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Axel Bojanowski: Wissenslücke bei Spiegel Online

Dienstag, den 8. September 2015

Wir geben zu, wir könnten befangen sein. Denn Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski war schon mehrfach Thema hier auf dem Blog. Sein neuer Text befasst sich mit Wissenschaftskommunikation und Umweltjournalismus – genauer: mit den Fehlern der Zunft – und die von Spiegel Online gebastelte Grafik bezichtigt die Kolleginnen und Kollegen unserer Mutter-Website klimaretter.info „aggressiver Umweltagitation“.

Wir könnten also befangen sein. Deshalb versucht der Klima-Lügendetektor diesmal so nüchtern wie möglich zu bleiben. Es geht um diesen Text:

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Thema sind – kurz gesagt – die Unsicherheiten in der Klimaforschung, also Grenzen der Erkenntnis beziehungsweise der Verlässlichkeit von Erkenntnissen. Für die Wissenschaft generell ist das etwas ganz Alltägliches. Es ist geradezu ein Erkennungsmerkmal seriöser (Klima-)Studien, dass sie Unsicherheitsmargen und Konfidenzintervalle angeben. Aber genauso natürlich haben Medien oder Politik ihre Schwierigkeiten, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. Wenn man sie wiedergibt, wird der Text spröde, die Politikerrede weniger knallig. Andererseits wird von klimawissenschaftlichen Erkenntnissen oft ein Grad von Verlässlichkeit verlangt, der viel größer ist als in anderen Disziplinen. In der Steuerpolitik beispielsweise werden weitreichende politische Entscheidungen getroffen, ohne dass die beratenden Ökonomen ihre Thesen auch nur annähernd so gründlich belegen müssen wie Klimaforscher. Ups, war das jetzt schon „aggressive Umweltagitation“?

Wir wollten nüchtern bleiben. Die Grundbotschaft des Textes ist (so verstehen wir sie jedenfalls), Klimaforscher würden allzu oft übertreiben. Als Einstieg wählt Bojanowski den Hurrikan Katrina 2005 und dass er von Wissenschaftlern in angeblich übertriebenem Maße auf den Klimawandel zurückgeführt worden sei, „voreilig“ habe etwa der IPCC dies getan.

Im Anschluss schreibt Bojanowski dann, Journalisten würden Erkenntnisse der Forschung oft verzerrt darstellen. Er verweist auf eine Untersuchung englischsprachiger Medien, derzufolge nur ein Siebtel der untersuchten Berichte die wohlüberlegten Abstufungen bei der Verlässlichkeit wiedergegeben hat, mit denen der IPCC seine Aussagen üblicherweise versieht – in der Tat ein spannender Befund.

Dabei zählt Bojanowskis Text selbst zu den mangelhaften sechs Siebteln. Denn just ein paar Zeilen vorher schrieb er über die Wissenschaftskontroverse zum Einfluss der Erderwärmung auf Hurrikane:

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Oh, der Weltklimarat überging die Einwände? Schlagen wir doch schnell mal die entsprechende Passage des 2007er IPCC-Reports nach, die Bojanowski im übrigen selbst verlinkt – also offenbar auch gelesen – hat. In der entsprechenden Tabelle steht dort zu tropischen Zyklonen (zu denen Hurrikans gehören) gleich dreimal das Wort „likely“ – „wahrscheinlich“.

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Genau genommen hat also der IPCC nicht „eine Zunahme“ der Intensität von Hurrikanen „diagnostiziert“, sondern eine wahrscheinliche Zunahme. In anderen Texten könnte man das vielleicht als Lappalie abtun, aber in einem Artikel zu übertriebenen Warnungen der Forschung? Von einem Autor, der just in diesem Artikel eine Studie zitiert, dass Journalisten die Aussagen des IPCC oft zu holzschnittartig wiedergeben?

So zurückhaltend wie möglich formuliert: Was wäre von Bojanowskis Vorwurf an den IPCC geblieben, er sei in Sachen Hurrikanintensität „voreilig“ gewesen, wenn der Artikel korrekt referiert hätte, dass der IPCC von einer „wahrscheinlichen“ Zunahme der Intensität gesprochen hat?

Leider kein Einzelfall journalistischer Sorgfaltspflicht-Verletzung. Zweites Beispiel: Der Konsens unter Klimaforschern über die Hauptursache des Klimawandels (nämlich menschliche Einflüsse) werde übertrieben, schreibt der Spiegel-Online-Redakteur. Der Konsens sei in Wahrheit gar nicht so groß, so Bojanowski, und verweist auf eine „überraschende Umfrage“ unter Klimaforschern.

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Schaut man sich hier die Originalquelle genauer an, stößt man auf Seite 8 der Studie auf dieses Diagramm:

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Bojanowski hat offenbar die drei oberen Zeilen addiert, also jene Antwortenden, die menschliche Treibhausgasemissionen zu mehr als 50 Prozent für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich machen – das Ergebnis sind 65,9 Prozent. Aber bedeutet dies tatsächlich, dass „gut ein Drittel“ der Forscher „den Anteil menschengemachter Treibhausgase an der Klimaerwärmung als untergeordnet einschätzt“?

Immerhin zehn Prozent der Befragten (drittletzte Zeile des Diagramms) hatten geantwortet, der Anteil sei „unbekannt“. Streng genommen ist dies eine sehr richtige Antwort – denn ganz genau kann die Klimaforschung ja den menschlichen Anteil tatsächlich bis heute (und wahrscheinlich niemals) beziffern. Ebenso korrekt (und Forscher bemühen sich häufig bekanntlich sehr um Korrektheit) ist die Antwort „Weiß ich nicht“ – denn der einzelne Befragte weiß es ja tatsächlich nicht.

Wer aus der Studie den Anteil der Befragten herausfiltern will, die „den Anteil menschengemachter Treibhausgase an der Klimaerwärmung als untergeordnet einschätzen“ – sollte der nicht lieber die Werte für „26–50 %“ und „0–25 %“ addieren? Vielleicht noch die Zeile „weniger als 0 %“ hinzunehmen und „Es gibt keine Erwärmung“? Was wäre dann das Ergebnis? Genau, 12,3 Prozent – nicht „gut ein Drittel“. Andere Studien auf breiterer Basis kommen übrigens zu höheren Konsensraten. Und nebenbei bemerkt: Wie in anderen Studien zeigt sich auch in der von Bojanowski zitierten Untersuchung, dass Forscher mit wenigen Fachveröffentlichungen, die also weniger gut im Stoff stehen, geringe Anteile des Menschen an der Klimaerwärmung annehmen.

Also, weil wir befangen sein könnten und nüchtern bleiben wollen, enthalten wir uns jeder Bewertung. Nur vielleicht dann doch noch dieser Hinweis an den Rechercheur Axel Bojanowski: Das in der Grafik zu seinem Text als Wir Klimaretter bezeichnete Online-Magazin trägt schon seit fünf Jahren den Namen klimaretter.info.

PS: Axel Bojanowskis hat seinen Ursprungstext mittlerweile mit einer Korrektur versehen.

Aber – trotz wiederholter Fehler – nur mit einer.

Danke für den Hinweis an Katrin R. aus Berlin, Hubertus G. aus Sebnitz, Daniela B. aus München, Jens W. aus Toronto und andere


Spiegel Online & Kritik: Schimpfe statt Antwort

Montag, den 17. November 2014

Seit dem Wochenende ist der Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski offenbar wieder da aus dem Urlaub, jedenfalls hat er sich auf seinem Twitter-Account mit drei Nachrichten zu Vulkanen, Erdbeben und Außerirdischen zurückgemeldet:

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Prima, dachten wir, dann können wir das Gespräch von letzter Woche wieder aufnehmen. Denn Bojanowskis Text, in dem er dem Weltklimarat IPCC „Verzerrung“ und „Unterschlagung“ vorgeworfen hatte, war ja nun wirklich nicht „fehlerfrei“ – genau das aber hatte er neulich vollmundig behauptet:

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Wir wollen Ihnen die Antworten Entgegnungen von Axel Bojanowski nicht vorenthalten. Darin teilte er gleich wieder mächtig aus („Claqeure“, „Schmähschrift“, „Lobbyisten“, „töricht“, „infam“, „peinlich“) – und nicht nur gegen uns, sondern nebenbei auch gegen Hermann Ott vom Wuppertal-Institut und den taz-Kollegen Malte Kreutzfeldt, die ebenfalls nach Antworten auf unsere detaillierten Fehlerhinweise zu fragen gewagt hatten.

