Monatsarchiv für Januar 2014

Bild: Keine fünf Wahrheiten über Energiekosten

Freitag, den 31. Januar 2014

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild „Wahrheiten“ ankündigt.

Mit exakt diesen Worten begann vor fünfeinhalb Jahren ein Klima-Lügendetektor. Sie werden es nicht glauben, heute passt genau derselbe Einstieg genauso. Denn heute heißt es auf Seite 1 der Bild:

Ausriss mit Zitat: "Strom wird noch teurer! Bild-APO-Anfrage enthüllt 5 bittere Wahrheiten über die Energiekosten"

Im Juli 2008 verbreitete das Springer-Blatt Pro-Atom-Propaganda als „Wahrheit“, fünfeinhalb Jahre später kommt mit der gleichen Masche (und zum wiederholten Male) eine Breitseite gegen die erneuerbaren Energien. Fünf „Wahrheiten über die Energiekosten“ kündigt Bild in schreienden Lettern an. „Es ist bitter“, beginnt der Artikel auf Seite 1. Aber was dann auf Seite 2 folgt, ist alles andere als wahr und deshalb wirklich bitter.

Grundlage des Textes von Fritz Esser und Dirk Hoeren sind offenbar Daten aus dem neuerdings SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium. Die zeigen angeblich, dass „bei der Energiewende … in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer“ ist. Doch bei genauer Betrachtung sind die präsentierten Zahlen ein kruder Mix zur tendenziösen Stimmungsmache.

Die angebliche „Wahrheit“ Nr. 2 zum Beispiel ist:

Ausriss mit Zitat: "An der Strombörse ist der Strompreis wegen des Überangebots an Öko-Energie in den letzten zwei Jahren von 5,11 Cent/kWh auf 3,8 Cent gesunken – minus 25,6 %! Trotzdem zahlen die Verbraucher mehr, weil die Umlagen für Ökostrom rasant steigen, von 2010 bis 2012 im Schnitt von 6,01 auf 10,09 Euro/Monat je Haushalt (plus 67,9 Prozent!)."

Gucken wir uns das mal ganz genau an. Der erste Satz ist wahr. In der Tat ist der Strompreis dank der Energiewende deutlich gesunken. Der erste Halbsatz des zweiten Satzes stimmt auch: „Trotzdem zahlen die Verbraucher mehr“ – so ist es. Aber dann folgt der rhetorische Trick, wenn es heißt: „… weil die Umlagen für Ökostrom rasant steigen“.

Der Fakt an sich ist korrekt, doch das „weil“ ist falsch, zumindest solange es nicht durch ein „auch“ ergänzt wird. In Wahrheit müsste der Satz lauten: „Trotzdem zahlen Verbraucher mehr, auch weil die Umlagen für Ökostrom rasant gestiegen sind.“ Der Anstieg der Ökostrom-Umlage ist nämlich nicht der alleinige Grund für den Anstieg der Verbraucherpreise. Ebenso verantwortlich ist der Fakt, dass viele Stromversorger die gesunkenen Börsenpreise nicht an die Verbraucher weitergeben. Doch davon findet sich kein Wort in Bild, vielleicht weil es ablenken würde vom Bashing der Energiewende und den Blick richten würde auf das Profitstreben der Stromkonzerne.

Dasselbe Muster bei „Wahrheit“ Nr. 4:

Ausriss mit Zitat: "Solaranlagen auf Dächern von Privathäusern haben im vergangenen Jahr nur an 3540 Stunden Strom geliefert. 240 Stunden weniger als im Vorjahr. Die Zahlungen an die Betreiber der Solaranlagen stiegen aber von 2010 bis 2013 von 4,3 auf 7,7 Milliarden Euro (plus 79,1 Prozent!), weil immer mehr Hausbesitzer ihre Dächer mit Solaranlagen zupflastern."

