Monatsarchiv für Mai 2008

BP: Nur Peanuts für alternative Energien

Donnerstag, den 29. Mai 2008

Im Wirtschaftsteil der Süddeutschen freuten wir uns heute über eine große Annonce von BP, früher bekannt als British Petroleum.

bp_vielfalt.jpgSeit ein paar Jahren schreibt sich die Firma „bp“ und übersetzt sein Kürzel in kluger PR als „beyond petroleum“, zu Deutsch etwa „Über Erdöl hinaus“. In der Anzeige wirbt der Konzern für eine Vielfalt der Energiequellen – und lässt in der Aufzählung die wenig klimaschonende Kohle und die hochriskante Atomkraft weg. „Energievielfalt gibt Sicherheit, heute und in Zukunft“, heißt es im Text der Annonce. „Deshalb fördert die BP Group zusätzlich zu Öl und Gas auch alternative Energien. Von Solarenergie über Windkraft bis hin zu Biokomponenten für Kraftstoffe. Was können wir von BP und unsere Tankstellentochter Aral noch tun?“

Naja, das Unternehmen könnte die Annonce zum Beispiel mit einigen Zahlen anreichern. Gern hätten wir die BP-Pressestelle gefragt, welchen Stellenwert die genannten Produktbereiche im Unternehmen denn haben. Doch leider war bis zum Abend in der Firmenzentrale in Bochum nur ein Anrufbeantworter zu erreichen. Deshalb können wir hier – auf Basis der BP-Internetseite – nur zwei Zahlenvergleiche bieten:

Gesamtumsatz von BP: 266 Milliarden Dollar (im Jahr 2006)

Umsatz von BP Solar: eine Milliarde Dollar (Prognose für 2008)

Erdöl und Erdgas tragen demnach zum Konzernumsatz vielhundertfach mehr bei als der in gleicher Größe präsentierte Solarstrom. Aber vielleicht versucht BP als verantwortungsbewusstes Unternehmen ja, klimaschonenden Energien durch massive Investitionen zu einer Aufholjagd zu verhelfen? Der Konzern hat angekündigt, über zehn Jahre verteilt acht Milliarden Dollar in die Sparte „BP Alternative Energy“ zu stecken (darin sind Solar, Wind, Wasserstoff und hocheffiziente Gas-und-Dampfturbinen zusammengefasst). Doch verglichen mit den Gesamtinvestitionen des Ölriesen sind das nur Peanuts:

BP-Investitionen in „alternative Energien“: 0,8 Milliarden Dollar pro Jahr

BP-Gesamtinvestitionen: 16,9 Milliarden Dollar (im Jahr 2006)


Atom-Lobby: CO2 und reich dabei

Sonntag, den 25. Mai 2008

Die für ihre Grünfärberei preisgekrönte Werbekampagne des Deutschen Atomforums läuft wieder:

ftd_akw_kl.jpgIn der Financial Times Deutschland zum Beispiel erschien am Samstag eine viertelseitige Annonce – ein liebliches Foto vom AKW Neckarwestheim, darüber der Slogan „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ und die Behauptung „CO2-Ausstoß: Null“. Es sei „ein Rückschritt im Kampf gegen den Klimawandel“, so das Kleingedruckte, die „sichersten und zuverlässigsten Kernkraftwerke der Welt“ abzuschalten. Denn Atomstrom gebe es „ohne CO2-Ausstoß

Das ist verkehrt: Zwar haben Akw keine Schlote, aus denen Kohlendioxid quillt. Aber ganzheitlich betrachtet – wenn man beispielsweise die Emissionen beim aufwändigen Kraftwerksbau oder der Uranförderung, bei Brennelemente-Herstellung und Atommüll-Entsorgung einrechnet – verursacht Atomstrom natürlich CO2: laut internationalen Studien zwischen zehn und 120 Gramm pro Kilowattstunde, das Darmstädter Öko-Institut ermittelte 8 bis 65 Gramm.

Mit Verweis auf das Klima versucht die Akw-Lobby den Atomausstieg zu kippen und zumindest längere Restlaufzeiten zu erreichen. Dabei würde ein Weiterbetrieb, argumentiert etwa Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (SPD), den Umbau der Energieversorgung verzögern – das heute ohnehin bestehende Überangebot an Strom würde verstärkt, der Anreiz zum Bau neuer, effizienter Anlagen verringert.

Für die Energiekonzerne aber haben Reaktoren, die kurz vor der Abschaltung stehen, einen großen Vorzug: Sie sind längst abgeschrieben, produzieren Strom zu niedrigen Kosten. Jedes dieser Akw spült dem Betreiber eine Million Euro Gewinn in die Kasse – und zwar pro Tag. Eine Viertelseite in der FTD kostet 9.700 Euro (plus MwSt). Grob überschlagen bräuchte solch ein Akw nur drei Tage zu laufen, um ein ganzes Jahr lang den Platz für diese Anzeige zu kaufen.


