Monatsarchiv für Juni 2008

Kraftwerk Doerpen: Hocheffizient übertreiben

Montag, den 30. Juni 2008

Das Adjektiv „effizient“ stammt vom lateinischen „efficiens“ ab, und es bedeutet laut Duden einfach nur „bewirkend“. In der Umgangssprache nennt man etwas „effizient“, wenn es wirtschaftlich ist, wenn Aufwand und Nutzen also in einem vorteilhaften Verhältnis stehen. Im niedersächsischen Dörpen hat der Schweizer Energieversorger BKW den Neubau eines Kohlekraftwerkes mit 900 Megawatt Leistung beantragt – dagegen regt sich massiver Widerstand. In der örtlichen Ems-Zeitung schaltete der Investor kürzlich eine großflächige Annonce, darin versprach er:

doerpen_kl_2.jpg

Umweltverträglich? Laut Internetseite der Firma BKW soll die Anlage pro Jahr mehr als 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Trotzdem heißt es in der Anzeige weiter, man habe vor,
doerpen_kl_1.jpg

Hocheffizient? Das klingt prima. Doch eine Nachfrage beim Investor ergibt, dass der (elektrische) Wirkungsgrad der Anlage bei lediglich 46 Prozent liegen werde – das ist heutzutage bei neuen Kohlekraftwerken schlicht Stand der Technik. Und bedeutet im Klartext, dass weniger als die Hälfte der in der zugeführten Kohle enthaltenen „Primärenergie“ in Strom umgewandelt wird, 54 Prozent verpuffen ungenutzt.

Der BKW-Sprecher räumt zudem ein, dass der Wirkungsgrad durch den Eigenstrombedarf des Kraftwerks (wofür eine Kapazität von 70 MW eingeplant sei) noch sinken könne. Man hoffe aber, dass eine nahegelegene Papierfabrik einen Teil der anfallenden Wärme abnehme – damit seien dann bis zu 55 Prozent Gesamtwirkungsgrad möglich.

Doch ist dies alles andere als sicher. Und die Bezeichnung „hocheffizient“ erscheint selbst dann noch reichlich übertrieben. Zwar ist der Begriff rechtlich nicht geschützt. Aber einen Anhaltspunkt gibt die EU-Richtlinie 2004/8/EG: Laut ihrem Artikel 12 gelten Kraft-Wärme-Erzeugungs-Anlagen als „hocheffizient“, wenn ihr Gesamtwirkungsgrad bei mehr als 70 Prozent liegt. Moderne Gaskraftwerke erreichen dies spielend (sie kommen auf bis zu 90 Prozent), das Doerpener Kohlekraftwerk aber läge weit darunter. „Hocheffizient“ ist das Projekt nicht für den Klimaschutz, sondern die Unternehmensbilanz des Investors.

Danke an Frank R. für den Hinweis


BP: Jatropha soll das Klima retten

Donnerstag, den 26. Juni 2008

bp_jatropha_aus1.jpgDie Purgiernuss ist ein Strauch aus der Familie der Wolfsmilchgewächse, deren Samen früher auch als Arznei verwendet wurden. Neuerdings wird die Pflanze als Heilmittel ganz anderer Art beworben, zum Beispiel vom Ölkonzern bp in großformatigen Anzeigen im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. Jatropha Curcas, so der botanische Name, soll das Klima retten. Beziehungsweise die liebgewonnene Mobilität im eigenen Auto. Beziehungsweise die Zukunft eines Unternehmens wie British Petrol, das sich mit großem Aufwand als ökologisch profilieren möchte – was die ZEIT kürzlich als „Grünes Getöse“ bezeichnete.

„BP pflanzt Energie“ verspricht die Firma nun also in Zeitungsannoncen. Man habe, heißt es im Anzeigentext,

bp_jatropha_kl.jpg
Rund 160 Millionen US-Dollar, so bereits im Sommer 2007 eine Presseerklärung von BP, werde man in das Projekt investieren.

