Monatsarchiv für August 2016

Naturstrom: Falsche Vergebung versprechen

Mittwoch, den 31. August 2016

Seit Anfang 1993 spielt der Schauspieler Wolfgang Bahro bei der RTL-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten mit. In der Rolle des intriganten Rechtsanwalts Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim „Jo“ Gerner ist er damit der zweitdienstälteste Akteur von GZSZ, wie die wochentäglich im Vorabendprogramm ausgestrahlte Serie unter Fans genannt wird.

Jetzt geht Wolfgang Bahro in die Kirche:

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Und zwar in eine katholische Kirche, denn Bahro strebt dem Beichtstuhl zu. „Pater, ich habe gesündigt!“

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Der Pater macht einen GZSZ-Witz und sagt dann: „Was kann denn schon so schlimm sein, mein Sohn?“

„Es ist noch viel schlimmer, als Sie denken“, sagt der Schauspieler. Bahro bekennt, immer noch Kohle- und Atomstrom zu beziehen. Die Aufregung in der Kirche ist entsprechend groß!

Aber natürlich weiß der Pater Rat! Er schiebt ein Buch durch den Beichtstuhl, in dem ein Tablet-Rechner liegt …

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… und sagt: „Wechsle einfach zu einem echten Ökostromanbieter, dann sind dir alle deine Umweltsünden vergeben!“

Echt jetzt? Wirklich alle?

Bekannt ist, dass Wolfgang Bahro in den Spandau Arcaden in Berlin einkauft, die mit perfektem Shopping-Vergnügen locken – nicht aber mit fair gehandelten oder regionalen Biowaren. Bekannt ist, dass Bahro Kaffeemaschinen testet – und deren Kauf frenetisch empfiehlt. Bahro verführt bereits 17-Jährige zum Autofahren. Bekannt ist auch, dass Wolfgang Bahro Star-Wars-Fan istGerüchteweise soll Bahro sogar einen Aston Martin DB7 fahren – Kohlendioxid-Ausstoß ab mindestens 350 Gramm je Kilometer. Um nur einige der offensichtlichen Umweltsünden von Bahro aufzuzählen.

Im Streifen heißt es – nicht aus Bahros Mund, sondern aus dem Mund eines Naturstrom-Sprechers:

„Naturstrom – so schnell bist du von deinen Umweltsünden befreit!“

Wir bekennen an dieser Stelle, selbst zu viel zu fliegen (und manchmal vergessen wir atmosfair), noch nicht überall Energiesparlampen in der Redaktion reingeschraubt zu haben, viel zu viel Fleisch in der Woche zu essen und immer noch nicht zu einer Ökobank gewechselt zu sein.

Aber hey: Wir sind ja Kunden von einem echten Ökostromanbieter. Warum also auf den Urlaubsflug verzichten? Naturstrom sagt doch: Hallelulja!

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PS: Klar, liebe Naturstromer – Werbung ist immer mit Zuspitzung und Augenzwinkern verbunden. Das verstehen wir. Wer sich – und seinen Kunden – aber mehr als nur das schnelle Geschäft von seinem Tun und seinem Werbespot verspricht, der sollte nicht so plump argumentieren von Ökosünden befreien!

Vielen Dank an Henriette W. aus Hamburg für den Tipp!


Wikipedia: Nicht ganz richtig informieren

Samstag, den 27. August 2016

Sie wissen nicht, was „Vereinigtes Schleenhain“ ist? Früher hätten Sie bei Bedarf vermutlich zu einem Lexikon gegriffen. Aber dank Wikipedia sind diese Zeiten natürlich längst vorbei. Sie gehen also online und werden schnell fündig. „Vereinigtes Schleenhain“ ist ein Tagebau des Unternehmens MIBRAG in der Leipziger Tieflandsbucht, in dem Braunkohle für das Kraftwerk Lippendorf abgebaggert wird.

Ist das nicht klasse? Fünf Klicks und Sie wissen Bescheid!

Oder vielleicht doch nicht? Im Wikipedia-Eintrag zu „Vereinigtes Schleenhain“ findet sich folgende Passage:

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Scheußliche Formulierung: „Für Devastierung vorgesehene Orte“. Devastierung bedeutet „plattmachen“, „zerstören“, „abbaggern“. Die Orte Pödelwitz und Obertitz sollen also der Kohle zum Opfer fallen?

„Dafür gibt es rechtlich keine Grundlage“, sagt Gerd Lippold, der energiepolitische Sprecher der Bündnisgrünen im Sächsischen Landtag. Gesetzesgrundlage ist einerseits der Braunkohlenplan zum Betrieb des Tagebaus und andererseits das sogenannte Heuersdorf-Gesetz, dass 2004 vom Landtag verabschiedet worden ist.

Das sehen nicht nur die Grünen auf den Oppositionsbänken so, sondern auch die Schwarz-Roten an der Regierung. „Der Tagebau ‚Vereinigtes Schleenhain‘ kann nicht auf im Braunkohleplan nicht ausgewiesene Gebiete ausgedehnt werden“, heißt es etwas umständlich in der Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Bündnisgrünen.

Schauen wir also in den gültigen Braunkohlenplan. Die – O-Ton Wikipedia – „für Devastierung vorgesehenen Orte“ sind dort nicht als Abbaugebiet ausgewiesen. Logisch – denn im Gesetzgebungsverfahren waren Pödelwitz, Obertitz und Co als „Schutzgut“ klassifiziert worden: Die Gemeinde Heuersdorf sollte sichtbar das allerletzte abgebaggerte Dorf in Sachsen bleiben; die anderen, angrenzenden Dörfer sollten einen Schutzstatus erhalten. Deshalb 2004 das „Heuersdorf-Gesetz“.

Also ein Fehler der Wikipedia. Vielleicht aus Nachlässigkeit. Oder mit Absicht?

Es wäre nicht das erste Mal. „Inside Wikipedia – Angriff der PR-Industrie“ war 2014 ein Beitrag des ARD-Magazins Monitor überschrieben, der die perfiden Strategien von Lobbyisten und PR-Agenturen zeigt, um Einträge in ihrem Interesse zu verändern und zu beeinflussen. Eine gezielte Desinformation der Wikipedia-Nutzer sei nicht nur eine Gefahr für das Online-Lexikon, sondern eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft, so Monitor.

Fest steht in unserem Fall, dass es sich bei dem „Schleenhain“-Eintrag nicht einfach nur um einen Lapsus handelt. Als Quelle der „für Devastierung vorgesehenen Orte“ ist die Leipziger Volkszeitung genannt. Im Text steht allerdings nur, dass der Tagebau-Betreiber MIBRAG die Orte gerne abbaggern möchte – es aber nicht kann, weil dem Konzern dafür die Genehmigungen fehlen.

Die Orte sind also juristisch schlichtweg „für Devastierung nicht vorgesehen“!

Obwohl: Wenn das im Online-Lexikon Wikipedia anders steht und die Leute es lesen und glauben, dann gibt es vielleicht ja doch noch eine Chance für die MIBRAG!?

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2016 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.