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Am Ende lässt Bojanowski also sogar den juristischen Hammer gucken …

Seufz. Mal ganz abgesehen davon, ob er mit seinen überaus selbstsicheren Abblockereien richtig liegt oder wir mit unserer Kritik (wovon wir weiter überzeugt sind und worin uns diverse Wissenschaftler/innen in den vergangenen Tagen bestärkten) – der Tonfall ist in jedem Falle ungewöhnlich für einen seriösen Journalisten. Der Kollege ist sehr hart im Austeilen gegen den IPCC, aber höchst schwach im Einstecken. Und noch immer hat Axel Bojanowski zu keinem einzigen unserer Punkte eine inhaltliche Antwort gegeben – jedenfalls haben wir keine erkennen können, weder zu seiner Auswahl der IPCC-Zitate noch zur Übersetzung von „have been attributed yet“ usw. usf.

Schade. Ist das die Fehlerkultur von Spiegel Online?

Aber damit lassen wir es nun bewenden, weitere Kommunikationsversuche werden wohl auch nicht mehr bringen …

Nachtrag, 20:35 Uhr: Wir müssen uns korrigieren – allerdings nur in einem Punkt. Nach Erscheinen dieses Textes meldete sich Herr Bojanowski nochmal auf Twitter zu Wort und wollte – nun ganz schnell – über die Kritik sprechen. Und zwar öffentlich. Das finden wir natürlich prima. Mal schauen, ob es wirklich dazu kommt. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Nachtrag, 25. November: Grad haben wir gesehen, dass sich Bloggerkollege Georg Hoffmann von scienceblogs.de detailliert mit dem Bojanowski-Text beschäftigt hat. Sein Fazit: „Alles in allem kommt aber der Eindruck auf, dass Axel Bojanowski genau wie so viele Skeptiker, erst dann mit einer Zusammenfassung von was auch immer zufrieden sein würden, wenn sie sie selbst schreiben dürften. Bojanowski startet als Zola und es endet doch eher mit Zolala.“ Viel Spaß beim Lesen!

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um zeitaufwendige Recherchen wie diese auch 2015 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Spiegel Online, IPCC & Kritik: Noch ein Update

Freitag, den 7. November 2014

Grad haben wir gesehen, dass Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski sich doch nochmal aus seinem Urlaub gemeldet hat. Und zwar mit diesem Tweet:

spon_ipcc_bojatweet21Junge, Junge, der Kollege ist selbstbewusst!

Wir wollen hier nicht nochmal den (ewig langen) Blogpost von gestern wiederholen. Aber, hüstel, wenn sein Text so fehlerfrei ist wie die Korrekturanmerkung unter seinem Text

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Doch die Sache ist zu ernst für kleine Späße. Deshalb wiederholen (und erweitern) wir hier doch zumindest nochmal einen Punkt aus unserer Detailkritik von gestern (zu keinem unserer Kritikpunkte haben sich, soweit wir es überblicken, Axel Bojanowski oder seine Redaktion inhaltlich geäußert). Keine Angst, dieser Text ist kürzer und auch für Laien verständlich 😉

Also, an einer Stelle des Spiegel-Online-Artikels, ziemlich am Ende, heißt es:

spon_ipcc_zitat21

Wir hatten vermutet, dass dies die Übersetzung einer gekürzten Aussage von Seite 14 des Syntheseberichts ist, Bojanowski bestätigt es durch die nachträglich eingefügte Seitenzahl. Das Original lautet so (klicken Sie auf den Ausriss, um ihn zu vergrößern):

spon_ipcc_zitatSYRs14

Wir hatten gestern schon geschrieben, dass Bojanowskis Übersetzung schlicht falsch ist. Und als Ursache vermutet, dass der Kollege den Unterschied zwischen den Verben „attribute“ und „contribute“ nicht ganz verstanden hat (beziehungsweise deren Verwendung durch den IPCC), also zwischen „kann darauf zurückgeführt werden“ und „trägt dazu bei“. Zweifellos korrekt wäre die von Bojanowski verwendete Phrase „hat eine Rolle gespielt“, wenn im Original „contribute“ gestanden hätte. Stand da aber nicht.

(Die Feinheiten von „Attribution“, also der Zuschreibung von Wirkungen des Klimawandels, sind natürlich diffizil – wie sollte es bei Wissenschaft anders sein. Die Arbeitsgruppe 2 des IPCC hat zum Thema „Attribution“ ein ganzes Kapitel geschrieben, 59 eng bedruckte Seiten ist es lang, hier als PDF zum Herunterladen. Denn streng genommen ist es natürlich so, dass keine einzige Veränderung der Welt zu hundert Prozent auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann – er findet ja nicht im luftleeren Raum statt und die Welt ist komplex. Der IPCC unterscheidet zwischen „major role“ und „minor role“, und formal korrekte Attributions-Studien sind eine Wissenschaft für sich. Wir empfehlen Axel Bojanowski dieses Kapitel 18 als Urlaubslektüre.)

Aber noch etwas ganz anderes ist verkehrt an dieser Textstelle, wirklich falsch. Selbst wenn wir die Ungenauigkeit bei der Übersetzung von „attribute“ und „contribute“ beiseite lassen und uns hier auf die Rolle-gespielt-haben-Formulierung von Bojanowski einlassen, dann bleibt doch dieser Punkt:

Was der IPCC im Synthesebericht wirklich sagt, ist: „Nur beim Aussterben weniger Arten konnte bislang nachgewiesen werden, dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat.“

Der Satz in seinem Artikel lässt offen, ob es bei anderen ausgestorbenen Arten überhaupt untersucht wurde. Ob bei ihnen andere Gründe als der Klimawandel wichtiger waren für das Aussterben. Oder ob es bisher aus irgendwelchen Gründen nicht hinreichend zweifelsfrei gelang, die große oder kleine Rolle des Klimawandels wissenschaftlich exakt nachzuweisen. Oder, oder, oder.

Bojanowski aber übersetzt, der IPCC halte es nur bei wenigen ausgestorbenen Arten für möglich („könnte“), dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat. Und das ist, lieber Kollege Bojanowski, jedenfalls alles andere als fehlerfrei. Man könnte es auch eine Verzerrung nennen. Sieht so Wissenschaftsjournalismus à la Spiegel Online aus?

P.S.: Wie die Geschichte weiter- und ausgeht, lesen Sie hier.