Inzwischen spricht sich herum, dass der Klimanutzen von Agrotreibstoffen häufig zweifelhaft ist und der großflächige Anbau von Energiepflanzen zu einer weltweiten Nahrungsmittelknappheit führen könnte. Genau deshalb wird die Purgiernuss so gepriesen. Doch es lohnt sich, den BP-Werbetext genau zu lesen: Jatropha „kann auch auf kargen Böden wachsen“, heißt es da zutreffend. Die Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion werde dadurch „reduziert“. Mehr aber eben auch nicht.

Längst nämlich häufen sich Berichte, dass der Jatropha-Anbau afrikanische Bauern von ihrem angestammten Land vertreibt und den Wassermangel verstärkt. „Die entzauberte Nuss“, überschrieb die Schweizer Wochenzeitung WoZ kürzlich eine ausführliche Analyse von Vor- und Nachteilen. Die magere Ausbeute pro Hektar und der hohe Energieaufwand für Kunstdünger und die Weiterverarbeitung der Samen lassen das Allheilmittel zweifelhaft erscheinen. „Man muss Jatropha als eine Pflanze für lokale Anwendungen im Kleinen sehen, für Lampenöle, Seifen und Ähnliches. Da ist sie sehr sinnvoll“, wird eine Wissenschaftlerin zitiert. „Aber im großtechnischen Maßstab kann es schnell in eine ungewollte Richtung gehen.“ Profitable Plantagen würden nämlich am Ende wohl doch wieder auf fruchtbaren Böden stehen und die Nahrungsmittelproduktion verdrängen. Ob Jatropha wirklich ein „nachhaltiger Biodiesel-Rohstoff“ ist, wie von BP behauptet, lässt sich allenfalls am Einzelfall überprüfen. Wirklich nachhaltig wäre eine Verringerung des Energieverbrauchs.

Nicht nur BP, auch Daimler fördert die Jatropha-Forschung. Für den Autokonzern sei dies „eine wichtige Werbeaktion“, zitiert die WoZ einen der beteiligten Wissenschaftler. Das IFEU-Institut aus Heidelberg kam im Auftrag von Daimler zum Ergebnis, dass die negativen Umweltauswirkungen beim großtechnischen Jatropha-Anbau erheblich sein können und eine Pilotanlage in Indien „deutlich optimiert werden kann“. Eindeutig ist die Antwort, wie künftige Jatropha-Ernten verwendet werden müssten, um einen wirklich großen Nutzen fürs Klima zu haben: Man sollte dank der Wunderpflanze am besten kohlebefeuerte Kraftwerke ersetzen oder schwefelhaltige Dieselkraftstoffe, die außerhalb Europas noch in vielen Ländern üblich sind. Beides würde nicht unbedingt in die Werbestrategien von BP oder Daimler passen.


Debriv: Ein Weizsäcker für die Braunkohle

Freitag, den 20. Juni 2008

Yeah, der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein (Debriv) ist wieder da! Seine Werbekampagne „Die Braunkohle. Was liegt näher?“ – die uns bereits mehrfach beschäftigte – geht in die nächste Runde. Diese Woche ließ man den honorigen Richard, äh, Carl Friedrich, nein, Ernst Ulrich, sorry, Carl Christian von Weizsäcker für sich auftreten. Zum Beispiel auf Spiegel Online:

debriv_weizs_gr.jpg

In seinem Beitrag auf der zugehörigen PR-Homepage schreibt Weizsäcker: „Die deutsche Braunkohle ist … unverzichtbar … zur Stabilisierung des Weltklimas.“ Wie bitte? Die weitere Nutzung des Klimakillers Braunkohle hierzulande soll ein Segen sein fürs Klima? Die Argumentation des Professors geht so: Wenn die Deutschen weiter auf den dreckigen Energieträger setzen und ihn (bis wann eigentlich?) durch die umstrittene CCS-Technologie zu „Clean Coal“ machen, dann werde der Rest der Welt diesem Beispiel folgen. Andere Wissenschaftler meinen zwar, Deutschland wäre als weltweites Vorbild wirksamer, wenn es konsequent Energiesparen und Erneuerbare Energien fördern würde. Aber egal.

