Monatsarchiv für Juli 2009

Samsung: Grüne Glotze?

Donnerstag, den 30. Juli 2009

samsung_praemie_gr1Der Erfolg der Abwrack-, sorry, Umweltprämie für Neuwagen lockt Nachahmungstäter: Weil die Deutschen offenbar wie verrückt Autos kaufen, wenn sie ein paar Euro obendrauf kriegen, möchte der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung genauso den Absatz seiner Fernsehgeräte fördern. Mit Zeitungsanzeigen und einer eigenen Website bewirbt die Firma derzeit eine „Umweltprämienaktion“. Zwei Jahre lang, so das Versprechen, übernehme Samsung die Stromkosten des neuen Fernsehers.

Zu einer vermeintlichen Öko-Aktion wird das Ganze, weil die neuen Modelle „bis zu 40 Prozent“ weniger Strom verbrauchen sollen. So könne man „umweltfreundlich fernsehen“, meint Samsung, und sich „grün sparen“. Allerdings waren Flachbildfernseher bisher nicht als besonders sparsam bekannt – im Gegenteil: Die Mode, sich neuerdings halbe Kinoleinwände ins oft viel zu kleine Wohnzimmer zu stellen, hat den Stromverbrauch pro TV-Gerät eher erhöht – denn Plasmafernseher können durchaus dreimal soviel Energie verbrauchen wie herkömmliche Röhrenfernseher. In etlichen Haushalten sind deshalb, obwohl die Glotze nur ein paar Stunden pro Tag genutzt wird, die Stromkosten fürs Fernsehen mittlerweile höher als für den rund um die Uhr laufenden Kühlschrank.

So entpuppt sich das Umweltversprechen von Samsung bei genauer Betrachtung denn auch als wacklig. Erst im Kleingedruckten der Website ist zu lesen, worauf sich die versprochene Energieersparnis überhaupt bezieht:
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Dass aber ein Verbraucher ein erst zwölf Monate altes Samsung-Gerät durch ein neues ersetzt, erscheint doch eher unwahrscheinlich. Und es ist gut möglich, dass sein alter Röhrenfernseher absolut weniger Strom verbraucht als der neue Samsung-Riesenmonitor. Beispielsweise saugt das Gerät, für das die höchste „Umweltprämie“ ausgezahlt wird, laut Datenblatt bis zu 240 Watt aus der Steckdose – das ist alles andere als wenig. Zudem verfügen alle angebotenen Geräte über einen Stand-by-Modus: Der zieht zwar nur noch weniger als ein Watt, was tatsächlich ebenfalls ein Fortschritt gegenüber früheren Flachbildgeräten ist. Aber ein komplettes Abschalten, das ist bei diesem „grünen“ Fernseher nicht möglich.

Finanziell gesehen dürfte die Aktion für Samsung übrigens ein ziemliches Schnäppchen sein: Als Prämie werden höchstens 115 Euro ausgezahlt – bei einem Gerätepreis von 1.900 Euro entspricht das grad mal einem Rabatt von sechs Prozent.


Mercedes SLS eDrive: Neue Technik, alte Fehler

Dienstag, den 21. Juli 2009

Beim Ampelstart werden Autos mit Benzin- oder Dieselmotor bald sehr alt aussehen. Weil Elektroantriebe ihre Kraft von der ersten Umdrehung an abgeben, wird die kommende Autogeneration den Verbrennungs-Veteranen gnadenlos davonziehen. Das weiß auch Mercedes – und stellt seinem neuen Kraftmeier SLS (zwei Sitze, 571 PS, V8-Benziner) bei der Premiere auf der Automesse IAA im Frankfurt/Main einen Elektro-Zwilling namens „eDrive“ zur Seite.

