Monatsarchiv für Januar 2009

Bundesregierung: Hauptsache, das Geld stimmt

Dienstag, den 27. Januar 2009

Stellen Sie sich vor, Sie sind Autolobbyist und wollen eine klimapolitisch wirksame Kfz-Steuer verhindern. Was tun Sie? Sie schlagen erst etwas vor, was so abgrundtiefer Blödsinn ist, dass es wirklich jeden schockt. Wenn es später nicht ganz so katastrophal kommt, lässt sich das sogar als ökologisch verkaufen.

Genau dies war in den vergangenen Tagen bei der Neuregelung der Kfz-Steuer zu erleben. Fast zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass die Bundesregierung auf ihrer Kabinettsklausur in Meseberg eine „Umstellung auf CO2-Basis“ beschloss. Künftig sollten, so lautete 2007 der Beschluss, „sparsame Fahrzeuge steuerlich entlastet und Fahrzeuge mit einem hohen Verbrauch stärker belastet werden“.

Fast ebenso lange lag ein Vorschlag mit echter ökologischer Lenkungswirkung auf dem Tisch: Der Verkehrsclub VCD schlug 2007 ein Steuermodell vor, das mit höherem Ausstoß von Kohlendioxid jedes Gramm des Klimagases stärker besteuern würde. Solche progressiven Steuersätze sind in der Einkommensteuer gang und gäbe. Die spritschluckenden Gelände-Sportwagen SUV mit über 250 Gramm CO2-Ausstoß wären so um ein- bis zweitausend Euro pro Jahr teurer geworden.

Auf Drängen von CDU/CSU aber legte die Bundesregierung vergangene Woche ein Modell für die neue Kfz-Steuer vor, die das Gegenteil erreicht hätte. Der Vorstadtpanzer Audi Q7 Quattro wäre dabei sogar um 300 Euro pro Jahr entlastet worden. Es folgte ein Sturm der Entrüstung. Daraufhin taten die Sozialdemokraten, was seit 130 Jahren ihre Existenzberechtigung ist: Sie verhinderten Schlimmeres. Doch Audi, BMW & Co. konnten sich auf Hans-Peter Friedrich, den verdienten Autolobbyist in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, verlassen. Die Kfz-Steuer richtet sich auch künftig nicht wirklich nach dem Kohlendioxid-Ausstoß. Nach einem Sturm der Entrüstung bleibt es nämlich trotzdem bei einem Mischmodell, was der Autopolitiker laut Spiegel Online mit Haushaltsnöten begründete:

Ausriss

Vater Staat nämlich sorgt sich nicht zuallererst ums Klima, sondern um sein Geld. Und in der Tat standen die regierenden Autofreunde vor einem (selbstverschuldeten) Dilemma: Setzen sie die Grenzwerte streng an, ab der eine rein CO2-basierte Steuer erhoben wird, schützen sie jene Spritschlucker zu wenig, auf die sich die deutschen Autohersteller in den vergangenen Jahren spezialisiert haben. Bei einem lockeren Grenzwert aber, den viele Autos unterschreiten, drohte Risiko Nummer 2: Die Steuereinnahmen könnten ausfallen.

Die nun beschlossene Kombination aus Sockelbetrag (9,50 Euro pro 100 Kubikzentimeter beim Diesel, zwei Euro beim Benziner) plus CO2-Steuer (je zwei Euro pro Gramm, das eine Grenze von 120 Gramm pro Kilometer überschreitet) führt zu paradoxen Verzerrungen: Bisher waren etwa für ein den Hybrid-Wagen Toyota Prius 101 Euro per anno zu zahlen. Bei einer CO2-basierten Steuer hätte er mit seinen 104 Gramm CO2 künftig steuerfrei sein können – doch die hubraumbezogene Basissteuer verhindert das, es werden ab 1. Juli pro Jahr 30 Euro fällig. Die volle Absurdität zeigt sich, wenn der neue Prius auf den Markt kommt: Er wird weniger als 90 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen – doch der Steuersatz steigt um 20 Prozent, weil der Wagen künftig einen Motor mit größerem Hubraum haben wird. Gleichbleibend (auf niedrigem Niveau) hingegen wird der Audi Q7 V12 (298 g CO2/km) belastet. Statt bisher 926,40 Euro sind nach dem neuen Modell 926 Euro zu entrichten. Dem Staat ist offensichtlich schnuppe, was mit dem Klima passiert, solange die Kasse stimmt.

