung gegen dieses gerichtliche Verbot als Zwangsvollstreckungsmaßnahmen Ordnungsgeld bis zu 250.000 Euro ... und Ordnungshaft bis zu 6 Monaten angedroht".

Und weiter hinten:

Ausriss mit Zitat: "... Ergebnis, dass die werbend verwendete Aussage ... bei einem nicht unerheblichen Teil des Verkehrs die Vorstellung der besonderen ökologischen Vorteilhaftigkeit der mit ihr bedruckten Getränkedosen aus Eisenblech hervorzurufen ... Ein solches Verständnis ist unzutreffend ..."

Man wolle „künftig“ die „Kommunikationsaktivitäten intensivieren“, erklärte Ball nach dem Urteil. Oha! Statt von „unendlich recyclebar“ spricht Ball nun beispielsweise von „unendlich oft und ohne Qualitätsverlust recycelbar“ …


Ball Packaging: Verpackungsabfall ist grün

Dienstag, den 31. Juli 2012

Im vergangenen Jahr wurden hierzulande erstmals seit Einführung des Dosenpfands 2003 wieder mehr als eine Milliarde Getränkebüchsen verkauft. Um 20 Prozent schossen die Absatzzahlen in die Höhe. „Dem Verbraucher ist das Dosenpfand egal – er zahlt“, fasst Die Welt die offenbar weit verbreitete Stimmung zusammen.

Die Verpackungsindustrie – wäre zu ergänzen – tut alles Erdenkliche, um diese Stimmung zu fördern. Mit viel Phantasie versucht sie zum Beispiel, dem Verpackungsfrevel Getränkedose sein mieses Image zu nehmen. Ein besonders „schönes“ Beispiel ist kürzlich der Deutschen Umwelthilfe (DUH) aufgefallen. Die Firma Ball Packaging, einer der größten Büchsenmacher Europas, versieht seine Produkte seit einiger Zeit mit dem knackigen Slogan „Die Dose ist grün“.

Hier eine Dose der Edeka-Billigbiermarke „Neunundzwanzig“,
Foto: DUH

Die DUH hat das Unternehmen wegen des Spruchs verklagt. Ball Packaging antwortete selbstbewusst: Man werde den Slogan weiter verwenden, und dies war die (worteiche) Erklärung:

Na, ist Ihnen etwas aufgefallen? Nein, wir stören uns nicht daran, dass der konkretisierende Zusatz „unendlich recyclebar“ viel kleiner auf der Dose steht als der Spruch „Die Dose ist grün“. Wir meinen auch nicht, dass da lediglich recyclebar steht – was über das tatsächliche Recycling ja wenig aussagt. Uns ist vor allem die beiden Worte „darunter auch“ in diesem Satz aufgefallen: „Aus alten Getränkedosen können immer wieder neue hochwertige Metallprodukte, darunter auch Getränkedosen, hergestellt werden – ohne Qualitätsverlust. “ Und natürlich der Klassiker der Grünfärberei – relative statt absoluter Angaben: Es ist von 95 Prozent Energieeinsparung bei  recycletem Material im Vergleich zu Primärmetall die Rede.

Zum ersten Punkt wäre die Nachfrage, wieviel Recycling-Metall denn tatsächlich in der Dosenherstellung verwendet wird. Anruf bei der Firma Ball, bei der Pressesprecherin und dem Nachhaltigkeitsmanager. Doch beide können keine konkrete Zahlen für das Unternehmen nennen. Man kaufe das Rohmaterial für Stahlblech- oder Alu-Dosen bei verschiedenen Herstellern, im europäischen Durchschnitt werde von Stahl- oder Alu-Hütten 50 bis 55 Schrott eingeschmolzen und etwa so hoch werde dann wohl auch bei den eigenen Dosen der Anteil an recycletem Metall sein. Thomas Fischer von der DUH hingegen sagt, Firmen wie Ball verwendeten „fast ausschließlich Neumaterial“, deshalb enthalte „eine Weißblechdose weniger als 6 Prozent Recyclingmaterial – eine Aluminiumdose gar keine Anteile“. Das lasse sich einer Studie des IFEU-Instituts entnehmen, die im Auftrag der Dosenindustrie vor zwei Jahren erstellt wurde (siehe S. 32 und S. 184 der Untersuchung).