Die Stuttgarter Ingenieure versprechen eine Beschleunigung in weniger als vier Sekunden von null auf hundert. „Grüner rasen“, betitelt Spiegel Online einen begeisterten Bericht des Auto-Autors Tom Grünweg. Seht her, lautet die Botschaft, wir gehen herrlichen Zeiten entgegen: geräuscharm! CO2-frei!! Und das alles bis weit über 200 Stundenkilometer!!!

mercedes_slsRecht haben die Entwickler von der Marke mit dem Stern. Was den Krach angeht aber nur bei niedrigen Geschwindigkeiten – denn ein Gutteil des Verkehrslärms kommt gar nicht von den Motoren, sondern von den Abrollgeräuschen der Reifen. Und einen niedrigen Treibhausgas-Ausstoß haben Elektroautos natürlich nur, wenn der Antriebsstrom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind- oder Wasserkraft stammt. Wirklich energieeffizient aber ist ein Mercedes-Bolide auch dann nicht, wenn er mit Strom fährt. Zwar geht in einem Elektromotor weniger Energie verloren als in Verbrennungsantrieben, aber im Fahrzeugkonzept des Mercedes SLS eDrive begeht der Konzern mit neuer Technik auch nur wieder die alten Fehler: Viel zu viel unnutzbare Motorleistung, die zu monströser Energieverschwendung führt. Solange Strom ein knappes Gut ist (und das wird er auch bei hundertprozentig erneuerbarer Energieversorgung noch lange bleiben), kann ein solcher Schlitten kein grünes Auto sein.

Der SLS ist keine Energiesparlampe auf Rädern, sondern eine rollende Flak-Beleuchtung. Daran ändert sich auch nichts, wenn die AutoBild die IAA („Internationale Automobil-Ausstellung“) in Frankfurt schon in EAA („Elektro-Automobil-Ausstellung“) umtauft und Konkurrent Audi den gleichen Trick mit dem Extremsportler R8 versucht. Sogar Porsche bzw. die Nürnberger Tuning-Firma Ruf versucht, sich mit dem Elektro-Renner „eRUF Greenster“ ein grünes Mäntelchen umzuhängen – worauf der Bayerische Rundfunk in seiner Berichterstattung auch prompt hereinfiel.

Aber betrachten wir es mal positiv: Vielleicht sorgt der Kraftfetischismus von Mercedes, Audi & Co. zumindest dafür, dass die zumindest potenziell klimaschonenden Elektroautos ein flottes Image bekommen.

Danke an Michael M. für den Hinweis zum Porsche


RWE: Das Riesen-Märchen vom guten Konzern

Freitag, den 17. Juli 2009

„Was haben Harry Potter und der RWE Energieriese gemeinsam?“, fragt der Essener Konzern neuerdings auf seiner Internetseite. Und gibt die Antwort sicherheitshalber gleich selbst: „Beide verändern die Welt, beide sind fantastisch und beide sind ab 16. Juli 2009 gemeinsam im Kino zu sehen.“

Genau: Der europaweit größte Verursacher von Treibhausgasen versucht jetzt, im Rahmen seiner millionenschweren Imagekampagne „voRWEg gehen“ auch (kleine und große) Kinder zu erreichen. Dazu hat er sich einen süßen Trickfilm im Stile des Blockbusters „Shrek“ produzieren lassen. Unterlegt mit dem populären amerikanischen Kinderlied „I love the Mountains“ wacht dort im Morgengrauen ein freundlich guckender, etwas tolpatschig wirkender Riese auf. Dann stapft er durch den Tag, stellt Windräder und Unterwasserturbinen auf, repariert eine verhedderte Hochspannungsleitung und macht andere putzige Sachen. Echt süß!

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Die Trickfilmfigur, erklärt RWE auf seiner Website, stehe „für Sympathie, Nähe und Tatkraft im XXL-Format und ist damit ein Sinnbild für gesundes Selbstbewusstsein“. Doch Windkraftanlagen, die in dem Film an erster Stelle präsentiert werden, besitzt der Stromkonzern hierzulande fast keine – mit 43 Megawatt Leistung machten sie laut einer Studie im Auftrag von Greenpeace im Jahr 2008 gerade 0,1 Prozent des RWE-Kraftwerksparks aus (im Bundesdurchschnitt trägt Windkraft bereits mit circa 7 Prozent zur Stromerzeugung bei). Investiert der sympathische Energieriese wenigstens so viel wie möglich in den Ausbau dieser klimaschonenden Energieart? Naja. Laut erwähnter Untersuchung fließen in den kommenden Jahren gerade mal schlappe 15 Prozent der gesamten RWE-Kraftwerksinvestitionen in erneuerbare Energien. Für neue klimaschädliche Kohlekraftwerke wird ein Vielfaches der Windkraft-Investitionen ausgegeben.

