Archiv des Schlagwortes ‘Agrosprit’

ExxonMobil: Mit den Algen spielen

Mittwoch, den 18. Oktober 2017

Neuerdings wirbt ExxonMobil dafür, eine Lösung für das Klimaproblem gefunden zu haben. Ausgerechnet jener Ölmulti, der weltweit die fünftgrößte Quelle von Treibhausgasen ist. In Zeitungsanzeigen (uns wurde ein Ausriss aus der Berliner Zeitung zur Prüfung eingereicht) und in den sozialen Medien geht es um

„Die könnten in Zukunft“ – verspricht ExxonMobil im Werbespot – „Treibstoff produzieren“

dabei auch noch

Unsere Leser Frank B. aus Potsdam und Jonathan R. aus Berlin wollen wissen, was davon zu halten sei.

Nun: Beachten wir zunächst das Wörtchen „könnten“, das ExxonMobil in seiner Werbung benutzt! Algen könnten in Zukunft Treibstoffe produzieren.

Tatsächlich nämlich setzt der Konzern bereits seit Sommer 2009 auf die Algen. Damals stellte er 600 Millionen US-Dollar bereit, um beim Startup Synthetic Genomics einzusteigen. Denn das System ist wirklich interessant für den Klimaschutz:

Alge + H2O + Kohlendioxid + Sonnenlicht = noch mehr Algen + pflanzliche Öle und Sauerstoff.

Nur: Wohin mit all den Algen?

ExxonMobil schreibt: „Algen können eine facettenreiche und hochgradig wünschenswerte, nicht essbare Quelle der wichtigen erneuerbaren Moleküle sein, die zur Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation verwendet werden können.“

Da kommt gleich zweimal in einem Satz das Wörtchen „können“ vor. Und auch im nächsten Satz ist es zu finden: „Einige Algenarten können so optimiert werden, dass sie Biodiesel-Vorstoffe produzieren.“

Dummerweise ist das den Forschern aber in den vergangenen acht Jahren nicht gelungen, sodass ExxonMobil sich 2013 eigentlich entschlossen hatte, die Sache aufzugeben, dann aber doch dabei blieb.

In diesem Sommer nun gab der Konzern – Jahresgewinn zwischen 7,8 und 45 Milliarden Dollar in den letzten 15 Jahren – bekannt, dass sich die lumpigen 600 investierten Millionen Dollar vielleicht doch gelohnt haben: Jetzt könnte der technologische Durchbruch gelungen sein. „Die Herausforderung besteht nun darin, Algen zu finden und zu entwickeln, die Bio-Öle kostengünstig und in großen Mengen produzieren können“, erklärt Vijay Swarup, Vizeforschungschef von ExxonMobil. Der Weg in die Zukunft ist also noch weit.

Was das Ganze nun mit dem Klimaschutz zu tun hat? Nichts! Das erklärte zumindest im Jahr 2011 die Advertising Standards Authority ASA, die Werbeaufsichtsbehörde in Großbritanien. So wie jetzt in Deutschland hatte ExxonMobil damals auch mit seinen Algen im Vereinigten Königreich für den Klimaschutz geworben und als Lösung gefeiert, was die Werbeaufsicht als irreführend einstufte und verbot. Begründung: Das gesamte CO2, das die Algen zuvor gebunden haben, gelangt bei der Verbrennung des Treibstoffs ja wieder zurück in die Atmosphäre. Also ein Nullsummenspiel.

Nun verspricht ExxonMobil dieses Mal allerdings lediglich, dass Algen in Zukunft modernen Biosprit herstellen könnten – und dass der CO2-Ausstoß damit „reduziert“ wird, was verglichen mit Treibstoffen aus Tiefseeöl sicherlich nicht falsch ist.

Könnte, also! Wir vermuten, dass der Hintergrund für die Algenoffensive von ExxonMobil sowieso ein anderer ist: Auf der diesjährigen Jahreshauptkonferenz hatten 62 Prozent aller Aktionäre verlangt, dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung – die sogenannte „Carbon Bubble“ – auf das ExxonMobil-Geschäftsmodell untersucht werden. Im Jahr davor waren es erst 38 Prozent, bei den Aktionären ist das Thema also mehrheitlich angekommen.