Beim zweiten Punkt wird ausgeblendeet, dass zum Einsammeln, Einschmelzen und Neuproduzieren von Metallprodukten erhebliche Mengen Energie nötig sind – selbstverständlich weniger als bei der Produktion von neuem Stahl oder Aluminium, aber doch soviel, dass die Ökobilanz von Dosen alles andere als grün ist. Ökologisch am besten ist jedenfalls, Getränke in Pfandflaschen von einem regionalen Hersteller zu kaufen. Dosen nämlich müssen eingeschmolzen werden, um (eventuell) wiederverwendet zu werden – Pfandflaschen hingegen werden direkt wiederverwendet. Und zwar in der Regel Dutzende Male. Bei Getränkedosen sieht das ganz anders aus: Zwar werden wegen des Dosenpfands in Deutschland Sammelquoten von 95 Prozent erreicht – aber nach dem Einschmelzen werden die Dosen eben nicht wieder zu Dosen, sondern zu irgendwelchen Metallprodukten (ob sie „hochwertig“ sind, wie Ball in seiner oben zitierten Verteidigungsschrift, darf man getrost bezweifeln). Aus Getränkedosen werden vielleicht Fahrradrahmen oder Alu-Folien, Brillengestelle oder Konservenbüchsen, Träger für Stahlbeton oder Nägel oder was auch immer. Ob all dieses Metall jemals wieder eingesammelt und -verwendet wird, ist offen.

Pfandflaschen werden oft Dutzende Male befüllt – das ist tatsächlich umweltschonende Kreislaufwirtschaft. Getränkedosen werden, wenn es gut läuft, einmal wieder eingesammelt und dann mit erheblichem Energieaufwand zu irgend etwas anderem verarbeitet.


Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Donnerstag, den 2. September 2010

Mitte Juli getraenkedose_gruenedosehaben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte tatsächlich, dass die frechsten Aussagen zurückgezogen wurde. Aber der Reihe nach:

Beim renommierten IFEU-Institut hatte sich der Branchenverband BCME eine Ökobilanz erstellen lassen. Dabei hatte man Annahmen vorgegeben, mit denen für die Dose vorteilhafte Ergebnisse programmiert waren. In Presseerklärungen und auf einer Website „Forum Getränkedose“ schlachtete die Büchsenlobby das gewünschte Resultat dann aus. Man färbte Dosen – im wahrsten Sinne des Wortes – grün (siehe rechts), in einer bunten Broschüre behauptete man vollmundig:

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Das IFEU-Institut distanzierte sich daraufhin von seinem Auftraggeber. Und Anfang August ging die DUH die Dosenlobby frontal an: Deren Kampagne sei „ein Lehrstück an Verbrauchertäuschung“, sie sei „in hohem Maße irreführend, unseriös und unglaubwürdig“. In einem 19-seitigen Papier listete der Umweltverband auf, wie die Industrie Mehrwegverpackungen „mit nachweislich falschen Annahmen schlechtgerechnet“ habe. Die DUH verlangte vom Lobbyverband eine Unterlassungserklärung, zunächst erfolglos. Am Dienstag dieser Woche unterschrieb die Dosenindustrie dann doch – offenbar wenige Stunden nach Einreichung einer entsprechenden Klage beim Landgericht Hannover.

Das „Forum Getränkedose“, ein Zusammenschluss der Büchsenproduzenten Ball Packaging Europe, Rexam und Crown Bevcan Europe, darf nun nicht mehr behaupten: „Die Getränkedose ist jetzt auf Augenhöhe mit Mehrweg“, „Neue Ökobilanz des IFEU-Instituts zeigt: Getränkedosen sind ökologisch konkurrenzfähig“ und „Die Dose ist eine umweltfreundliche Verpackung, die ökologisch auf Augenhöhe mit Mehrwegflaschen liegt. Das bestätigt jetzt eine neue Ökobilanz“.