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So ähnlich geht es weiter: Das Meeresströmungskraftwerk, das der Riese hier errichtet, existiert in der Realität bisher nur auf dem Reißbrett. Die Hochspannungsmasten von RWE, die gezeigt werden, gerieten vor ein paar Jahren in die Schlagzeilen, weil sie im Winter umknickten und zu einem Gutteil noch aus der Vorkriegszeit stammten. rwe_riese4klUnd die Förderung von Braunkohle, aus der RWE den mit Abstand größten Teil seines hierzulande erzeugten Stroms gewinnt, wird in dem Filmchen in zehn kurzen Sekündchen gezeigt – doppelt so viel Zeit räumen die RWE-Werber der anschließenden Renaturierung der geschundenen Landschaft ein, symbolisiert durch das Ausrollen von Rollrasen durch den niedlichen Riesen. Die 170 Millionen Tonnen des Treibhausgases CO2 aber, die der Konzern mit all seinen Tochterfirmen jährlich verursacht (die Menge entspricht etwa einem Fünftel der deutschen Gesamtemissionen), wird überhaupt nicht erwähnt. Ebenso ausgeblendet bleiben die fünf Atomkraftwerke, in denen RWE hierzulande fast 20 Prozent seines Stroms erzeugt.

Noch etwas also haben Harry Potter und „der RWE-Energieriese“ gemeinsam: Es sind beides wunderschön ausgedachte Märchen.

Danke an Björn M. für den Hinweis


Bild: Sechs Lügen für die Atomkraft

Mittwoch, den 8. Juli 2009

Nach dem wiederholten Störfall im AKW Krümmel sind die hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW unter Druck geraten – passend dazu präsentiert Deutschlands größte Boulevardzeitung heute auf Seite 2 in großen Lettern „Die 7 Wahrheiten über unsere Energie“. Sechs davon sind – nunja – blanke Propandalügen:

„Weltweit werden derzeit 42 Kernkraftwerke gebaut“, lautet Bild-Wahrheit Nr. 1. „Weitere 81 sind beantragt oder geplant – auch in unseren Nachbarländern Frankreich, Polen, Schweiz und Tschechien.“ – Die wahre Wahrheit ist: Von den gut 40 weltweiten AKW-Baustellen kommen manche seit Jahrzehnten nicht voran. Andere machen vor allem Schlagzeilen dadurch, dass Sicherheitsprobleme auftreten oder die Kosten explodieren. Selbst wenn alle diese Reaktoren ans Netz gehen, werden sie die gleichzeitig aus Altersgründen stillzulegenden AKW nicht ersetzen können. Und was ist mit Polen? Tatsächlich sieht das Regierungsprogramm „Die Energiepolitik Polens bis 2025“ einen Reaktorneubau vor. Nach einem Standort wird gesucht, unter anderem in unmittelbarer Nähe zum uckermärkischen Nationalpark Unteres Odertal. Doch weil 80 Prozent der Polen gegen Atomstrom sind, erwägt die Regierung, sich lieber an einem neuen Reaktor in Litauen zu beteiligen.

Bild-Wahrheit Nr. 2: „Unsere Stromversorgung bricht ohne Atomkraft zusammen!“ – Das hat man besonders gut im vergangenen Jahr beobachten können: Obwohl sieben Atomkraftwerke längere Zeit stillstanden, exportierten Deutschlands Stromkonzerne 22,5 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das ist etwa so viel, wie vier mittlere AKW im Jahr produzieren.