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update

Freitag, den 7. November 2014

Hoppla, das ging aber schnell: Nachdem gestern unser Text erschienen war, hat Axel Bojanowski seinen Artikel auf Spiegel Online nachgebessert ergänzt. Er nennt darin nun Seitenzahlen, um seine Vorwürfe gegen den IPCC überprüfbar zu machen (zumindest für Leute, die sich wirklich der Mühe unterziehen, in die englischsprachigen Fachkapitel des Fünften Sachstandsberichts einzutauchen). Wir hatten ja in unserem Text und zuvor schon per Tweet genau darum gebeten – aber natürlich waren nicht wir der Grund für die Ergänzung (die Bojanowski nicht „Nachbesserung“ genannt wissen will). Sondern „Forscher“, wie Axel Bojanowski auf Nachfrage twitterte:

spon_ipcc_bojatweet2Hier übrigens der ganz neu in den Artikel eingefügte Absatz:

spon_ipcc_zitat11

Hm, die nun plötztlich erwähnte Zusammenfassung des Synthesereports („Summary for Policymakers“) kam in der ersten Fassung seines Artikels gar nicht vor. Vielleicht hat der Kollege gemerkt, dass seine Kritik den eigentlichen Synthesebericht doch nicht so richtig trifft? Wir wundern uns auch ein bisschen, dass er diese Textänderung seinen Lesern gegenüber nicht transparent macht. In der kleingedruckten Anmerkung unter seinem Artikel ist komischerweise nur von den Seitenzahlen die Rede…

spon_ipcc_zitat12

Aber okay, einer der vier Punkte aus unserer Analyse von gestern – fehlende Quellenangaben – hat sich damit erledigt. Auf die drei anderen Kritikpunkte jedoch hat Axel Bojanowski noch gar nicht geantwortet, jedenfalls nicht inhaltlich. Auch nicht auf Nachfrage des taz-Redakteurs Malte Kreutzfeldt:

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Spätabends twitterte Bojanowski dann, dass er in Urlaub sei.

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Na, dann wünschen wir doch einen schönen Urlaub! Danach ist Axel Bojanowski sicherlich prima erholt und kann dann mit frischem Elan unsere inhaltlichen Kritikpunkte beantworten.


Nachtrag, 14:15 Uhr:
Huch, Axel Bojanowski hat sich aus dem Urlaub gemeldet – ein weiteres Update lesen sie hier.

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung

Donnerstag, den 6. November 2014

Als am vergangenen Sonntag der Weltklimarat IPCC in Kopenhagen den Schlussband seines Fünften Sachstandsberichts, den sogenannten Synthesereport, zur Klimaforschung vorstellte, war das natürlich ein Top-Thema für die Weltmedien. Die New York Times titelte:

nyt_ipccBei der BBC lautete die Schlagzeile:

Die Wirtschaftsnachrichtenagentur Reuters, die über den Verdacht eines „Klima-Alarmismus“ erhaben ist, formulierte ihre Überschrift so:

spon_ipcc_reuters„Krasse Klimawarnung“, „Abschied von den Fossilen“, „Klimaschutz bezahlbar“, so der Tenor. Spiegel Online jedoch – seinem eigenen Anspruch zufolge immerhin „die führende Nachrichten-Site im deutschsprachigen Internet: schnell, aktuell, präzise und hintergründig“ – machte das Thema ganz anders auf:

spon_ipcc_sponOha, da hatte Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski eine weltexklusive Story ausgegraben! So was müssen wir uns genauer anschauen. Erst recht, wo dieser Text – soweit wir gesehen haben – der einzige überhaupt auf Spiegel Online zum gesamten Synthesebericht war. Wenn ein seriöser Wissenschaftsredakteur und eine ernstzunehmende Redaktion so etwas tun, müssen sie ordentlich was in der Hand haben. Oder?

Achtung, liebe Leserschaft: Der folgende Text wird lang und detailreich und taucht in englischsprachige IPCC-Texte ein, aber das geht leider nicht anders. Wir bitten schon jetzt um Nachsicht und Geduld. Sie können natürlich auch gleich ganz nach unten zum Fazit springen …

Am Beginn und gaaaanz am Ende des Artikels berichtet Spiegel Online immerhin über ein paar Kernergebnisse des Reports, zitiert IPCC-Chef Rajendra Pachauri und Umweltministerin Barbara Hendricks. Aber das bildet nur den Rahmen für – wie die Überschrift ja ankündigt – eine brisante Enthüllung:

spon_ipcc_zitat1Ui, „Verzerrung“ und „Unterschlagung“ – massive Vorwürfe sind das, erst recht wenn es um ein Gremium geht wie den IPCC, der ja laut seiner Statuten strengster Wissenschaftlichkeit verpflichtet ist. Womit belegt Axel Bojanowski seinen ehrenrührigen Vorwurf? Der Ausriss oben deutet es bereits an, der Kollege zieht dazu IPCC-Aussagen über einen kleinen Teilaspekt des Klimawandels heran, nämlich dessen mögliche Folgen für das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

Die Struktur seines Textes wirkt ganz eindrucksvoll. Viermal referiert Bojanowski eine Aussage aus dem Synthesereport – und stellt ihr jeweils Aussagen der IPCC-Langberichte gegenüber. Leider bestehen die Gegenüberstellungen aus indirekten Zitaten, und es werden auch keine Angaben gemacht, wo genau in dem insgesamt rund 5.000-seitigen IPCC-Bericht sich das jeweilige Zitat findet. Deshalb konnten wir an manchen Stellen nur mutmaßen, auf welche IPCC-Textstelle sich der Artikel bezieht, manches haben wir überhaupt nicht gefunden, sorry.

Nun aber Vorhang auf für Axel Bojanowskis Vorwurf Nummer 1:

spon_ipcc_zitat2Die Aussage zum Synthesebericht stammt offenbar aus Abschnitt 2.3 oder 3.2 (in diesem PDF auf Seite 25, Mitte bzw. Seite 34, Mitte). Jedenfalls finden sich an diesen Stellen Aussagen zum Thema Artensterben und Vier-Grad-Erwärmung (was, wohlgemerkt, bereits das Doppelte dessen wäre, was wissenschaftlich und politisch zum Limit des gerade noch Erträglichen erklärt wurde).

Dagegen setzt Spiegel Online eine Passage, mit der wohl ein Teil von Kapitel 4.3.2.5.6 der IPCC-Arbeitsgruppe II referiert wird (in diesem PDF zu finden auf Seite 300, rechts unten). Dieses Unterkapitel behandelt sehr detailliert den Forschungsfortschritt in Sachen Artensterben seit dem letzten Sachstandsbericht (AR4). Das Unterkapitel ist – wie auch der Gesamtbericht – wirklich lesenswert, denn Ton und Ausführlichkeit geben einen Eindruck davon, wie viel Mühe sich die IPCC-Autoren mit ihrer Arbeit machen (aber klar, wer liest schon eng bedruckte Seiten eines englischen Fachtexts?). In der Mitte dieses Unterkapitels findet sich tatsächlich die Aussage, die Axel Bojanowski wiedergibt – allerdings hat er diesen Halbsatz weggelassen:spon_ipcc_ar5zitat1Hier wird also noch erwähnt, dass wegen der Unsicherheiten von Computermodellen zur künftigen Artenentwicklung (und nicht wegen der Unsicherheit von Klimamodellen, wie Bojanowski schreibt) die Risiken des Artensterbens sowohl unter- als auch überschätzt worden sein könnten. Die Fachleute weisen also selbst darauf hin, dass die Unwägbarkeiten auch zu einer Verharmlosung der Gefahr führen könnten. Dies hätte man als Spiegel-Online-Leser schon auch gern erfahren.

Zudem werden in diesem Unterkapitel – vor und nach dem von Bojanowski ausgewählten Zitat – sehr sorgsam Details und Bewertungen der Modellrechnungen erörtert. In den zwei Absätzen just vor der Stelle, aus der Spiegel Online sein Zitat herausgepickt entnommen hat, heißt es beispielsweise:

spon_ipcc_ar5zitat2Und:

spon_ipcc_ar5zitat3Im Klartext: Der Langbericht betont, dass man wegen der substanziellen Unsicherheiten der Modelle seriöserweise keine exakten Zahlen für das Aussterberisiko angeben könne – jedoch bestehe über die grundsätzliche Erkenntnis große Sicherheit: Dass das Aussterberisiko zum Ende des 21. Jahrhundert steigt und der Klimawandel zu diesem Ansteigen beiträgt. Und nichts anderes sagt der Synthesereport. Wir können da echt keine Verzerrung oder Unterschlagung erkennen. Spiegel Online versucht hier also eine Aussage im Synthesereport zum grundsätzlichen Aussterberisiko durch eine Passage aus dem Langreport zu widerlegen, die etwas zum genaueren Beziffern des Risikos sagt. Ei, ei.