Noch ein Beispiel gefällig? Der Allerwelts-Golf mit 1,4-Liter-Benzinmotor kommt auf einen CO2-Wert von 149 Gramm. Seine Steuerlast wird nach der „Reform“ mit 87 Euro trotzdem nur etwa halb so hoch sein wie die des Spar-Golfs BlueMotion mit 1,6-Liter-Diesel (99 g CO2/km und 152 Euro). Doch nach dem Katastrophen-Vorschlag aus der letzten Woche freuen sich (fast) alle Medien, tagesschau.de titelt gar:

Ausriss mit Zitat:


Vattenfall: Erster Wortbruch in Moorburg

Montag, den 26. Januar 2009

Hoch schlugen die Wellen, als Vattenfall vor gut zwei Jahren die Pläne für ein neues Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg bekanntmachte. Es gab heftige Proteste, fast wäre die schwarz-grüne Koalition in der Hansestadt an dem Klimakiller-Projekt gescheitert. Groß waren deshalb die Versprechen des Energiekonzerns: Mit Inbetriebnahme der neuen Anlage werde man ein altes Heizkraftwerk im nahen Wedel abschalten. Auf der Vattenfall-Homepage heißt es dazu, die Errichtung der neuen Anlage in Moorburg

Ausriss: soll bis zum Jahr 2012 abgeschlossen werden. Sie wird das dann 50 Jahre alte Kraftwerk in Wedel ersetzen.

Außerdem versprach Vattenfall, das neue Kraftwerk baldmöglichst mit einer Anlage zur Abscheidung von Kohlendioxid nachzurüsten.

Nun sind die Genehmigungen für Moorburg erteilt. Die Bauarbeiten laufen auf Hochtouren. Der rechte Zeitpunkt also, alte Versprecher, äh, Versprechen abzuräumen. Das Hamburger Abendblatt meldete am Wochenende, Vattenfall habe „mit Verweis auf die unsichere Situation in der Energiepolitik“ mittlerweile seine Pläne geändert: Wedel soll nun doch nicht mit Inbetriebnahme von Moorburg stillgelegt werden. Dabei hatte es in den öffentlichen Diskussionen immer geheißen, die neue Anlage sei doch ganz toll fürs Klima, weil dann das alte Kraftwerk abgeschaltet werde. Bild brachte dieses (schon immer falsche) Argumente mit einer Schlagzeile auf den Punkt: „Sind die Grünen Umweltsünder?“, fragte sie angesichts des Widerstands der GAL gegen die Vattenfall-Pläne. Dass die alte Anlage siebenmal kleiner ist als der neue Kraftwerksriese und deshalb der Kohlendioxid-Ausstoß in Moorburg ein Vielfaches von dem in Wedel betragen wird, war dem Boulevardblatt wohl schon zu komplex.

Bei Regierung, Opposition und Umweltverbänden ist nun jedenfalls die Empörung groß. Von „Wortbruch“ und „gezielter Täuschung“ ist die Rede. Das Abendblatt zitiert eine Vattenfall-Sprecherin mit der kühlen Bemerkung, „die Versorgungssicherheit der Fernwärmekunden“ habe nun mal „Priorität“, deshalb brauche man für eine Übergangszeit beide Anlagen. Von zwei Jahren Aufschub für die Stilllegung von Wedel ist nun die Rede. Mal sehen, wie es weitergeht. Und wann der Konzern den Ausstieg aus dem zweiten, lauen Versprechen einleitet: dem Bau der CCS-Anlage in Moorburg.