Die Dosenlobby sei damit „einer gerichtlichen Verurteilung zuvorgekommen“, kommentiert DUH-Anwalt Remo Klinger. „Eine derart dreiste Form der Täuschung des Verbrauchers habe ich selten erlebt.“ Welf Jung, einer der Sprecher des Lobbyverbandes, wies auf Anfrage die DUH-Vorwürfe „vehement zurück“. Man habe lediglich einen langen Rechtsstreit vermeiden wollen über „Formulierungen, die missverständlich sein könnten“. An der inhaltlichen Position aber wolle man festhalten.

Die grünfärberische Broschüre, in der die umstrittenen Ergebnisse der Ökobilanz nochmal zugespitzt worden waren, findet sich nun jedenfalls nicht mehr auf der Verbands-Website.


Dosenindustrie: Die hohe Kunst der Trickserei

Freitag, den 16. Juli 2010

Im Schatten der Fußball-WM hat die Industrie ein Comeback der Getränkedose versucht. Discounter wie Penny oder Netto, Abfüller wie Coca Cola und die Dosenindustrie wollen diese Verpackungsart, die nach Einführung des Einwegpfands vor bald zehn Jahren in Deutschland ein Nischendasein führte, wieder in den Markt drücken. Heutzutage wird so etwas natürlich mit einer (schein-)ökologischen PR-Kampagne flankiert.

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war im Juni eine Pressemitteilung des Branchenverbandes der Getränkedosenhersteller (BCME) überschrieben.

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hatte der Verband schon im Mai vollmundig behauptet. Den Vorwand Anlass bot eine Ökobilanz, die sich BCME beim renommierten Heidelberger Ifeu-Institut hat erarbeiten lassen. Aus deren Ergebnissen bastelte die Dosenlobby eine gefällige, bunte Broschüre. Darin ist von „nachhaltigem Umweltschutz“ die Rede und von „Verantwortung“. Dosen seien, so die Behauptung, „in puncto Umweltverträglichkeit heute mit anderen Verpackungsformen auf Augenhöhe“. Dies sei auf höhere Recyclingraten und ein verringertes Gewicht der Dosen zurückzuführen. Nun, erstere ist ein Erfolg des Einwegpfands, gegen das die Industrie jahrelang und trickreich Sturm gelaufen war. Und letzteres ist nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) sehr zweifelhaft. Und beschäftigt man sich genauer mit der Ifeu-Studie, zerbröseln die Umwelt-Argumente der Industrie wie durchgerostetes Blech.

Neun Grafiken präsentiert die Dosenlobby in ihrer Broschüre, diese steht bei ihr an erster Stelle:

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Die Klimaschädlichkeit verschiedener Bierverpackungen wird darin verglichen. Die beiden dunkelgrünen Balken rechts zeigen die CO2-Bilanz von Alu- und Weißblechdosen; die linken Balken stehen für Glas-Mehrwegflaschen (der erste für eine einmalig verwendete, der zweite für eine fünffach, der dritte für eine zehnfach befüllte Flasche. Experten dürften hier schon stutzig werden, denn die sogenannte „Umlaufzahl“ (kurz: ULZ) von Mehrwegflaschen ist oft viel höher.

Und tatsächlich ergibt ein Blick in die vollständige Ifeu-Studie ein deutlich anderes Bild. Doch die Dosenlobby setzt wohl darauf, dass kaum ein Journalist (und schon gar kein Kunde) dieses 200-seitige Werk durcharbeitet. Die Vorlage für die Broschüren-Grafik findet sich dort auf Seite 108 – und sie hat neun Balken, also einen mehr.getraenkedose_oekobil_5