Weiter im Bojanowski-Text, hier sein Vorwurf Nummer 2:

spon_ipcc_ar5zitat4Die Aussage zum Synthesebericht stammt wohl aus Abschnitt 1.3.2 oder 2.3.1 (in diesem PDF auf Seite 14, Mitte bzw. 25, unten). Dagegen setzt Axel Bojanowski eine Passage, deren Basis im Langbericht wir trotz ausgiebigen Suchens nicht finden konnten. Sie stehe im Teilband 1, schreibt Bojanowski. Dieselbe Allgemeinantwort twitterte Kollege Bojanowski auf eine Frage von uns. Die genaue Fundstelle nannte er leider nicht.

spon_ipcc_bojatweetDieses Zitat konnten wir deshalb leider nicht nachprüfen, wir haben es im dicken Berichtsband der IPCC-Arbeitsgruppe 1 schlicht nicht gefunden. Was wir stattdessen im Band 2 gefunden haben, ist diese klare Aussage im dortigen Fachkapitel 4.2.3 über „paläo-ökologische Indizien“ zu Entwicklungen von Ökosystemen (in diesem PDF zu finden auf Seite 280, linke Spalte):spon_ipcc_ar5zitat5spon_ipcc_ar5zitat6Hier zählt also ein Fachkapitel des IPCC-Reports reihenweise Beispiele aus der Erdgeschichte auf für massenhaftes Artensterben infolge klimatischer Veränderungen.

Wie gesagt, wir haben keine Ahnung, auf welches Fachkapitel Axel Bojanowski sich in seiner Aussage stützt. Aber vielleicht lässt sich sein Vorwurf auch ganz einfach auflösen: Sind Ihnen die unterschiedlichen Zeitskalen in der Gegenüberstellung von Spiegel Online aufgefallen? Da wird eine Aussage des Synthesereports zu „Klimawandel-Ereignissen während der vergangenen Millionen Jahre“ kontrastiert mit einem (von uns nicht nachvollziehbaren) Zitat zu „Daten der vergangenen Jahrhunderttausenden“. Womöglich gab es während dieser kürzeren Zeitspanne tatsächlich keine „größeren klimabedingten Artensterben“, wie Bojanowski schreibt. Jedenfalls widerlegt eine Feststellung zu Jahrhunderttausenden doch nicht die Aussage des Syntheseberichts für Jahrmillionen!? Komisch, mit Zeitskalen sollte sich der studierte Geologe Axel Bojanowski eigentlich auskennen …

Auch von diesem zweiten vermeintlichen Nachweis von IPCC-Alarmismus bleibt in unseren Augen bei genauer Betrachtung nicht viel übrig. Ist der nächste Vorwurf substanzieller, also die Nummer 3?

spon_ipcc_ar5zitat7Keine Ahnung, wie es Ihnen geht – wir jedenfalls können bei diesem „Vorwurf“ bereits ohne Kontrollblick in die Originalquellen kaum etwas von der behaupteten Widersprüchlichkeit erkennen. Spiegel Online zitiert hier ziemlich allgemeine Aussagen aus dem Synthesereport, nämlich grundsätzliche Feststellungen dazu, welche Klimaphänomene genau es sind, die ein Aussterben von Arten auslösen können; weiterhin wird sehr vorsichtig davon gesprochen, dass „manche Arten“ in der Arktis und in Korallenriffen schon bei einer Erwärmung um zwei Grad gefährdet sind. Aus den Fachkapiteln referiert Bojanowski wohl wieder die von uns oben bereits angeführten IPCC-Aussagen, dass Detailvorhersagen zum Risiko des Artensterbens für schwierig gehalten werden. Sorry, wo genau soll der Synthesebericht hier etwas „unterschlagen“ und „verzerrt“ wiedergegeben haben?

Ganz im Gegenteil scheint eher Spiegel Online etwas zu unterschlagen. Das Eingangszitat aus dem Synthesebericht geht nämlich noch weiter. Der vollständige Satz sagt (nachzulesen in diesem PDF auf Seite 26 oben), dass Artensterben angetrieben würden von den genannten Klimaphänomenen (Erwärmung, schrumpfende Flüsse et cetera) und dem Zusammenwirken dieser Phänomene mit anderen menschlichen Einflüssen, beispielsweise Überfischung, Umweltverschmutzung und so weiter. Der IPCC stellt also schon in seinem Synthesebericht klar heraus, dass das zunehmende Risiko des Artensterbens nicht allein auf den Klimawandel zurückgeht. Und das soll alarmistisch sein? Eher wirkt die Spiegel-Wiedergabe des Synthesereports durch die Verkürzung des Zitats alarmistisch.

Schließlich der Vorwurf Nummer 4, der letzte von Spiegel Online:

spon_ipcc_zitat8Auch hier fragen wir uns bereits beim Lesen und ohne Blick in die IPCC-Texte, wo die skandalösen Widersprüche sein sollen. Der Synthesereport wird hier mit der Aussage zitiert, dass der Klimawandel beim Aussterben „nur weniger“ Arten „eine Rolle“ gespielt haben „könnte“ – wohlgemerkt, Konjunktiv! Und der folgende Satz sagt doch eigentlich dasselbe!? Nur halt in einer Umkehrung: Es bestehe „geringes Vertrauen“ in die Aussage, „dass“ bereits „einige Arten“ dem Klimawandel zum Opfer gefallen sein könnten. Also: Das Statement „vielleicht nur bei wenigen“ ist doch dasselbe wie „Zweifel daran, dass bei einigen“, oder? Wo ist hier die Unstimmigkeit? Kann uns das bitte jemand erklären? Wer hat im Logikseminar an der Uni nicht aufgepasst, wir oder die Kollegen von Spiegel Online?

Rhetorisch vielleicht hübsch, aber logisch ebenfalls schwach ist auch der nächste Satz: Hier wird – in triumphierendem Ton – das Wiederauftauchen einer Schneckenart vermeldet. Aber was wäre überhaupt eine Aussage, die durch ein Wiederauftauchen falsifiziert würde? Hat der IPCC je behauptet, diese Schnecke sei ausgestorben? Und dass der Klimawandel die (einzige) Ursache dafür sei? Wir haben keinen Beleg dafür gefunden. Falls es einen gibt, mailen Sie uns bitte: hinweise@klima-luegendetektor.de. Schließlich der letzte Satz dieser Passage über andere Gründe des Artensterbens – die tauchen, wie wir bereits oben unter Punkt 3 geschrieben haben, sehr wohl im Synthesebericht auf (siehe nochmal dieses PDF, Seite 26 oben). Nur ist dies halt beim Zitieren durch Spiegel Online rausgefallen.

Aber es kommt noch toller.