Wibo-Werk: Verschwendung – jetzt noch besser!

Mittwoch, den 21. Januar 2009

Schon vor fast einem Jahr beschäftigte uns das Hamburger Wibo-Werk, ein Anbieter von Stromheizungen. Die Produkte sorgten für „co2-freie“ Wärme, hieß es damals auf Postwurfsendungen. Was natürlich Blödsinn ist – jedenfalls solange wie in Deutschland etwa die Hälfte des verbrauchten Stroms aus Kohlekraftwerken stammt.

In ihrer neuen Werbung behauptet das Wibo-Werk nun die Klimafreundlichkeit nur noch für Kunden von Ökostrom-Anbietern. Energieverschwendung ist das dann immer noch, weil in den Stromnetzen bei der Übertragung Elektrizität verloren geht und Strom ohnehin eine viel zu wertvolle Energieform ist, um damit Räume zu heizen. Aber egal.

Auch die anderen „Vorteile“, die Wibo in seiner Werbung aufführt, sind zweifelhaft: Mit Strom zu heizen sei „günstig“ – Verbraucherzentralen dagegen warnen regelmäßig vor diesem „Märchen“. Wer mit Strom heizt, zeige „ein Bewusstsein für die Umwelt“, behauptet die Firma, denn die „staatlich streng kontrollierten Kraftwerke“ hätten „hohe technische Wirkungsgrade“. Auch dies stimmt nicht, die üblichen Großkraftwerke auf Kohle- oder Atom-Basis haben lausige Wirkungsgrade, meist geht dort mehr als die Hälfte der eingesetzten Primärenergie verloren.

Besonders schräg aber ist die Behauptung, mit Wibo-Stromheizungen seien „Einsparungen bis zu 40 Prozent“ möglich. Nicht ohne Grund findet sich hinter der Zahl ein Sternchen. Es verweist auf dieses Kleingedruckte:

Damit ist wohl gemeint: Die „hochentwickelten“ Wibo-Produkte verfügen über Thermostate, die den Heizkörper ab und zu auch mal abschalten, weshalb gegenüber einem ständig laufenden Stromfresser natürlich etwas weniger Energie verbraten wird. Das ist seit langem technischer Standard, auch bei anderen Heizungen.

Mit der Einsparung im Regelbetrieb, wie sie etwa Energiesparlampen gegenüber konventionellen Glühbirnen aufweisen, hat das nichts zu tun. Trotzdem wirbt das Wibo-Werk auf seinen Postwurfsendung mit diesem Motiv:

Danke an Michael M. aus Lechbruck für den Hinweis

P.S.: In einer früheren Version dieses Textes schrieben wir, das Wibo-Werk biete auch Nachtspeicheröfen an. Das war nicht korrekt. Im Sortiment der Firma finden sich – neben Elektrokaminen und „Elektro-Kachel-Öfen“ – nur „Elektrische Speicher-Flach-Heizungen“, die aber mit normalem Tagstrom betrieben werden. Das sei ökologisch „ja noch viel schlimmer“, sagt dazu Prof. Uwe Leprich, Heizungsexperte von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. Denn wenn Elektroheizungen tagsüber ihren Strom ziehen, erhöhen sie den Elektrizitätsbedarf, wenn er ohnehin hoch ist. Für die Stromnetze und den Kraftwerkspark wäre das „verheerend“. Auch die Beratungsgesellschaft co2online.de warnt davor, mit Tagstrom zu heizen. Dies sei, wie eine Grafik auf deren Internetseite zeigt, für Verbraucher der mit Abstand teuerste Energieträger. Immerhin will die Bundesregierung im Rahmen ihres Klimapakets festschreiben, dass besonders ineffiziente Nachtspeicherheizungen auf lange Sicht verboten werden.