Am rechten Rand stehen auch hier Alu- und Blechdose. Aber für Glas-Mehrwegflaschen finden sich hier vier Balken, nämlich (von links) Nummer 2, 3, 4 und 5.  Der fünfte Balken in dieser Grafik stellt die Klimawirkung von Mehrweg-Bierflaschen dar, die 25-mal wiederbefüllt werden (was das realistischste Szenario sein dürfte). Vergleicht man nun in dieser Grafik den fünften Balken mit dem achten und neunten, steht die Alu-Dose plötzlich gar nicht mehr besser da – und die Weißblechdose sogar rund vierzig Prozent schlechter als die Pfandflasche. Bei der Vereinfachung der Studienergebnisse für die bunte Boschüre ist also  just jener Wert weggefallen, der die Mehrwegflasche am besten dastehen lässt. Welch ein Zufall…

Wollen Sie noch tiefer eintauchen in die hohe Kunst der Trickserei mit wissenschaftlichen Studien? Dann lesen Sie weiter. (Aber Vorsicht, es wird kompliziert.)

An der Ifeu-Studie lässt sich nämlich mustergültig besichtigen, wie ein Auftraggeber von seriösen Experten ein wunschgemäßes Ergebnis bekommen kann – und wie sich Wissenschaftler dagegen zu wehren versuchen. Die Ergebnisse von Ökobilanzen hängen nämlich ganz wesentlich von den zugrundeliegenden Annahmen ab, das ist bei dieser Studie über Bierverpackungen nicht anders. Penibel hat das Ifeu in der Untersuchung alle Annahmen erläutert (weshalb externe Gutachter ihr auch eine „hohe Transparenz und Nachvollziehbarkeit“ bescheinigen – siehe S. 196 der Studie). So wurden etwa verschieden weite Lieferwege der Biere durchgerechnet (alle hier gezeigten Grafiken beziehen sich auf eine Entfernung von 400 km zwischen Brauerei und Verbraucher, was übrigens relativ hoch ist und schwere Glasflaschen eher benachteiligt).

Den größten Einfluss auf das Ergebnis aber hatten die sogenannten „Allokationsregeln“ (siehe S. 13 ff.), also die Art, wie etwa der Energieverbrauch zur Herstellung von Werkstoffen auf Vor- und Nachprodukte aufgeteilt wird. Bei der Betrachtung von Dosen ist die Frage besonders heikel, weil beispielsweise die Produktion von Roh-Aluminium erheblich umweltschädlicher ist als die Verwendung von recycletem Aluminium. Üblich in der Wissenschaft ist, die ökologischen Vorteile von Recycling-Material zu gleichen Teilen aufzusplitten zwischen dem recycleten Produkt einerseits und andererseits dem Produkt, das später aus dem recyleten Material hergestellt wird. „50:50-Allokation“ wird dies von Experten genannt.

Für eine Studie aber, die Getränkedosen möglichst positiv erscheinen lassen soll, müsste man den Umweltvorteil durchs spätere Recycling  weggeworfener Dosen vollständig auf diese gutschreiben (statt nur zur Hälfte). Diese Methode wird „100:0-Allokation“ genannt. Und raten Sie mal, welche Variante die Dosenindustrie dem Ifeu-Institut vorgeschrieben hat? Genau, die 100:0-Allokation! Offenbar haben die Wissenschaftler dies nur mit Bauchschmerzen akzeptiert – und bestanden darauf, beide Methoden durchzurechnen und in ihrer Arbeit darzustellen (denn das Ifeu hat in der Fachöffentlichkeit einen Ruf zu verlieren). Und auf Seite 88 ihrer Studie haben sie in einer weiteren Balkengrafik sogar noch dargestellt, welch unterschiedliche Ergebnisse die beiden Methoden erbringen:

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Grau dargestellt ist hier das Ergebnis der 100:0-Allokation, wie sie die Industrie favorisiert (und wie es sich weiter oben in unserem Text, in der zweiten Balkengrafik wiederfindet). Die blauen Balken hingegen zeigen, was bei der 50:50-Methode herauskommt, die bei Ökobilanzen etwa des Umweltbundesamtes Standard ist. Für Mehrwegflaschen (zweiter Balken von links) sind die Differenzen marginal. Bei Alu-Dosen hingegen ergibt sich eine doppelt so hohe Klimaschädlichkeit, bei Weißblechdosen eine um rund 20 Prozent höhere.