Nun kommt raus: Das Management des Ölgiganten kümmert sich. Seit Jahren. Mit Algen. Und mit Anzeigenkampagnen, die damals behauptet haben: „Das Wissen über den Klimawandel ist zu unzuverlässig, um einen Aktionsplan anzuordnen, der Volkswirtschaften in Aufruhr versetzen würde.“

Vielen Dank für den Hinweis an Frank B. aus Potsdam
und an Jonathan R. aus Berlin


Sindelfinger Zeitung: Verdeckte Daimler-PR

Donnerstag, den 3. Juni 2010

In der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung erschien Anfang Februar ein Artikel über ein Forschungsprojekt in Indien, wo die deutschen Konzerne Bayer und Daimler den Anbau von Jatropha förderten. Die Pflanze (auf Deutsch: Purgiernuss) galt und gilt bei etlichen Unternehmen als die Zukunftshoffnung im Agrosprit-Sektor. szbz_jatropha

In dem Text, laut Autorenzeile „von unserem Mitarbeiter Werner Eberhardt“, wird das Projekt sehr ausführlich und sehr wohlwollend geschildert: Jatropha stehe nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, habe „eine positive co2-Bilanz“ und „einen ökologischen Vorteil gegenüber fossilem Dieselkraftstoff“. Daimler unterstütze mit dem Projekt „sozial schwache Regionen dieser Erde“ und habe die indischen Bauern sogar noch durch Bürgschaften fünf Jahre lang gegen Ernterisiken abgeschirmt. Der Umweltbeauftragte des Konzerns, Herbert Kohler, wird mit den Worten zitiert:

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Auch die Bayer AG, heißt es weiter, beteilige sich: Sie gebe „Wissen und Produkte zur effektiven Schädlings- und Krankheitsbekämpfung bei Jatropha-Pflanzen“ an die Bauern weiter.

Moment, spätestens hier sollte man als Leser stutzig werden. Denn der Satz ist typisches PR-Sprech, mit dem wolkig umschrieben wird, dass sich der Chemieriese unter Jatropha-Bauern einen neuen Absatzmarkt zu erschließen versucht. Und was der Daimler-Mann im Text – ohne jegliche Relativierung oder Einordnung – sagen durfte, ist ebenfalls reichlich grünfärberisch. Die aktuelle Produktpalette des Autokonzerns ist angesichts ihres überdurchschnittlichen Kohlendioxid-Ausstoßes weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Zudem zeigen die weltweiten Erfahrungen mit der Purgiernuss, dass Jatropha im großflächigen Anbau alles andere ist als eine ökologische WunderpflanzeSie braucht demnach viel mehr Wasser als andere Energiepflanzen - für die typischen Anbauländer in Afrika oder Asien ist das ein riesiges Problem.  In Ghana zeigte sich, dass Jatropha entgegen der Versicherungen vieler Unternehmen doch auf fruchtbarem Ackerland angebaut wird - und deshalb Lebensmittelpreise in die Höhe treiben oder Hungersnöte verstärken könnte. Dasselbe berichtet die Nachrichtenagentur AFP auch aus Indien – übrigens in einem Text über exakt dasselbe Bayer/Daimler-Projekt, um das es in der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung ging!

szbz_jatropha2Die Erklärung für die wundersame Distanzlosigkeit des Lokalblattes: Dessen Artikel stammte in Wahrheit von Daimler selbst, auf der Website des Konzerns ist er noch immer nachzulesen. Der Internet-Link zum Zeitungstext hingegen funktioniert seit einigen Tagen nicht mehr – offenbar hat ihn die Redaktion aus dem Netz genommen, nachdem sie letzte Woche vom Deutschen Presserat gerügt wurde: Die im Pressekodex geforderte „Sorgfalt im Umgang mit PR-Material“, urteilte das Selbstkontrollorgan der deutschen Journalisten und Verlage, „wurde bei dieser Veröffentlichung grob missachtet“.

