Monatsarchiv für Juli 2012

Ball Packaging: Verpackungsabfall ist grün

Dienstag, den 31. Juli 2012

Im vergangenen Jahr wurden hierzulande erstmals seit Einführung des Dosenpfands 2003 wieder mehr als eine Milliarde Getränkebüchsen verkauft. Um 20 Prozent schossen die Absatzzahlen in die Höhe. „Dem Verbraucher ist das Dosenpfand egal – er zahlt“, fasst Die Welt die offenbar weit verbreitete Stimmung zusammen.

Die Verpackungsindustrie – wäre zu ergänzen – tut alles Erdenkliche, um diese Stimmung zu fördern. Mit viel Phantasie versucht sie zum Beispiel, dem Verpackungsfrevel Getränkedose sein mieses Image zu nehmen. Ein besonders „schönes“ Beispiel ist kürzlich der Deutschen Umwelthilfe (DUH) aufgefallen. Die Firma Ball Packaging, einer der größten Büchsenmacher Europas, versieht seine Produkte seit einiger Zeit mit dem knackigen Slogan „Die Dose ist grün“.

Hier eine Dose der Edeka-Billigbiermarke „Neunundzwanzig“,
Foto: DUH

Die DUH hat das Unternehmen wegen des Spruchs verklagt. Ball Packaging antwortete selbstbewusst: Man werde den Slogan weiter verwenden, und dies war die (worteiche) Erklärung:

Na, ist Ihnen etwas aufgefallen? Nein, wir stören uns nicht daran, dass der konkretisierende Zusatz „unendlich recyclebar“ viel kleiner auf der Dose steht als der Spruch „Die Dose ist grün“. Wir meinen auch nicht, dass da lediglich recyclebar steht – was über das tatsächliche Recycling ja wenig aussagt. Uns ist vor allem die beiden Worte „darunter auch“ in diesem Satz aufgefallen: „Aus alten Getränkedosen können immer wieder neue hochwertige Metallprodukte, darunter auch Getränkedosen, hergestellt werden – ohne Qualitätsverlust. “ Und natürlich der Klassiker der Grünfärberei – relative statt absoluter Angaben: Es ist von 95 Prozent Energieeinsparung bei  recycletem Material im Vergleich zu Primärmetall die Rede.

Zum ersten Punkt wäre die Nachfrage, wieviel Recycling-Metall denn tatsächlich in der Dosenherstellung verwendet wird. Anruf bei der Firma Ball, bei der Pressesprecherin und dem Nachhaltigkeitsmanager. Doch beide können keine konkrete Zahlen für das Unternehmen nennen. Man kaufe das Rohmaterial für Stahlblech- oder Alu-Dosen bei verschiedenen Herstellern, im europäischen Durchschnitt werde von Stahl- oder Alu-Hütten 50 bis 55 Schrott eingeschmolzen und etwa so hoch werde dann wohl auch bei den eigenen Dosen der Anteil an recycletem Metall sein. Thomas Fischer von der DUH hingegen sagt, Firmen wie Ball verwendeten „fast ausschließlich Neumaterial“, deshalb enthalte „eine Weißblechdose weniger als 6 Prozent Recyclingmaterial – eine Aluminiumdose gar keine Anteile“. Das lasse sich einer Studie des IFEU-Instituts entnehmen, die im Auftrag der Dosenindustrie vor zwei Jahren erstellt wurde (siehe S. 32 und S. 184 der Untersuchung).

