Monatsarchiv für Mai 2009

Total: Immer noch nicht schlauer

Mittwoch, den 27. Mai 2009

Der französische Ölkonzern Total stellt in halbseitigen Zeitungsannoncen eine Frage: „Könnte es sein, dass der Kampf gegen den Klimawandel und die Deckung des Energiebedarfs nicht voneinander zu trennen sind?“ Und überschreibt dies noch mit dem Slogan „Komplexe Aufgaben“. Hm, echt knifflige Frage. Oder?

Erste spontane Idee: Nö, eigentlich gar nicht. Spätestens 1990 mit dem ersten Bericht des Weltklimarats IPCC ist sie beantwortet. Die Senkung des Treibhausgas- Ausstoßes ist eine Existenzfrage – eigentlich dürfte nur noch höchstens so viel Energie verbraucht werden, wie gerade noch ohne Schäden fürs Klima erzeugt werden kann. Unser Tipp an Total: Vielleicht die Werbeagentur das nächste Mal besser briefen.

Zweite Idee: Total? War das nicht das Unternehmen, das 1999 einen rostigen Tanker namens „Erika“ gechartert hatte, über den italienischen Eigentümer Giuseppe Savaresi, der sich hinter liberianischen und panamaischen Briefkastenunternehmen versteckte? Genau, das war Total. Jener Konzern, der im Januar 2008 zur Höchststrafe verurteilt wurde, weil er – wie das Gericht feststellte – den Untergang der „Erika“ durch schwerwiegende Fehler mitverursacht hatte? Reparaturarbeiten am Öltanker wären damals unter der Vorgabe der Kostenminimierung vorgenommen worden. Das Unternehmen, das den Europäischen Gerichtshof im Juni 2008 zu einem Grundsatzurteil animierte, demzufolge Ölfirmen für die Auswahl ihrer Transportschiffe haftbar gemacht werden können? Als die „Erika“ am 12. Dezember 1999 vor der bretonischen Küste auseinanderbrach, liefen 30.000 Tonnen Öl aus, hunderte Kilometer Küste wurden verseucht, Zehntausende Seevögel verendeten. Genau, das ist Total. Für den Konzern war 1999 ansonsten übrigens ein prima Jahr. Es gab sensationelle Renditen, die Fusion mit Elf gelang und Vorstandschef Thierry Desmarest wurde zum „Manager des Jahres“ gewählt.

Dritte Idee: Gibt es eigentlich auch Preise für besonders dumme Anzeigenkampagnen? Das Kleingedruckte der Annonce ist so banal, dass es sich hier nichtmal zu diskutieren lohnt. Da werden die Worte „Nachhaltigkeit“, „Minimierung der Umweltbelastung“, „Verpflichtung“, „Erneuerbare Energien“ irgendwie zusammengerührt, Hauptsache es klingt gut. Und das Ganze ist ein Recycling einer Werbung aus dem Vorjahr. Einzig die Überschrift wurde verändert – früher stand dort „Gemeinsame Interessen“.

Schon im letzten Jahr hat Total in seiner Kampagne nur Fragen gestellt. Offenbar ist der Konzern den Antworten nicht einen einzigen Schritt nähergekommen.


Migros & Climatop: Besonders wenig ist relativ

Dienstag, den 26. Mai 2009

Damals, bei Oma und Opa gab’s irgendwann im Mai frisch gestochenen Spargel. Manchmal, wenn der Frühling ein besonders warmer war, sogar schon im April. Und an Johanni, dem 24. Juni, ist Schluss mit der Ernte.

Das ist lange her. Der moderne Mensch scheint es als großen Fortschritt anzusehen, Spargel auch zur Weihnachtsgans auf den Tisch bringen zu können. Spargel wird wie viele andere Agrarprodukte ganzjährig aus fernen Ländern eingeflogen, aus Neuseeland kommen sie, aus Afrika oder Südamerika. Der Schweizer Supermarktriese Migros macht nun Werbung für ein neues Gütesiegel namens „Climatop“. Produkte sollen damit gekennzeichnet werden, die „besonders tiefe CO2-Emissionen verursachen“. Und dieses Label klebt nun plötzlich auch auf Spargel aus Peru.