Danke an die Coordination gegen Bayer-Gefahren für den Hinweis


Shell: Kreativ vertuschen

Freitag, den 28. November 2008

Im Stern gibt es in dieser Woche auf der ersten Doppelseite eine bunte Anzeige des Ölkonzerns Shell:

Der Text beginnt so:

Blickfang der Anzeige ist ein stilisiertes, menschliches Gehirn voller Bilder, welche die Vielfalt der Shell-Lösungen für das Kraftstoffproblem symbolisieren sollen. Ein großes Bild ist dem „Wasserstoff-Sprit“ gewidmet – dabei ist die Euphorie über diese Energie-Speicherform längst verflogen und niemand weiß, ob sie je wirtschaftlich wird. Weitere Bilder zeigen Sprit aus Stroh, aus Holzchips und aus Algen – allerdings befinden sich diese sogenannten Biotreibstoffe der 2. Generation alle noch im Forschungsstadium. Ganz in der Mitte ist ein Windrad abgebildet – obwohl Shell kürzlich aus dem größten Offshore-Wind-Projekt Großbritanniens überraschend ausgestiegen ist und seine Aktivitäten bei den Erneuerbaren Energien in Zukunft auf profitable Projekte konzentrieren will, nicht mehr auf visionäre. Die Sonne als Energiequelle kommt gar nicht erst vor – kein Wunder, hat doch Shell seine Solarsparte längst abgestoßen.

Aber was hat der Ölkonzern im Hinterkopf? In diesem Hirn-Areal findet sich im Anzeigenmotiv der Punkt „Kohlevergasung“.

Kohle gehört nicht zu den Kerngeschäften von Shell, doch im Gegensatz zu Öl und Gas schlummert sie noch in riesigen Mengen unter der Erde – was die Kohle zur größten Bedrohung des Weltklimas macht. Was kümmert nun Shell an der Kohlevergasung? Klar, die Technologie könnte irgendwann bei der CO2-Abscheidung in Kohlekraftwerken eine Rolle spielen, aber auch bei dieser Technologie ist völlig ungewiss, ob sie jemals wirtschaftlich machbar sein wird. Bereits heute werden dagegen mithilfe der Kohlevergasung Kunstdünger und Chemikalien hergestellt. Darüber hinaus ist sie ein Zwischenschritt bei der Kohleverflüssigung. Und sollte es in dieser Anzeige nicht um Kraftstoffe gehen?

„Alles, was nicht existiert, müssen wir eben erfinden“, schreibt Shell. Aber: Flüssigkohle für den Tank muss gar nicht mehr erfunden werden – das nationalsozialistische Deutschland und das Apartheidregime in Südafrika haben sie schon vor Jahrzehnten in großem Stil hergestellt, um Ölengpässe zu vermeiden (in Südafrika stammt noch heute ein Drittel des Sprits aus Kohle). Auf dem Weltmarkt dagegen konnte die Flüssigkohle bislang nicht mit Kraftstoffen aus Erdöl konkurrieren. Angesichts knapper Ölressourcen könnte sich das bald ändern. So wirbt in den USA eine mächtige Lobby für die Idee, das Land mithilfe der heimischen Kohle von Ölimporten unabhängig zu machen. Auch in China gibt es bereits etliche „Coal-to-liquid“-Projekte (CTL).

Der Haken an der Sache: Kohle-Sprit ist eine schrecklich dreckige Angelegenheit. Bei der Herstellung und Verbrennung eines Liters wird rund doppelt so viel CO2 frei wie bei normalem Benzin – für den Klimaschutz und die Bemühungen um eine emissionsarme Mobilität wäre die Kohleverflüssigung in großem Stil der Super-GAU. Selbst wenn es in ferner Zukunft gelingen sollte, das bei der Herstellung entstehende CO2 abzufangen und unterirdisch zu speichern, würde laut einer Untersuchung der Universität Princeton bei der Verbrennung im Automotor noch immer mehr CO2 frei als bei herkömmlichem Sprit.

Zurück zu Shell. Auf der Internetseite gibt es ein paar weiterführende Informationen zur Anzeige. Unter den Stichworten „vielfältige Energie“ und „XTL“ heißt es, aus allen kohlenstoffhaltigen Materialien lasse sich eine „saubere, geruch- und farblose Flüssigkeit“ gewinnen – „egal ob man Erdgas, Biomasse oder Kohle hineinsteckt“. Und in einer Presseerklärung vom März 2006 berichtet Shell China von einer geplanten Kooperation mit der Shenhua Ningxia Coal Ltd. zur Kohleverflüssigung. „Dieses Projekt steht im Einklang mit dem 11. Fünf-Jahres-Plan der Regierung, Coal-to-liquid-Projekte zu entwickeln und saubere Wege der Kohlenutzung zu ermöglichen.“ Sauber, aha.

Womöglich versucht Shell ja tatsächlich, kreativ zu denken – der Erfolg scheint eher bescheiden. Kreativ wirken eher die Werbeleute, die die Fantasielosigkeit des Konzerns bei der Lösung der Energieprobleme mit bunten Annoncen vertuschen wollen.


