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Mercedes SLS eDrive: Neue Technik, alte Fehler

Dienstag, den 21. Juli 2009

Beim Ampelstart werden Autos mit Benzin- oder Dieselmotor bald sehr alt aussehen. Weil Elektroantriebe ihre Kraft von der ersten Umdrehung an abgeben, wird die kommende Autogeneration den Verbrennungs-Veteranen gnadenlos davonziehen. Das weiß auch Mercedes – und stellt seinem neuen Kraftmeier SLS (zwei Sitze, 571 PS, V8-Benziner) bei der Premiere auf der Automesse IAA im Frankfurt/Main einen Elektro-Zwilling namens „eDrive“ zur Seite.

Die Stuttgarter Ingenieure versprechen eine Beschleunigung in weniger als vier Sekunden von null auf hundert. „Grüner rasen“, betitelt Spiegel Online einen begeisterten Bericht des Auto-Autors Tom Grünweg. Seht her, lautet die Botschaft, wir gehen herrlichen Zeiten entgegen: geräuscharm! CO2-frei!! Und das alles bis weit über 200 Stundenkilometer!!!

mercedes_slsRecht haben die Entwickler von der Marke mit dem Stern. Was den Krach angeht aber nur bei niedrigen Geschwindigkeiten – denn ein Gutteil des Verkehrslärms kommt gar nicht von den Motoren, sondern von den Abrollgeräuschen der Reifen. Und einen niedrigen Treibhausgas-Ausstoß haben Elektroautos natürlich nur, wenn der Antriebsstrom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind- oder Wasserkraft stammt. Wirklich energieeffizient aber ist ein Mercedes-Bolide auch dann nicht, wenn er mit Strom fährt. Zwar geht in einem Elektromotor weniger Energie verloren als in Verbrennungsantrieben, aber im Fahrzeugkonzept des Mercedes SLS eDrive begeht der Konzern mit neuer Technik auch nur wieder die alten Fehler: Viel zu viel unnutzbare Motorleistung, die zu monströser Energieverschwendung führt. Solange Strom ein knappes Gut ist (und das wird er auch bei hundertprozentig erneuerbarer Energieversorgung noch lange bleiben), kann ein solcher Schlitten kein grünes Auto sein.

Der SLS ist keine Energiesparlampe auf Rädern, sondern eine rollende Flak-Beleuchtung. Daran ändert sich auch nichts, wenn die AutoBild die IAA („Internationale Automobil-Ausstellung“) in Frankfurt schon in EAA („Elektro-Automobil-Ausstellung“) umtauft und Konkurrent Audi den gleichen Trick mit dem Extremsportler R8 versucht. Sogar Porsche bzw. die Nürnberger Tuning-Firma Ruf versucht, sich mit dem Elektro-Renner „eRUF Greenster“ ein grünes Mäntelchen umzuhängen – worauf der Bayerische Rundfunk in seiner Berichterstattung auch prompt hereinfiel.

Aber betrachten wir es mal positiv: Vielleicht sorgt der Kraftfetischismus von Mercedes, Audi & Co. zumindest dafür, dass die zumindest potenziell klimaschonenden Elektroautos ein flottes Image bekommen.

Danke an Michael M. für den Hinweis zum Porsche


SpiegelOnline: Audi auf den Leim gegangen

Donnerstag, den 25. Juni 2009

Die Rüstungsspirale aus mehr Komfort, mehr Gewicht und größeren Motoren dreht sich kontinuierlich und seit Jahrzehnten. Im Ergebnis steigt der Benzinverbrauch von Autos, und das Klima leidet. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine Binsenweisheit unter Autofachleuten.

Leider hindert das SpiegelOnline-Vielschreiber Tom Grünweg nicht daran, der PR-Abteilung von Audi auf den Leim zu gehen. In einem Text auf der Auto-Seite des führenden deutschen Online-Mediums zitiert er vollkommen unkritisch den Entwicklungsvorstand Michael Dick mit der Forderung, die „Gewichtsspirale müsse zurückgedreht werden“. Ja, klar. Doch  irgendwo im Text hätte zumindest erwähnt werden müssen, dass genau bei Audi vor ein paar Jahren aus Profitgier eines der wenigen tatsächlich leichten (und konkurrenzlos sparsamen) Autos beerdigt wurde: Der Audi A2 verbrauchte so wenig wie der 3-Liter-Lupo von VW, war aber viel größer. Verluste hat dieses Pionierauto nicht gemacht - nur eben nicht die hochgesteckten Renditeziele der Audi-Chefetage erreicht. Wer so handelt und jetzt Leichtbau predigt, heuchelt. Und das müsste ein guter Journalist seinen Lesern natürlich in Erinnerung rufen.