Wie das geht? Ganz einfach, wie die Pressemitteilung zum „climatop“-Spargel verrät: Das Siegel erhielten Produkte, die „einen wesentlich besseren CO2-Ausstoß als vergleichbare“ Waren hätten. Und, so die Argumentation zum Spargel aus Peru: Wenn dieser per Schiff statt mit dem Flugzeug komme, dann sänken die Klima-Emissionen auf ein Zehntel. Na bravo! Mit dem uralten rhetorischen Mittel des Vergleichs wird alles klein: Der Energieverbrauch eines Durchschnittseuropäers im Vergleich zu dem eines US-Amerikaners, der Spritdurst eines S-Klasse-Mercedes im Vergleich zum Militärauto Hummer, der Schaden durch Monokulturen auf Äckern im Vergleich zur Wüste Sahara – alles ist relativ.

Natürlich ist Schiffsspargel aus Peru weniger schädlich fürs Klima als eingeflogener. Auch gegenüber Spargel, der im Winter in aufwändig beheizten Gewächshäusern gezogen würde, ist er im Vorteil. Das alles ändert aber nichts daran, dass Spargel ein Saisongemüse ist. Wer im Frühsommer mit dem Fahrrad zum örtlichen Bauern fährt, hat die allerbeste Klimabilanz. Oma und Opa haben ganz automatisch das gegessen, was da war – und wenn es da war. Oma und Opa haben wahrscheinlich noch heute eine viel bessere Klimabilanz als so mancher aufgeklärte Konsument, der mit dem Auto zum Bioladen fährt und zweimal im Jahr in Urlaub fliegt. Spargel ebenso wie Erdbeeren und andere Produkte sollte man kaufen, wenn die Natur sie uns schenkt. Übrigens ist dann, nach langer Vorfreude, der Genuss auch größer!


Jetzt im Handel: Das Buch zum Blog

Montag, den 25. Mai 2009

Als der Klima-Lügendetektor Anfang 2008 startete, da gingen wir zwar davon aus, dass uns nie langweilig wird. Aber dass es dann so viele Fälle von Grünfärberei geben würde, dass es häufig sogar mehrmals pro Woche neuen Stoff für diesen Blog geben würde und wir oft gar nicht hinterherkämen mit dem Recherchieren und Schreiben – das war dann doch eine Überraschung.

Dass es irgendwann ein Buch zum Thema geben könnte, war gleich gar nicht geplant. Doch seit heute liegt es in den Buchläden: „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“ lautet der Titel. Auf 272 Seiten versammelt es aktualisierte, überarbeite und oft auch erweiterte Blogbeiträge, außerdem neue Artikel und einen gründlichen Text darüber, wie Grünfärberei funktioniert und warum sie ein Problem ist. Das Buch ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 8,95 Euro. 

Hier können Sie es gleich online bestellen.


Mercedes, VW & Co.: Einer blauer als der andere

Freitag, den 22. Mai 2009

Die neue Waffe im Werbekrieg der Autohersteller ist die Farbe Blau. Aber wie so oft werden dabei nur Scheingefechte geführt. Statt die Kunden mit nackten Zahlen zu beeindrucken (eben mit wirklich und deutlich sinkenden Verbrauchs- und CO2-Werten), werfen die Werbeabteilungen mit Kunstworten für schein-ökologische Fahrzeuge um sich. Die neue Trendfarbe ist ganz offensichtlich Blau. Wegen des blauen Planeten? Weil sauberes Wasser blau ist? Oder der Himmel? Wer weiß. Wie in der Werbung üblich muss es natürlich Englisch sein, weshalb dann „BlueMotion“ herauskommt (bei VW) oder „Blue Lion“ (Peugeot) oder „AdBlue“ (Aral).

Leider – oder zum Glück für die Werber? – versteht niemand die Begriffe. Was etwa soll „BlueMotion“ bedeuten? Blaue Bewegung? Klingt eigentlich nach gar nichts. Weil Volkswagen unter diesem Signum dicke Aufpreise verlangt, stimmt wohl eher, was Engländer hier verstehen würden: „traurige Bewegung“ – „blue“ bedeutet nämlich auch „bedrückt“ oder „traurig“ (wie in „Blues“). Für den Käufer ist es jedenfalls kein Vergnügen, wenn er viel Geld für für Banalitäten wie längere Getriebeübersetzung (also kleinere Rädchen im Getriebe) oder eine modifizierte Steuerungssoftware für den Anlasser bezahlen soll.