Beim zweiten Punkt wird ausgeblendeet, dass zum Einsammeln, Einschmelzen und Neuproduzieren von Metallprodukten erhebliche Mengen Energie nötig sind – selbstverständlich weniger als bei der Produktion von neuem Stahl oder Aluminium, aber doch soviel, dass die Ökobilanz von Dosen alles andere als grün ist. Ökologisch am besten ist jedenfalls, Getränke in Pfandflaschen von einem regionalen Hersteller zu kaufen. Dosen nämlich müssen eingeschmolzen werden, um (eventuell) wiederverwendet zu werden – Pfandflaschen hingegen werden direkt wiederverwendet. Und zwar in der Regel Dutzende Male. Bei Getränkedosen sieht das ganz anders aus: Zwar werden wegen des Dosenpfands in Deutschland Sammelquoten von 95 Prozent erreicht – aber nach dem Einschmelzen werden die Dosen eben nicht wieder zu Dosen, sondern zu irgendwelchen Metallprodukten (ob sie „hochwertig“ sind, wie Ball in seiner oben zitierten Verteidigungsschrift, darf man getrost bezweifeln). Aus Getränkedosen werden vielleicht Fahrradrahmen oder Alu-Folien, Brillengestelle oder Konservenbüchsen, Träger für Stahlbeton oder Nägel oder was auch immer. Ob all dieses Metall jemals wieder eingesammelt und -verwendet wird, ist offen.

Pfandflaschen werden oft Dutzende Male befüllt – das ist tatsächlich umweltschonende Kreislaufwirtschaft. Getränkedosen werden, wenn es gut läuft, einmal wieder eingesammelt und dann mit erheblichem Energieaufwand zu irgend etwas anderem verarbeitet.


Bundesregierung: Sabotage an der Energiewende

Dienstag, den 17. Juli 2012

Man kennt das ja von kleinen Kindern: Wenn Sie irgendetwas nicht wollen, zum Beispiel nicht zum Zahnarzt gehen, dann lassen sie sich viele kleine Dinge einfallen, um das Unangenehme zu verzögern – und hoffentlich ganz zu verhindern. „Mama, ich hab Durst!“, „Papa, ich muss nochmal aufs Klo!“, „Menno, ich find‘ meinen Fahrradhelm nicht, ehrlich!“ Und so weiter. Irgendwann (wenn die Kinder wirklich clever sind) kommt dann der Satz: „Papa, wir brauchen nicht mehr los – es ist schon so spät, jetzt schaffen wir den Zahnarzttermin sowieso nicht mehr!“

So ähnlich versucht es Schwarz-Gelb offenbar mit der Energiewende. Im vergangenen Jahr unter öffentlichem Druck und dem Schock des Mehrfach-SuperGAU von Fukushima beschlossen, haben in Union und FDP längst wieder die Bremser den Steuerknüppel in der Hand. Weil sie für ein Kippen des Grundsatzbeschlusses nicht mächtig genug (und weil sie wirklich clever) sind, lassen sie sich viele kleine Dinge einfallen. Und irgendwann sagt dann jemand:

Der Satz stammt aus einem Interview, das Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) am Wochenende der Bild am Sonntag gab. Weil er auch noch an anderen Punkten feststellte, dass aus energiepolitischen Ankündigungen der schwarz-gelben Bundesregierung wohl nichts wird, schlug das Zeitungsgespräch Wellen (bis – kein Witz! – nach Aserbaidschan).

Leider muss man zugestehen, dass Altmaiers Aussage vermutlich korrekt ist. Man muss aber genauso nochmal an die Vorgeschichte erinnern. An die vielen kleinen Entscheidungen der kleinen Kinder Energiewendebremser von Union und FDP: Wer hat das deutsche Energieeffizienzgesetz jahrelang weichgekocht, sodass am Ende ein weitgehend wirkungsloses Paket herauskam? Genau, Schwarz-Gelb (wobei die Blockade schon während der Großen Koalition durch das damals unionsgeführte Wirtschaftsministerium begann). Wer hat die EU-Effizienzrichtlinie in Brüssel torpediert und ausgehöhlt? Jawohl, die deutsche Bundesregierung unter Angela Merkel. Immer und immer wieder hat Schwarz-Gelb dafür gesorgt, dass es keine oder weniger Anreize fürs Energiesparen gibt. Und sogar in dem Moment, in dem der eine Minister sagt, das werde leiderleiderleider nichts mit dem Effizienzziel, schlägt ein anderer einen weiteren Nagel in dessen Sarg.