Wieder werden hier Zahlen kombiniert, die direkt nichts miteinander zu tun haben – aber eine Suggestivkraft entfalten. Sätze 1 und 2 sagen etwas über die Betriebsstunden von Solaranlagen auf Privatdächern (wir haben die Zahl nicht überprüft, sondern nehmen zugunsten von Bild mal an, dass sie korrekt sind). Die Zahlen in Satz 3 sind mit den vorherigen durch das Wort „aber“ verknüpft. Nur hat der Anstieg der Ausgaben für Solarstrom nichts damit zu tun, dass die Zahl der Betriebsstunden gesunken ist. Die Hauptursache ist, dass zwischen 2010 und 2013 viele neue Anlagen installiert wurden (was die Bild im Nachsatz dann ja auch auflöst). Wie gesagt, die Zahlen in diesem Absatz mögen korrekt sein. Und man kann sich ja auch gern über die Betriebsstundenzahl von Solaranlagen mokieren – nur haben die nichts mit dem Anstieg der Vergütungszahlungen zu tun.

Hier soll offensichtlich einfach nur miese Stimmung erzeugt werden, wie auch die Wortwahl zeigt („Dächer mit Solaranlagen zupflastern“). Zur ganzen Wahrheit über Solarstrom hätte zumindest auch gehört, dass heute installierte Solaranlagen so billig Strom erzeugen wie nie zuvor. Oder dass Photovoltaik durch seine Erzeugungsspitze in der verbrauchsstarken Mittagszeit kräftig zum Sinken der Börsenstrompreise beigetragen hat. Aber auch hierzu kein Wort in Bild.

Zum Schluss noch kurz zur fünften „Wahrheit“:

Ausriss mit Zitat: "An manchen Tagen produzieren Wind- und Solaranlagen zu viel Strom, der gar nicht genutzt und deshalb nutzlos weggeworfen (abgeregelt) wird."

Für diesen Strom, so geht das Argument weiter, müssten die Verbraucher trotzdem zahlen, zwischen 2010 und 2012 „allein 76,5 Millionen Euro“. Ob diese Zahl stimmt, ist belanglos – der demagogische Kniff ist ein anderer. Dass bereits heute in größerem Umfang Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden müssen, hat weniger damit zu tun, dass ihr Strom „gar nicht genutzt“ werden könnte. In Wahrheit könnte er sehr wohl genutzt werden – er müsste nur irgendwie zum Verbraucher transportiert werden, was aber nicht geht, weil es entweder zu wenige Stromleitungen gibt oder diese allzu oft durch Strom aus nur schwer regelbaren Braunkohle- oder Atomkraftwerken verstopft sind. Das häufige Abregeln sagt also wenig über Wind- und Solaranlagen aus, dafür umso mehr über das Stromnetz und über konventionelle Großkraftwerke.

Tolle „Wahrheiten“, die Bild heute liefert, oder?

Vielen Dank an Matthias R. aus Dresden und an Heike P. aus Bregenz
für die Hinweise


Naturfreund: Die Probleme mit dem Winter

Montag, den 27. Januar 2014

Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes hatten schon in ihrer Halbzeitbilanz ein vernichtendes Urteil gefällt: Dieser Winter sei bislang „viel zu warm“. Aber nun ist er ja doch noch gekommen, der Winter! Ganz so, wie es sich ein Naturfreund vorstellt:

naturfreundDie Naturfreunde sind ein Umwelt- und Touristikverein, dessen Wurzeln im sozialdemokratischen Teil Wiens Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Den Lehrer Georg Schmiedl trieb damals die Idee um, dass Arbeiter auch mal raus müssten. Aufs Land. In die Natur. „Raus ins Grüne“ war anno 1890 fast unmöglich: Die Fahrt mit dem Kutschwagen bis an die Stadtgrenze kostete einen Batzen Geld und dauerte so lange, dass das Grün nur mit Übernachtung zu erreichen war. Schmiedls Idee: Häuser in der Natur bauen, damit die Proletarier an einem Tag in die Berge, die Auen reisen, dort bleiben und am nächsten Tag wieder zurückfahren konnten. Ohne viel dafür zu bezahlen. Mitglieder der Naturfreunde arbeiteten beim Aufbau der Naturfreunde-Häuser mit – und wohnten dann dort als Vereinsmitglieder sehr billig.