Die Verwirrung ist offensichtlich gewollt, denn sie verschleiert Defizite. VW etwa unterscheidet zwischen „BlueMotion“ und „Blue TDI“. Beim einen gibt’s weniger Verbrauch, beim anderen weniger Stickoxide in den Abgasen. Aber beides nicht serienmäßig, sondern gegen Aufpreis. Beim Passat etwa verkaufen die Wolfsburger beide Pakete in unterschiedlichen Modellvarianten. Beim „Blue TDI“ kriegt man fürs Geld wenigstens einen zugegeben aufwändig konstruierten Gegenwert mit Zusatztank und Spezialkatalysator. Beim „BlueMotion“ dagegen: Leichtlaufreifen, die längst in jedes Auto gehören, kosten ebenso ein Aufgeld wie die Tieferlegung, ein längerer fünfter Gang oder eine Schaltanzeige, die aus einem winzigen Pfeil im Cockpit und einer Software besteht.

Geradezu komisch wirkt bei genauer Betrachtung der Name des Hyundai-Brennstoffzellen-Konzeptfahrzeugs „i-Blue“ – als „eye blue“, also „Auge blau“ ließe sich das lesen. Ungekrönter Kaiser unter den Königen der scheinökologischen Verschleierungstaktik aber ist Mercedes: Von „BlueTec“ über „BlueTec Hybrid“ bis „BlueEfficiency“ ist alles zu haben. Doch trotz des Wortgeklingels belegt die Marke mit dem Stern beim Flottenverbrauch den letzten Platz der Premiumanbieter.

Die grundsätzliche Frage bleibt: Entweder sind die Autokonzerne davon überzeugt, mit ihren „blauen Baureihen“ die besseren Autos zu bauen – aber wieso kommen dann nicht alle Kunden in den Genuss der Vorteilstechnik? Warum werden dann Leichtbau und Downsizing, aerodynamische Verbesserungen und Optimierungen an den Motoren nicht Standard? Oder, und das ist ebenso wenig schmeichelhaft, es werden einfach nur umweltbewusstere Kunden abgezockt. Sogar der Sprachkritiker Wolf Schneider hat sich schon öffentlich über den Blautrend geärgert. „Ihren Wortmüll“, schrieb er kürzlich in der AutoBild, „sollen die Autohersteller für sich behalten.“


Jetzt wählen: Wer ist der größte Grünfärber?

Montag, den 18. Mai 2009

Was haben BP, Shell und Vattenfall gemeinsam? Sie sind weltweit führend bei der Produktion von Kohlendioxid. Sie sind erfahrene Grünfärberer (mit denen wir uns auch beschäftigen mussten). Und sie sind – gemeinsam mit dem Stahlkonzern ArcelorMittal, dem dänischen Staatskonzern Dong Energy und dem Ölriesen Repsol – Kandidaten für den „Climate Greenwash Award“.

Den Preis vergeben die dänischen Sektionen von Attac und Friends of the Earth gemeinsam mit dem lobbykritischen Brüsseler Verband Corporate Europe Observatory und anderen Organisationen. Anlass ist ein hochmögender „World Business Summit on Climate Change“, zu dem sich Al Gore, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und die Spitzen zahlreicher multinationaler Konzerne in Kopenhagen treffen. Man wolle „Empfehlungen vorbringen für das künftige Welt-Klimaabkommen“, heißt es offenherzig in der Einladung. Angesichts des bisherigen Verhaltens von BP, Dong, Shell, Vattenfall & Co. darf man das getrost als Drohung verstehen. Denn die vorgeschlagenen „Lösungen“ fürs Klimaproblem sind ziemlich bequem für die Firmen.

Freundliche Fernsehbilder und Medienberichte wird das Treffen den Unternehmen trotzdem bescheren – da wollen die Veranstalter des „Climate Greenwash Awards“ auf die dunklen Seiten der Klimabilanzen der Unternehmen hinweisen. Mit den sechs nominierten Firmen stünden einige der „empörendsten Beispiele für Klima-Grünfärberei“ zur Abstimmung.

Hier geht es zur – leider nur englisch- oder dänischsprachigen – Wahl-Website.


Debriv: Wenn Lobbyisten Lobbyisten zitieren…

Donnerstag, den 14. Mai 2009

Inzwischen ist die Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) fast schon mitleidserregend. Man lasse darin

zu Wort kommen, hatte die Kohlelobby eigentlich mal versprochen. Längst aber treten in der Werbung weder Unabhängige noch Experten auf – wahrscheinlich findet sich niemand mehr für diese platte Propaganda der Klimakiller-Branche. Jedenfalls ließ der Debriv diese Woche einen Lobbyistenkollegen auftreten, Maksymilian Klank, den Präsidenten des polnischen Steinkohleverbandes. Der ist, zumindest was den Kohlendioxid-Ausstoß von Kohlekraftwerken angeht, bemerkenswert ehrlich.