„Experten sagen voraus, dass sich der weltweite Strombedarf bis 2030 verdoppeln wird“, lautet Bild-Wahrheit Nr. 3. „Ohne Atomkraft ist die gigantische Energienachfrage nicht zu stillen.“ – Auch das ist Quatsch. Um den wachsenden Energiehunger weltweit mit AKW decken zu können, müssten Tausende neue Reaktoren gebaut werden – auch in vielen Ländern, die heute noch nicht über AKW verfügen. Das aber würde nicht nur die Gefahr eines katastrophalen Störfalls und der unkontrollierten Weiterverbreitung von Atomwaffen vervielfachen, auch der Brennstoff Uran würde in wenigen Jahrzehnten zur Neige gehen.

Bild-Wahrheit Nummer 4: „Sonne und Wind können Atomkraft nicht ersetzen. Gerade mal 11 Prozent unseres Stromes stammen aus Wind, Wasser und Sonne.“ – Die Wahrheit jenseits von Bild: Der Anteil aller erneuerbaren Energien an der deutschen Stromerzeugung lag nach den Erhebungen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 2008 bei 15,1 Prozent. Vermutlich wäre er noch größer gewesen, wenn die Netze nicht ständig mit Atomstrom blockiert wären: Bläst beispielsweise im Norden der Wind kräftig, müssen dort die Windräder abgeschaltet werden, weil die Stromnetze das Mehr an grüner Energie nicht fassen können.

„Atomstrom gehört zu den günstigsten Energiearten“, heißt es bei Bild als Wahrheit Nr. 5. „Die Herstellung einer Kilowattstunde kostet 2 Cent, bei Braunkohle sind es 5 Cent, bei Solarstrom 40 Cent.“ – Das mag stimmen, aber über niedrige Erzeugungskosten freuen sich vor allem die Konzerne. Beim Endkunden kommt davon wenig an. Und die Windkraft, die Bild geflissen verschweigt, ist mit rund neun Cent Erzeugungskosten bereits fast konkurrenzfähig.

„Der Ausstieg gefährdet den Standort Deutschland“, lautet Bild-Wahrheit Nr. 6. „Für energieintensive Branchen wie Auto, Stahl und Maschinenbau ist eine sichere und bezahlbare Stromversorgung von großer Bedeutung.“ – Wie „sicher“ die Stromversorgung aus den pannenanfälligen deutschen AKW ist, hat der Fall Krümmel gerade wieder gezeigt. Ingroßen Teilen von Hamburg brach die Strom- und Wasserversorgung zeitweise zusammen. Was Bild verschweigt: Der größte Jobmotor des vergangenen Jahrzehnts waren die erneuerbaren Energien. Seit 1998 nahm die Zahl der Arbeitsplätze in dieser Branche um 332 Prozent zu (auf 285.000 im Jahr 2008). In der AKW-Branche sank sie um 21 Prozent (auf 30.000). Und auch die viel gelobte Autoindustrie stagnierte bei einem Plus von fünf Prozent (745.000 Jobs 2008). 2020 werden die Ökoindustrien, so eine Prognose der Roland-Berger-Unternehmensberatung, satte 14 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften – doppelt so viel wie heute.

Einzig der Wahrheit Nr. 7 können wir zustimmen: „Das Problem Atomabfall ist ungelöst“, so Bild endlich einmal zutreffend. „Es gibt nach wie vor kein Endlager für den hoch radioaktiven Atomabfall (pro Jahr 400 Tonnen) in Deutschland.“

Bild schreibt immer die Wahrheit. Wer ihr mögliche Rücksichtnahme auf die Interessen von Großkonzernen unterstellt, den fährt Springer-Chef Mathias Döpfner schon mal brüsk an: „Also, jetzt wird’s ungemütlich. Sie stellen die redaktionelle Integrität der Bild-Zeitung infrage.“

Danke an Elias P. aus Berlin und Volker U. aus Aurich für die Hinweise


Dong Energy in der FAZ: Getarnte Propaganda

Dienstag, den 7. Juli 2009

Heute hat der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine 28-seitige „Sonderveröffentlichung“ zum Thema „Klimaschutz & CCS“ beigelegen. Die als Informationsblatt getarnte PR-Broschüre enthält eine Mischung von redaktionellen Artikeln und „Gastbeiträgen“ verschiedener Firmen. Zum Beispiel darf sich die Daimler AG über den „Weg zum emissionsfreien Fahren“ auslassen. An anderer Stelle – unter der unauffälligen Überschrift „Regional und saisonal einkaufen“ – wird netterweise beschrieben, wie unser Lügendetektor Grünfärbereien von Unternehmen entlarvt.

