Monatsarchiv für November 2013

Vattenfall: Sozialprobleme schönreden

Donnerstag, den 28. November 2013

In Cottbus und Umgebung lässt die Firma Vattenfall derzeit folgendes plakatieren:

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Wir konnten leider Gregor Ladusch aus Großräschen selbst nicht befragen, wie seine Zukunft aussieht. Die Telefonauskunft verrät seine Telefonnummer nicht. Verbrieft ist immerhin, dass Gregor Ladusch aus Großräschen echt ist. Beispielsweise beschrieb er den Ort Atterwasch als „perfekten Ort zum Lernen“: „Es macht Spaß, hier zu lernen. Die Anlage mit dem See gleich nebenan – das ist perfekt“, zitiert die Lausitzer Rundschau Gregor Ladusch aus Großräschen im Jahr 2006 – damals 14-jährig.

Dumm nur, dass Atterwasch keine Zukunft hat. Der „perfekte Ort zum Lernen“ wird demnächst von Schaufelrad-Baggern zermalmt, die aus dem „perfekten Ort“ dann den Braunkohletagebau Jänschwalde-Nord machen.

Mehr noch: In den kommenden Tagen beginnt die Erörterung für den neuen Tagebau Welzow-Süd II. Bis 2042 sollen Orte wie Proschim, Karlsfeld und Teile von Welzow geopfert werden, Vattenfall will sich im Genehmigungsverfahren durchsetzen. Gregor Ladusch aus Großräschen sagt in der Anzeige deshalb:

2Aber das ist glatt gelogen! Im neuen Koalitionsvertrag haben SPD und Union Klima-Ziele festgeschrieben: „National wollen wir die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Stand 1990 reduzieren“, heißt es auf Seite 50. Bis 2050 sollen es in Deutschland 80 bis 95 Prozent sein, nach den Ergebnissen der Pariser Klimaschutzkonferenz 2015 soll ein Plan mit Zwischen-Zielwerten bis dahin folgen. Und die Koalitionäre haben schon mal ein Zwischenbild gemalt: Bis 2035 sollen 55 bis 60 Prozent des deutschen Strombedarfs durch Sonne, Wind und Co gedeckt werden.

Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger. Je nach Braunkohle-Art entstehen beim Verfeuern einer Tonne bis zu 1,3 Tonnen Kohlendioxid – dreimal so viel wie bei einem modernen Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk. Braunkohlekraftwerke sind heute für etwa die Hälfte des Kohlendioxid-Ausstoßes in Deutschlands Stromerzeugung verantwortlich. Völlig klar ist deshalb, dass im Jahr 2035 Braunkohle im Energiemix kaum noch eine Rolle spielen kann. Azubi Gregor Ladusch aus Großräschen wird dann 43 Jahre alt sein – und arbeitslos, weil er eben nur Braunkohle kann.

Die neue Brandenburger Landeschefin der Bündnisgrünen hat dieses kommende Sozialproblem bereits thematisiert: „Wir sollten im Braunkohlebereich keine Lehrlinge mehr ausbilden, sondern nur noch in erneuerbaren Energien“, sagte Petra Budke. Aber das will in der Lausitz kaum jemand hören. Man hofft hier halt auf Vattenfall und darauf, dass Klimaschutz nicht wichtig ist.

Vattenfall sucht aber schon mal einen Investor, an den der schwedische Konzern sein Braunkohle-Geschäft verkaufen kann. Offenbar ist das weder „wichtig“ noch „die Zukunft“.

Danke an Mike K. aus Fürstenwalde für den Tipp


Gero Hocker (FDP): Ein Klimairrer im Landtag

Montag, den 4. November 2013

Diesmal behandeln wir einen faustdicken Skandal. Es geht um neun Millionen Euro, die das Land Niedersachsen im kommenden Jahr in den Klimaschutz stecken will. Neun Millionen Euro, in einem Küstenland, das den schweren Folgen des Meeresspiegel-Anstiegs Tribut wird zahlen müssen. Ein Land, das von SPD und den Bündnisgrünen regiert wird! Dieses Land will 2014 ganze 1,16 Euro pro Niedersachsen-Kopf in den Kampf gegen die Erderwärmung investieren? Was für ein Skandal!

Findet auch Gero Hocker von der neuen Splitterpartei FDP. Allerdings meint der das anders: Es gibt auf Hockers politischer Agenda nämlich keinen Klimawandel. Alles bloß eine ideologische Lüge, mit der die „Mehrheitsfraktionen“ die Bevölkerung in deren persönlicher Freiheit beschneiden wollen. Statt in den Klimaschutz, forderte Hocker kürzlich im Niedersächsischen Landtag, sollte das Geld lieber in den Hochwasserschutz gesteckt werden.

