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Trianel: Ganz großes Katastrophenkino

Donnerstag, den 19. November 2009

Heute beginnt in Lünen das jährliche Kinofest. Ein Großsponsor ist das Energieunternehmen Trianel, das in der westfälischen Stadt derzeit gegen starke Widerstände in der Bevölkerung ein Kohlekraftwerk bauen lässt. Eine ganzseitige Anzeige im Programmheft des Filmfests zeigt in verfremdeten Farben Störche und Pferde vor dem halbfertigen Kühlturm des Milliarden-Bauwerks:

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Aber was will Trianel den Kinofestbesuchern mit der grellen Idylle und dem verkrampft mehrdeutigen Text sagen?

Die Anzeige lenkt den Blick auf die Selbstdarstellung des Bauherrn. Das Kraftwerk werde jährlich 4,3 Millionen Tonnen CO2 emittieren, heißt es auf der Internetseite. Doch weil es einen Wirkungsgrad von 46 Prozent habe, spare es „im Vergleich zu den derzeit weltweit tätigen, ca. 20 bis 30 Jahre alten Anlagen“ 1,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ein. „Damit trägt es aktiv zum Klimaschutz bei“, erklärt Trianel.

Das ist kühn. Nach dieser Logik könnte jeder sein Auto als „aktiven Beitrag zum Klimaschutz“ bezeichnen, wenn es denn weniger verbraucht als die Autos der Welt im Durchschnitt. Ein Wirkungsgrad von 46 Prozent entspricht dem Stand der Technik bei Kohle-Großkraftwerken, ist aber dennoch erschütternd schlecht: Moderne Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung nutzen doppelt so viel der im Brennstoff enthaltenen Energie.

Trianel begründet seine Behauptung, die Umwelt „profitiere“ von dem Kraftwerk, folgendermaßen:

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Doch die relativ kleinen Kraftwerksblöcke in Frimmersdorf gehören dem Konkurrenten RWE. Ihre Stilllegung wurde bereits mit der Genehmigung des riesigen RWE-Braunkohlekraftwerks Neurath verbindlich geregelt – und nicht mal dessen CO2-Emissionen werden durch die Abschaltungen annähernd kompensiert. „Wenn Trianel die Lüge von den Kraftwerksstilllegungen bringt, ist das besonders perfide“, urteilt Dirk Jansen vom BUND. „Die haben ja gar keine Altanlagen, die sie abschalten könnten.“

4,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr – das ist beinahe genauso viel wie laut World Resources Institute zum Beispiel das Land Tansania mit seinen 40 Millionen bitterarmen Einwohnern ausstößt. Die tansanische „Klimazeugin“ Grace Mketto berichtete im letzten Jahr, wie zunehmende Dürren und Überschwemmungen ihre Heimat bedrohen. „Die Kohlekraftwerke der Industrienationen verursachen bei uns Hungersnöte“, sagte sie. Ganz großes Katastrophenkino.

Eine anbiedernde, inhaltsleere Anzeige wie im Kinofest-Programmheft ist vor diesem Hintergrund echt „die Härte“.


Kraftwerk Doerpen: Hocheffizient übertreiben

Montag, den 30. Juni 2008

Das Adjektiv „effizient“ stammt vom lateinischen „efficiens“ ab, und es bedeutet laut Duden einfach nur „bewirkend“. In der Umgangssprache nennt man etwas „effizient“, wenn es wirtschaftlich ist, wenn Aufwand und Nutzen also in einem vorteilhaften Verhältnis stehen. Im niedersächsischen Dörpen hat der Schweizer Energieversorger BKW den Neubau eines Kohlekraftwerkes mit 900 Megawatt Leistung beantragt – dagegen regt sich massiver Widerstand. In der örtlichen Ems-Zeitung schaltete der Investor kürzlich eine großflächige Annonce, darin versprach er:

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Umweltverträglich? Laut Internetseite der Firma BKW soll die Anlage pro Jahr mehr als 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Trotzdem heißt es in der Anzeige weiter, man habe vor,
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Hocheffizient? Das klingt prima. Doch eine Nachfrage beim Investor ergibt, dass der (elektrische) Wirkungsgrad der Anlage bei lediglich 46 Prozent liegen werde – das ist heutzutage bei neuen Kohlekraftwerken schlicht Stand der Technik. Und bedeutet im Klartext, dass weniger als die Hälfte der in der zugeführten Kohle enthaltenen „Primärenergie“ in Strom umgewandelt wird, 54 Prozent verpuffen ungenutzt.

Der BKW-Sprecher räumt zudem ein, dass der Wirkungsgrad durch den Eigenstrombedarf des Kraftwerks (wofür eine Kapazität von 70 MW eingeplant sei) noch sinken könne. Man hoffe aber, dass eine nahegelegene Papierfabrik einen Teil der anfallenden Wärme abnehme – damit seien dann bis zu 55 Prozent Gesamtwirkungsgrad möglich.

Doch ist dies alles andere als sicher. Und die Bezeichnung „hocheffizient“ erscheint selbst dann noch reichlich übertrieben. Zwar ist der Begriff rechtlich nicht geschützt. Aber einen Anhaltspunkt gibt die EU-Richtlinie 2004/8/EG: Laut ihrem Artikel 12 gelten Kraft-Wärme-Erzeugungs-Anlagen als „hocheffizient“, wenn ihr Gesamtwirkungsgrad bei mehr als 70 Prozent liegt. Moderne Gaskraftwerke erreichen dies spielend (sie kommen auf bis zu 90 Prozent), das Doerpener Kohlekraftwerk aber läge weit darunter. „Hocheffizient“ ist das Projekt nicht für den Klimaschutz, sondern die Unternehmensbilanz des Investors.

Danke an Frank R. für den Hinweis