Der Debriv versichert, in seiner Kampagne „unabhängige Experten“ zu Wort kommen zu lassen. Unter Weizsäckers Bild heißt es denn auch:

debriv_weizs_kl.jpg Da könnte zwar ebenso gut stehen: ehem. Mitglied im Wirtschaftsbeirat der RWE AG. Über Jahre gehörte Carl Christian von Weizsäcker nämlich diesem Gremium von Deutschlands größtem Energiekonzern an, der just der Verstromung von Braunkohle einen Gutteil seiner Gewinne verdankt.

Aber wie sähe das denn aus?


RWE: Kleinholz in Großannoncen

Mittwoch, den 18. Juni 2008

Man glaubt gar nicht, wofür sich mit Fußball werben lässt! Die EM läuft, die halbe Republik sitzt vor Großbildschirmen, und Deutschlands größter Energieversorger RWE schaltet diese Annoncen:

rwe_wald3.jpg
Nach dem niedlichen Kalb Vroni soll nun also ein fußballfeldgroßer Wald Sympathien wecken für Europas führenden Verursacher von Kohlendioxid. Nein, sogar 14.000 Fußballfelder voller Bäume, sorry, CO2-neutraler Energieträger preist RWE in der ganzseitigen Anzeige an. Umgerechnet 10.000 Hektar „Energieholz“ werde man „in den nächsten vier Jahren“ anbauen, heißt es im Annoncentext. „Bei dieser Form energetischer Wärme- und Stromgewinnung entsteht nicht mehr CO2, als die Pflanze vorher aufgenommen hat.“

Eine Nachfrage bei der freundlichen RWE-Pressestelle ergibt, dass derzeit erst ein paar hundert Hektar sogenannter „Mutterwald“ existieren, wo in Kooperation mit einer Baumschule Stecklinge herangezogen werden, vor allem Pappeln und Weiden. Doch die Flächen für die Plantagen werden gerade erst gesucht. Vor allem Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg habe man dafür im Blick. Aber auch ehemalige Braunkohle-Tagebaue, gibt der RWE-Sprecher zu, „böten sich an“. Zu deren Rekultivierung aber ist der Konzern ohnehin verpflichtet; dies als Klimaschutzmaßnahme zu verkaufen, wäre ziemlich dreist. „Ob die Flächen in alten Tagebauen liegen“, versichert RWE jedenfalls, „dazu gibt es noch keine Entscheidung.“

Letztlich soll das Holz gehäckselt und in modernen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen verbrannt werden, die zugleich Wärme und Strom erzeugen. Für eine erste Anlage im Landkreis Siegen-Wittgenstein legt RWE in diesen Tagen den Grundstein, sie wird eine elektrische Leistung von zehn Megawatt haben. Etwa 2012-2015 sollen zehn derartige Kraftwerke fertig sein. Insgesamt geht es also bei dem ganzen RWE-Vorhaben um klimaschonende Stromerzeugungskapazitäten von etwa 100 MW. Zweifellos ist das eine feine Sache. Bloß sind allein die zwei neuen Blöcke, die RWE derzeit am Kohlekraftwerk Neurath errichtet, mit 1.000 MW zehnmal so groß.


Lichtblick: Den Mund zu voll genommen

Mittwoch, den 11. Juni 2008

Lichtblick ist hierzulande der größte Ökostrom-Anbieter, seinen mittlerweile mehr als 400.000 Kunden verspricht das Hamburger Unternehmen: „Seit 2003 wird unser Strom vollständig aus regenerativen Energiequellen wie Wasser, Biomasse, Sonnenenergie oder Windkraft erzeugt.“ Vollständig? In der heutigen Financial Times Deutschland ist zu lesen, dass dies nicht stimmt. Seit Dezember 2006 habe Lichtblick mehrmals Strom an der Leipziger Strombörse gekauft, der etwa aus Kohle- und Atomkraftwerken stammt. Die Gesamtmenge im Jahr 2007 soll rund 20 Gigawattstunden betragen haben, etwa zwei Prozent der insgesamt von Lichtblick-Kunden bezogenen Strommenge.