Schaut man zu diesem Vorwurf schließlich doch in die IPCC-Originaltexte, dann bekommt man den Eindruck, dass Axel Bojanowski gar nicht verstanden hat, worüber er die ganze Zeit schreibt. Nämlich dass es (nicht nur beim Artensterben) einen wesentlichen Unterschied gibt zwischen der wissenschaftlichen Aussage „der Klimawandel könnte eine Rolle gespielt haben“ und der Zuschreibung „durch den Klimawandel“. Beziehungsweise zwischen den englischen Verben „contribute“ und „attribute“. Im ersten Fall geht es darum, ob der Klimawandel zum Artensterben beiträgt, also eine Ursache“ dafür ist – im zweiten jedoch darum, ob das Artensterben auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, ob er also die Ursache“ ist. Der IPCC – es sind ja schließlich Wissenschaftler – ist hier wirklich präzise, wie man sehr schön an diesem Beispielsatz aus der „Executive Summary“ zum Kapitel 4 der IPCC-Arbeitsgruppe 2 sehen kann (in diesem PDF zu finden auf Seite 275, unteres Drittel):

„While there is medium confidence that recent warming contributed to the extinction of some species of Central American amphibians, there is generally very low confidence that observed species extinctions can be attributed to recent climate change.“

Zu Deutsch: „Während mittlere Sicherheit darin besteht, dass die aktuelle Erwärmung zum Aussterben einiger Arten zentralamerikanischer Amphibien beigetragen hat, gibt es generell eine sehr geringe Sicherheit, dass die beobachteten Fälle von Artensterben auf den aktuellen Klimawandel zurückgeführt werden können.“ (Hervorhebungen von uns)

Und was macht nun Axel Bojanowski? Er übersetzt falsch. Jedenfalls haben wir im ganzen Synthesebericht nur einen einzigen Halbsatz gefunden, der ungefähr von dem handelt, was Bojanowski in seinem Vorwurf Nummer 4 referiert – doch schauen Sie mal, wie der Satz des Syntheseberichts im Original lautet (nachzulesen in diesem PDF, Seite 14, Mitte):

„While only a few recent species extinctions have been attributed as yet to climate change (high confidence) …“

Hier ist von „attribute“ die Rede, also von „zuschreiben“. Was aber macht Spiegel Online daraus? „… eine Rolle gespielt haben“ – was die Übersetzung von „contribute“ wäre.

Hat man jedoch den Unterschied zwischen diesen beiden Verben verstanden, lösen sich angebliche Widersprüche zwischen Synthesereport und Fachkapiteln in Luft auf. Kurz gesagt (und übereinstimmend in allen Texten, die wir gefunden haben) lautet die Einschätzung des IPCC: Bereits heute trägt der Klimawandel sicherlich zum Artensterben bei, ist aber wohl für (noch) keinen Fall einer ausgestorbenen Art allein verantwortlich. Zur Zukunft sagt der IPCC: Es kann als sicher gelten, dass der fortschreitende Klimawandel deutliche und negative Folgen für die Artenvielfalt hat – doch wie die exakt aussehen werden, das heißt wie viele Arten wie schnell aussterben und so weiter, das lässt sich (noch) nicht mit Sicherheit sagen.

Was, bitte, ist an dieser Aussage alarmistisch?

Fassen wir zusammen

… für jenen Teil der Leserschaft, der tatsächlich bis hierher durchgehalten hat – oder der gleich hierher gesprungen ist. Bei seiner Attacke auf den IPCC – jedenfalls soweit wir sie nachprüfen konnten – tut Axel Bojanowski viererlei:

  • Sorgfältig gewählte Formulierungen des IPCC übersetzt er unpräzise.
  • Beim Kürzen von IPCC-Zitaten lässt er just solche Details wegfallen, die die Grundthese seines Artikels erschüttern könnten.
  • Er zieht Passagen aus den Fachkapiteln heran, die dem Synthesebericht bei genauer Betrachtung gar nicht widersprechen. Aus Passagen der Fachkapitel, die den Synthesebericht stützen, zitiert sein Text nicht.
  • Quellenangaben zu den (vermeintlichen) Belegen lässt er weg, sodass die ganzen Vorwürfe nur schwer oder gar nicht nachprüfbar sind.

Kein Wunder also, dass Spiegel Online die Story vom alarmistischen IPCC-Synthesebericht weltexklusiv hatte. Anderswo (zum Beispiel hier, hier, hier oder hier) wird längst das Gegenteil diskutiert: ob der IPCC vielleicht in Wahrheit zu konservativ ist – ob also seine Aussagen zum Klimawandel gar nicht „alarmistisch“ genug sind.


Nachtrag, 7. November, 11 Uhr:
Nach Veröffentlichung dieses Textes hat Axel Bojanowski seinen Artikel verändert, ein Update dazu finden Sie hier. Einige Screenshots in diesem Text stimmen deshalb nicht mehr mit dem jetzigen Artikel auf Spiegel Online überein.

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Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um zeitaufwendige Recherchen wie diese auch 2015 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Spiegel Online: Schuld ist immer der Ökostrom!?

Montag, den 24. Februar 2014

Oh Mann, das bekannte Ökostrom-Bashing bei Spiegel und Spiegel Online wird inzwischen offenbar zum Reflex. Wie wir darauf kommen? Heute nachmittag veröffentlichte das Web-Magazin einen Text seines Wirtschaftsredakteurs Florian Diekmann mit dieser Überschrift:

Ausriss mit Überschrift: " Kostenexplosion bei Strom, Öl, Gas: Energiearmut in Deutschland nimmt drastisch zu"

In dem Artikel ging es um die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der bündnisgrünen Bundestagsfraktion zum Thema „Energiearmut“. Demnach hat die Zahl der Bundesbürger, die mindestens ein Zehntel ihres Nettoeinkommens für ihre Energierechnungen ausgeben müssen, von 5,5 Millionen im Jahr 2008 auf 6,9 Millionen im Jahr 2011 deutlich zugenommen. In der Tat sind – jeder weiß es – die Energiekosten für Privathaushalte in den vergangenen Jahren teils drastisch gestiegen – jedenfalls stärker als die allermeisten Einkommen. Eine konkrete Zahl nennt der Spiegel-Online-Text: Um 43 Prozent wuchsen demnach zwischen 2002 und 2013 die Ausgaben für Heizung und Warmwasser. So weit, so schlimm.

Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energie (IWR), ein branchennahes Institut aus Münster, hat vor ein paar Wochen die Preisentwicklung der einzelnen Energieträger in den vergangenen 15 Jahren zusammengetragen. Demnach betrug der Anstieg zwischen 1998 und 2012 bei

  • Heizöl: 300 Prozent
  • Dieselkraftstoff: 150 Prozent
  • Erdgas: 100 Prozent
  • Benzin: knapp 100 Prozent
  • Strom: 66 Prozent

Das viel diskutierte Preisplus bei Strom mag für etliche Haushalte schmerzlich sein, kommentierte IWR-Direktor Norbert Allnoch. „Für viele Verbraucher sind die steigenden Preise für die Heizenergie und das Benzin für die tägliche Fahrt zur Arbeit aber ein viel größeres Problem.“ Dem können wir uns nur anschließen. Und könnten eine lange Abhandlung folgen lassen darüber, was man am besten gegen die Preisexplosion bei fossilen Energien tun sollte. Zügig auf Erneuerbare umsteigen? Energieeffizienz konsequent fördern? All so was?! Die Linkspartei fordert übrigens Sozialtarife für besonders Bedürftige.

Aber um diese Debatte geht es uns grad nicht, sondern um Spiegel Online. Erinnern wir uns an die Titelzeile: Von „Strom, Öl, Gas“ war da die Rede. Und jetzt raten Sie mal, womit die Redaktion ihren Text illustriert hat!? Mit einem Heizöl-Lkw? Einer Benzin-Zapfsäule? Einer Flamme auf dem Gasherd? Einem Heizungsthermostat? Alle diese Motive wären sachgerechter gewesen als das tatsächlich gewählte Foto – das dann auch gleich auf der Startseite prangen durfte, wohl, weil es so schön den üblichen Ressentiments entspricht. Es zeigt Hochspannungsleitungen – und ein Windrad:

Ausriss mit einem Foto, das ein Windrad und Hochspannungsleitungen zeigt

Dabei ist ausgerechnet Windstrom, könnte man argumentieren, in den vergangenen Jahren nicht teurer, sondern deutlich billiger geworden – sind doch (wie auch bei der Photovoltaik) die Einspeisetarife im Erneuerbare-Energien-Gesetz stetig gefallen …

Oh Mann!

P.S. vom 26. 02. 2014: Heute berichtet auch die Frankfurter Rundschau über die Anfrage der Grünen-Fraktion. Und schauen Sie mal, welches Foto dort gewählt wurde:

Ausriss mit Überschrift "In der Armutsfalle" und Foto einer Gasherd-Flamme

Das transportiert – unterschwellig – schon eine etwas andere Botschaft, oder?