Ein brilliante Idee, die sich schnell verbreitete: Bevor die Naturfreunde im Einflussbereich von Deutschlands Nazis verboten wurden, zählten sie 1933 rund 200.000 Mitglieder. Heutzutage gibt der Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI) die Mitgliederzahl mit 500.000 in 48 Ländern an, darunter fast 100.000 in Deutschland. Ein großer Verein also, und große Vereine haben Mitgliederzeitschriften. In der Schweiz beispielsweise den „Naturfreund“, ein ziemlich professionelles Magazin. In der Winterausgabe 2013/14 wird unter der Überschrift „Winter, Weite, eisige Kälte“ beispielsweise über eine Zugfahrt von Moskau nach Peking berichtet. Es geht um die „Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch“. Und ganz am Schluss um „Strom im Winter“:

naturfreund2 „Strom im Winter“ ist aber kein Text zum Thema, sondern eine Anzeige des Schweizer Energiekonzerns Alpiq. „Wenn die Nächte länger werden und die Temperaturen sinken, dann steigt der Stromverbrauch“, liest der Naturfreund im Anzeigentext. „Weil das Wasser spärlicher fließt und das Sonnenlicht abnimmt, geht auch die Stromproduktion zurück.“

Und weiter:

winterEcht jetzt? Ihr von Alpiq müsst eure ganze Kraftwerksstruktur ändern, nur weil ein paar Flocken Schnee …?

In der Anzeige heißt es: „Es zeigt sich: Die Stromversorgung ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens.“

Damit winter2Donnerwetter! Im Schweizer Winter sind die Kohle- und Atomkraftwerke umweltverträglich! Kein Treibhausgas, kein Atommüll, kein Quecksilber, keine Strahlengefahr. Einfach weil es schneit und von den Bergen weht?

Immer wieder hatten Aktivisten gegen Alpiqs Geschäftspolitik demonstriert. Unter dem Slogan „Weder Atomkraft noch fossile Brennstoffe – 100 % erneuerbare Energien“ störte Greenpeace 2012 etwa die Generalversammlung des Konzerns. Zwei Drittel des von Alpiq produzierten Stroms stammten aus AKWs und fossilen Kraftwerken, so der Greenpeace-Vorwurf. „Alpiq muss endlich ihre Geschäfte mit dreckigen Energieträgern aufgeben und die Schweiz ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgen“, forderte Greenpeace-Sprecher Florian Kasser.

Um noch einmal die Meteorologen zu zitieren: Der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre setzt sich immer schneller fort. „Jedes Jahr wird es schwieriger, das Problem in den Griff zu bekommen“, erklärte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologie-Organisation, im November. Gletscherschmelze und weniger Schneetage sind nur eine Folge, aber jene, die die Schweiz wohl am stärksten treffen wird. Und natürlich jeden Naturfreund.

PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Gazprom: Der größte Schurke

Donnerstag, den 23. Januar 2014

Wir hatten unserer verehrten Leserschaft die Public Eye Awards ans Herz gelegt: Mit dem wohl bekanntesten Internationalen Schmähpreis werden Unternehmen „ausgezeichnet“, die sich im Laufe des vergangenen Jahres die schlimmsten Verstöße gegen Umweltgesetze und Menschenrechte geleistet haben. Es sind zwei Preise: Einen bestimmt eine Jury aus Wirtschaftsethikern, Menschenrechts- und Umweltexperten, den anderen, den Publikumspreis, bestimmt die Öffentlichkeit, also Sie!

Nun ist die „Hall of Shame“ mit neuen Namen bestückt: Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos, das am Mittwoch begonnen hat, wurden die US-Textilkette Gap mit dem Jury-Preis und der russische Gaskonzern Gazprom mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Wie die Organisatoren der mittlerweile zehnten Preisverleihung am heutigen Donnerstag mitteilten, habe Gap den Preis erhalten, weil sich das Unternehmen Reformen in der Textilindustrie beim Arbeits- und Brandschutz in den Weg stellt. Selbst nach dem folgenschweren Einsturz eines Produktionsgebäudes in Bangladesch mit über 1.100 Toten im Mai 2013 habe sich GAP geweigert, ein entsprechendes internationales Abkommen (Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh) für bessere Produktionsbedingungen in dem Entwicklungsland zu unterzeichnen.