AVIA: Pack das Klima in den Tank!

Mittwoch, den 20. August 2008

Eigentlich sollte es sich längst herumgesprochen haben, dass der Umstieg auf Agrosprit keine Lösung des Klimaproblems ist: Immer mehr Experten warnen vor den Nebenwirkungen. Bundesregierung und EU überdenken längst ihre einst vorbehaltlose Unterstützung. Die Tankstellenkette AVIA hingegen wirbt noch immer damit – und stellt auf ihrer Internetseite zum Beispiel eine Filiale auf eine Waldlichtung mit possierlichem Eichhörnchen:

Basis der Werbung ist vor allem die Einführung eines „neuen CO2-optimierten Kraftstoffs“ namens „AVIA Super E10″ im Herbst 2007 – konventionellem Super-Benzin mit zehnprozentiger Beimischung von Agroethanol, dem Fünffachen des an anderen Tankstellen Üblichen. Dieser Sprit sei nicht nur billiger als normales Super, so das Unternehmen, er reduziere den Kohlendioxidausstoß eines Autos (bei einem Verbrauch von sieben Litern) um 15 Gramm pro hundert Kilometer.

Auf Nachfrage räumt ein AVIA-Sprecher ein, dass dieser Wert nur grob kalkuliert ist: Die Treibhausgas-Emissionen aus der aufwändigen Herstellung des beigemischten „Bioethanols“ sowie aus dem düngemittelintensiven Anbau des Vorprodukts Getreide wurden nicht berücksichtigt. Bei einer Betrachtung der Gesamtbilanz aber ist der Umweltnutzen von Agrotreibstoffen oft ernüchternd, wie erst kürzlich eine Studie der OECD feststellte. Gerade „Bioethanol“ aus Getreide, wie AVIA es verwendet, wird darin (auf Seite 91) ein „signifikant niedrigerer“ Klimaeffekt als anderen Alternativen bescheinigt.

Und wenn man einen wirklich umfassenden Blick auf Agrotreibstoffe wirft, entpuppen sie sich schnell als grünfärberisches Ablenkungsmanöver von Auto- und Ölindustrie: Statt sparsame Fahrzeuge zu entwickeln oder wirkliche Alternativen zu den derzeitigen Mobilitätsgewohnheiten, propagieren sie den einfachen Wechsel zu einem neuen Brennstoff. Dass der Durst der globalen Autoflotten das Hungerproblem verschärfen könnte und auch gar nicht genügend Süßwasser für den Spritboom zur Verfügung stehen dürfte, wischt man mit Verweis auf Agrotreibstoffe der zweiten Generation vom Tisch – doch die lassen bisher auf sich warten. Für den Klimaschutz ist es ohnehin glatte Verschwendung, Biomasse in ineffizienten Fahrzeugmotoren zu verbrennen. Erheblich mehr Treibhausgase ließen sich einsparen, wenn damit Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) betrieben würden – sie erzeugen hocheffizient zugleich Strom und Wärme und könnten klimakillende Kohlekraftwerke ersetzt. Diese Art der energetischen Verwendung von Biomasse favorisiert nicht nur der bundesdeutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen, sondern auch die UN-Energieagentur.

„Wir sehen keinen Grund, nicht weiterhin hinter dem Produkt zu stehen“, erklärt dagegen der AVIA-Sprecher. Dass Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im April 2008 die breite Markteinführung von „Bioethanol“ stoppte, führt er auf eine Kampagne von ADAC und Automobilherstellern zurück. Dabei boten die unsicheren Daten zur Verträglichkeit des Alternativsprits für ältere Autos Gabriel nur den willkommenen Anlass zum Ziehen der Notbremse; ausdrücklich erklärte er damals, die Nutzung von Agrosprit müsse generell „im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsanforderungen an die Nutzung von Biomasse überprüft werden“.

AVIA interessiert das offenbar nicht – aber vielleicht geht es dem Unternehmen ja auch weniger um den Klimanutzen als ums eigene Renommee: Am Umsatz der insgesamt 800 deutschen AVIA-Stationen hat „Super E10″ nur einen minimalen Anteil. „Mehrere 10.000 Tankungen“, heißt es, habe es nach dem Start des Produkts gegeben, und inzwischen sei der Verkauf auch noch „deutlich eingebrochen“. Die grüne Werbung mit Wald und Eichhörnchen läuft trotzdem weiter.