Spiegel Online: Sturm im IPCC-Wasserglas

Montag, den 7. Oktober 2013

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online am Sonntagabend zu bieten hatte! Eine knallige Schlagzeile über angebliche „Unstimmigkeiten“ im jüngst erschienenen 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC, dazu ein Hammerfoto dunkler Unwetterwolken. Wirklich ein Hingucker.

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Auch wir haben natürlich gleich auf den Text geklickt, das Klima interessiert uns ja – und etwaige Klimalügen umso mehr, erst recht, wenn sie sich in einem Bericht des IPCC finden sollten. Dann lasen und lasen wir und, äh, tja, hüstel … Waren wir enttäuscht? Ein bisschen schon, weil wir nach der Aufmachung etwas Großes erwartet hatten. Irgendwie eine Fortsetzung von Climategate, einen veritablen Fehler im neuen IPCC-Report, irgendsowas. Aber dann kam nichts, jedenfalls wenig, dem wir im Detail nachgehen konnten. (Andererseits sind wir natürlich nicht enttäuscht, wenn sich herausstellt, dass der neueste IPCC-Bericht bis auf Weiteres als akkurat gelten kann.)

Also, was sind denn nun die „widersprüchlichen Prognosen“ und „Unstimmigkeiten“, die von „Forschern“ im IPCC-Report „entdeckt“ worden sein sollen? Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski fasst in seinem Text angeblich fünf „Kritikpunkte“ und „Vorwürfe“ von „renommierten“ Wissenschaftlern zusammen:

Gleich beim ersten gibt es eine große Überraschung: Nach Ansicht „einer Fraktion“ (was immer das sein mag, namentlich zitiert werden hier Michael Mann von der Pennsylvenia State University und Kevin Schaefer von der University of Colorado in Boulder, beide USA) sei der IPCC-Report „zu optimistisch“ – zum Beispiel werde der künftige Anstieg des Meeresspiegels in Wahrheit höher ausfallen als vom Weltklimarat prognosiziert. Donnerwetter, bisher war dem IPCC – auch vom Spiegel – eher Panikmache und Übertreibung der Klimarisiken vorgeworfen worden. Doch es stimmt wohl tatsächlich eher das Gegenteil, erst letzte Woche mahnten Meeresforscher, den Ozeanen gehe es viel schlechter, als der IPCC schreibe. Dies ist in der Tat ein gravierender Vorwurf – aber ein ganz anderer, als er durch die Blogs der Klima“skeptiker“ und Teile der Öffentlichkeit wabert.

Der zweite Vorwurf laut Bojanowski: Der neue Report enthalte einen nur „vorgetäuschten Erkenntnisgewinn“. Drei Wissenschaftler werden in diesem Absatz namentlich erwähnt. Doch der erste, Martin Claußen vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, kritisiert gar nichts. Der zweite ist Michael Oppenheimer von der Princeton University in den USA, mit etwas Mühe haben wir das PBS-Interview gefunden, aus dem Bojanowski offenbar zitiert hat – aber auch hier kein böses Wort über den IPCC. Die dritte Forscherin schließlich ist Judith Curry vom Georgia Institute for Technology, sie hat ihre Klimatologenkollegen tatsächlich schon oft kritisiert. Dies ist die entsprechende Textpassage:

Ausriss mit Zitat: "Andere Forscher zweifeln an der Präzision: Wie könne sich die Wissenschaft sicherer über den menschengemachten Anteil sein, wo in den letzten 15 Jahren natürliche Einflüsse überraschenderweise die Erwärmung der Luft zum Erliegen gebracht haben, fragt sich die Klimaforscherin Judith Curry vom Georgia Institute of Technology, Vorsitzende des Climate Forecast Applications Network.  Der Einfluss von Ozeanströmungen, der Sonne und Vulkanaschewolken aufs Klima sei in den vergangenen Jahren größer gewesen als angenommen, konstatiert zwar auch der Uno-Klimareport. Gleichwohl ist der IPCC sicherer als zuvor, dass hauptsächlich Abgase das Klima seit 1950 verändert haben. "

Gern hätten hätten wir Currys Argument genauer geprüft – aber der Link, den Bojanowski dort eingefügt hat, führt nicht etwa zu einem Beitrag von Curry, sondern nur zu einem alten Bojanowski-Text, in dem Curry auch nicht auftaucht. So können wir nur mutmaßen, was Curry (und mit ihr Bojanowski?) wohl meinen: Der IPCC sei unter Berufung auf zusätzliche Daten aus sechs Jahren heute sicherer als in seinem letzten Bericht von 2007, dass der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels ist – das könne doch aber nicht sein, weil in den letzten 15 Jahren natürliche Klimafaktoren stärker gewirkt hätten als zuvor vom IPCC angenommen.

Das aber scheint uns ein Fehlschluss zu sein. Nicht wegen Daten aus den letzten sechs Jahren ist der IPCC heute sicherer in seiner Einschätzung zum menschengemachten Klimawandel, sondern wegen Studien aus den letzten sechs Jahren – und die beziehen sich mitnichten (nur) auf die letzten paar Jahre, sondern auf die Gesamtheit der Erdgeschichte. Salopp gesagt: Selbstverständlich kann die Forschung seit 2007 Dinge herausgefunden haben, die die Verlässlichkeit der klimawissenschaftlichen Erkenntnisse erhöhen – welches Wetter in diesen sechs Jahren herrschte, ist ziemlich unerheblich.

Punkt 3 des Textes ist der bekannte Vorwurf, Deutschland habe zusammen mit anderen Staaten die Kurzfassung des Reports manipuliert. In der 35-seitigen „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ komme das englisch Wort „hiatus“ (zu deutsch: „Lücke, Pause“) nicht mehr vor – der Begriff wird oft für die Verlangsamung der Lufterwärmung in den vergangenen 15 Jahren benutzt. Zwei Forscher zitiert Bojanowski in diesem Abschnitt, Roger Pielke junior von der University of Colorado in Boulder (USA) und Eduardo Zorita vom Helmholtz-Institut für Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg.

Nun kann man trefflich debattieren, ob der Begriff „hiatus“ in die Kurzzusammenfassung gehört oder nicht. Verschwiegen wird das Thema jedenfalls nicht. Auf Seite 10 unter Punkt D1 gibt es dort zwei Absätze über die „beobachtete Reduzierung des Trends der Oberflächenerwärmung zwischen 1998 und 2002″, dazu explizite Verweise auf den ausführlichen Bericht, etwa auf Abschnitt 9.4. und den Kasten 9.2, wo der „hiatus“ und seine möglichen Ursachen auf mehr als zwei Dutzend Seiten behandelt werden. Wie gesagt, man kann gern über die Wortwahl streiten – aber geht es hier um eine „Unstimmigkeit“, einen Fehler, einen „Widerspruch“ im Bericht?

Auch der vierte Abschnitt ist knallig überschrieben: „Gute PR statt sauberer Wissenschaft“. Doch dann tritt erstmal wieder ein Forscher auf – Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven –, der den IPCC überhaupt nicht angreift. Und Bojanowskis zweiter Kronzeuge in diesem Abschnitt, Reiner Grundmann, Wissenschaftssoziologe an der Universität Nottingham, stößt sich offenbar lediglich daran, dass der IPCC einer Jahreskurve des Anstiegs der Lufttemperatur seit 1850 eine zweite Grafik beigefügt hat, in der die Durchschnittswerte der jeweiligen Dekaden verzeichnet sind (im Ausriss unten):

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Was aber ist schlimm an dieser Grafik? Wir halten den unteren Teil nicht für Betrug, sondern eher für eine sinnvolle Ergänzung, die Laien zeigt, worauf es in der Klimaforschung ankommt: Mehr auf langjährige Durchschnittswerte denn auf die Daten einzelner Jahre. Und dass der Langfristtrend der Erwärmung trotz eines 15-jährigen „hiatus“ (noch) nicht unterbrochen ist. Bezeichnenderweise geht nur der erste Teil der in Anführungszeichen gesetzten Kapitelüberschrift auf den Wissenschaftler zurück, Grundmann spricht tatsächlich von „guter PR“ – der zweite Teil „statt sauberer Wissenschaft“ ist eine scharfe Zuspitzung, die offenbar von Bojanowski stammt (oder von jemand anderem bei Spiegel Online).

