Monatsarchiv für März 2011

Naturenergie: Alter Strom mit neuem Marketing

Donnerstag, den 24. März 2011

Werber glauben offenbar, Recyclingpapier sei immer noch schmutzigbraun. Diese Grundfarbe hat sich jedenfalls die Firma Naturenergie verpassen lassen – für ihre Internetseite, für Infobroschüren oder auch für die Werbebanner, die derzeit zum Beispiel auf SpiegelOnline laufen.

Durch „die Verwendung von Naturpapier als Gestaltungselement“ und einen insgesamt „ungeschminkten Look“ werde ein „glaubwürdiger Markenauftritt“ geschaffen, erklärt die Stuttgarter PR-Agentur Strichpunkt ihr Werk. Aber wie glaubwürdig ist das Produkt?

Naturenergie verspricht „Strom aus 100 % Wasserkraft“, komplett ohne CO2-Emissionen, und es entstünden auch „keine radioaktiven Abfälle“. Wer zu Naturenergie wechsle, der leiste einen „Beitrag zum Klimaschutz“. Nun, der Strom stammt tatsächlich aus Wasserkraft. Doch was das Angebot fürs Klima bringt, ist fraglich. Denn die Kraftwerke von Naturenergie (übrigens nicht zu verwechseln mit der Marke Naturstrom, die von Umweltverbänden empfohlen wird) gehören zu den ältesten Europas, teilweise gingen sie bereits 1898 in Betrieb. Die Energie aus solchen Altanlagen gehört seit Jahrzehnten zum normalen deutschen Strommix. Wenn er plötzlich unter einem eigenen Markenzeichen (und mit Aufpreis) an Öko-Kundschaft verkauft wird, bringt das der Umwelt nichts – denn die Energie, die die restlichen Kunden in Deutschland bekommen, wird durch das Ausgliedern des Wasserstroms schlicht ein Stückchen dreckiger.

Ein besonderes G’schmäckle bekommt das Angebot dadurch, dass Naturenergie eine Tochter von EnBW ist, dem viertgrößten deutschen Stromkonzern. Kein Versorger, schrieb kürzlich der Energiewissenschaftler Uwe Leprich in einer Studie für Greenpeace, setze so sehr auf Atomkraft. Mehr als die Hälfte des EnBW-Gewinns stamme allein aus dem Betrieb der vier konzerneigenen Akw, zweitwichtigstes Standbein sei die klimaschädliche Kohleverstromung. Dagegen hinke das Unternehmen bei erneuerbaren Energien hinterher, gerade 0,4 Prozent seines Stroms stamme derzeit aus „neuen“ Ökostromanlagen, etwa aus Solar- oder Windparks, aus Biomasse- oder Erdwärmekraftwerken.

Man könnte meinen, in einer solchen Lage (und bei einem solchen Marketingauftritt) müsse ein Konzern besonders stark in Erneuerbare Energien investieren. Was aber kündigte Vorstandschef Hans-Peter Villis auf der letzten Bilanzpressekonferenz an?


FAZ: Prominenter Platz für Klima“skeptiker“

Mittwoch, den 9. März 2011

Herrje, heute sind die sogenannten „Klimaskeptiker“ im deutschen Bürgertum angekommen. Dieter Ameling, einst Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl und inzwischen Berater des bizarren Jenaer Klima“skeptiker“-Vereins EIKE, darf im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift „Das Klima kann man nicht schützen“ zusammenfassen, was die Gemeinde so glaubt.

Schon früher als Industrielobbyist griff Ameling gern Klimaschutz-Instrumente wie den EU-Emissionshandel an. Von ihm ist zudem überliefert, dass er seinen Dienstwagen, einen 7er BMW, gern schnell fuhr, nämlich „zehn Prozent unter Höchstgeschwindigkeit“, was doch „ein guter Kompromiss“ sei. Und nun, im Ruhestand, zieht der Herr durch die Lande (unter anderem sprach er vergangenen Dezember auf einer „Skeptiker“-Tagung in Berlin) und versucht, dem Klimaschutz jegliche Grundlage zu entziehen – indem er auf eine vermeintlich wackelige wissenschaftliche Faktenbasis verweist. Nichts an Amelings Artikel ist neu oder spannend – neu ist lediglich, dass ein seriöses Blatt wie die FAZ ihm so viel Platz für so viel Quatsch einräumt.

