Monatsarchiv für September 2015

EnBW: Die nicht geschaltete Anzeige

Mittwoch, den 30. September 2015

Das war für die „Energie Baden-Württemberg AG“ eine großartige Woche: Deutschlands drittgrößter Strom-Konzern mit Sitz in Karlsruhe schaltete am vergangenen Freitag folgende Annonce – unter anderem in der weitestgehend Großanzeigen-freien taz:

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Es geht um den zweiten Offshore-Windpark, den die „Energie Baden-Württemberg AG“ betreibt. Seit Mai 2011 drehen sich 16 Kilometer vor der Küste der Ostsee-Halbinsel Darß 21 EnBW-Windkraftwerke. Der Windpark „Baltic 1″ besitzt eine Leistung von maximal 48,3 Megawatt – ein Offshore-Windparkchen sozusagen.

Aber nun ist ja in der vergangenen Woche „Baltic 2″ ans Netz gegangen, 80 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 288 Megawatt arbeiten jetzt gleich neben „Baltic 1″. EnBW ist damit in der Liga der großen Windkraft-Produzenten auf dem Meer angekommen:

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Toll, toll, toll!

Komisch nur, dass der zweite ganz große Höhepunkt der „Energie Baden-Württemberg AG“ in der vergangenen Woche überhaupt nicht gefeiert wurde. Keine Pressemeldung, kein Artikel in der Firmenzeitung, kein großer Bahnhof. Ist EnBW der Höhepunkt womöglich peinlich?

Der Lügendetektor hat mal recherchiert, wie die Anzeige zum anderen großen Event aussehen sollte:

Klima-Rotzpaket

EnBW hat in der vergangenen Woche nämlich nicht nur 288 Megawatt Windkraft-Leistung in Betrieb genommen, sondern auch das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. In Mannheim ging Block 9 mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt ans Netz – mehr als dreimal so viel wie die Windkraftleistung auf der Ostsee.

Und anders als die Windräder muss der Kohleblock mindestens 40 Jahre lang laufen, um die Investitionssumme – 1,3 Milliarden Euro – wieder einzuspielen. „Unser Block 9 wird auch noch nach 2050 am Netz sein und Versorgungssicherheit garantieren. Auf mindestens 40 Jahre Laufzeit ist die Anlage ausgelegt“, erklärt GKM-Vorstand Markus Binder. Und man kann es nicht fassen, dass verantwortliche Wirtschaftsmanager solchen realitätsfernen Quatsch offenbar tatsächlich noch glauben.

EnBW besitzt 32 Prozent am Kraftwerk, „eines der effizientesten Steinkohlekraftwerke Europas“, wie es auf den Seiten derEnergie Baden-Württemberg AG“ heißt. Weshalb die EnBW-Willensbekundung „Wir glauben an die Kraft des Windes“ wie folgt korrigiert werden muss:

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Wir danken Adrian T. aus Berlin für den Hinweis


In eigener Sache: Ein Tag zu Greenwashing

Sonntag, den 27. September 2015

Eine dolle Nachricht ist es, die das Magazin hier (Untertitel: „Das Nachbarschaftsmagazin von RWE Power“) meldet. Auf Seite 5 der Ausgabe 2/2015 wird über die Gründung einer neuen „Bürgerinitiative“ berichtet, ihr Name: „Unser Revier – unsere Zukunft – An Rur und Erft“.

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Die Gruppe „versteht sich als ‚Allianz für Realismus und Sachlichkeit‘ in der Energiepolitik“, ist dort zu lesen. „Konstruktiv und kreativ“ wolle man sich „in die gesellschaftspolitische Diskussion um die Zukunft der Braunkohle und des Reviers einbringen“. Auf dem zugehörigen Foto sind sieben Herren zu sehen, die meisten schon etwas älter und in Jackett. Sie halten Schilder, auf denen zum Beispiel steht: „Kohle sichert Existenzen“. Es geht hier nämlich um eine Pro-Braunkohle-Initiative.

hier

Das Magazin hier und diese „Bürgerinitiative“ kamen am Samstag auf einer Tagung an der Berliner Humboldt-Universität zur Sprache. Veranstaltet von Lobbycontrol, Robin Wood und unserem Mutterportal klimaretter.info im Rahmen der Linken Medienakademie (LiMA), ging es darum, wie Konzerne gesellschaftlichen Protest zu „managen“ versuchen, um unbequemer Kritik an ihrer Unternehmenspolitik die Spitze zu nehmen. Grünfärberei, wie sie uns auf diesem Blog seit 2008 beschäftigt, ist dabei eine Strategie. Die Gründung von Tarninitiativen (im Englischen „Astroturfing“ genannt) eine weitere.