Danke an Sascha B. für den Hinweis


BP: Jatropha soll das Klima retten

Donnerstag, den 26. Juni 2008

bp_jatropha_aus1.jpgDie Purgiernuss ist ein Strauch aus der Familie der Wolfsmilchgewächse, deren Samen früher auch als Arznei verwendet wurden. Neuerdings wird die Pflanze als Heilmittel ganz anderer Art beworben, zum Beispiel vom Ölkonzern bp in großformatigen Anzeigen im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. Jatropha Curcas, so der botanische Name, soll das Klima retten. Beziehungsweise die liebgewonnene Mobilität im eigenen Auto. Beziehungsweise die Zukunft eines Unternehmens wie British Petrol, das sich mit großem Aufwand als ökologisch profilieren möchte – was die ZEIT kürzlich als „Grünes Getöse“ bezeichnete.

„BP pflanzt Energie“ verspricht die Firma nun also in Zeitungsannoncen. Man habe, heißt es im Anzeigentext,

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Rund 160 Millionen US-Dollar, so bereits im Sommer 2007 eine Presseerklärung von BP, werde man in das Projekt investieren.

Inzwischen spricht sich herum, dass der Klimanutzen von Agrotreibstoffen häufig zweifelhaft ist und der großflächige Anbau von Energiepflanzen zu einer weltweiten Nahrungsmittelknappheit führen könnte. Genau deshalb wird die Purgiernuss so gepriesen. Doch es lohnt sich, den BP-Werbetext genau zu lesen: Jatropha „kann auch auf kargen Böden wachsen“, heißt es da zutreffend. Die Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion werde dadurch „reduziert“. Mehr aber eben auch nicht.

Längst nämlich häufen sich Berichte, dass der Jatropha-Anbau afrikanische Bauern von ihrem angestammten Land vertreibt und den Wassermangel verstärkt. „Die entzauberte Nuss“, überschrieb die Schweizer Wochenzeitung WoZ kürzlich eine ausführliche Analyse von Vor- und Nachteilen. Die magere Ausbeute pro Hektar und der hohe Energieaufwand für Kunstdünger und die Weiterverarbeitung der Samen lassen das Allheilmittel zweifelhaft erscheinen. „Man muss Jatropha als eine Pflanze für lokale Anwendungen im Kleinen sehen, für Lampenöle, Seifen und Ähnliches. Da ist sie sehr sinnvoll“, wird eine Wissenschaftlerin zitiert. „Aber im großtechnischen Maßstab kann es schnell in eine ungewollte Richtung gehen.“ Profitable Plantagen würden nämlich am Ende wohl doch wieder auf fruchtbaren Böden stehen und die Nahrungsmittelproduktion verdrängen. Ob Jatropha wirklich ein „nachhaltiger Biodiesel-Rohstoff“ ist, wie von BP behauptet, lässt sich allenfalls am Einzelfall überprüfen. Wirklich nachhaltig wäre eine Verringerung des Energieverbrauchs.

Nicht nur BP, auch Daimler fördert die Jatropha-Forschung. Für den Autokonzern sei dies „eine wichtige Werbeaktion“, zitiert die WoZ einen der beteiligten Wissenschaftler. Das IFEU-Institut aus Heidelberg kam im Auftrag von Daimler zum Ergebnis, dass die negativen Umweltauswirkungen beim großtechnischen Jatropha-Anbau erheblich sein können und eine Pilotanlage in Indien „deutlich optimiert werden kann“. Eindeutig ist die Antwort, wie künftige Jatropha-Ernten verwendet werden müssten, um einen wirklich großen Nutzen fürs Klima zu haben: Man sollte dank der Wunderpflanze am besten kohlebefeuerte Kraftwerke ersetzen oder schwefelhaltige Dieselkraftstoffe, die außerhalb Europas noch in vielen Ländern üblich sind. Beides würde nicht unbedingt in die Werbestrategien von BP oder Daimler passen.