Lichtblick reagierte umgehend mit einer Stellungnahme - aber die lässt Fragen offen. Man könne gar nicht anders, heißt es, als den Strom, der „zur Kompensation von kurzfristig auftretenden Abweichungen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Verbrauch der Kunden erforderlich“ ist, auf dem „grauen Markt“ einzukaufen – also ohne Grünstrom-Garantie. Und: „Alternativen gibt es nicht.“

Aber auch das ist verkehrt: Die Öko-Konkurrenten EWS Schönau und Greenpeace Energy schaffen – begünstigt durch ihre niedrigeren Kundenzahlen – offenbar sehr wohl, was dem Marktführer nicht gelingt. Sie kaufen auch den sogenannten Ausgleichstrom klimaschonend ein. Das ist zwar teurer. Aber ehrlicher.

P.S.:  Am 14. Juni hat GP Energy in einer detaillierten Stellungnahme zu den Feinheiten des Strommarktes auf die Vermischung von Regel- und Ausgleichstrom in der jüngsten Debatte (die auch uns in der ersten Textfassung unterlaufen war) hingewiesen: Auf ersteren können Ökostrom-Anbieter demnach Einfluss nehmen, auf zweiteren nicht.

Danke an Johannes B. für den Hinweis


E.on: Kraftwerk Staudinger – die Klima-Mogelpackung

Donnerstag, den 5. Juni 2008

Bundesweit wollen die Energieversorger etwa zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke bauen, und eines der größten plant E.on im hessischen Großkrotzenburg nahe Hanau. Gegen das Projekt am Standort „Staudinger“ gibt es massive Widerstände in der örtlichen Bevölkerung. Der bekannte Grünfärber E.on hält mit lieblichen Anzeigen dagegen, zum Beispiel vergangene Woche im Seligenstädter Heimat-Blatt:

eon_staudinger.jpg

Drei alte Kraftwerke, so verspricht E.on, werde man „durch ein neues ersetzen“, das „hocheffizient“ sei und „modernste Technik“ nutze. Toll!

Der Haken an der Sache: Mit 1.100 Megawatt Leistung wird der geplante Block 6 eines der größten deutschen Kohlekraftwerke. Die drei alten Blöcke dagegen sind erheblich kleiner. Die Kraftwerksdatenbank des Umweltbundesamtes vermerkt für „Staudinger 1″ läppische 263 MW und für „Staudinger 3″ bloße 309 MW. Die beiden Blöcke werden – anders als der künftige Block 6 – im sogenannten Mittellastbetrieb gefahren, sind also in der Regel nur tagsüber in Betrieb. Und „Staudinger 2″ (ebenfalls 263 MW), dessen Stilllegung E.on ebenfalls zusichert, ist in Wahrheit schon seit 2001 nicht mehr im Einsatz. Mit großer Geste verweist der Konzern zudem auf die Erzeugung von 300 MW umweltschonender Fernwärme im neuen Block 6 – die alten Blöcke 1 und 2 aber kamen zusammen auf 400 MW.

Unterm Strich werden die E.on-Kraftwerke am Standort Staudinger deshalb in Zukunft nicht weniger, sondern deutlich mehr Kohlendioxid ausstoßen. In den Tiefen seiner Internetseite versteckt räumt das Unternehmen denn auch ein, dass die dortigen co2-Emissionen „von heute fünf auf zukünftig 7,5 bis acht Millionen Tonnen pro Jahr“ steigen werden.

Moment, was hatte E.on nochmal in seiner Annonce zum Kraftwerk Staudinger geschrieben?

eon_staudinger_kl4.jpg

Jawoll!

Danke an Matthias B. für den Hinweis