Nun denn, schreiten wir also wieder zur Tat: Ein großer Teil der Beilage behandelt das Thema CCS – also die umstrittenen Technologien zur Abscheidung und unterirdischen Endlagerung von Kohlendioxid, die (irgendwann einmal) Kohlekraftwerke klimaverträglicher machen sollen. Da gibt es, merkwürdig, gleich zwei Interviews mit Charles Nielsen von Dong Energy und außerdem noch einen längeren Gastbeitrag dieses dänischen Unternehmens. Dessen Charmeoffensive in Deutschland hat einen Grund: Dong möchte in Lubmin bei Greifswald ein 1500-Megawatt-Kohlekraftwerk bauen, das jährlich sieben Millionen Tonnen CO2 ausstoßen wird – und dagegen regt sich Widerstand. Ein weiterer Klimakiller ist in Emden geplant.

Dong verkündet in seinem „Gastbeitrag“: „Heute basiert die konzerneigene Energieerzeugung auf 15% erneuerbarer und 85% konventioneller Energie. Dieses Verhältnis will der Konzern auf den Kopf stellen.“ Erst beim Lesen der nächsten Sätze stellt sich heraus, dass das Unternehmen dabei neben Windenergie auch CCS-Kohlekraftwerke im Sinn hat, also keineswegs 85 Prozent erneuerbare Energien plant – obwohl dies gerade im windigen Dänemark durchaus möglich wäre.

Der Artikel mündet in unverhohlener Werbung für das geplante Kraftwerk Lubmin: Die Region könne „eine Menge Vorteile daraus ziehen“. Es entstünden „zirka 140 zukunftsorientierte langfristig sichere Arbeitsplätze.“ Dumm nur, dass am gleichen Tag der WWF eine Studie zum Kohlekraftwerk Lubmin veröffentlicht hat, die vor den ökonomischen Risiken des Projekts warnt: Weil für den CO2-Ausstoß des Kohlekraftwerkes im Rahmen des Emissionshandels zukünftig voraussichtlich jährliche Kosten von 140 bis 280 Millionen Euro anfallen, drohe das Kraftwerk zu einer Investitionsruine zu werden. Die Kohleabhängigkeit des Unternehmens werde sich mit dem Kraftwerk von 57 auf 65 Prozent erhöhen. Achso: Die Erzeugung derselben Menge Strom aus erneuerbaren Energien brächte sicherlich viel mehr Jobs.

Illustriert ist der Dong-Gastbeitrag mit einer Computersimulation, die das geplante Kraftwerk in Lubmin „mit Fullsize-CCS-Anlage“ zeigt. Hm. Leider steht in den Sternen, ob es solch eine Anlage zur CO2-Abscheidung in Lubmin jemals geben wird. Und das nicht nur, weil das CCS-Gesetz der Großen Koalition gescheitert ist, sondern weil darüber hinaus völlig unklar ist, ob CCS jemals wirtschaftlich machbar sein wird. In einem aktuellen Hintergrundpapier stellt das Umweltbundesamt fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“.