Schade, dass dieser Satz nicht zum Blickfang seines gesamten Beitrags wurde. Dafür wählten die Debriv-Werber lieber:

Dass der Chef des Steinkohleverbands und – laut offiziellem Lebenslauf - Vorstandsmitglied eines großen Bergbauzulieferers neue Kraftwerke will, ist nicht so wirklich überraschend. Aber offenbar folgt der Debriv einer alten PR-Strategie: Man zeige einen seriös wirkenden Herren in Anzug und Krawatte (ebenso geeignet sind Menschen in weißen Arztkitteln) und lasse ihn irgendetwas sagen. Das kann noch so verkehrt sein – wenn man es nur oft genug wiederholt, setzt es sich schon irgendwann fest in den Köpfen der Leute. Denn in Wahrheit haben die neuen Kohleblöcke, die hierzulande von den Konzernen derzeit gebaut oder geplant werden, zwar einen etwas niedrigeren CO2-Ausstoß als ihre Vorgänger aus den sechziger und siebziger Jahren – aber eben doch immer noch exorbitant hohe Werte.

Mit einer Grafik versucht die Annonce dann für diese Neuanlagen zu werben. Doch dies geht eher daneben: Schaut man sich das Bildchen auch nur etwas genauer an, zeigt  es bestechend, warum die ebenfalls von Herrn Klank (und dem Debriv) gepriesene CCS-Technologie der CO2-Abscheidung ein technologischer Rückschritt ist. Denn für diese (noch weit vom kommerziellen Einsatz entfernte) Technologie zeigt die Grafik rechts zwei kurze Balken, die einen niedrigen Treibhausgas-Ausstoß illustrieren sollen. Die Punkte im oberen Bereich der Grafik zeigen aber auch, was die teure und energieaufwändige CO2-Abscheidung für den Wirkungsgrad dieser „Wunderkraftwerke“ bedeutet: Sie werden ein Drittel schlechter sein als heutige Anlagen.

Würde man in diesem Bildchen mit einer roten Linie den Wert für die derzeit wirklich modernsten (fossilen) Kraftwerke eintragen, dann sähe die Grafik etwa so aus:

Blockheizkraftwerke (BHKW) auf Erdgasbasis nämlich, die flexibel und sauber zugleich Strom und Heizwärme erzeugen, stoßen (wenn man wie das Öko-Institut in einer Studie optimistische Annahmen wählt) pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität lediglich 49 Gramm Kohlendioxid aus – die Hälfte dessen, was die Kohlebranche für ihre vielleicht irgendwann einmal einsetzbaren CCS-Kraftwerke verspricht. Und raten Sie mal, wo in der Grafik man den Punkt setzen müsste für den Wirkungsgrad dieser Erdgas-BHKW? Richtig. Der wäre so weit oben (bei etwa 90 Prozent), dass er gar nicht auf das Bild passt.


Atomlobby: Ein vergiftetes Angebot

Dienstag, den 12. Mai 2009

Im schönen Dresden trifft sich ab heute das Deutsche Atomforum zu seiner Jahrestagung. Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu optimieren, hatte der Präsident dieses greenwashing-erfahrenen Lobbyverbandes, Walter Hohlefelder, das Manuskript seiner Eröffnungsansprache vorab an die Welt gegeben. Neben dem altbekannten Horrorszenario einer „Stromlücke“ enthielt sie diesmal auch etwas Interessantes: ein Angebot an die Erneuerbaren Energien zu etwas, das man in Zeiten des Kalten Krieges „Friedliche Koexistenz“ genannt hätte.