Stattdessen lässt sich Grünweg von den PR-Leuten des Ingolstädter Konzerns ein automatisches Bremssystem als Fortschritt im Leichtbau verkaufen – und verkauft es äußerst wohlwollend an seine Leser weiter. Das Kalkül dahiner hat ein geschwätziger Kommunikationsprofi des Volkswagen-Konzerns uns mal beim dritten Bier verraten: „Wenn wir eine aufpreispflichtige Elektronik entwickeln, soll die auf jeden Fall in den wichtigen Medien lanciert werden“, sagte er. Im Moment seien Einpark- und Bremssysteme in Mode. Und wie verkauft man sowas in Zeiten zunehmenden Umweltbewusstseins? Genau. Indem man um viele Ecken denkend einen Zusammenhang konstruiert nach dem Muster: bessere Bremsen = langsamerer Aufprall beim Unfall = geringere Notwendigkeit von Knautschzonen = weniger Gewicht = weniger Verbrauch = niedrigerer CO2-Ausstoß. Ein bisschen weit hergeholt? Egal! Irgendein Journalist wird das schon schlucken.

Wenigstens mit einem einzigen Satz hätte SpiegelOnline-Kollege Grünberg erwähnen müssen, dass das Übergewichtsproblem des Beispielautos – eines 2,5-Tonnen-Straßenpanzers Audi Q7 – nicht durch ein bisschen elektronischen Schnickschnack gelöst wird, erst recht nicht durch ein Hightech-System, das langfristig die Lenksäule ersetzen könnte (ein solches hat Grünberg tatsächlich auch noch in dem Text untergebracht, in dem es eigentlich um Leichtbau hatte gehen sollen). Wie so viele Auto-Magazine hat sich SpiegelOnline hier zum verlängerten Arm einer PR-Abteilung gemacht. Peinlich für die Redaktion. Verheerend fürs Klima.


BMW & VW: Bald am Ziel – von vorgestern

Sonntag, den 22. Februar 2009

Neulich ließ Spiegel Online den obersten Entwickler von VW zu Wort kommen:

Mittlerweile habe man, hieß es weiter,

Schön. Aber ein Grund zum Protzen ist das nicht: Denn 140 Gramm Klimagift pro Kilometer sind nicht etwa ein ehrgeiziges Zukunftsziel, sondern Schnee von gestern. Bereits 1998 hatten die europäischen Autohersteller in einer „Freiwilligen Selbstverpflichtung“ zugesagt, den durchschnittlichen CO2-Ausstoß all ihrer verkauften Neuwagen auf diesen Wert zu senken – und zwar bis 2008.

Die Bilanz für das vergangene Jahr wird von den Konzernen gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Für 2007 zumindest hat das Greenpeace Magazin die Flottenwerte errechnen lassen – und da war VW alles andere als Spitze. 167 Gramm CO2 pro Kilometer verursachten damals die verkauften Neuwagen, und gegenüber 2002 waren sie sogar noch klimaschädlicher geworden. Marken wie Opel, Ford, Renault oder auch Fiat schnitten deutlich besser ab. VW rühmt sich also, dass es teilweise Fahrzeuge im Programm hat, die das Ziel von gestern erreichen, das aber für alle Autos galt. Natürlich schweigt Volkswagen über jene Modelle, die noch viel tiefer ins Spritglas gucken. Dabei muss man gar nicht zum Phaeton (ab 240 g CO2/km) greifen; auch der Bestseller Tiguan (ab 182 g CO2/km) oder ein 75-PS-Kleinwagen vom Typ Fox (159 g CO2/km) sind Klimaversager.