Auch in den scheinbar neutralen Redaktionsbeiträgen der FAZ-Beilage aus dem „Reflex Verlag“ – die vor sachlichen Fehlern nur so strotzen – taucht Dong übrigens immer wieder auf. So ist unter der Zeile „Lösung CCS-Technologie“ zu lesen: „Auch wenn die Entwicklung noch in vollem Gang ist, gibt es bereits CCS-Kraftwerke wie das dänische Kohlekraftwerk Esbjerg, die eine Prozesskette mit CO2-Abtrennung realisiert haben.“ Eine Seite später erfährt man dann allerdings in einem anderen Text, dass es sich dabei nur um eine Pilotanlage handelt, in der „stündlich eine Tonne CO2“ abgeschieden wird. Wer aber wissen will, wie viel das ist, muss schon im Internet recherchieren: Da erklärt Dong-Mitarbeiter Charles Nielson: „Obwohl die Anlage in Esbjerg die größte in Betrieb befindliche Pilotanlage ist, werden nur 0,5 Prozent der Rauchgase im Kraftwerk aufgefangen.“

Schließlich thematisiert der Artikel, scheinbar kritisch, auch die zu erwartenden Probleme bei der unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Er endet mit den Sätzen: „Umweltbundesamt und das Fraunhofer-Institut sind der Meinung, dass es eine totale Dichtigkeit nicht geben kann. Eine mögliche Leckagerate von weniger als 0,1 Prozent sei aber grundsätzlich als unbedenklich einzustufen.“ Das sollte machbar sein?

Leider wurde eine Null vergessen. Das Umweltbundesamt fordert in Wahrheit, dass jährlich maximal 0,01 Prozent, also ein Zehntausendstel des gespeicherten Kohlendioxids austreten dürfen – und stellt fest: „Selbst niedrige Leckageraten können den Nutzen für den Klimaschutz in Frage stellen.“


Schon wieder Audi: Mehr Ablenkung vom Klima

Donnerstag, den 2. Juli 2009

Audi entwickelt sich langsam zu unserem Liebling: Die Ingolstädter pflegen nach wie vor die Raserkultur. Konzernchef Rupert Stadler schwadroniert in Interviews, die böse Physik hindere ihn am Klimaschutz. Und mit einem Flottendurchschnitt von 176 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer für seine Neuwagen gehört die Marke unter den deutschen Autobauern (die ohnehin miese Werte haben) zu den Schlusslichtern. Die bayerische Konkurrenz von BMW etwa, die beileibe keine un“sportlichen“ Autos baut, liegt mit 160,2 Gramm zwar auch weit unter der einst feierlich verkündeten Selbstverpflichtung (140 Gramm für 2008), aber schneidet eben doch weit besser ab als die Firma mit den vier Ringen.

Nun bringt Audi seinen Straßenpanzer Q7 als „TDI clean diesel quattro“ und bewirbt ihn mit Riesenanzeigen, etwa in der Süddeutschen Zeitung.

Leider heißt „clean“ immer noch nicht klimafreundlich. Der 2,5-Tonnen-Moloch hat lediglich einen sogenannten SCR-Kat bekommen. Man könnte das Ding auch Urin-Brause nennen, denn bei dieser Technologie werden schädliche Stickoxide mittels einer Harnstofflösung in harmlosen Wasserdampf und Stickstoff umgewandelt. Weil Harnstoff vermutlich zu sehr nach Klo klingt, hat sich die deutsche Autobranche für den Zusatzstoff, der extra getankt werden muss, den hübschen Namen „AdBlue“ ausgedacht. Übrigens ist, was Audi hier anpreist, bei Lkw seit Jahren Standard – ohnehin wird dieser zusätzliche Kat nur bei Monstern wie dem Q7 gebraucht, weil bei niedrigerem Verbrauch auch die absolut anfallende Menge der Stickoxide geringer ist. Und Anlass für die Entwicklung der neuen Technologie war nicht die Umweltliebe von Audi&Co., sondern eine strenge US-Abgasnorm.

Wie gesagt: Fürs Klima, die größte umweltpolitische Herausforderung der Gegenwart, bringt das alles herzlich wenig – was dann auch aus dem Kleingedruckten der Audi-Annonce hervorgeht:

Dies ist fast das Doppelte jener 120 Gramm, die seit ein paar Tagen in der deutschen Kfz-Steuer als klimafreundlicher Schwellenwert verankert sind. So gesehen, ist der Slogan der Anzeige ganz passend:

Das ist der wahrhaftigste Audi-Werbespruch, den wir seit langem gesehen haben. Mehr Audi heißt mehr Kohlendioxid.