Fassen wir zusammen: Geht man von realistischen Annahmen für die Wiedernutzung von Mehrwegflaschen aus und wählt man die weithin anerkannte Methodik für Ökobilanzen, dann sind Bierdosen (egal ob aus Alu oder aus Weißblech) etwa doppelt so klimaschädlich wie Glas-Pfandflaschen. Was aber hatte nochmal die Dosenlobby über ihre Pressemitteilung zur Studie geschrieben?

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Toll, oder? Offenbar waren die Ifeu-Experten so erbost über den Umgang mit ihrer Studie, dass sie eine eigene, fünfseitige Kurzfassung der Studie und später sogar eine regelrechte Gegendarstellung zu den Äußerungen der Dosenlobby veröffentlichten. Ihr Fazit - und eine erfrischend verständliche Empfehlung an die Verbraucher – lautet: Wer die Umwelt schonen will, sollte Bier aus einer regionalen Brauerei trinken, das in Standard-Pfandflaschen aus Glas abgefüllt ist.

Na dann, Prost!


Whole Earth Bio-Brause: Innen hui, außen pfui

Freitag, den 9. Juli 2010

Whole Earth ist eine Bio-Marke aus Großbritannien, seit kurzem versucht die Freiburger Firma CoSa Naturprodukte sie auch in Deutschland zu etablieren. „Die Welt ist kostbar“, lautet ihr Slogan. Man wolle „die Welt ein kleines bisschen besser machen“, so das Versprechen. Bei Whole Earth habe man sich auf die Fahnen geschrieben, heißt es auf der Firmenwebsite,

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Aber offenbar am Deckel ihrer Getränkeverpackungen. Neben Keksen, Erdnussbutter, Müsli und so weiter hat Whole Earth nämlich auch eine echte „Innovation“ auf dem Bio-Lebensmittelmarkt im Angebot: Limonade aus ökologisch erzeugten Grundstoffen, abgefüllt in Dosen. In der Fachpresse schaltet die Firma großformatige Anzeigen dazu:

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Wie bitte? Bio-Limonade in Dosen? „Ja“, sagt Firmensprecher Frank von Glan, als wir ihn anrufen, und fragt sofort zurück: „Haben Sie die schonmal getrunken?“ Die fünf Geschmacksrichtungen, versucht er Begeisterung zu verbreiten, die seien wirklich ganz, ganz lecker!

Als wir trotzdem weiter nach der Verpackung fragen, beginnt er etwas herumzudrucksen. Das schlechte Gewissen ist ihm deutlich anzumerken. „Die Ökobilanz von solch einer Dose ist schlechter als von Pfandflaschen, das ist klar“, gibt von Glan zu. „Wir sind uns der Problematik wohl bewusst.“ Aber man sei eben kein spezialisierter Getränkehändler, betont er, weshalb man es nicht schaffe, ein Mehrwegsystem aufzubauen. Bei den derzeitigen Stückzahlen – etwa 90.000 der in Belgien abgefüllten Dosen habe man in diesem Jahr hierzulande abgesetzt – lohne sich ein Mehrwegsystem ohnehin nicht. Seine Firma wolle halt mal ausprobieren, „was in Deutschland ankommt“.

Mit diesem Test liegt Whole Earth ziemlich im Trend. Nachdem Getränkedosen in Deutschland jahrelang out waren, versuchen ihr Discount-Ketten und Industrie gerade zu einem Comeback zu verhelfen. Whole-Earth-Sprecher von Glan betont allerdings, es sei „nicht in Stein gemeißelt“, dass man die Dosenbrause dauerhaft im Sortiment behält. Wenn also vielen Kunden der Widerspruch zwischen Inhalt und Verpackung auffällt, dann hat der Unfug vielleicht schnell wieder ein Ende.