Und was ist mit Vorwurf 5? Der IPCC, heißt es hier, nehme Warnungen oder Prognosen aus früheren Berichten, die sich als falsch oder überzogen herausgestellt haben, nicht explizit zurück, sondern ersetze sie lediglich durch neue Einschätzungen (auf der Basis der nun letztverfügbaren Studien). Hier zitiert Bojanowski zwei Forscher, die schon vorher im Text aufgetreten waren: Grundmann und Pielke jr. Doch zumindest letzterer lobt den IPCC eigentlich, wenigstens teilweise. „Hut ab vor dem IPCC“, sagt Pielke jr. Und sein Vorwurf „Zombie-Wissenschaft“ trifft den IPCC nicht mehr, weil er ja seine Aussagen korrekt an den aktuellen Forschungsstand angepasst hat. Wirkliche Fehler des IPCC in diesem Abschnitt? Fehlanzeige. Allenfalls geht es hier um andere Erwartungen an die Form seiner Berichte.

Fassen wir zusammen:
Im Text findet sich wenig von dem, was die Aufmachung ankündigt.
„Widersprüchliche Prognosen“? „Unstimmigkeiten“? Wo denn?? „Renommierte Forscher kritisieren diverse Ungereimtheiten im Report“, hieß es im Vorspann des Artikels. „Sie erheben fünf Vorwürfe gegen den Welt-Klimarat.“ Zählen wir nochmal schnell nach: Insgesamt neun Wissenschaftler lässt Axel Bojanowski in seinem Text auftreten. Doch drei von ihnen (Claußen, Oppenheimer, Miller) kritisieren überhaupt nichts – immerhin ein Drittel! Von den restlichen sechs stoßen sich drei (Pielke, Zorita, Grundmann) vor allem an Formulierungen und Grafiken im IPCC-Bericht, also eher an dessen Darstellungsweise. Von den verbleibenden dreien kritisieren zwei (Mann, Schaefer), dass der IPCC zu zurückhaltend sei mit seinen Warnungen. Lediglich eine einzige Forscherin (Curry) greift die wissenschaftlichen Bewertungen des Weltklimarates als falsch und übertrieben an – doch ihre Kritik scheint (siehe oben) auf einem Fehlschluss zu basieren.

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online da zu bieten hatte!


Deutsche Bahn: Öko-Ticket mit altem Eon-Strom

Mittwoch, den 4. November 2009

Endlich mal schöne Schlagzeilen gab es diese Woche für die Deutsche Bahn, endlich mal ging es nicht um Preiserhöhungen, Achsprobleme oder die Nachwehen irgendwelcher internen Affären. Die Süddeutsche Zeitung etwa titelte auf Seite 1:

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Auch SpiegelOnline, focus.de, Hamburger Abendblatt und viele andere Medien berichteten, dass Firmenkunden der Bahn künftig „CO2-freie Bahnreisen“ buchen können. „Wir als Deutsche Bahn wollen gemeinsam mit den Vorreitern unter unseren Großkunden ein Zeichen setzen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Umweltschutz voranzubringen“, wurde Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg zititert. Firmen wie Deutsche Post, SAP, McDonalds oder BP hätten sich bereits für das Produkt entschieden. Das Prinzip: Für die vertraglich vereinbarten Geschäftsreisen berechnet die Bahn im Voraus den benötigten Strom, dieser werde dann „zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen“ eingekauft und in das Bahnstromnetz eingespeist. Am Jahresende erhielten die Kunden eine Bescheinigung über die vermiedene CO2-Menge. Für eine Fahrt Berlin-Frankfurt/Main (regulärer Preis: 111 Euro) betrage der Aufschlag 76 Cent.

Keine schlechte Sache. Doch bekanntlich hängt der Nutzen fürs Klima davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Wird er nämlich aus Anlagen bezogen, die seit langem saubere Elektrizität erzeugen, dann ist das neue Angebot ein reiner Verschiebebahnhof: Die Bahn würde Ökostrom kaufen, der bisher ins normale Netz floss – dadurch würde zwar ihr Strommix (bislang vor allem Kohle und Atom) etwas grüner, aber halt der Strommix im restlichen Netz im selben Maße schlechter.

Doch anscheinend hat kein einziger der berichtenden Journalisten am Montag nach der Herkunft des Stroms gefragt. Als nämlich wir diese naheliegende Frage an die Bahn richteten, hieß es lediglich, die Energie stamme aus inländischen Wasserkraftanlagen. Erst heute, zwei Tage später, gab es eine substanziellere Antwort: Der Wasserstrom stamme von Eon.

Nun besitzt der Stromriese tatsächlich eine Menge Wasserkraftwerke, vor allem in Bayern – doch die sind teilweise seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Betrieb. Die saubere Elektrizität für die Bahn, heißt es bei Eon auf Anfrage, komme aus sechs Anlagen an der mittleren Donau, die allesamt aus den sechziger und siebziger Jahren stammen. Im Klartext: Eon verkauft den sauberen Strom, den man ohnehin erzeugt, künftig an die Bahn (vermutlich etwas teurer) – bei Privatkunden tut man das übrigens schon länger.

Der Bahn war dieses Problem offensichtlich bewusst. Dort bemüht man sich durchaus, den klimaschonenden Verkehrsträger Bahn noch grüner zu machen – im Rahmen eines „DB Eco Program“ soll der CO2-Ausstoß bis 2020 um zwanzig Prozent sinken. Weshalb es am Ende der Presseerklärung zum „Öko-Ticket“ dann noch heißt:

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Doch die Details dazu, erklärte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann, seien noch offen. Weder habe man entschieden, in welche Neuanlagen investiert werde, noch ob das im Bereich der Bahn geschehe oder gemeinsam mit Partnern (dem Atom- und Kohlekonzern Eon etwa?). Auch sei nicht absehbar, um welche Summen es überhaupt geht. Zehn Prozent der Zusatzeinnahmen, verspricht Fuhrmann, flössen jedenfalls in diesen Neuanlagen-Fonds.

Um bei dem Beispiel zu bleiben, das die Bahn selbst wählte: Ein reguläres „Öko-Ticket“ Berlin-Frankfurt kostet 111,76 Euro – zehn Prozent des Aufschlags wären 7,6 Cent. Bedeutet: Sensationelle 0,07 Prozent des Preises würden tatsächlich in zusätzlichen Klimaschutz investiert. Ganz schön wenig Geld für ganz schön große Schlagzeilen.

