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Naturfreund: Die Probleme mit dem Winter

Montag, den 27. Januar 2014

Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes hatten schon in ihrer Halbzeitbilanz ein vernichtendes Urteil gefällt: Dieser Winter sei bislang „viel zu warm“. Aber nun ist er ja doch noch gekommen, der Winter! Ganz so, wie es sich ein Naturfreund vorstellt:

naturfreundDie Naturfreunde sind ein Umwelt- und Touristikverein, dessen Wurzeln im sozialdemokratischen Teil Wiens Ende des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Den Lehrer Georg Schmiedl trieb damals die Idee um, dass Arbeiter auch mal raus müssten. Aufs Land. In die Natur. „Raus ins Grüne“ war anno 1890 fast unmöglich: Die Fahrt mit dem Kutschwagen bis an die Stadtgrenze kostete einen Batzen Geld und dauerte so lange, dass das Grün nur mit Übernachtung zu erreichen war. Schmiedls Idee: Häuser in der Natur bauen, damit die Proletarier an einem Tag in die Berge, die Auen reisen, dort bleiben und am nächsten Tag wieder zurückfahren konnten. Ohne viel dafür zu bezahlen. Mitglieder der Naturfreunde arbeiteten beim Aufbau der Naturfreunde-Häuser mit – und wohnten dann dort als Vereinsmitglieder sehr billig.

Ein brilliante Idee, die sich schnell verbreitete: Bevor die Naturfreunde im Einflussbereich von Deutschlands Nazis verboten wurden, zählten sie 1933 rund 200.000 Mitglieder. Heutzutage gibt der Dachverband Naturfreunde Internationale (NFI) die Mitgliederzahl mit 500.000 in 48 Ländern an, darunter fast 100.000 in Deutschland. Ein großer Verein also, und große Vereine haben Mitgliederzeitschriften. In der Schweiz beispielsweise den „Naturfreund“, ein ziemlich professionelles Magazin. In der Winterausgabe 2013/14 wird unter der Überschrift „Winter, Weite, eisige Kälte“ beispielsweise über eine Zugfahrt von Moskau nach Peking berichtet. Es geht um die „Vorzüge von Neuschnee: Theoretisch und praktisch“. Und ganz am Schluss um „Strom im Winter“:

naturfreund2 „Strom im Winter“ ist aber kein Text zum Thema, sondern eine Anzeige des Schweizer Energiekonzerns Alpiq. „Wenn die Nächte länger werden und die Temperaturen sinken, dann steigt der Stromverbrauch“, liest der Naturfreund im Anzeigentext. „Weil das Wasser spärlicher fließt und das Sonnenlicht abnimmt, geht auch die Stromproduktion zurück.“

Und weiter:

winterEcht jetzt? Ihr von Alpiq müsst eure ganze Kraftwerksstruktur ändern, nur weil ein paar Flocken Schnee …?

In der Anzeige heißt es: „Es zeigt sich: Die Stromversorgung ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch des Könnens.“

Damit winter2Donnerwetter! Im Schweizer Winter sind die Kohle- und Atomkraftwerke umweltverträglich! Kein Treibhausgas, kein Atommüll, kein Quecksilber, keine Strahlengefahr. Einfach weil es schneit und von den Bergen weht?

Immer wieder hatten Aktivisten gegen Alpiqs Geschäftspolitik demonstriert. Unter dem Slogan „Weder Atomkraft noch fossile Brennstoffe – 100 % erneuerbare Energien“ störte Greenpeace 2012 etwa die Generalversammlung des Konzerns. Zwei Drittel des von Alpiq produzierten Stroms stammten aus AKWs und fossilen Kraftwerken, so der Greenpeace-Vorwurf. „Alpiq muss endlich ihre Geschäfte mit dreckigen Energieträgern aufgeben und die Schweiz ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen versorgen“, forderte Greenpeace-Sprecher Florian Kasser.

Um noch einmal die Meteorologen zu zitieren: Der Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre setzt sich immer schneller fort. „Jedes Jahr wird es schwieriger, das Problem in den Griff zu bekommen“, erklärte Michel Jarraud, Generalsekretär der Welt-Meteorologie-Organisation, im November. Gletscherschmelze und weniger Schneetage sind nur eine Folge, aber jene, die die Schweiz wohl am stärksten treffen wird. Und natürlich jeden Naturfreund.

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