Monatsarchiv für März 2014

Stahl: Wenn Kosten zerschellen

Donnerstag, den 27. März 2014

Jetzt haben die Lobbyisten der Stahlwirtschaft das Straßenplakat entdeckt. Zum Beispiel in Berlin: Dort hängt auf manchen S-Bahnhöfen folgender Slogan:

stahlDer Lobbyverband Wirtschaftsvereinigung Stahl hatte im Herbst 2011 die Berliner PR-Agentur Scholz & Friends ausgewählt, um Panikmache Werbung für die Branche zu betreiben. Im Branchendienst PR Report hieß es, die Kampagne laufe unter der Überschrift „Zukunft beginnt mit Stahl“ und solle Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die Wichtigkeit des Werkstoffes klar machen. Neben einer Veranstaltungsreihe gibt es Info-Briefe für Politiker in Berlin und Brüssel sowie die Schriftenreihe „Faszination Stahl“, die beispielsweise dem Kundenmagazin der Deutschen Bahn beiliegt.

Nun also auch Straßenplakate, im 128 mal 268,5 Zentimeter großen Format: Tatsächlich ist die EEG-Umlage wegen der Energiewende in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aber die Stahlbranche hat (wie auch andere Industriezweige) längst Wege gefunden, die Umlage zu umgehen. Zum Beispiel einfach ein Kraftwerk mieten, damit den Status „Eigenstromerzeuger“ sichern und – schwupps – über das „Eigenstrom-Privileg“ von der EEG-Zahlung befreit werden. Schätzungen zufolge vermeidet die deutsche Industrie durch dieses Schlupfloch Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro – jährlich.

Ohnehin sind „energieintensive“ Unternehmen (vulgo: Großverbraucher) im Erneuerbare-Energien-Gesetz bevorteilt: Sie zahlen nur eine minimale EEG-Umlage von 0,05 Cent pro Kilowattstunde – alle anderen zahlen derzeit 6,24 Cent, also rund das Hundertzwanzigfache! Und weil immer mehr Unternehmen die üppigen Rabatte bei der Ökostrom-Umlage bekommen, ist das Solidarprinzip bei der Finanzierung der Energiewende längst ausgehebelt. Nicht mehr alle beteiligen sich, sondern einige immer mehr.

So ähnlich ist das Bild auch beim CO2-Emissionshandel. Laut einer Studie der britischen Umweltorganisation Sandbag nämlich verdient die Stahlbranche am Emissionshandel sogar! Unter den Hauptprofiteuren sind laut der Untersuchung die Stahlkonzerne ThyssenKrupp und Salzgitter AG – allein ThyssenKrupp besitzt demnach überschüssige CO2-Zertifikate im Wert von rund 250 Millionen Euro, die Deutschlands größter Stahlkonzern auf dem Markt verkaufen kann. Auch andere Studien waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Laut Berechnungen des Öko-Instituts von Ende 2010 bringen diverse Sonderregelungen im Emissionshandel der Industrie in den ersten beiden Handelsperioden rund 39 Milliarden Euro Extra-Erlöse.

Die hohen Energiekosten „setzen nicht nur die Stahlindustrie aufs Spiel“?

Aber nein, liebe Leserinnen und Leser, schauen Sie bitte noch einmal genau hin: Mächtig und fest stehen die Kegel aus Stahl an Ort und Stelle (vermutlich sogar Massiv-Stahl). Die Bowlingkugel – auch Strikeball genannt – besteht aus Kunststoff. Trifft der auf Massivstahl, prallt die Kugel genauso ab wie das Argument der Stahlwirtschaft im Angesicht der Wahrheit: Tatsächlich nämlich ist der Strompreis für die Industrie seit 2009 gesunken.

PS: Mit welchen Tricks die Stahllobby arbeitet, verdeutlichen die Geschäftszahlen der Dillinger Hütte. In ihrer Pressemitteilung heißt es am Mittwoch ganz am Anfang:

dillingerDie Unternehmensvereinigung Stahl titelt über die Geschäftszahlen einen Tag später:

stahlj


RWE: Die Sache mit den Zahlen

Donnerstag, den 6. März 2014

In der Werbung gibt es manchmal Anzeigen, die so treffsicher sind, dass es sich nur um Satire handeln kann. Zum Beispiel heute in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 19, in der Aachener Zeitung, den Aachener Nachrichten oder im Wirtschaftsteil der Rheinischen Post:

RWE

Zur Kampagne gibt es auch eine Web-Seite, die dann erklärt: „Als Gestalter der Energiezukunft geht der Stromversorger vorweg – sowohl im Service als auch bei Innovationen und nachhaltiger Stromerzeugung …“ RWE gehöre „zu den Besten der Energiebranche“.