Diesen Zahlen-Trick haben sich die Wolfsburger wohl bei BMW abgeguckt. Dort werden Autos mit weniger als 140 Gramm CO2 pro Kilometer in ganzseitigen Zeitungsanzeigen beworben. Auf der BMW-Homepage gibt es gar einen eigenen „Car Configurator“ (siehe rechts). Und weil das noch nicht genug ist, werden Kurzfilme ins Netz gestellt und Fernsehmoderatoren aus Wissenschaftssendungen gekauft (links). Eine Welt der Wunder gibt es bei dem Münchner Konzern allerdings nicht zu kaufen. Nur 20 BMW-Modelle unter 140 g CO2/km – von mehr als 200, die das Gesamtprogramm umfasst.

Wie man auf einen Kohlendioxid-Ausstoß auf dem Niveau eines Golf Diesel von 1976 ernsthaft stolz sein kann, bleibt das Geheimnis der Werbeabteilungen in Wolfsburg und München. EU-weit gilt seit letztem Jahr als Nahziel für die Autobauer eine Grenze von 120 g/km, langfristig sollen es 95 g/km werden. Aber vielleicht lassen sich ja ein paar Käufer mit dem Wortgetöse beeindrucken. Fürs Klima jedenfalls sind 140 Gramm zu wenig. Und zu spät.


B.Z.: Lügen über Lügen

Donnerstag, den 19. Februar 2009

Titelbild mit Windrädern und der Zeile \Dass das umstrittene Windrad-Bashing von SpiegelOnline Kreise ziehen würde, war klar. Aber dass es so schnell ging, überraschte dann doch: Die B.Z., Springers Krawallblatt für die Hauptstadt, hob diese Woche „Die zehn größten Öko-Lügen“ auf den Titel.

Nun gehört die Umwelt- Berichterstattung sicher nicht zu den Kernkompetenzen der B.Z. (nicht zu verwechseln mit der seriöseren Berliner Zeitung). Und manche Kritiker lehnen es rundheraus ab, sich mit dem Wahrheitsgehalt von Boulevardmedien überhaupt zu befassen. Weil aber die B.Z. – laut Eigenwerbung „Berlins größte Zeitung“ – mit einer Auflage von 185.000 Stück eine gewisse Wirkung hinterlässt, schauen wir sie uns trotzdem mal genauer an.

Der Text der B.Z.-Redakteurin Bettina Irion ist eine bunte Mischung aus Fakten, Halb- und Unwahrheiten – und durch geschickte Kombination entsteht dann, was man eigentlich nur Lügen über Lügen nennen kann. Manche Formulierung klingt, als solle sie gezielt falsche Assoziationen auslösen, ohne etwas wirklich Unzutreffendes zu sagen. Typisch beispielsweise „Märchen 4″ zum Thema Energiesparlampen.

Ja, natürlich gibt es Modelle, die weniger als 80 Prozent Strom sparen. Auch mögen 6,50 Euro weniger auf der jährlichen Stromrechnung keine Riesensumme sein. In der Tat kosten Energiesparlampen „ein Vielfaches“ – aber eben nicht der im vorherigen Satz genannten Zahl von 6,50 Euro, sondern vom Preis konventioneller Glühbirnen. Natürlich verbraucht ihre Herstellung auch mehr Energie – aber über die Gesamtlebensdauer gerechnet sparen sie trotzdem. Ja, Energiesparlampen enthalten Quecksilber, weshalb sie nach Gebrauch in den Sondermüll gehören. Aber das giftige Schwermetall wird auch in Kohlekraftwerken freigesetzt, die in Deutschland (noch) die Stromerzeugung dominieren – und durch ihren niedrigeren Stromverbrauch vermeiden Energiesparlampen mehr Quecksilber, als sie selbst enthalten.