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Hocker sagte in seiner Rede: „Der IPCC ist nun wirklich kein guter Ratgeber mehr beim Thema Klimaschutz!“ Die Experten hätten noch vor sechs Jahren prognostiziert, dass „das Weltklima pro Jahr um durchschnittlich 0,2 Grad steigt“. Und nur sechs Jahre später müssten die Experten zurückrudern und anerkennen, dass sich die Globaltemperatur nur um 0,05 Grad in den letzten zehn Jahren erwärmt habe. „Und diejenigen wollen uns nun über Jahrzehnte Maßgaben machen, und wir sollen politisch handeln?“ Und dann vergaloppiert sich der – ja, tatsächlich! – umweltpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion völlig: „Grönland war vor 1.000 Jahren eisfrei – zu einer Zeit, in der es keinen CO2-Ausstoß menschengemacht gegeben hat“, sagte Hocker.

Seufz.

Grönland war vor 1.000 Jahren natürlich nicht eisfrei. Der forsche Herr Hocker müsste sich nur mal die Mühe machen, sich aus seinem Wahlkreis Verden nach Bremerhaven aufzumachen und das Alfred-Wegener Institut zu besuchen. Dort gibt es Eisbohrkerne, die bis zu 200.000 Jahre zurückreichen, ohne „eisfreie“ Unterbrechung. Das mit dem eisfreien Grönland behauptete übrigens vor einiger Zeit auch Fritz Vahrenholt (immerhin mit der Einschränkung „fast“), vermutlich hat Klimaexperte Hocker diesen Blödsinn beim Klimaexperten Vahrenholt abgeschrieben.

Aber Herr Hocker kann offenbar ja nicht mal lesen. Denn der IPCC hat nicht prognostiziert, dass „das Weltklima pro Jahr um durchschnittlich 0,2 Grad steigt“. Abgesehen davon, dass „das Weltklima“ gar nicht „steigen“ kann (alle Zahlen beziehen sich in Wahrheit auf die bodennahen Lufttemperaturen), irrt sich Gero Hocker hier um den Faktor Zehn! Im Vierten IPCC-Sachstandsbericht von 2007 nämlich war von einem Anstieg um 0,2 Grad pro JahrZEHNT die Rede gewesen.

Korrekt ist immerhin, dass der jüngst vorgestellte Fünfte Sachstandsbericht den tatsächlich zwischen 1998 und 2012 eingetretenen Temperaturanstieg auf lediglich 0,04 Grad bezifferte. Dieser geringere Anstieg (im englischen Fachjargon „hiatus“ genannt oder „slowdown“) beschäftigt die Forscher sehr. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von plausiblen Erklärungen, Herr Hocker könnte sie in Kapitel 9 des aktuellen IPCC-Reports nachlesen (Box 9.2 ab Seite 28 im verlinkten PDF): Demnach ist ein Großteil der Wärme in den vergangenen 15 Jahren aus der Atmosphäre in die Ozeane abgeflossen, außerdem haben natürliche Schwankungen der Sonnen- und Vulkanaktivität den menschengemachten Erwärmungstrend kurzzeitig überlagert. Nach Redaktionsschluss des Reports kamen noch weitere Erkenntnisse hinzu – einer aktuellen Studie zufolge ist ein Großteil des „Slowdown“ auch mit einer schlichten Messlücke zu erklären: Weil es in der Arktis wenige Wetterstationen gibt, ist der dort besonders stark ausfallende Erwärmungstrend nicht erfasst worden und damit nicht in die Berechnung des weltweiten Durchschnitts eingeflossen.

Aber die Welt der wirklichen Wissenschaft nimmt Gero Clemens Hocker nicht zur Kenntnis: Ob der Mensch überhaupt Einfluss auf das Klima besitzt, sei „höchst umstritten“, schrieb Hocker in einer Pressemeldung. „Nur etwa 2–4 % des freigesetzten CO2 ist menschenverursacht, der größte Anteil stammt aus natürlichen Prozessen, die seit Jahrmillionen auf der Erde passieren, Vulkanausbrüche, Waldbrände etc. Aus diesem Grunde ist es höchst fraglich, ob Einsparungen bei von durch Menschen freigesetztem CO2 tatsächlich Einfluss auf unser Klima haben können.“ Hocker konstatiert entfesselte Ängste vor „dem Klimawandel, der bislang noch lange nicht bewiesen ist“.

Und von solchen Leuten werden wir nun im Parlament vertreten…

Herzlichen Dank an Martin M. für seinen Tipp!