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AVIA: Pack das Klima in den Tank!

Mittwoch, den 20. August 2008

Eigentlich sollte es sich längst herumgesprochen haben, dass der Umstieg auf Agrosprit keine Lösung des Klimaproblems ist: Immer mehr Experten warnen vor den Nebenwirkungen. Bundesregierung und EU überdenken längst ihre einst vorbehaltlose Unterstützung. Die Tankstellenkette AVIA hingegen wirbt noch immer damit – und stellt auf ihrer Internetseite zum Beispiel eine Filiale auf eine Waldlichtung mit possierlichem Eichhörnchen:

Basis der Werbung ist vor allem die Einführung eines „neuen CO2-optimierten Kraftstoffs“ namens „AVIA Super E10″ im Herbst 2007 – konventionellem Super-Benzin mit zehnprozentiger Beimischung von Agroethanol, dem Fünffachen des an anderen Tankstellen Üblichen. Dieser Sprit sei nicht nur billiger als normales Super, so das Unternehmen, er reduziere den Kohlendioxidausstoß eines Autos (bei einem Verbrauch von sieben Litern) um 15 Gramm pro hundert Kilometer.

Auf Nachfrage räumt ein AVIA-Sprecher ein, dass dieser Wert nur grob kalkuliert ist: Die Treibhausgas-Emissionen aus der aufwändigen Herstellung des beigemischten „Bioethanols“ sowie aus dem düngemittelintensiven Anbau des Vorprodukts Getreide wurden nicht berücksichtigt. Bei einer Betrachtung der Gesamtbilanz aber ist der Umweltnutzen von Agrotreibstoffen oft ernüchternd, wie erst kürzlich eine Studie der OECD feststellte. Gerade „Bioethanol“ aus Getreide, wie AVIA es verwendet, wird darin (auf Seite 91) ein „signifikant niedrigerer“ Klimaeffekt als anderen Alternativen bescheinigt.

Und wenn man einen wirklich umfassenden Blick auf Agrotreibstoffe wirft, entpuppen sie sich schnell als grünfärberisches Ablenkungsmanöver von Auto- und Ölindustrie: Statt sparsame Fahrzeuge zu entwickeln oder wirkliche Alternativen zu den derzeitigen Mobilitätsgewohnheiten, propagieren sie den einfachen Wechsel zu einem neuen Brennstoff. Dass der Durst der globalen Autoflotten das Hungerproblem verschärfen könnte und auch gar nicht genügend Süßwasser für den Spritboom zur Verfügung stehen dürfte, wischt man mit Verweis auf Agrotreibstoffe der zweiten Generation vom Tisch – doch die lassen bisher auf sich warten. Für den Klimaschutz ist es ohnehin glatte Verschwendung, Biomasse in ineffizienten Fahrzeugmotoren zu verbrennen. Erheblich mehr Treibhausgase ließen sich einsparen, wenn damit Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) betrieben würden – sie erzeugen hocheffizient zugleich Strom und Wärme und könnten klimakillende Kohlekraftwerke ersetzt. Diese Art der energetischen Verwendung von Biomasse favorisiert nicht nur der bundesdeutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen, sondern auch die UN-Energieagentur.

„Wir sehen keinen Grund, nicht weiterhin hinter dem Produkt zu stehen“, erklärt dagegen der AVIA-Sprecher. Dass Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im April 2008 die breite Markteinführung von „Bioethanol“ stoppte, führt er auf eine Kampagne von ADAC und Automobilherstellern zurück. Dabei boten die unsicheren Daten zur Verträglichkeit des Alternativsprits für ältere Autos Gabriel nur den willkommenen Anlass zum Ziehen der Notbremse; ausdrücklich erklärte er damals, die Nutzung von Agrosprit müsse generell „im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsanforderungen an die Nutzung von Biomasse überprüft werden“.

AVIA interessiert das offenbar nicht – aber vielleicht geht es dem Unternehmen ja auch weniger um den Klimanutzen als ums eigene Renommee: Am Umsatz der insgesamt 800 deutschen AVIA-Stationen hat „Super E10″ nur einen minimalen Anteil. „Mehrere 10.000 Tankungen“, heißt es, habe es nach dem Start des Produkts gegeben, und inzwischen sei der Verkauf auch noch „deutlich eingebrochen“. Die grüne Werbung mit Wald und Eichhörnchen läuft trotzdem weiter.

Danke an Sascha B. für den Hinweis