Just heute nämlich meldet die Nachrichtenagentur dpa:

Wieso Sargnagel? Nach Informationen des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) war bei der Neuregelung der Stromsteuer ursprünglich ein echter Hebel zum Stromsparen vorgesehen – der aber nach Intervention des FDP-geführten Wirtschaftsministeriums gestrichen wurde. Hintergrund: Zum Jahresende läuft eine Regelung für die Industrie im Stromsteuergesetz aus, der sogenannte „Spitzenausgleich“. Als Rot-Grün vor mehr als zehn Jahren die Ökosteuer einführte, hatten Unternehmen mit besonders hohem Energieverbrauch durch harte Lobbyarbeit erreicht, dass sie nur eine ermäßigte Steuer zahlen müssen. Momentan kommen rund 20.000 Betriebe in den Genuss dieser indirekten Subvention, der Staat erlässt ihnen pro Jahr rund zwei Milliarden Euro. Künftig sollte es die Ermäßigung – nach dem Willen des Finanzministeriums – nur noch für solche Unternehmen geben, die konkrete Bemühungen zum Energiesparen nachweisen können. Irgendwie nicht allzuviel verlangt, oder?

Das Bundeswirtschaftsministerium von Philipp Rösler (FDP) sah das anders. Und setzte durch, so das FÖS, dass eine „allgemeine Effizienzvereinbarung“ zwischen Regierung und Industrie zur Einsparung von 1,3 Prozent des Stromverbrauchs pro Jahr vollkommen genüge – eine Sparquote, die von der Wirtschaft in den vergangenen Jahren teilweise ohnehin erreicht wurde. Jedenfalls ist dies wieder einer der vielen kleinen Sabotageakte gegen die offiziellen Klima- und Energieziele der Bundesrepublik Deutschland. Die aber kaum jemand bemerkt, weil sie sich im Kleingedruckten irgendwelcher Gesetze verbergen und die ganze Materie schier unüberschaubar ist.

Rösler, Rösler? Hat der nicht just heute ein Interview zur Energiewende gegeben? Genau:

Unnötig zu erwähnen, dass der Herr Minister und FDP-Vorsitzende seine Zweifel mit großem Bedauern und unter ausdrücklicher Betonung der prinzipiellen Zustimmung zur Energiewende geäußert hat…


Lexus: Vielleicht vier Kilometer emissionsfrei

Donnerstag, den 5. Juli 2012

Anfang dieses Jahres waren nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe exakt 4.541 elektrisch betriebene Pkw in Deutschland zugelassen. Aber das soll sich ändern, und zwar rasant – jedenfalls wenn es nach dem „Regierungsprogramm Elektromobilität“ geht, das die Bundesregierung im Mai 2011 beschlossen hat. Das Ziel von Angela Merkels Kabinett: bis 2020 (also in siebeneinhalb Jahren) mindestens eine Million Elektroautos auf die deutschen Straßen zu bringen, 2030 sollen es sogar sechs Millionen sein.

Ein großes Wachstumspotenzial also, und darauf stellen sich die Autobauer – respektive ihre Werbestrategen – ein. Zum Beispiel Toyota mit seiner Edelmarke Lexus. Versprochen wird in der aktuellen Kampagne:

Wie es sich für das Bewerben eines Luxusgutes geziemt, bedienen sich die Werber feinster Luxus-Werbeprosa: „Erleben Sie außergewöhnliche Dynamik und Effizienz! Der zukunftsweisende Vollhybridantrieb – die Kombination aus Benzin- und Hochleistungs-Elektromotor – begeistert mit atemberaubenden 254 kW (345 PS)“. Soweit die „Emotion“.

Und dies sind die Aussagen zu den Emissionen: „… bei einem kombinierten Normverbrauch ab 5,9 l/100 km*“ Außerdem:

Schließlich das Fazit: „Dazu erwarten Sie eine Premium-Ausstattung und technologische Innovationen, die beweisen: Der neue Lexus GS 450h ist eine Klasse für sich.“

Phantastisch, oder? So ein „spritziger Schlitten“! Mit doppelt so viel PS wie beispielsweise der BMW-Öko-Konkurrent i3! Und das absolut lautlos und emissionsfrei!