P.S.: Falls jetzt jemand vorhat, uns auf die neueste Studie zu Ökobilanzen von Getränkedosen hinzuweisen, die einen ökologischen Nachteil der Dose bestreitet – die haben wir gesehen. Und mit Begeisterung gelesen. Sie ist nämlich ein wunderbares Beispiel dafür, wie Industrielobbyisten sich eine wissenschaftliche Grundlage für ihr Greenwashing produzieren lassen. Mehr dazu nächste Woche an dieser Stelle.


Getränkedosen: Brunftgeschrei und CO2

Donnerstag, den 8. Januar 2009

Röhrende Hirsche in Öl hingen einst in vielen deutschen Wohnzimmern, und beim Verband Metallverpackungen (VMV) gelten sie noch heute als Symbol für Natur und heile Welt.

Auf seiner Internetseite und in Zeitungsannoncen, zum Beispiel im Fachblatt Lebensmittelzeitung, versucht die Lobby der deutschen Dosen-Industrie gut Wetter zu machen für ihre Produkte. Diese hätten „die höchste Recyclingrate“, heißt es da. „Das spart uns Emissionen, und die Natur sagt Danke. Ein Grund mehr, öfter in Metall zu verpacken.“ Da röhrt der Hirsch: „Danke schön für weniger co2″.

In einem dreiseitigen Informationsblatt führt die Dosen-Lobby ihre – tja, Argumentation mag man das fast nicht nennen – also, ihren Gedankengang weiter aus:

Der Trick heißt: den Energiebedarf ausblenden. Denn natürlich stimmt es, dass die Grundstoffe für Blech- oder Alu-Dosen in der Natur reichlich vorhanden sind. Natürlich stimmt es, dass beide Verpackungsmaterialien prima wieder verwertbar sind. Aber zwischen dem Rohstoff und dem Recycling – da muss natürlich erstmal die Verpackung bzw. das Material dafür hergestellt werden. Was bei Stahl und Aluminium Unmengen an Energie verschlingt. Und viel Energie heißt (solange diese nicht aus regenerativen Quellen stammt) eben auch: hoher Kohlendioxid-Ausstoß. Deshalb haben Getränkedosen aus Aluminium oder Weißblech im Vergleich zu anderen Verpackungsmitteln eine lausige Ökobilanz.

All die vorteilhaft scheinenden Zahlen zum co2-Ausstoß und zur Energieeinsparung, die der Verband Metallverpackungen in seiner Imagekampagne nennt, vergleichen stets nur Kohlendioxid-Ausstoß und Energieverbrauch von recycelten Dosen mit neu hergestellten. Diese relativen Vorteile gegenüber Neumaterial sagen aber überhaupt nicht, wie viel Energie absolut aufgewendet wird beziehungsweise wie viel Kohlendioxid absolut verursacht wird. Darüber verliert das Werbematerial der Dosenlobby wohlweislich kein Wort.

Umso klarere Worte finden sich in einer fast 300-seitigen Studie des Umweltbundesamtes, veröffentlicht im Jahre 2002. Es ist die wohl gründlichste Untersuchung über die Umweltauswirkungen unterschiedlicher Getränkeverpackungen. Ende der 90-Jahre – damals wurde hierzulande heftig um das Dosenpfand gestritten – ließ die Behörde in mehreren Studien akribisch die Vor- und Nachteile von Einweg- und Mehrwegglasflaschen, von Getränkekartons und Plasteflaschen, von Aluminium- und Weißblechdosen untersuchen. Unter anderem wurden da der Energieverbrauch und der Treibhausgas-Ausstoß von Getränkedosen und mit dem von Glas-Mehrwegflaschen direkt verglichen. Mit einem vielleicht etwas umständlich formulierten, aber unmissverständlichem Ergebnis:

Im Klartext: Selbst wenn der Aufwand für das Auswaschen von Pfandflaschen und der Dieselverbrauch der Ausliefer-Lkw berücksichtigt wird, sind Alu- oder Blechdose fürs Klima etwa doppelt bzw. viermal so schädlich. Und daran ändern, vermerkt die Studie explizit, auch die Recyclingquoten nicht viel.

Deshalb: Danke schön, liebe Dosenlobby, für mehr co2!

Danke an Maike J. für den Hinweis