„Gap weigert sich weiterhin, gemeinsam mit Zulieferern und lokalen wie internationalen Gewerkschaften sicherzustellen, dass die Mängel in den dortigen Fabriken behoben werden und die Arbeitenden das Recht haben, ihre Arbeit bei gefährlichen Bedingungen zu verweigern“, sagte Kalpona Akter, Arbeitsrechts-Aktivistin aus Bangladesch, auf der Pressekonferenz in Davos.

Für den Publikumspreis der „Public Eye Awards“ hatten dieses Jahr über 280.000 Online-Voter abgestimmt. Der Preis geht an den Ölkonzern Gazprom, der in der Arktis ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt nach Öl bohrt. Dem damit verbundenen hohen Risiko begegne Gazprom mit einem völlig unzureichenden Notfallplan und setze zudem auf veraltete Technik, erklärten die Preisverleiher.

Zudem habe das Unternehmen, das als einer der schlimmsten Klimasünder weltweit gilt, nicht aus seinen Fehlern gelernt: Im Dezember 2011 starben 53 Mitarbeiter, als die Bohrinsel Kolskaja kenterte. Im selben Jahr habe der russische Monopolist allein an Land 872 Ölunfälle verursacht, mehr als jeder andere Ölkonzern der Welt. “Gazprom ist das erste Unternehmen auf der Erde, das Öl aus den eisigen arktischen Gewässern pumpt, obwohl seine Sicherheitsbilanz entsetzlich ist“, kritisierte Kumi Naidoo, Direktor von Greenpeace International.

Was soll man sagen? Herzlichen Glückwunsch? Oder: Igitt?

Sagen wir es so: Der Klima-Lügendetektor wird auch 2014 versuchen, Stachel im Fleisch der fossilen Energielobby und ihrer Firmen zu sein. Mit Ihrer Hilfe: Eine fragwürdige Werbeannonce? Ein grünfärberischer Fernsehspot? Eine verlogene Politikerrede? Senden Sie uns Ihre Hinweise! Und unterstützen Sie unsere Arbeit auch finanziell: Seit Sommer 2011 wird die Arbeit des Klima-Lügendetektors größtenteils von seiner Leserschaft finanziert.

Anders ausgedrückt: Wir sind nur so gut, wie Sie uns machen!


Rheinische Post: Zum Teufel jagen

Sonntag, den 19. Januar 2014

Zum Wochenschluss erreichte den Klima-Lügendetektor folgendes Material:

buchbauer1Eberhard Uhlig ist Leiter der RWE-Braunkohlekraftwerke Frimmersdorf und Neurath in Grevenbroich. In der Rheinischen Post geht er mit Kritikern der Braunkohle hart ins Gericht. Im Grevenbroicher Lokalteil fordert Direktor Uhlig, „dass nicht nur die unmittelbar im Kraftwerk bei der Verbrennung entstehenden Emissionen betrachtet werden“ sollten. Beim Einfluss der Stromerzeugung auf das Klima müssten alle Treibhausemissionen bewertet werden, also auch die beim Rohstoff-Abbau.

Uhligs Stichwort heißt ‚vorgelagerte Emissionen‘. Als ein Beispiel nennt der Braunkohlemanager die Grubengasemissionen bei der Gewinnung von Steinkohle. „Grubengase, das heißt im wesentlichen Methangas, haben einen 21-fach größeren Treibhausgaseffekt als CO2. Andere Grubengase wie zum Beispiel Lachgas sind bis zu 1000-fach wirksamer als CO2, erklärt Uhlig. Zudem weist er darauf hin: „Auch bei der Gasgewinnung entstehen Gasverluste.“ Berücksichtige man solche Emissionen auf der Rohstoffgewinnungsseite, lägen „Braunkohle, Steinkohle und Gas in einem vergleichbaren Band.“

Kraftwerksleiter Uhlig:

buchbauer3

„Für mich stand früh fest, dass ich in den naturwissenschaftlich-technischen Bereich gehen wollte, und ich wollte in die Forschung. Ich habe in Aachen und in den USA studiert, habe am Forschungszentrum in Jülich gearbeitet“, erklärte Uhlig in einem früheren Interview. Es ist also davon auszugehen, dass Kraftwerksleiter Uhlig in der Lage ist, ingenieurstechnische Bilanzen zu ziehen.