Bentley: Hochstapelei mit Biosprit

Freitag, den 7. März 2008

Die Edelmarke Bentley ist bekannt dafür, der britischen Königin ihre Dienstlimousine zu fertigen und in Vergleichstabellen zum Kohlendioxid-Ausstoß stets ganz weit vorn mitzumischen. Doch selbst bei der Luxusmarke aus dem nord-englischen Crewe macht man sich mittlerweile Sorgen um das eigene Image Weltklima. Diese Woche stellte Bentley deshalb auf dem Genfer Automobilsalon eine „Strategie zum Umweltschutz“ vor: Bis 2012, so das vollmundige Versprechen, würden alle Modelle „in der Lage sein, weniger als 120 g/km CO2 auszustoßen“. SpiegelOnline feierte sofort die neuen „Öko-Limousinen“. Bei näherer Betrachtung aber glänzt Bentley so sehr wie eine verrostete Chromleiste.

Auf der Firmen-Homepage gibt es einen eigenen Bereich zum Thema Kohlendioxid.

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Dort kann man sich ein pdf-Dokument herunterladen, in dem wortreich die magere Bentley-“Strategie“ ausgebreitet wird: Der heutige CO2-Ausstoß von bis zu 495 Gramm pro Kilometer soll vor allem durch den Einsatz von Biokraftstoffen der zweiten Generationen erreicht werden, die noch lange nicht in großen Mengen verfügbar sind – und deren Klimanutzen zweifelhaft ist.

In dem Papier schmückt sich das Unternehmen damit, dass ein typischer Bentley pro Jahr nur 11.000 Kilometer gefahren werde, weshalb die absolut ausgestoßene CO2-Menge ja nur bei jährlich 4,4 Tonnen liege. Außerdem sei es eine tolle Leistung, den Kohlendioxid-Ausstoß des Modells Continental im vergangenen Jahr um vier Prozent gesenkt zu haben (auf immer noch rund 400 Gramm pro Kilometer). Durch weitere Detail-Anstrengungen werde man bis 2012 weitere 15 Prozent Reduktion erreichen. Bis dahin solle auch die „Neuentwicklung des Antriebsstrangs“ abgeschlossen sein, der nochmal einen 40 Prozent niedrigeren Kraftstoffverbrauch ermögliche.

Doch auch damit ist Bentley noch nicht bei den versprochenen 120 Gramm (was dem von der EU geforderten Grenzwert entspräche). Deshalb rechnet man noch CO2-Einsparungen mit, die von „Biokraftstoffen der zweiten Generation“ erwartet werden. Diese sogenannten BtL-Kraftstoffe sollen nicht mehr wie heute aus den Saaten von Ölpflanzen (z.B. Raps) gewonnen werden, sondern aus der ganzen Pflanze. Durch die Verarbeitung von Abfallholz oder Stroh, so das Versprechen, werde eine höhere Ausbeute pro Hektar Anbaufläche erreicht und eine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion vermieden. Der Haken: An BtL wird zwar intensiv geforscht, in größeren Mengen und zu konkurrenzfähigen Preisen (für Bentley-Kunden vielleicht wirklich nicht so relevant) verfügbar ist der Kraftstoff aber noch lange nicht.

Außerdem deuten neueste Studien auf eine zweifelhafte Ökobilanz von BtL-Kraftstoffen. Wie hoch der CO2-Einspareffekt gegenüber konventionellem Benzin ist, hängt von der Erzeugung der Ausgangs-Biomasse und der Energieintensität der Weiterverarbeitung ab. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Schweizer Regierung beziffert die Einsparung auf höchstens 61 Prozent. Bentley dagegen rechnet großzügig mit „bis zu 90 Prozent“.

Am besten für das Klima wäre es übrigens, betonen der Sachverständigenrat der Bundesregierung in Berlin und die Royal Society in London gleichlautend, wenn die Bio-Kraftstoffe nicht in Autos mit ihren ineffizienten Verbrennungsmotoren vergeudet würden, sondern mit ihnen in modernen Block-Heizkraftwerken Strom und Wärme produziert würde.

Zum Schluss noch ein Bonbon aus dem Bentley-Papier:

In wohlgesetzten Worten legt das Unternehmen dar, warum es ihm schlicht unmöglich ist, Autos mit weniger als den jetzigen 400 bis 500 PS zu bauen: Die eigenen Kunden seien nämlich „einflussreiche Meinungsführer“, die großen Wert legten auf „sozial verantwortliche Entscheidungen“. Und ein Bentley sei eine solche, weil damit Arbeitsplätze im nord-englischen Crewe erhalten werden. Man müsse halt die Verantwortung gegenüber dem Planeten ausbalancieren mit der gegenüber der regionalen Wirtschaft.