Man sei bereit, so Hohlfelder gespielt großzügig, einen „politischen Preis“ für die verlangten Laufzeitverlängerungen alter Reaktoren zu zahlen. Einen „Teil“ der daraus resultierenden Zusatzgewinne könne man beispielsweise in die Steigerung der Energieeffizienz oder den Ausbau der Erneuerbaren Energien stecken. „Wir hatten in den 70er und 80er Jahren ein politisch gewolltes enges Zusammenspiel, eine Allianz zwischen heimischer Kohle und Kernenergie“, zitierte die Welt aus dem Redemanuskript Hohlefelders: „Warum sollte dies heute auf der Basis des politischen Preises nicht auch zwischen Erneuerbaren, Effizienzanstrengungen und der Kernenergie möglich sein?“

Nun, die Frage lässt sich ganz einfach beantworten. Eine solche Allianz wird nicht möglich sein, weil Atomkraft und Erneuerbare Energien einfach nicht zueinander passen. Wenn künftig mehr und mehr Strom aus teilweise schwankungsanfälligen Alternativquellen stammt, muss zu deren Ergänzung ein flexibler Kraftwerkspark zur Verfügung stehen. Wenn also bei den Windrädern in Norddeutschland mal Flaute herrscht, müssen schnell andere Kraftwerke hochgefahren werden. Und das geht nun mal nicht mit den trägen Atomreaktoren, bei denen jedes An- und Abfahren hohe Kosten verursacht und Schnellabschaltungen sogar das Anlagenrisiko erhöhen. (Die üblichen Kohle-Großkraftwerke sind übrigens ebenfalls wenig geeignet.) Um einen steigendem Ökostrom-Anteil im Netz zu ermöglichen, müssten derzeit vor allem Erdgaskraftwerke gebaut werden, denn die lassen sich flexibel steuern. Vor allem muss die gesamte Erzeugungsstruktur dezentraler werden. Im übrigen haben selbst Experten des atomfreundlichen Bundeswirtschaftsministeriums vor einem Ausstieg aus dem Atomausstieg gewarnt: Wenn die Akw plötzlich länger laufen dürfen, würden viele Investoren ihre Erneuerbare-Energien-Projekte zurückstellen.

Das Echo auf Hohlefelders Vorschlag war entsprechend. Die Erneuerbare-Energie-Branche wies ihn zurück, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erkannte „Panikstimmung“ bei der Atomlobby. Die scheint tatsächlich ihre Felle davonschwimmen zu sehen und sieht sich deshalb offenbar genötigt, der einst offen bekämpften grünen Konkurrenz nun vergiftete Friedensangebote zu machen. Dabei weiß die Nuklearbranche selbst, dass Ökostrom und Atomkraftwerke inkompatibel sind: In Großbritannien drängten die Stromkonzerne Eon und EdF die Regierung kürzlich, das Ausbauziel für Erneuerbare Energien von 35 Prozent auf 25 Prozent zurückzunehmen, wie der Guardian berichtete. Andernfalls, das wissen die beiden Reaktorbauer, sind ihre schönen, hochprofitablen Akw gefährdet.


MVV Mannheim: Wärme kommt aus der Wand

Sonntag, den 10. Mai 2009

Fernwärme ist eine feine Sache. Vor allem in Städten mit dichter Bebauung lässt sich viel Kohlendioxid einsparen, wenn Heizenergie gemeinsam mit Elektrizität erzeugt wird. Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wird das Prinzip genannt, bei dem die im Brennstoff enthaltene Primärenergie besonders gut ausgenutzt wird.

Kein Wunder also, dass der Mannheimer Energieversorger MVV derzeit groß Werbung macht. In seinem Kundenmagazin und mit Flugblättern, aber auch in Zeitungsannoncen wie dieser im Stadtteil-Blättchen Neckarau-Almenhof-Nachrichten stellt sich das größte börsennotierte Stadtwerk Deutschlands als Lieferant ökologischer Heizenergie dar. Auf der Firmenhomepage wird neben geringen Kosten, Wartungsfreundlichkeit und Komfort als Vorteil genannt:

Falsch ist das nicht. Doch es fällt auf, dass nirgends in dem wirklich umfangreichen Infoangebot der MVV mit einem Wörtchen erwähnt wird, woher die angepriesene Wärme eigentlich kommt. Genau dies ist natürlich entscheidend für die Klimabilanz von Fernwärme. Denn Heizenergie aus einem Kohlekraftwerk, in dem außer Wärme auch Strom erzeugt wird, verursacht natürlich weniger Kohlendioxid, als wenn die dreckige Kohle ausschließlich zum Heizen verbrannt würde. Doch deutlich klimaschonender ist es, statt Kohle Erdgas zu verbrennen. Betreibt man KWK-Anlagen mit Biogas, wird sogar fast CO2-neutrale Energie erzeugt. Durch geschicktes Formulieren erweckt die MVV in ihrem Infomaterial den Eindruck, ihre Fernwärme sei eine Erneuerbare Energie.