So geht das in fast jedem „Öko-Märchen“ der B.Z.: Als vermeintlich schlagendes Argument gegen das Heizen mit Holzpellets wird der Energieverbrauch bei deren Trocknung angeführt – doch sagt dieser allein herzlich wenig darüber, ob die Gesamtbilanz des Kohlendioxid-Ausstoßes besser ist als etwa bei Ölheizungen. Ist sie natürlich. Bei den Themen Wärmedämmung und Heizen mit Erdwärme macht die B.Z. (zweifelhafte) Kostenrechnungen auf – dabei ist Kostenersparnis etwas anderes als Öko-Nutzen. Bio-Gemüse serviert das Boulevardblatt auch flott ab: Es gebe „keinen wissenschaftlichen Beweis“ dafür, dass es „gesünder ist“. Aber darum geht es beim biologischen Landbau nicht (jedenfalls nicht in erster Linie). Öko-Bauern praktizieren eine umweltschonende Produktionsweise, die besser ist für Böden, Pflanzen, Tiere und auch fürs Klima – wenn die Produkte am Ende besser schmecken und weniger Giftstoffe enthalten, ist das ein willkommener Nebeneffekt.

Während B.Z.-Redakteurin Irion bei den meisten vermeintlichen „Öko-Lügen“ immerhin noch Daten zusammengetragen hat, schrieb sie in Sachen Windkraft ganz offensichtlich nur bei SpiegelOnline ab:

Wie in einem Brühwürfel hat die B.Z. den SpiegelOnline-Text und dessen falsche These konzentriert. Weshalb hier auch die Korrektur ganz kurz ausfallen kann (anders als letzte Woche unsere SpiegelOnline-Kritik): Die Zahl der europaweiten Kohlendioxid-Zertifikate bleibt NICHT gleich, sondern sinkt über die Jahre.

Immerhin bei zwei ihrer zehn „Öko-Märchen“ liegt die B.Z. richtig – wo sie auf negative Folgen des Agrosprit-Booms hinweist und die Abwrackprämie der Bundesregierung kritisiert. Zumindest 20 Prozent Wahrheit – vielleicht gar keine schlechte Quote für ein Springer-Blatt…

Danke an Marian B. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Die Energieexperten von der Kampagne „Klima sucht Schutz“ haben auf ihrer Website vier der zehn B.Z.-“Lügen“ en detail widerlegt.


In eigener Sache: P.S. zur SpiegelOnline-Kritik

Samstag, den 14. Februar 2009

Selten hat ein Text auf diesem Blog so viele Reaktionen ausgelöst wie in dieser Woche unsere Kritik am SpiegelOnline-Artikel über die vermeintliche Sinnlosigkeit von Windrädern. Danke für die zahlreichen Zuschriften. Drei Ergänzungen:

1. Inzwischen gibt es weitere Kritiken des Spiegel-Textes – beispielsweise bei den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) oder vom Solarenergie-Förderverein) gepostet in diesem Forum – dort runterscrollen bis zum Beitrag #146 vom 12.02.).

2. Wir möchten klarstellen, dass der Klima-Lügendetektor kein begeisterter Fan des EU-Emissionshandels ist. Dieser ist ein ziemliches Bürokratie-Monster und hat zahlreiche Mängel. Beispielsweise öffnet er riesige Schlupflöcher durch großzügige Möglichkeiten, Klimaschutz-Projekte im Ausland auf die CO2-Bilanzen hiesiger Unternehmen anrechnen zu lassen („CDM“). Und es ist wahnwitzig, dass Großverursacher von Kohlendioxid durch Sonderregeln geschont werden. All dies sind Argumente, die gerade FÜR das Erneuerbare-Energien-Gesetz sprechen – und nicht gegen dieses, wie es im Spiegel-Beitrag hier und da anklingt.

3. Unser/e Leser/in „aloa5″ merkte (zu Punkt 3 des ursprünglichen Textes) an, dass der Börsenpreis für CO2-Zertifikate im Keller sei und sandte diese Grafik, in der (als gelbe Linie) die Preisentwicklung an der European Climate Exchange dargestellt ist.