Richtigerweise aber müsste es an dieser Stelle heißen: „RWE ist der schlechteste Konzern der Energiebranche.“ Denn soeben hat der Essener Konzern seine Geschäftszahlen für das Wirtschaftsjahr 2013 vorgestellt – und es gibt keinen anderen Energiekonzern in Deutschland, der im vergangenen Geschäftsjahr so schlecht gewirtschaftet hat. Erstmals in seiner Firmengeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg hat RWE kein Geld verdient – sondern einen gewaltigen Schuldenberg aufgetürmt: 2,8 Milliarden Euro. „Nach Feiern ist uns schon lang nicht mehr zumute“, sagte RWE-Chef Peter Terium am Dienstagmorgen. Aber da waren die Anzeigen für den Donnerstag offenbar schon bei den Zeitungen gekauft.

Versuchen wir also den Werbetext einen Moment lang ernst zu nehmen:

rwe2Erste Zahl: RWE hatte im vergangenen Sommer ein Schiedsgerichtsverfahren gegen Gazprom gewonnen. Der russische Staatsmonopolist musste dem deutschen Konzern – O-Ton RWE – „eine hohe Kompensationszahlung“ leisten, dem Vernehmen nach über eine Milliarde Euro. RWE stand also vor einem prächtigen Geschäftsjahr.

Die zweite Zahl: Seit Anfang 2013 läuft die dritte Periode des europäischen Emissionshandels. Erstmals müssen Stromkonzerne wie RWE für die Emissionen, die sie verursachen, auch tatsächlich zahlen: Zuvor bekamen sie die Zertifikate vom Staat einfach geschenkt.

RWE hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass dieses staatliche Schenken irgendwann einmal endet – und investierte seit 2006 europaweit 12 Milliarden Euro in fossile Kraftwerke, etwa in das Braunkohlekraftwerk Neurath. Und für fossile Kraftwerke benötigte der Konzern nun erstmals auch fossile Zertifikate. Obwohl der Handelspreis das ganze Jahr im Keller war, musste RWE dafür 1,2 Milliarden Euro berappen. Eine komplett verfehlte Geschäftspolitik.

Leiden müssen darunter die RWEler. Die dritte Zahl: Bis Ende 2016 will der Konzern jede zehnte Stelle streichen; insgesamt geht es um rund 6.700 Jobs, 4.700 davon in Deutschland.

Leiden müssen aber auch – nächste Zahl – die Kommunen im Ruhrgebiet. Insgesamt sind 25 Prozent der RWE-Aktien in kommunalem Besitz, und viele Städte rechnen für ihren kommunalen Haushalt fest mit der RWE-Dividende. In den Jahren 2006 bis 2010 gab es 3,50 Euro je Aktie, dann waren es 2011 und 2012 nur noch 2 Euro, jetzt soll es nur noch 1 Euro sein – ein „Fluch für Essen, Dortmund, Mühlheim und Co“.

„Wir sind spät in die erneuerbaren Energien eingestiegen – vielleicht zu spät“, räumte Konzernchef Peter Terium am Dienstag ein. Tatächlich wollen wir an dieser Stelle auch noch die entscheidenden Zahlen präsentieren: 17 Prozent des von RWE produzierten Stroms kommen aus Atomkraftwerken, 79 Prozent aus fossilen Kraftwerken. Aus erneuerbaren Quellen stammen gerade einmal 4 Prozent. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Strommix waren 2013 durchschnittlich 23 Prozent erneuerbar.

Aber natürlich stimmt der Werbetext von RWE auch irgendwie: In Niederaußem betreibt RWE die größte Treibhausgas-Schmiede in Deutschland. Hier werden jährlich 26.300.000 Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent verursacht – so viel stößt Ghana insgesamt aus. Und dort leben mehr als 25 Millionen Menschen.

Stimmt also: RWE ist – irgendwie - die NUMMER 1!

Danke für den Tipp an Dirk J. aus Düsseldorf und Darius Karl D. aus Aachen