Anruf beim Pressesprecher der MVV Energie AG. Er weist den Vorwurf zurück, man verheimliche irgendetwas. In Mannheim kenne schließlich jeder das kohlebefeuerte Großkraftwerk GKM – deshalb müsse man niemandem erklären, woher die Fernwärme kommt. In diesem Kraftwerk will die MVV einen neuen Block 9 bauen, wogegen es massive Proteste gibt. Wortreich verteidigt der Sprecher die Charakterisierung der Fernwärme als klimaschonend, der CO2-Ausstoß „eigentlich null“. Denn, so erklärt er, man lege die Gesamtemissionen an Kohlendioxid (im neuen Block 9 schätzungsweise vier Millionen Tonnen pro Jahr) vollständig auf die erzeugte Elektrizität um und weise entsprechende Zahlen in der gesetzlichen Stromkennzeichnung aus. Klar, da bleibt dann – rechnerisch – eine Emission von null für die Wärme. Das sei, betont der MVV-Sprecher, im Einklang mit „gesetzlichen und politischen Definitionen“.

In Berlin hat der Energiekonzern Vattenfall nach heftigem Gegenwind kürzlich Pläne für ein neues Kohlekraftwerk ad acta gelegt und angekündigt, Strom und Fernwärme stattdessen aus Erdgas und Biomasse zu gewinnen. Im Prinzip, räumt der Sprecher ein, ginge das auch in Mannheim. Selbstverständlich könnte man beispielsweise Geothermie-Anlagen errichten und auf dezentrale Wärme- und Stromversorgung setzen. Das wäre aber teurer als ein Kohlekraftwerk, behauptet er. Vor allem wäre es wohl weniger profitabel für die MVV.

Danke an Daniel B. aus Mannheim für den Hinweis


Hafengeburtstag: Schweiz greift Hamburg an!

Freitag, den 8. Mai 2009

Hamburg feiert an diesem Wochenende den 820. Hafengeburtstag – wie immer mit viel Brimborium, und Partnerland ist diesmal die Schweiz. Womöglich in Ermangelung schöner Segelschiffe, mit denen das Binnenland die Einlaufparade hätte bereichern können, schickten die Eidgenossen die Düsenjägerstaffel Patrouille Suisse in den hohen Norden. Am Nachmittag mussten die Besucher des Volksfests sowie Tausende Anwohner ungefragt eine gespenstische Flugschau über sich ergehen lassen: Sechs Kampfjets des Typs Northrop F-5 Tiger II (im Foto vor dem Matterhorn) kreisten eine Viertelstunde lang mit ohrenbetäubendem Lärm über Elbe und Innenstadt. Wer dachte, seit der Flugkatastrophe von Ramstein sei so etwas in Deutschland undenkbar, wurde eines Besseren belehrt.

Wie absurd. Die schwarz-grün regierte Hansestadt, die „grüne Hauptstadt Europas“ werden möchte, lässt ein anachronistisches, gefährliches Militär-Spektakel über ihrem Gebiet zu. „Schrecklich, da werden natürlich Erinnerungen wach“, sagte eine ältere Dame, die an einer Bushaltestelle wartete. „Ich zittere richtig“. Bis Sonntag sollen die Düsenjäger insgesamt sechsmal starten.

Eine grobe Überschlagsrechnung ergibt, dass die sechs Flugzeuge (Tank-Fassungsvermögen: 2563 Liter) bei ihren Hamburger Flugdarbietungen inklusive Hin- und Rückflug nach Bern rund 20.000 Liter Treibstoff verbrauchen und damit rund 46 Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Wie schön, dass die Schweiz beim Hafengeburtstag unter dem Motto „Von Hei-di bis Hi-Tech“ auch ein Solar-Boot zeigt – und eine deutsch-schweizer Expertenrunde über das Thema „moderne Umwelt- und nachhaltige Verkehrspolitik“ diskutiert.


ARD Plusminus: Lautsprecher der Autolobby

Mittwoch, den 6. Mai 2009

Arme deutsche Industrie! Auch ihr oberster Lobbyist, Matthias Wissmann, kann einem echt leidtun. Nie darf der Vorsitzende des Verbands der deutschen Autoindustrie (VDA) sich äußern, ohne Kritik zu ernten. Alle hacken auf ihm rum. Greenpeace macht böse Kampagnen. Und in Berlin werden insbesondere die guten, deutschen Limousinen nachts abgefackelt. Zwar hat Greenpeace mit den vermutlich linksautonomen Brandstiftern nichts zu tun – aber beides ist echt voll gemein, oder?