In der Tat ist der Zertifikatepreis in den letzten Monaten von über 30 auf unter 10 Euro eingebrochen. Doch hat das weniger mit einem plötzlichen Boom der Windkraft im Herbst 2008 zu tun (im Gegenteil, der Ausbau beispielsweise in Deutschland stagnierte im vergangenen Jahr), sondern mit der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dadurch sinken Industrieproduktion und Energieverbrauch und damit auch der Kohlendioxid-Ausstoß – was die politisch kalkulierte Zertifikateverknappung über den Haufen werfen könnte. Doch Beobachter berichten, dass der Preisverfall zum Teil damit zu tun habe, dass Unternehmen in der Krise sich durch den Verkauf der Zertifikate kurzfristig Liquidität verschaffen wollen – und sich später wieder eindecken müssen. Jedenfalls sind – auch um solche Schwankungen besser ausgleichen zu können – die Handelsperioden im EU-Emissionshandel nicht auf ein Jahr, sondern auf vier Jahre festgelegt worden. Und wenn sich zum Ende der laufenden Periode 2012 tatsächlich wieder ein Überschuss an Zertifikaten ergeben sollte, ist das eher ein Argument GEGEN den EU-Emissionshandel und FÜR das erfolgreiche deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz.

So, wir hoffen, dass wir Sie diese Woche nicht mit komplizierten Detail-Debatten gelangweilt haben. Kommende Woche nehmen wir uns ein ganz einfaches Thema vor: das neueste Motiv der RWE-Imagekampagne „voRWEggehen“.


SpiegelOnline: Wie Don Quijote gegen Windräder

Mittwoch, den 11. Februar 2009

Das „Nachrichtenmagazin“ Der Spiegel und die Windkraft – das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Vor fünf Jahren druckte das Blatt, damals noch unter Chefredakteur Stefan Aust, eine Titelgeschichte mit dem Slogan „Der Windmühlen-Wahn“, die gegen eine „Verspargelung der Landschaft“ und „hoch subventionierte Landschaftszerstörung“ polemisierte. Zwei hochgelobte Fachredakteure, Gerd Rosenkranz und Harald Schumann, schmissen daraufhin ihre Jobs. Aust habe die „Propaganda“-Geschichte gewollt, hieß es hinterher, weil er sich „beim Pferdezüchten im Elbeflachland bei Stade“ über „viele Windräder in der Nähe“ geärgert habe.

Gestern nun präsentierte SpiegelOnline, immerhin Deutschlands meistgelesene Nachrichten-Website, einen vermeintlichen Knüller: Windkraftanlagen seien klimapolitisch sinnlos, denn der Kohlendioxid-Ausstoß werde durch sie gar nicht gesenkt.

Das Kernargument ist nicht neu, in der Szene wird es spätestens seit dem letzten Buch des industriefreundlichen Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn („Das grüne Paradoxon“) debattiert: Wenn hierzulande Kohlendioxid eingespart werde, bringe das im großen Maßstab gar nichts – weil der EU-Emissionshandel erlaube, dass die hierzulande nicht mehr benötigten CO2-Verschmutzungszertifikate ins Ausland vertickt werden. „Polnische oder slowakische Kohlekraftwerke“, heißt es bei SpiegelOnline, würden dann eben mehr von dem Klimagas ausstoßen.

Das klingt erstmal einleuchtend, ist aber Humbug. Spiegel-Redakteur Anselm Waldermann hätte das mit einer einzigen Nachfrage beim UN-Klimasekretariat in Bonn, bei der EU-Kommission in Brüssel oder der Deutschen Emissionshandelsstelle in Berlin erfahren können. Stattdessen zitiert er – oho, was für ein journalistischer Scoop! – aus irgendwelchen E-Mails namenloser Referenten der Grünen-Bundestagsfraktion. Ein ebenso anonymer Vertreter des Bundesverbands Erneuerbare Energien tritt bei SpiegelOnline mit der Binsenweisheit auf, zwischen dem deutschen Einspeisegesetz und dem europäischen Emissionshandel bestehe „eine gewisse Widersprüchlichkeit“. Darüber ist schon lang und breit gestritten worden, beispielsweise als die EU im vergangenen Jahr über konkrete Klimaschutz-Vorgaben für die Mitgliedsstaaten feilschte.