Der Text ist eine Sammlung ebenso altbekannter wie längst widerlegter Thesen der „Klimaskeptiker“, allerdings rhetorisch durchaus geschickt aufbereitet. So schreibt Ameling beispielsweise:

Die Aussage ist ja durchaus korrekt. Nur dient sie Ameling dazu, den erdgeschichtlichen mit dem heutigen Klimawandel gleichzusetzen. Dabei vollzieht sich die gegenwärtige Erwärmung viel schneller als frühere, und vor allem ist sie nachweislich durch den Menschen verursacht. Amelings These ist zwar eingängig, aber ein Fehlschluss: Mit derselben Logik könnte man bestreiten, dass es Brandstifter gibt, nur weil es schon immer auch natürliche Waldbrände gab.

Dasselbe rhetorische Muster findet sich in diesem Satz:

Streng genommen stimmt auch er. Allerdings ist unter (seriösen) Forschern nur strittig, ob – salopp gesagt – der menschliche Einfluss groß, sehr groß oder sehr, sehr groß ist.

So geht das über insgesamt fünf FAZ-Spalten. Das perfide an Amelings Text ist, dass man für jeden Satz ein Vielfaches an Platz bräuchte, um ihn richtigzustellen. Genau dies ist der strategische Nachteil, den Klimatologen in der öffentlichen Debatte gegenüber „Skeptikern“ haben: Deren Thesen sind meist prägnant und kurz – ernsthafte Forscher hingegen formulieren kompliziert und langatmig. Aber weiter im Text:

Über all die natürlichen Klimafaktoren, die Ameling hier nennt, zerbricht sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten den Kopf – dass sie in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielen, hat einen einfachen Grund: Diese Faktoren können den in den letzten Jahrzehnten beobachteten Temperaturanstieg auf der Erde einfach nicht erklären. Am beliebtesten unter Klima“skeptikern“ ist der Verweis auf die Sonne. Diese ist tatsächlich ein wichtiger Klimafaktor – aber er wird in jüngster Zeit immer mehr durch menschliche Einflüsse überlagert, etwa den anthropogenen CO2-Ausstoß oder die Vernichtung der Regenwälder. Im übrigen ist die Sonnenaktivität gerade auf einem historischen Tiefpunkt – und trotzdem war 2010 eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen.

Ein letztes Beispiel:

Mag ja sein, dass man in der Wirtschaft nur in Vier-Jahres-Rhythmen denkt – beim Klima aber geht es um längere Trends, mindestens um 30-Jahres-Zeiträume. Und langfristig betrachtet schmilzt das arktische Meereis dramatisch. Das von Ameling erwähnte Jahr 2007 war ein historischer Tiefststand – dass darauf ein paar Jahre folgten, die zwar weniger katastrophal waren, liegt in der natürlichen Variationsbreite. Doch selbst in diesen „besseren“ Jahren war der Eispanzer auf dem Nordmeer kleiner als im langjährigen Mittel.

Am Schluss seines Textes fordert Ameling,

Das ist keine schlechte Idee – weshalb sie auch schon viele Leute vor ihm hatten. George W. Bush beispielsweise ließ 2001 den Dritten Sachstandsbericht des Weltklimarats von der US-Akademie der Wissenschaften überprüfen – sie bestätigte die Befunde. Im vergangenen Jahr schaute sich der Weltverband der Akademien, das InterAcademy Council, im Auftrag der UN den IPCC genauer an – Ergebnis: Die Arbeit ist im Grundsatz in Ordnung, allerdings sollte das Management und die Kommunikation des Weltklimarats verbessert werden. Wenn Ameling nun noch einmal eine Überprüfung verlangt, ist das Motiv durchschaubar: Jede Verzögerung beim Klimaschutz bedeutet beispielsweise für die Stahlwirtschaft, dass sie länger Profite auf Kosten des Klimas machen kann.