Einen Tag lang wurden offene oder verdeckte Konzernstrategien beleuchtet – aber auch mögliche Reaktionsmöglichkeiten von Medien, Zivilgesellschaft und NGOs. Insgesamt gab es fast 20 Vorträge, Diskussionsrunden und Workshops. So schilderte Kollege Christian Fuchs vom Investigativressort der Zeit seine Recherchen über Tarn-Bürgerinitiativen (zum Beispiel die Pro-Atom-Truppe „Bürger für Technik“). Lobbycontrol stellte einige der wichtigsten PR-Agenturen in diesem Feld vor (etwa Burson Marsteller oder Ketchum Pleon). Evelyne Lubbers von Spinwatch berichtete, wie (vor allem in Großbritannien) Umweltgruppen im Auftrag von Unternehmen unterwandert und ausspioniert werden. Es wurde darüber diskutiert, wie man mit Kohlebefürwortern umgeht oder mit Leugnern des Klimawandels, ob sich (echte) Bürgerinitiativen auf „Dialog“-Angebote von Unternehmen einlassen sollten wie etwa beim Großprojekt Stuttgart 21. Und, und, und.

Zurück zur Pro-Braunkohle-Initiative, die bei uns im Juni bereits Thema war. An ihrem Beispiel demonstrierte Ulrich Müller von Lobbycontrol, wie man Tarnorganisationen auf die Spur kommt. Man sollte sich Jahresberichte (soweit existent) ansehen, Geldflüsse erkunden oder schauen, ob verwendete Kontaktadressen oder Telefonnummern schon mal anderweitig aufgetaucht sind. Oder man kann sich die beteiligten Personen anschauen. Und da fällt dann bei „Unser Revier – unsere Zukunft“ gleich ein RWE-Betriebsrat auf. Und ein zweites Vorstandsmitglied war für Müller sogar ein alter Bekannter: Thomas Mock, Mitarbeiter eines großen Aluminiumkonzerns, und schon vor Jahren in einer Anti-Windkraft-Gruppe namens „Bundesverband Landschaftsschutz“ aktiv, der enge Verbindungen zur Industrie vorgeworfen wurden. Zur Erklärung heißt es von solchen Personen, das Engagement sei natürlich streng privat und werde aus eigener Tasche finanziert.

Mitschnitte einiger Vorträge gibt es hier, außerdem ist ein Tagungsband geplant.


VW: Nachhaltiger Betrug

Montag, den 21. September 2015

In der aktuellen Ausgabe des Spiegels findet sich auf Seite 9 folgende Anzeige:

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Es geht um den neuen VW Passat. Und um einen Witz.

Passend zur Anzeige hatte der Konzern – Motto: „Das Auto“ – nämlich am Wochenende bekannt gegeben, dass er lügt und betrügt. Manipulierte Abgaswerte in den USA: Die Wolfsburger Autobauer mussten eingestehen, dass sie ihre Messtechnik so programmiert hatten, dass die Abgaskontrollen beim normalen Fahren ausgeschaltet und bei Abgastests angeschaltet sind. Ergebnis: „Das Auto“ produziert viel mehr Dreck, als draufsteht.

Zurück zum Witz: In der Anzeige publiziert VW folgende Zahlen

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Donnerwetter.
Das Zero-Emissions-Fahrzeug schafft 50 Kilometer!
50 von 1.000 Kilometern!!
Also sagenhafte 5 Prozent!!!
Klar, dass ein solch technologischer Durchbruch beworben werden muss!!!!!

Denn schließlich handelt es sich bei VW ja auch um den „nachhaltigsten Automobilkonzern der Welt“ !!!!!!!!!!!!!!!!!!