Alle Unkorrektheiten und falschen Zusammenhänge des SpiegelOnline-Textes können wir in der hier gebotenen Kürze nicht ausbreiten, nur zum Kern des Ganzen (sorry, ganz leicht verständlich ist es trotzdem nicht):

1. Der EU-Emissionshandel legt zwar eine Gesamtmenge an Kohlendioxid fest, die von den daran angeschlossenen Industrieanlagen und Kraftwerken europaweit ausgestoßen werden darf. Diese aber ist nicht „unveränderlich“, wie SpiegelOnline schreibt. Im Gegenteil, sie sinkt über die Jahre. EU-Kommission und nationale Regierungen legen dazu sogenannte „Allokationspläne“ fest. Langfristig kalkulierbar soll damit die Zahl der verfügbaren CO2-Zertifikate verringert werden. (Viel zu langsam, wie Klimaschützer beklagen. Viel zu schnell, wie beispielsweise die Kohlelobby zetert.) Ein Zubau von Windrädern hilft in diesem System dabei, dass der Preis für die zunehmend knapper werdenden Verschmutzungsrechte in vertretbarem Rahmen bleibt. Und die Verbraucherpreise für Strom nicht in astronomische Höhen steigen.

2. Der Verkauf deutscher CO2-Zertifikate nach Polen oder in die Slowakei ist blanke Theorie. In der Praxis verfügt die deutsche Energiewirtschaft derzeit nicht über zu viele, sondern über zu wenige Verschmutzungsrechte. Deshalb haben E.on, RWE, Vattenfall & Co. auch mit harten Bandagen gegen den Emissionshandel gekämpft. Aus dem „Nationalen Allokationsplan“ der „Handelsperiode 2008 bis 2012″, den die deutsche Emissionshandelsstelle als 70-seitige Tabelle ins Internet gestellt hat, geht beispielsweise hervor, dass das Vattenfall-Kraftwerk Jänschwalde jährlich gut 12 Millionen Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommt – für den üblichen Betrieb aber braucht der Kohle-Riese etwa doppelt so viele. Die Differenz muss Vattenfall zukaufen, entweder bei anderen Anlagenbetreibern im Inland oder irgendwo im Ausland. Das politische Ziel: den Betrieb von CO2-intensiven Kohlekraftwerken verteuern. Für die nötigen Zertifikate gibt allein Vattenfall nach eigenen Angaben jährlich 716 Millionen Euro aus – auch deshalb investieren der Konzern wie auch seine Konkurrenten neuerdings verstärkt in Erneuerbare Energien.

3. Einen Überschuss an CO2-Zertifikaten gab es hierzulande tatsächlich – allerdings nur bis Ende 2007 und nicht wegen des Booms von Windrädern. Stattdessen war es der Industrie für die sogenannte erste Handelsperiode des EU-Emissionshandels durch massiven Druck und geschicktes Lobbying gelungen, von den Behörden viel mehr Verschmutzungsrechte geschenkt zu bekommen, als sie zum Betrieb ihrer Anlagen brauchten. Als das im Mai 2006 herauskam, brachen an einem „Schwarzen Freitag“ die Börsenpreise für Emissionsrechte ein. CO2-Zertifikate kosteten später nur noch wenige Cent. Die ganze Idee des Emissionshandels, der auf Knappheit basiert, war perdu. Mit Start der zweiten Handelsperiode 2008 wurde dieser Fehler korrigiert.

Fassen wir zusammen: In Deutschland herrscht derzeit (soweit bekannt) kein Überschuss an CO2-Zertifikaten – trotz Ausbaus der Erneuerbaren Energien und aller anderen Klimaschutzmaßnahmen. Deshalb kann es auch keinen (Netto-)Verkauf von überschüssigen Verschmutzungsrechten nach Polen oder sonstwohin geben. CO2-Einsparungen durch deutsche Windräder sorgen folglich nicht dafür, dass im Ausland mehr Klimagas ausgestoßen werden darf – im Gegenteil, sie dämpfen den Preis für die (gewollt) knappen Zertifikate und helfen somit bei der Erreichung der deutschen und europäischen Klimaziele.

Zugegeben, einfach ist diese ganze Sache nicht. Und der EU-Emissionhandel hat etliche Mängel. An dessen weitgehender Nutzlosigkeit in den vergangenen Jahren waren aber nicht Windräder, Solarzellen oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz schuld, sondern die Macht der überkommenen Energiewirtschaft und die Nachgiebigkeit der Politik.

Aber vielleicht ist das eine zu komplizierte Geschichte für SpiegelOnline.