US-Kohlelobby: Süßer die Lügen nie klingen

Samstag, den 17. Januar 2009

Schon mehrfach ging es auf diesem Blog um die PR-Kampagnen der deutschen Kohlebranche – aber beim Blick in die USA wirken RWE, Vattenfall und ihre Lobby-Verbände fast wie einfallslose Stümper. Mit gigantischem Werbeaufwand wird dort versucht, unter dem Siegel „Clean Coal“ Akzeptanz zu schaffen für neue Kohlekraftwerke. Geschickt wird mit dem unklaren Begriff „Saubere Kohle“ jongliert: Mal sind damit reduzierte Emissionen an Feinstaub oder Schwefelabgasen gemeint, mal ein sinkender Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid in Kohlekraftwerken. Bei ersterem gab es auch in den USA in den letzten Jahrzehnten (gesetzlich erzwungene) Fortschritte, letzteres aber ist auch jenseits des Atlantiks noch ferne Zukunftsmusik. Anfang 2008 wurde beispielsweise das großangekündigte Projekt FutureGen gestoppt.

Eine Geschmacklosigkeit sondergleichen hatten sich die PR-Profis von der American Coalition for Clean Coal Energy (ACCCE) für das vergangene Weihnachtsfest ausgedacht: Trickfilme, in denen niedliche Kohlestückchen umgedichtete Weihnachtslieder sangen. Aus „Oh Tannenbaum“ wurde „Oh Technology“, aus „Stille Nacht“ machte man „Clean Coal Night“. Der populäre englische Song „Frosty, der Schneemann“ wurde zu „Frosty, the Coal Man“.

Umweltschützer protestierten, in vielen Blogs wurde Empörung laut. Und anscheinend bekam die Kohlelobby kalte Füße, jedenfalls nahm ACCCE die Clips nach wenigen Tagen (mit einer lauen Ausrede) vom Netz. Auf YouTube aber sind sie für die Nachwelt erhalten. Wir möchten die Filmchen gar nicht weiter kommentieren, sondern dokumentieren sie als ein ganz besonderes Stück Grünfärberei.

„Oh Tannenbaum“:

„Stille Nacht“:

„Frosty, the Snowman“:


Volker Kauder (CDU): Geschenke für VW & Co.

Mittwoch, den 14. Januar 2009

Das Jahr 2009 ist noch jung, und schon gibt es ein Musterbeispiel für leicht durchschaubare Grünfärberei: Die Bundesregierung hat gerade ihr zweites Konjunkturpaket beschlossen, aber statt die Erhöhung der Staatsausgaben für einen ökologischen Umbau des Landes zu nutzen, wird es mit der Gießkanne verteilt – und da muss natürlich auch die hierzulande so mächtige Autoindustrie etwas abbekommen. In Zeiten des Klimawandels wird das natürlich mit einem dünnen Öko-Mäntelchen bedeckt. Und so stand gestern Volker Kauder, der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im ZDF-Morgenmagazin und präsentierte die neue „Umweltprämie“ für das „Abwracken“ alter Autos:

Aus Regierungskreisen verlautet dann auch sehr schnell, welche Voraussetzungen ein Fahrzeug erfüllen muss, um das Prädikat „umweltfreundlich“ zu bekommen: Gar keine. Hauptsache, es werden Autos verkauft.

Einzig die angeblich umweltfreundliche Abgasnorm Euro 4 sollen die neuen Wagen erfüllen – die aber ist schon seit über vier Jahren gesetzlicher Standard. Für den Klimaschutz gibt es dagegen überhaupt keine Vorgabe. Wenn man dann bedenkt, dass ein Gutteil des Energieverbrauchs eines Autos bei der Produktion entsteht und deshalb eine Nachrüstung mit Abgasreinigungssystemen sinnvoller als ein Neubau sein kann, wird restlos klar, was die Maßnahme der Bundesregierung wirklich ist: Ein reine Abverkaufsmaßnahme für Haldenautos und ein Geschenk an die Autoindustrie auf Kosten des Weltklimas.