Seit 2007 gilt in der EU die Richtlinie „RL 70/220/EWG“, mit der Verbrauchsangaben der Autohersteller normiert und  Unternehmen verpflichtet werden, diese vergleichbaren Ergebnisse in ihrer Werbung  zu veröffentlichen. Als erfahrene Leserinnen und Leser ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass Lexus bei den Verbrauchs- und Emissionsangaben das Wörtchen „ab“ untergebracht hat, außerdem zwei Fußnoten, gekennzeichnet mit * und **. Und in Fußnoten steckt ja oft das Wichtigste. So auch diesmal:

Ein Sternchen führt im Kleingedruckten zur Angabe: „CO2-Emissionen kombiniert: 145-137 g/km“. Aber das ist ja, huch, deutlich mehr als jene 130 Gramm Kohlendioxidemission je Kilometer, die die EU ab 2015 als Grenzwert für die Toyota-/Lexus-Neuwagenflotte gesetzt hat?  Richtiger müsste der Slogan also wohl heißen: „VIEL EMISSION UND EMOTION“.

Aber MomentMomentMoment, das ist noch nicht alles! Da sind ja auch noch die zwei Sternchen. Hierzu heißt die Auflösung:

Großartig: Lexus glänzt mit einer Werbeaussage, die höchstens 4.000 Meter weit stimmt…

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Und wir müssen an dieser Stelle nochmals ausdrücklich betonen: Wenn wir nicht mehr Unterstützung aus der Leserschaft erhalten, müssen wir unsere Arbeit einstellen. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit am besten gleich noch heute HIER


Kanzleramt: Informationssperre zum Ökostrom

Montag, den 2. Juli 2012

Heute ist die Antwort der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zum Ökostrom im Kanzleramt gekommen, über den wir vergangene Woche berichteten. Beziehungsweise es ist keine Antwort gekommen. Die Bonner Behörde nämlich bestätigte lediglich, was das Bundespresseamt bereits mitgeteilt hatte: Dass der neue Strom für das Büro von Angela Merkel und alle ihre Mitarbeiter von Vattenfall stamme.

In ausführlichen Worten beschreibt dann ein Mitarbeiter der „Sparte Facility Management, Abteilung ZEFM 4, Energie- und Umweltmanagement, Implementierung BALIMA und Querschnittsaufgaben“ die Vorgeschichte: Dass ein „Staatssekretärausschuss nachhaltige Entwicklung … am 6. Dezember 2010 das Maßnahmenprogramm ‚Nachhaltigkeit‘ der Bundesregierung beschlossen“ habe, in dessen Folge „die schrittweise Umstellung des Strombezuges der Dienstsitze der obersten Bundesbehörden in Berlin und Bonn auf Ökostrom“ vollzogen werde. Es habe dann eine Ausschreibung gemäß Empfehlungen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegeben, bei dem neue Ökostrom-Erzeugungsanlagen bevorzugt behandelt wurden. Den Zuschlag habe letztlich der „Bieter mit dem wirtschaftlichsten Angebot“ erhalten, und dies sei „die Fa. Vattenfall Europe Sales GmbH“ gewesen.

Soweit, so gut. Aber dann heißt es:

Nein, wir haben leider kein Verständnis dafür, dass die Öffentlichkeit den Preis des Vattenfall-Ökostroms nicht erfahren soll – und offenbar auch nicht, aus welchen Erzeugungsanlagen konkret er denn nun stammt. Wir haben die BImA deshalb erneut um Auskunft gebeten und vorsorglich einen Antrag gemäß Informationsfreiheitsgesetz gestellt (dieses „Gesetz zur Regelung des Zugangs zu Informationen des Bundes“ verpflichtet Obere Bundesbehörden zu einer weitreichenden Auskunfterteilung).

Wir halten Sie über den Fortgang auf dem Laufenden.