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Um den „nachhaltigsten Lügenkonzern der Welt“: Volkswagen ist hochoffiziell des Betruges überführt. „Das Auto“ emittiert in seiner Diesel-Ausgabe 40-mal mehr Stickoxide als in den USA zugelassen. Um das zu verschleiern, hat der Konzern schwer betrogen.

Im Klartext: Die Anzeige im Spiegel ist nicht nur peinlich, weil sie etwas als technologischen Fortschritt hochjubelt, das VW lieber beschweigen sollte. 5 Prozent elektrisch nach 1.000 fossilen Kilometern sind ein absoluter Witz in Zeiten des erklärten Klimaschutzes. Der Anzeige im Spiegel können wir auch nicht mehr glauben: Notfalls biegt sich VW auch noch die 5 Prozent zurecht.

Noch ist nicht abzusehen, ob sich die Konzernleitung im Sattel halten kann. Sicher ist aber, dass der Schaden „nachhaltig“ sein wird (an dieser Stelle können wir getrost auf Ausrufezeichen verzichten).

Danke an Kristina H. aus Berlin für den Hinweis


RWE: Um Fangesänge buhlen

Donnerstag, den 17. September 2015

Cicerodas „Magazin für politische Kultur“ – verkauft sich jeden Monat knapp 84.000 Mal. „Die große Illusion“ heißt die Titelstory im Septemberheft, auf Seite 13 findet sich folgende Anzeige:

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Strom aus Fangesängen?

Oje! Stellen Sie sich bloß mal vor, die DY-NA-MOOOO-Fans aus Dresden bringen Ihre Nachttischlampe zum Erleuchten (Gute Nacht dann auch!). Die Ewigloser aus Stuttgart liefern den Computerstrom, mit dem Sie Ihre Bewerbung schreiben wollen (Viel Erfolg!). Oder stellen Sie sich die randalierenden Kölner Fans vor, die Ihnen Ihren Feierabendstrom liefern (Viel Entspannung!).

Strom aus Fangesängen – wer will das schon?

Aber im Kleingedruckten der Anzeige heißt es ja ohnehin, dass das heute kaum vorstellbar ist. Also eine „große Illusion“:

rwe-kleinGeschaltet hat diese Anzeige die RWE-Stiftung, die mit 60 Millionen Euro Stiftungskapital ausgestattet ist. Stiftungszweck ist die „Förderung der Umwelt und des Naturschutzes durch Transformation der europäischen Energiesysteme“, was ziemlich schwulstig klingt, in unseren freien Übersetzung aber so viel bedeuten könnte wie: „Weg von der Kohle ist gut für Natur und Mensch.“

Die Stiftung hat in diesem Jahr schon sieben Mal eine Pressemeldung verschickt. Im Januar zum Beispiel, als der Performer Stefano Cagol versuchte, Energie ein Gesicht zu geben. Im April etwa, als die Stiftung „kostenlosen Kunststrom für eine Nacht“ zur Verfügung stellte. Oder im Juni, als Stipendien für Künstler vergeben wurden, „die sich mit dem Thema Energie beschäftigen“.

Wir wissen natürlich nicht, ob die Fußball-Fan-Strom-Idee aus der Feder eines jener Künstler stammt, die von RWE jetzt bezahlt werden. Aber „gemeinsam mit unseren Partnern“ „Plattform für den Dialog und neue Lösungen“ zu sein, das finden wir natürlich extrem löblich und besonders gut.

Hier deshalb unsere Vorschläge:

1. Wo sich die Energiewelt doch so rasant ändert: Holzweiler, Beverath, Unterwestrich und Kuckum werden also doch nicht abgebaggert, stattdessen läuft der Braunkohletagebau Garzweiler in zehn Jahren aus? Das ist zwar nicht „rasant“, wie von der RWE-Stiftung postuliert, aber natürlich braucht – Zitat Stiftung – „unsere Gesellschaft“ im Rheinischen Braunkohlerevier „Bildung, Innovation und Akzeptanz“, um den Strukturwandel zu meistern.

2. A propos „Innovation und Akzeptanz“: Das Kohlekraftwerk Eemshaven an der niederländischen Nordsee, gegen das so viele Anwohner und Umweltschützer wegen Akzeptanz-Problemen geklagt hatten und das RWE nun trotzdem ans Netz nimmt – das ist jetzt wirklich das letzte seiner Dinosaurier-Technologie-Art? Die Energiewelt – Zitat – ändert sich schließlich!