Ein wenig Sinn hätte diese „Abwrackprämie“, würden damit der Umstieg von alten CO2-Schleudern auf neue Klimaschoner gefördert. Aber nein, folgt man der Bundesregierung, kann der 3-Liter-Lupo, Baujahr 1999, gerne durch einen fabrikneuen VW Touareg mit vierfachen Kohlendioxid-Emissionen ersetzt werden. Denn der schafft ja wenigstens die Euro-4-Norm!

Passenderweise illustrierten die ZDF-Kollegen den Klimaflop denn auch mit einem Playmobil-Auto, das unverkennbar einen dieser spritschluckenden Sport-Geländewagen darstellt:


auto, motor und sport: Werbung für die Werbung

Dienstag, den 13. Januar 2009

Motorjournalisten, so das böse Vorurteil, sind bloß der verlängerte Arm der Marketingabteilungen der Autohersteller. Auf Kosten der Konzerne jetten sie durch die Welt, um bei der Premiere neuer Modelle Schampus zu trinken. Die aktuelle Ausgabe des Vorzeigeblatts der Dienstwagenfahrer, auto, motor und sport, bestätigt dies Vorurteil auf erschreckende Weise: Die Autohersteller hätten längst verstanden, schreibt Chefredakteur Bernd Ostmann da in seinem Editorial, dass Umweltfreundlichkeit ein Wettbewerbsargument sei. Sein Beleg dafür: schlicht zwei Anzeigen von BMW und Audi. Und deren Inhalt wird in der redaktionellen Bildzeile kritiklos übernommen:

Das Peinliche an der linken Werbung ist: Alle Neuwagen sind momentan von der Kfz-Steuer befreit – und damit natürlich auch alle Audis. Und BMWs Selbstlob in der rechts abgebildeten Annonce, es gebe bereits ein paar Autos mit einem geringerem CO2-Ausstoß als 140 Gramm pro Kilometer, ist bei genauem Blick ebenfalls ziemlich daneben: Nach einer zehn Jahre alten Selbstverpflichtung der Autoindustrie hatte schon 2008 der Durchschnitt ALLER Neuwagen bei diesem Wert liegen sollen. Tut er aber nicht.

Auch direkt in seinem Text macht der Chefredakteur plumpe Öffentlichkeitsarbeit für die Konzerne:

Leider erklärt Ostmann in seinem ganzen Editorial nicht, warum der Flottenverbrauch (nicht nur von BMW) heute trotz dieser Wundertechniken noch weiter über der einstigen Selbstverpflichtung liegt. Dabei beweisen Autojournalisten seit Jahren, dass sie durchaus kritisch sein können: Die Fortschritte bei der passiven und aktiven Fahrsicherheit sowie die immer komfortableren, schnelleren und dickeren Autos gehen wesentlich auf ihr Drängen zurück. Wären die deutschen Autoschreiber bei Umweltschutz und Verbrauch genau so hartnäckig wie bei Leistung, Komfort und Sicherheit, würden Autos heute mit Sicherheit viel weniger verbrauchen und viel weniger Kohlendioxid emittieren.


Getränkedosen: Brunftgeschrei und CO2

Donnerstag, den 8. Januar 2009

Röhrende Hirsche in Öl hingen einst in vielen deutschen Wohnzimmern, und beim Verband Metallverpackungen (VMV) gelten sie noch heute als Symbol für Natur und heile Welt.

Auf seiner Internetseite und in Zeitungsannoncen, zum Beispiel im Fachblatt Lebensmittelzeitung, versucht die Lobby der deutschen Dosen-Industrie gut Wetter zu machen für ihre Produkte. Diese hätten „die höchste Recyclingrate“, heißt es da. „Das spart uns Emissionen, und die Natur sagt Danke. Ein Grund mehr, öfter in Metall zu verpacken.“ Da röhrt der Hirsch: „Danke schön für weniger co2″.