Braunkohle wächst bekanntermaßen ja auch nicht auf dem Feld oder fällt in Frimmersdorf vom Himmel: Um an die 30 Meter breite Braunkohleschicht im Tagebau Garzweiler II heranzukommen, müssen darüber 210 Meter ‚Abraum‘ abgetragen werden. Stichwort ‚vorgelagerte Emissionen‘: Um eine Tonne Braunkohle zu fördern, sind erst einmal fünf Tonnen Erde abzubaggern – mit Strom aus 100 Prozent Braunkohle. Nach dem Abbau müssen dann nochmal sechs Tonnen Erde bewegt werden, um das 240 Meter tiefe Loch wieder zuzuschütten. Würden wir jetzt wissen, wie groß die Transportwege der Abraumtonnen sind, ließe sich berechnen, wie groß allein die abraumbedingten ‚vorgelagerten Emissionen‘ einer Tonne Braunkohle sind.

Aber selbst wenn Kraftwerksleiter Uhlig diese Bilanz nicht aufstellen könnte: Wissenschaftlich ist das Thema bestens untersucht, zum Beispiel von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (hier: Tabelle 3-9 auf Seite 43). Die von RWE 1949 mitbegründete Forschungsstelle kommt zum Schluss, dass die Kilowattstunde Strom aus Erdgas 413 Gramm Kohlendioxid verursacht, aus Steinkohle 940 Gramm – aber 1.200 Gramm, wenn die Kilowattstunde aus Braunkohle hergestellt wird. Das liegt nicht „in einem vergleichbaren Band“, wie der Kohlemanager behauptet. Braunkohle ist vielmehr der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger – gerade wegen der ‘vorgelagerten Emissionen‘.

Kraftwerksleiter Eberhard Uhlig lügt also. Aber vielleicht muss er sich ja selbst belügen, um jeden Tag diesen Job machen zu können und mit der Schuld fertig zu werden, seiner Enkelgeneration ein dickes Problem aufzubürden. Aber da ist ja gottseidank noch der Journalist. In diesem Fall ist das Andreas Buchbauer, dem sich eine Sternstunde für großen Journalismus bietet. Gegenrecherche, Faktencheck! Den Unsinn aufdecken, den der Kraftwerkschef da auftischt! Ein Anruf beim Wuppertal-Institut oder vielleicht beim Umweltbundesamt? Bei RWE selbst? Wenigstens einmal googeln?

Pustekuchen! Andreas Buchbauer (und seine ihn redigierenden Kollegen) interessiert die Wahrheit keinen Deut. Stattdessen lässt Andreas Buchbauer Kraftwerksleiter Uhlig zu den Kritikern der Braunkohle sagen:

buchbauer

Und dann sagt Andreas Buchbauer Kraftwerksleiter Eberhard Uhlig auch noch: „Es ist nicht gerechtfertigt, die Braunkohle zu verteufeln.“

Gerechtfertigt ist jedenfalls, solch miesen Journalismus zu verteufeln – und die ‚Baubuchers‘, die sich dafür hergeben, zum Teufel zu jagen!

Vielen Dank an unsere Leserin Anika P. aus Bochum
und Leser Dirk J. aus Köln für diesen Hinweis!


Monitor: Total durchgebrannt

Donnerstag, den 16. Januar 2014

Diesmal beginnen wir ganz von vorn. Am Jahresanfang. Und zwar mit dem Magazin Monitor und seinem Moderator Georg Restle in der ersten Januar-Sendung:

Georg Restle: „Hallo und guten Abend, willkommen bei MONITOR. Ich hoffe, Sie sind gut ins neue Jahr gekommen! Ob das auch für die neue Regierung gilt, das lassen wir mal dahin gestellt. Wenn man nach einem Beweis sucht, wie erfolgreich Lobbyisten Politik machen können, dann lohnt sich ein Blick aufs Thema Energiewende.Zunächst: Ja, danke der Nachfrage, schließlich muss ein dickes Fell haben, wer sich für die Energiewende interessiert. Dann geht es zack-zack auch schon zur Sache. Ganz Deutschland, warnt Monitor in eindringlichem Ton, soll jetzt in Styropor eingepackt werden! Dabei ist das Material zur Fassadendämmung „brandgefährlich“! Trotzdem fließen „Milliarden“ an Subventionen! Weil „Lobbyisten“ ein „falsches Spiel“ betreiben!

monitorMonitor ist das Politmagazin der ARD, dessen Handschrift „seriöse Information, gepaart mit einer sorgfältigen Analyse“ ausmacht, wie sich Monitor selbst beschreibt. Deshalb ist für alle, die sich für die Energiewende interessieren, ein Beitrag mit so einer Überschrift natürlich ein Muss: „Brandgefährliche Fassadendämmung: Das falsche Spiel der Lobbyisten“.