3. Die „Herausforderung von heute“ als – wir dürfen noch einmal zitieren – „die Chance von morgen“: Sie halten sich diesmal auch ganz ehrlich und versprochen und endgültig und jetzt wirklich an den Ausstieg aus der Atomenergie, weil die in Deutschland einfach keiner mehr haben will? Sie schießen nicht schon wieder quer, wie beim Dauerfeuer nach dem Atomkonsens des Jahres 2000?

4. Und wir können – liebe Partner – auch gaaanz sicher sein, dass ihr so gut wirtschaftet, damit es diesmal nicht zur „alten Lösung“ kommt: Die Atomprofite sacken „wir von RWE“ ein, auf den Rückbaukosten der Reaktoren bleibt die Allgemeinheit sitzen?

Falls Ihr uns nicht enttäuscht, sind Fangesänge garantiert. Und die liefern bestimmt sauberehrlicheren Strom als die Fangesänge aus den Fußballstadien.

Aber wetten? Das ist bloß eine – diesmal stammt das Zitat nicht von der RWE-Stiftung, sondern von Cicero – „eine große Illusion“.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Axel Bojanowski: Wissenslücke bei Spiegel Online

Dienstag, den 8. September 2015

Wir geben zu, wir könnten befangen sein. Denn Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski war schon mehrfach Thema hier auf dem Blog. Sein neuer Text befasst sich mit Wissenschaftskommunikation und Umweltjournalismus – genauer: mit den Fehlern der Zunft – und die von Spiegel Online gebastelte Grafik bezichtigt die Kolleginnen und Kollegen unserer Mutter-Website klimaretter.info „aggressiver Umweltagitation“.

Wir könnten also befangen sein. Deshalb versucht der Klima-Lügendetektor diesmal so nüchtern wie möglich zu bleiben. Es geht um diesen Text:

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Thema sind – kurz gesagt – die Unsicherheiten in der Klimaforschung, also Grenzen der Erkenntnis beziehungsweise der Verlässlichkeit von Erkenntnissen. Für die Wissenschaft generell ist das etwas ganz Alltägliches. Es ist geradezu ein Erkennungsmerkmal seriöser (Klima-)Studien, dass sie Unsicherheitsmargen und Konfidenzintervalle angeben. Aber genauso natürlich haben Medien oder Politik ihre Schwierigkeiten, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. Wenn man sie wiedergibt, wird der Text spröde, die Politikerrede weniger knallig. Andererseits wird von klimawissenschaftlichen Erkenntnissen oft ein Grad von Verlässlichkeit verlangt, der viel größer ist als in anderen Disziplinen. In der Steuerpolitik beispielsweise werden weitreichende politische Entscheidungen getroffen, ohne dass die beratenden Ökonomen ihre Thesen auch nur annähernd so gründlich belegen müssen wie Klimaforscher. Ups, war das jetzt schon „aggressive Umweltagitation“?

Wir wollten nüchtern bleiben. Die Grundbotschaft des Textes ist (so verstehen wir sie jedenfalls), Klimaforscher würden allzu oft übertreiben. Als Einstieg wählt Bojanowski den Hurrikan Katrina 2005 und dass er von Wissenschaftlern in angeblich übertriebenem Maße auf den Klimawandel zurückgeführt worden sei, „voreilig“ habe etwa der IPCC dies getan.

Im Anschluss schreibt Bojanowski dann, Journalisten würden Erkenntnisse der Forschung oft verzerrt darstellen. Er verweist auf eine Untersuchung englischsprachiger Medien, derzufolge nur ein Siebtel der untersuchten Berichte die wohlüberlegten Abstufungen bei der Verlässlichkeit wiedergegeben hat, mit denen der IPCC seine Aussagen üblicherweise versieht – in der Tat ein spannender Befund.

Dabei zählt Bojanowskis Text selbst zu den mangelhaften sechs Siebteln. Denn just ein paar Zeilen vorher schrieb er über die Wissenschaftskontroverse zum Einfluss der Erderwärmung auf Hurrikane:

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Oh, der Weltklimarat überging die Einwände? Schlagen wir doch schnell mal die entsprechende Passage des 2007er IPCC-Reports nach, die Bojanowski im übrigen selbst verlinkt – also offenbar auch gelesen – hat. In der entsprechenden Tabelle steht dort zu tropischen Zyklonen (zu denen Hurrikans gehören) gleich dreimal das Wort „likely“ – „wahrscheinlich“.