In einem dreiseitigen Informationsblatt führt die Dosen-Lobby ihre – tja, Argumentation mag man das fast nicht nennen – also, ihren Gedankengang weiter aus:

Der Trick heißt: den Energiebedarf ausblenden. Denn natürlich stimmt es, dass die Grundstoffe für Blech- oder Alu-Dosen in der Natur reichlich vorhanden sind. Natürlich stimmt es, dass beide Verpackungsmaterialien prima wieder verwertbar sind. Aber zwischen dem Rohstoff und dem Recycling – da muss natürlich erstmal die Verpackung bzw. das Material dafür hergestellt werden. Was bei Stahl und Aluminium Unmengen an Energie verschlingt. Und viel Energie heißt (solange diese nicht aus regenerativen Quellen stammt) eben auch: hoher Kohlendioxid-Ausstoß. Deshalb haben Getränkedosen aus Aluminium oder Weißblech im Vergleich zu anderen Verpackungsmitteln eine lausige Ökobilanz.

All die vorteilhaft scheinenden Zahlen zum co2-Ausstoß und zur Energieeinsparung, die der Verband Metallverpackungen in seiner Imagekampagne nennt, vergleichen stets nur Kohlendioxid-Ausstoß und Energieverbrauch von recycelten Dosen mit neu hergestellten. Diese relativen Vorteile gegenüber Neumaterial sagen aber überhaupt nicht, wie viel Energie absolut aufgewendet wird beziehungsweise wie viel Kohlendioxid absolut verursacht wird. Darüber verliert das Werbematerial der Dosenlobby wohlweislich kein Wort.

Umso klarere Worte finden sich in einer fast 300-seitigen Studie des Umweltbundesamtes, veröffentlicht im Jahre 2002. Es ist die wohl gründlichste Untersuchung über die Umweltauswirkungen unterschiedlicher Getränkeverpackungen. Ende der 90-Jahre – damals wurde hierzulande heftig um das Dosenpfand gestritten – ließ die Behörde in mehreren Studien akribisch die Vor- und Nachteile von Einweg- und Mehrwegglasflaschen, von Getränkekartons und Plasteflaschen, von Aluminium- und Weißblechdosen untersuchen. Unter anderem wurden da der Energieverbrauch und der Treibhausgas-Ausstoß von Getränkedosen und mit dem von Glas-Mehrwegflaschen direkt verglichen. Mit einem vielleicht etwas umständlich formulierten, aber unmissverständlichem Ergebnis:

Im Klartext: Selbst wenn der Aufwand für das Auswaschen von Pfandflaschen und der Dieselverbrauch der Ausliefer-Lkw berücksichtigt wird, sind Alu- oder Blechdose fürs Klima etwa doppelt bzw. viermal so schädlich. Und daran ändern, vermerkt die Studie explizit, auch die Recyclingquoten nicht viel.

Deshalb: Danke schön, liebe Dosenlobby, für mehr co2!

Danke an Maike J. für den Hinweis


TUIfly: Fliegen ist prima fürs Klima

Freitag, den 2. Januar 2009

Ausriss aus der TUIfly-WebsiteDachten Sie bisher, Fliegen sei nicht gut für die Umwelt? Sie glaubten zu wissen, dass Flugzeuge sogar die klimaschädlichsten Verkehrsmittel überhaupt sind? Dann schauen Sie mal, was die drittgrößte deutsche Fluggesellschaft, TUIfly, auf ihrer Internetseite schreibt:

Super, was? Dort kann mit einer Flugbuchung die Umwelt schützen!