Der Beitrag beginnt spektakulär mit Feuer: Ein Haus brennt, die Flammen rasen. Der Sprecher sagt: „April 2005: In Berlin steht ein Haus in Flammen, zwei Menschen sterben. Ungewöhnlich dabei: Die ganze Fassade brennt. Wärmegedämmt mit Polystyrol, zu Deutsch: Styropor.“ Zwei weitere Brände werden gezeigt, in Frankfurt am Main im Mai 2012 und der Flughafenbrand in Düsseldorf vom April 1996, bei dem 17 Menschen starben. Auch hier war laut Monitor der „brandgefährliche“ Dämmstoff Styropor „mitverantwortlich“.

So, so, drei Brände! Einer 1996, der zweite 2005 und dann 2012. Laut Statistik des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung der öffentlichen Versicherer (IFS) gibt es in Deutschland jedes Jahr fast 200.000 Brände. Die mit Abstand häufigste Brandursache ist nicht etwa Styropor, sondern eine defekte Elektroinstallation (34 Prozent), gefolgt von menschlichem Fehlverhalten mit 17 Prozent. Wusste das Monitor nicht? Oder wollte uns das Monitor bloß nicht mitteilen?

Der „brandgefährliche“ Dämmstoff Styropor! Im Monitor-Beitrag heißt es: „In der Tat, bei Privatbauten ist brandgefährliches Styropor nach wie vor erlaubt und

styroporAlso nachgefragt bei Fachleuten, zum Beispiel beim Gesamtverband Dämmstoffindustrie GDI: Der mit Abstand am häufigsten eingesetzte Dämmstoff war 2011 Mineralwolle.

Pardon: nicht Styropor? „Mineralwolle wird häufiger eingesetzt als alle anderen Dämmstoffe zusammen“, erklärt eine GDI-Sprecherin dem Klima-Lügendetektor, und nein, aktuellere Zahlen gebe es nicht, „aus Gründen des Wettbewerbs“.

Der „brandgefährliche“ Dämmstoff Styropor – in Deutschland „Dämmstoff Nummer eins“?

„Das ist ja ein verbreiteter Irrtum, dass automatisch durch Wärmedämmung auch Energie eingespart wird“, lässt Monitor den Architekten Jens Fehrenberg von der Fachhochschule Hildesheim sagen. Und der Autor Dieter Könnes ergänzt düster: „So effektiv sei die Fassadendämmung gar nicht, rechnet er uns vor, denn nur ein Teil der Energie geht über die Wände verloren.“ Durch gedämmte Wände, sagt Experte Fehrenberg, kommt man höchstens auf 20 Prozent Einsparung: „Und es dauert 50 Jahre, bis die Kosten amortisiert sind. Ja, 50 Jahre!“

Die Deutsche Energie-Agentur dena hat sich den Beitrag angesehen und einem Faktencheck unterworfen, aus dem wir hier gern zitieren: „Unter Berücksichtigung der Zins-und Energiepreisentwicklung rechnet sich die Dämmung der Außenwand nach 14 Jahren.“

Der „brandgefährliche“ Dämmstoff Styropor – in Deutschland „Dämmstoff Nummer eins“, der sich erst nach 50 Jahren amortisiert? Bei Monitor heißt es als Fazit des Beitrages:

Kaum Energie gespart, und das trotz brandgefährlichem Styropor an der Hauswand. Also auch weniger Klimaschutz. Und trotzdem wird die Dämmung massiv staatlich gefördert. Warum eigentlich? Vielleicht liegt es ja an einer ganz besonders aktiven Lobby?