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Genau genommen hat also der IPCC nicht „eine Zunahme“ der Intensität von Hurrikanen „diagnostiziert“, sondern eine wahrscheinliche Zunahme. In anderen Texten könnte man das vielleicht als Lappalie abtun, aber in einem Artikel zu übertriebenen Warnungen der Forschung? Von einem Autor, der just in diesem Artikel eine Studie zitiert, dass Journalisten die Aussagen des IPCC oft zu holzschnittartig wiedergeben?

So zurückhaltend wie möglich formuliert: Was wäre von Bojanowskis Vorwurf an den IPCC geblieben, er sei in Sachen Hurrikanintensität „voreilig“ gewesen, wenn der Artikel korrekt referiert hätte, dass der IPCC von einer „wahrscheinlichen“ Zunahme der Intensität gesprochen hat?

Leider kein Einzelfall journalistischer Sorgfaltspflicht-Verletzung. Zweites Beispiel: Der Konsens unter Klimaforschern über die Hauptursache des Klimawandels (nämlich menschliche Einflüsse) werde übertrieben, schreibt der Spiegel-Online-Redakteur. Der Konsens sei in Wahrheit gar nicht so groß, so Bojanowski, und verweist auf eine „überraschende Umfrage“ unter Klimaforschern.

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Schaut man sich hier die Originalquelle genauer an, stößt man auf Seite 8 der Studie auf dieses Diagramm:

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Bojanowski hat offenbar die drei oberen Zeilen addiert, also jene Antwortenden, die menschliche Treibhausgasemissionen zu mehr als 50 Prozent für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich machen – das Ergebnis sind 65,9 Prozent. Aber bedeutet dies tatsächlich, dass „gut ein Drittel“ der Forscher „den Anteil menschengemachter Treibhausgase an der Klimaerwärmung als untergeordnet einschätzt“?

Immerhin zehn Prozent der Befragten (drittletzte Zeile des Diagramms) hatten geantwortet, der Anteil sei „unbekannt“. Streng genommen ist dies eine sehr richtige Antwort – denn ganz genau kann die Klimaforschung ja den menschlichen Anteil tatsächlich bis heute (und wahrscheinlich niemals) beziffern. Ebenso korrekt (und Forscher bemühen sich häufig bekanntlich sehr um Korrektheit) ist die Antwort „Weiß ich nicht“ – denn der einzelne Befragte weiß es ja tatsächlich nicht.

Wer aus der Studie den Anteil der Befragten herausfiltern will, die „den Anteil menschengemachter Treibhausgase an der Klimaerwärmung als untergeordnet einschätzen“ – sollte der nicht lieber die Werte für „26–50 %“ und „0–25 %“ addieren? Vielleicht noch die Zeile „weniger als 0 %“ hinzunehmen und „Es gibt keine Erwärmung“? Was wäre dann das Ergebnis? Genau, 12,3 Prozent – nicht „gut ein Drittel“. Andere Studien auf breiterer Basis kommen übrigens zu höheren Konsensraten. Und nebenbei bemerkt: Wie in anderen Studien zeigt sich auch in der von Bojanowski zitierten Untersuchung, dass Forscher mit wenigen Fachveröffentlichungen, die also weniger gut im Stoff stehen, geringe Anteile des Menschen an der Klimaerwärmung annehmen.

Also, weil wir befangen sein könnten und nüchtern bleiben wollen, enthalten wir uns jeder Bewertung. Nur vielleicht dann doch noch dieser Hinweis an den Rechercheur Axel Bojanowski: Das in der Grafik zu seinem Text als Wir Klimaretter bezeichnete Online-Magazin trägt schon seit fünf Jahren den Namen klimaretter.info.

PS: Axel Bojanowskis hat seinen Ursprungstext mittlerweile mit einer Korrektur versehen.

Aber – trotz wiederholter Fehler – nur mit einer.

Danke für den Hinweis an Katrin R. aus Berlin, Hubertus G. aus Sebnitz, Daniela B. aus München, Jens W. aus Toronto und andere