Danke an Anja L., Thomas R. und viele andere für die Hinweise

P. S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat die Bahn auf unseren Beitrag reagiert. Das Unternehmen betont, der fürs Öko-Ticket eingekaufte Strom werde wirklich „on top“ beschafft, also zusätzlich zur ohnehin geplanten Aufstockung von sauberer Energie am Bahnstrommix. Und weiter: „Bestehende Wasserkraftwerke sind derzeit die einzige zuverlässige Ökostrom-Quelle für die von der DB benötigten Mengen, denn EEG-geförderter Strom muss ins öffentliche Netz eingespeist werden und steht de facto nicht zur Verfügung. Die DB beschafft ihren Wasserstrom auf der Basis viertelstündlicher Bezugs-“Fahrpläne“ aus festgelegten Kraftwerken und nicht über die Strombörse. Der Lieferantenkreis ist grundsätzlich nicht begrenzt, und die DB geht auf Grund der hohen Nachfrage davon aus, dass die zusätzlich durch Umwelt-Plus generierte Nachfrage nach regenerativ erzeugtem Strom mittelfristig zusätzliche Investitionen jenseits des EEG in erneuerbare Energien auslösen wird.“

Bei dem zehnprozentigen „Neuanlagenbonus“ habe sich die Bahn „an mehreren Ökostromversorgern orientiert, bei denen der Investitionsanteil in Neuanlagen ebenfalls bei rund 10 % des Umsatzes liegt. Der Unterschied zwischen DB und einem Stromhändler liegt allerdings darin, dass die wesentlichen Kostenblöcke eines Bahnunternehmens die Infrastrukturkosten, das Personal und die Abschreibungen auf Fahrzeuge und Anlagen sind. Die DB „liefert“ eben eine Reise und nicht nur den Strom dazu. Insofern führt ein Vergleich des scheinbar mickrigen Neuanlagenbonus mit dem Preis für die gesamte Reise etwas in die Irre. Wenn der Bäcker Ökostrom von ‚naturstrom‘ bezieht, ist der Ausbau der regenerativen Energien im Strompreis enthalten. Und deswegen wird man auch vom Bäcker nicht erwarten können, dass er darüber hinaus jeden Tag 10 % des Brotpreises für Windräder oder Photovoltaikanlagen abzweigt.“

Anmerkung der Redaktion: Das „o.k. Power“-Label für empfehlenswerten Ökostrom fordert einen Neuanlagenanteil von 33 Prozent, aber natürlich gibt es auch viele Anbieter mit niedrigerer Quote.


SpiegelOnline: Platte Polemik gegen Solarstrom

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Donnerwetter, SpiegelOnline-Redakteur Anselm Waldermann hat wieder einmal einen Skandal enthüllt!
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In seinem Text zu dieser Überschrift rechnet der Kollege vor, dass die in den vergangenen vier Jahren (also während der Amtszeit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel) hierzulande installierten Photovoltaik-Anlagen gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „langfristig Kosten von 27 Milliarden Euro“ verursachen würden.

Ist das nicht eine Sauerei?

Nun steht außer Frage, dass die Kosten für die Herstellung von Solarzellen in den vergangenen Jahren stark gefallen sind (auch dank der Massenproduktion, die das EEG ermöglicht hat) – schneller jedenfalls, als die meisten Experten angenommen hatten. Es spricht deshalb einiges dafür, die Einspeisevergütung für Solarstrom ebenfalls etwas schneller abzusenken als bislang geplant. Das könnte den Rationalisierungsdruck auf die Branche erhöhen – die „grid parity“ (der Zeitpunkt, zu dem Strom vom eigenen Solardach so teuer ist wie jener aus der Steckdose, was einen selbsttragenden Boom auslösen könnte) wäre dann wohl noch schneller erreicht.

Über all dies ließe sich relativ nüchtern schreiben, wie es vor ein paar Wochen Fritz Vorholz in der ZEIT tat. Anselm Waldermann aber greift die Monate alte Studie des RWE-nahen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dramatischen Worten auf – zufällig mitten in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen.

27 Milliarden Euro – das klingt nach einer riesigen Summe. Doch neben den Steinkohlesubventionen der vergangenen Jahrzehnte sind das Peanuts, und auch in den kommenden Jahren noch wird der Staat für die Förderung der klimaschädlichen Kohle knapp 20 Milliarden Euro ausschütten. Die Atomkraft wurde und wird laut einer Greenpeace-Studie hierzulande mit knapp 260 Milliarden Euro subventioniert. Beides erwähnt Anselm Waldermann nicht. Stattdessen schreibt er, die Solarförderung entspreche

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Diese hohe Zahl ergibt sich nur, wenn man die zu zahlenden Einspeisevergütungen über den Gesamtzeitraum von 20 Jahren aufaddiert. Auf den Monat gerechnet ergäbe sich pro Kopf ein Betrag von etwa zwei Euro. Das klänge ganz anders, oder?

Eine Solaranlage, die heute installiert werde, verursache noch in 20 Jahren Kosten, kritisiert SpiegelOnline und verwendet dafür unter Berufung auf „Experten“ den Begriff „Solarschulden“. Doch eine kleine Google-Recherche ergibt, dass das Wort offenbar auf Manuel Frondel zurückgeht, ebenjenen Wissenschaftler beim RWI, von dem die erwähnte Studie stammt und der schon öfter mit stromkonzernfreundlichen Rechnungen auf sich aufmerksam machte.

Auf 2.000 Megawatt beziffert Waldermann die in diesem Jahr zu erwartende Kapazität an neuen Solarstrom-Anlagen – und im Tenor des Textes klingt das wie eine Zahl, vor der man sich fürchten muss. Im ersten Halbjahr 2009 allerdings gingen laut Bundesnetzagentur gerade einmal 518 Megawatt ans Netz – der Zubau müsste sich zum Eintreffen der Prognose also noch deutlich beschleunigen.

SpiegelOnline polemisiert lieber mit Bildunterzeilen wie dieser:

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Dabei wird unterschlagen, dass Solarzellen in 20 Jahren wenigstens noch Strom liefern – und zwar ausschließlich Strom. Bei der Atomkraft hingegen fallen „dank“ des radioaktiv strahlenden Abfalls noch unkalkulierbare Kosten an, wenn alle Akw längst abgeschaltet sind.

Danke an Sandra W., Stephan E. und Edgar für die Hinweise


Siemens: Grüne Antworten, graues Schweigen

Mittwoch, den 30. September 2009

Seit Wochen tourt die Siemens AG mit einem „Wissenschaftszug“ unterwegs durch Deutschland, pardon „unterwegs in die Welt von morgen“. Dafür wirbt der Konzern unter anderem mit Anzeigen bei Spiegel Online, die so in die Seite eingebettet sind, dass man sie fast für einen redaktionellen Text halten könnte.

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Mit zwölf „Themenwagen“ will Siemens in insgesamt sechzig Städten und im Internet „die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung … anschaulich und erlebnisreich“ vermitteln – vor allem aber wohl ein grünes Bild vom Unternehmen malen. Im Werbefilmchen auf der Website hält man sich deshalb gar nicht lange auf mit Themen wie Medizin oder Informationstechnik, sondern breitet das Umweltgeschäft aus. O-Ton: „Wie der Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise gelingen kann zeigen Lösungen von Siemens.“

siemens_zukunftszug2Doch weder das dort dargestellte Wüstenprojekt Desertec noch die Elektroautos als Pufferspeicher für Strom aus Erneuerbaren Quellen werden in absehbarer Zeit Realität sein. Auch große Windparks auf hoher See gibt in Deutschland bislang nicht.

Was es heute schon gibt, ist beispielsweise die Atomsparte von Siemens – ausgerechnet mit dem russischen Staatskonzern Rosatom will das Münchner Unternehmen Weltmarktführer bei Reaktoren werden. Darüber aber schweigt man lieber. In großem Stile liefert Siemens zudem Turbinen für konventionelle Kohlekraftwerke – die bekanntlich einen extrem hohen CO2-Ausstoß haben.

Auch um die Ausbeutung von Ölsanden und -schiefern kümmert sich der Konzern neuerdings – eine billigere und etwas weniger umweltschädliche Fördertechnologie feiert Siemens als „umweltschonend“. Dabei bedeutet der Abbau dieser „unkonventionellen“ Ölreserven nicht nur großflächige Naturzerstörung, zum Beispiel in Kanada, sondern bringt die Erde auch „näher ans Klimadesaster“, warnt der WWF.

„Siemens ist grün. Siemens wird noch grüner“, sagte Konzernchef Peter Löscher letztes Jahr in einem Interview. Zumindest für die Imagewerbung stimmt das.