Aber das ist falsch! Nach Prüfung durch den Klima-Lügendetektor muss es heißen:

Kaum Fakten recherchiert, und dann doch einen brandgefährlichen Beitrag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesendet. Also auch weniger Aufklärung. Und trotzdem wird die Sendung Monitor massiv durch die Gebührenzahler gefördert. Warum eigentlich? Vielleicht liegt es ja an einer ganz besonders aktiven Lobby?

Und um noch einmal ganz zum Anfang zurück zu kommen: Klar wären auch wir gern gut im neuen Jahr gelandet. Aber dafür hätte Monitor bessere Arbeit abliefern müssen als die Regierung.

PS: Wer wissen will, inwieweit sich Wärmedämmung lohnt, sollte einen Blick in das gerade erschienene Gutachten werfen, in dem das Institut Wohnen und Umwelt IWU und das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM die KfW-Programme zur Wärmedämmung evaluiert haben.

Danke an Freimut B. aus Leipzig für den Hinweis!


RWE: Im Winde gedreht

Donnerstag, den 9. Januar 2014

Auf der Firmenhomepage des Energiekonzerns RWE ist gerade folgendes zu finden:

rweEs geht um eine Dokumentation über die Offshore-Windkraft. „RWE baut einen Windpark mit 48 Windrädern“, sagt eine Knabenstimme, die jetzt zur Betonung anhebt, „in die Nordsee“. Das erste Teil vom Windrad, das ins Wasser kommt, ist das Fundament, erklären Kinder, die in Warnwesten stecken. Untermalt werden ihre Ausführungen von der Musik eines Glockenspiels, was Märchenatmosphäre schafft: Wird das wohl am Ende gut ausgehen?

Es geht um den Offshore-Windpark Nordsee Ost, den RWE rund 35 Kilometer nördlich der Insel Helgoland baut. In Wassertiefen von bis zu 25 Metern sollen insgesamt 48 Windturbinen der Multimegawattklasse errichtet werden. Noch im Jahr 2014 soll das Kraftwerk auf dem Meer mit einer Gesamtleistung von 295 Megawatt ans Netz gehen.

Nach den Kindererzählungen dokumentiert der Film, wie die Fundamente – in diesem Fall sogenannte Jackets – aufgebaut werden. Eine wirklich knifflige Sache, bei der es auf extreme Präzision ankommt. Aber, erklärt Bauleiter Roman Kohler, mittlerweile seien 38 der 48 Fundamente gesetzt, „jetzt hat sich das Team eingespielt.“ Der Film zeigt gigantische Maschinen, konflikterprobte Experten und natürlich den Firmenslogan: „voRWEg gehen“.

rwe2Dumm nur, dass RWE beim Windpark Nordsee Ost enorm hinterherhinkt: Es hat Probleme mit Weltkriegsmunition, der Logistik und dem Netzanschluss gegeben. Die Bauverzögerung zum ursprünglichen Plan beträgt derzeit zwei Jahre. Dumm auch, dass RWE in dieser Woche seine Offshore-Pläne vor der britischen Küste zusammengestrichen hat: Statt 1.200 Megawatt soll der Offshore-Windpark Triton Knoll nur noch eine Leistung von 600 bis 900 Megawatt aufweisen, teilte RWE mit.

Im vergangenen November hatte RWE den Bau des Offshore-Windparks Atlantic Array circa 18 Kilometer vor der Küste von Südwales komplett gestoppt. Baubeginn sollte 2013 sein, mit bis zu 250 Turbinen auf einer Fläche von rund 500 Quadratkilometern sollte der weltgrößte Windpark entstehen, aber dann erwies sich der Baugrund als „zu schwierig“. Und trotz üppiger finanzieller Zuwendungen durch die Politik hatte RWE-Chef Peter Terium im Februar sogar generelle Zweifel am Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland vorgetragen.

Nicht dass uns die Damen und Herren bei RWE falsch verstehen: Der Klima-Lügendetektor begrüßt ausdrücklich, dass Europas zweitgrößter Stromkonzern auch mal versucht, mit anderen Technologien als dem Verbrennen von Braunkohle Strom zu erzeugen. Wir wollten hier nur dokumentieren: RWE kann schnell seine Offshore-Meinung ändern, wenn sich der Wind mal dreht.

Danke an Lars T. aus Bochum für den Hinweis