Seit gut einem Jahr kooperiert das in Hannover ansässige Unternehmen mit „MyClimate“, einem Schweizer Anbieter von Klimakompensationsmaßnahmen. Deren Prinzip klingt verlockend: Den Klimaschaden, den man durch sein eigenes Verhalten anrichtet, lässt man an anderer Stelle ausgleichen – zum Beispiel, indem man Geld gibt für Windräder in der Dritten Welt. Kritiker aber nennen das modernen Ablasshandel, weil man sich bequem von eigenen Sünden freikaufen könne. Denn besser als Kompensation sei eine Vermeidung oder Minderung des Klimaschadens – also zum Beispiel mit dem Zug in den Urlaub zu reisen statt mit dem Flugzeug.

Dies findet TUIfly (Werbeslogan: „Übers Wochenende nach Sylt jetten! Ab 29 Euro“) natürlich keine so tolle Idee. Stattdessen ruft die Firma also ihre Kunden während der Buchung dazu auf, eine „freiwillige Spende“ zu leisten – von dem Geld sollen Familien in Eritrea brennstoffsparende Kocher erhalten. Wählt man zum Beispiel einen Hin- und Rückflug von Hannover nach Las Palmas, erscheint auf der TUIfly-Website dies:

Will man aber auf der Website von Partner MyClimate exakt denselben Flug kompensieren, sieht das Angebot ganz anders aus:

Für denselben Flug wird dort also nicht nur viel höhere Kosten ausgewiesen, auch die Menge des auszugleichenden Kohlendioxid ist dort dreimal so groß wie bei TUIfly.

Des Rätsels Lösung: Bei der Fluggesellschaft werden nur die direkten CO2-Emissionen berücksichtigt. Der Klimaschaden durchs Fliegen aber ist viel größer, weil Düsentriebwerke neben Kohlendioxid noch andere Schadstoffe ausstoßen und die Emissionen in besonders empfindlichen Schichten der Erdatmosphäre freiwerden. Der direkte CO2-Ausstoß von Flugzeugen wird deshalb üblicherweise mit dem sogenannten RFI-Faktor („Radiative Forcing Index“) multipliziert, um den Klimaschaden zu errechnen. Der Weltklimarat IPCC hat 1999 als realistischen Faktor irgendwas zwischen 2 und 4 vorgeschlagen. „Nach Schätzung des Umweltbundesamtes liegt er zwischen 3 und 5″, heißt es in einem von den obersten deutschen Umweltbeamten herausgegebenen Ratgeber zu Klimakompensationen, „das heißt, die Klimawirkung des Flugverkehrs ist mindestens 3-mal und höchstens 5-mal so groß wie die Wirkung des ausgestoßenen Kohlendioxids allein.“ Andere Umweltschäden – etwa die Gesundheitsbelastung von Flughafenanwohnern durch Fluglärm – fallen bei Kompensationsangeboten sowieso unter den Tisch.

TUIfly hat für seine Kunden also eine sehr günstige Offerte zur Gewissensberuhigung – bei der natürlich alles korrekt formuliert ist. Denn stets ist bei TUI nur von einer Kompensation des Kohlendioxids die Rede, der Rest der Geschichte wird einfach verschwiegen (und die meisten Kunden werden vom RFI-Faktor noch nie gehört haben).

Spricht man MyClimate, immerhin eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Zürich, auf die Diskrepanz an, hat die Sprecherin ein hörbar schlechtes Gewissen. Keine Fluggesellschaft weltweit, erklärt sie, erkenne die Sache mit dem RFI-Faktor überhaupt an. Was TUIfly macht, sei immerhin „ein erster Schritt“ – der innerhalb eines Jahres 420.000 Euro Spenden brachte. „Wir wollen die große Gruppe der Leute erreichen, die sich sonst gar keine Gedanken übers Klima machen“, sagt die MyClimate-Sprecherin.

So wie TUIfly die Klimakompensation vermarktet, werden sie sich wohl auch künftig keine Gedanken machen.