Im ARD-Magazin „Plusminus“ widerfuhr Audi, BMW, Mercedes & Co. gestern abend endlich einmal Gerechtigkeit. „Feindbild: Luxusklasse-Autos“, war der Titel des fünfeinhalb Minuten langen Beitrags. Einer der Autoren war übrigens Sebastian Hanisch, Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, der uns schon im letzten Jahr mit einem Propagandastück für die Kohlelobby aufgefallen war. Blöd nur, dass auch diesmal wieder einiges verkehrt war an dem Beitrag – und an den Aussagen des Ex-Verkehrsministers Wissmann sowieso.

Die bedauernswerten deutschen Hersteller müssten den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer Neuwagen-Flotten auf Druck der EU auf 120 Gramm pro Kilometer senken, heißt es in dem Beitrag. Falsch. Auf massiven Druck der deutschen Autolobby wurden gewichtsabhängige Grenzwerte erlassen – für die deutschen Hersteller mit ihren überschweren Autos liegen sie deshalb teils deutlich über den bejammerten 120 Gramm.

Zutreffend weist Plusminus darauf hin, dass von der umweltpolitisch zweifelhaften Abwrackprämie am stärksten die Hersteller von Kleinwagen profitieren. Was völlig unterschlagen wird: Durch das Dienstwagenprivileg werden teure deutsche Oberklasse-Limousinen mit hunderten Millionen von Euro subventioniert – auch lange nach Ablauf der einmaligen „Umweltprämie“.

Die ARD-Journalisten machen sich Wissmanns These zu eigen, dass in Deutschland (wegen hoher Lohnkosten) keine Kleinwagen gebaut werden können. Doch das widerlegen Opel mit dem Corsa und Ford mit Fiesta und Fusion. Auch vielverkaufte und relativ teure Kompaktwagen wie VW Golf oder die 1er BMW werden profitabel in Bayern, Sachsen oder Niedersachsen montiert.

Der Hinweis auf den Umzug der Produktion kleiner Autos in die Slowakei ist pure Heuchelei. Die deutschen Geländewagen von Audi Q7 über Porsche Cayenne bis VW Touareg laufen ebenfalls dort vom Band. Auch die Klimaschweine Mercedes ML und BMW X5 werden nicht in Deutschland gebaut. Luxusautos erhalten also keineswegs Arbeitsplätze zwischen Rhein und Neiße.

Selbst die immer gleiche Mär von Innovationen, die nur über die Oberklasse bis zum Kleinwagen finden, wird durch Wiederholung nicht wahrer. Ein paar Beispiele für die umgekehrte Entwicklungsrichtung: Fiat hat die Common-Rail-Einspritzung für den Diesel erfunden, die inzwischen von Mercedes in der S-Klasse übernommen wurde. Frontantrieb und Quermotor gab es zuerst im britischen Mini. Die Heckklappe, heute selbstverständlich, wurde im französischen Renault 16 geboren. Und ein Hybridauto wird nur von Kunden der Luxusklasse bezahlt? Toyota Prius und Honda Insight beweisen das Gegenteil. Wenn nächstes Jahr der japanische Mitsubishi iMiEV kommt, ist es übrigens wieder ein Kleinwagen und wieder einer aus dem Ausland, der als Erster vollelektrisch fährt.

Besonders kritikwürdig ist die Rolle des ersten Programms der ARD. Dass es der Bayerische Rundfunk aus dem Mutterland von Audi und BMW ist, der diesen Plusminus-Beitrag produzierte, dürfte kein Zufall sein. Nach der penetranten Autoschleichwerbung in den Tatort-Krimis des benachbarten SWR (Sitz von Mercedes und Porsche) wollte man offenbar nicht hintenanstehen. Die Leidtragenden könnten die Arbeiter in der Produktion sein: Wenn die Innovationskraft von Audi, BMW, Mercedes & Co. in Sachen Klimaschutz weiter so schwach bleibt, werden davon mehr Arbeitsplätze vernichtet als von jeder Finanzkrise.

P.S.: Auf unserem Lügendetektor, übrigens, kriegen alle Autohersteller ihr Fett weg, nicht nur die von Luxuskarossen.