Daimler: Smarte Kohlendioxid-Grafik

Montag, den 19. Mai 2008

Für Mercedes-Benz arbeiten fähige Ingenieure – und ebensolche Werbetexter. Das sah man zum Beispiel vorletzte Woche in der ZEIT, wo eine ganzseitige Anzeige im Stil eines Zeitungsartikels erschien.
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Das „Advertorial“, wie solche Annoncen im Werberjargon heißen, stellte den neuen Begriff „TrueBlueSolutions“ vor, unter dem ab sofort die „Umweltaktivitäten“ der Marke firmieren. „Die Schonung von Ressourcen ist seit Langem ein fester Bestandteil der Produktentwicklung von Mercedes-Benz“, heißt es gleich in der Überschrift. Unten auf der Seite werden mit kleinen Fotos „Meilensteine von Mercedes-Benz“ in Sachen Umwelt präsentiert, die der Text dann auf der Seite detailliert ausbreitet. Blickfang ist ein Foto der neuen C-Klasse, die es neuerdings mit „BlueEfficiency“-Maßnahmen gibt – diese senken u.a. Gewicht und Luftwiderstand und damit Kraftstoffverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß.

In der Tat ist die neue C-Klasse weniger klimaschädlich als ihre Vorgänger – das sparsamste Modell CDI 200 zum Beispiel stößt nun 135 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus (vorher: 167 g/km). Die anderen Motorenvarianten aber liegen deutlich darüber, der protzige C 350 kommt auf 237 g/km. Die Senkungen beim Kohlendioxid-Ausstoß im Laufe der letzten zwölf Jahre werden in der Annonce durch eine Grafik illustriert:

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Gar nicht übel, denkt man sich. Von der Selbstverpflichtung der Autoindustrie, die im Jahr 2008 für Neuwagen eigentlich einen Flottenwert von 140 g/km erreichen wollte, ist das aber noch weit entfernt. Und ein genauer Blick macht dann stutzig: Die Grafik beziehe sich, so die Legende, auf den Durchschnitts-Kohlendioxid-Ausstoß

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Nanu? Was ist denn damit gemeint? Es brauchte mehrere Tage, rund ein Dutzend Mails und Gespräche mit insgesamt vier Sprechern von Unternehmen und Werbeagentur, bis schließlich bestätigt wurde, was wir gleich vermutet hatten: Nicht in die Grafik eingeflossen sind die Fahrzeuge der zeitweise zu Daimler gehörende Marke Chrysler und deren drastisch höhere CO2-Werte. Sehr wohl einbezogen wurde aber die zu Daimler gehörende Marke Smart, deren seit 1998 gebaute Stadtflitzer nur relativ wenig Kohlendioxid ausstoßen. Eine Grafik ausschließlich über den CO2-Ausstoß der Mercedes-Benz-Flotte enthielte deshalb deutlich höhere Werte.

Wir hätten an dieser Stelle sehr gern autorisierte Daten nur für Mercedes Benz geliefert – denn um diese Marke geht es im ganzen Rest der Annonce, der „Smart“ wird in deren Text nirgends erwähnt. Doch selbst auf mehrmalige Nachfrage wollte Daimler diese nicht herausgeben. „Wir möchten die Daten nicht weiter aufdröseln“, hieß es. Mit dieser Linie halte man sich an die einschlägigen EU-Vorschriften und den Brauch der Branche, wonach Flottenverbräuche nicht für einzelne Marken errechnet würden, sondern für Gesamtkonzerne.

Dank einer Studie des BUND aus dem vergangenen Jahr sind Werte bekannt: Demnach stieß die deutsche Mercedes-Benz-Flotte im Jahr 2001 durchschnittlich 207 g/km aus, 2005 waren es 191 g/km – jeweils rund zehn Gramm mehr als die Angaben in der Annonce.

Weil der Daimler-Sprecher riet, wir mögen uns diesen Text auch juristisch gut überlegen, betonen wir explizit, dass wir die Grafik in der Annonce keineswegs anzweifeln oder für gelogen halten.


RWE: Vroni und die Neurath-Lüge

Donnerstag, den 15. Mai 2008

Im Rahmen seiner „VorRWEg gehen“-Kampagne lässt der Stromkonzern RWE inzwischen die zuvor schon im Internet geschaltete Anzeige mit dem Kalb Vroni auch in Zeitschriften drucken, zum Beispiel diese Woche im Spiegel.

Deshalb noch einmal: Der Anzeigentext ist eine glatte Lüge!


Ein Kohlekraftwerk, das seine Emissionen „deutlich reduziert“? Das „30 Prozent weniger CO2“ ausstößt? Als was denn überhaupt?

RWE bezieht sich in der Annonce auf den Neubau von zwei Kraftwerksblöcken in Neurath bei Neuss, die dem Stand der Technik entsprechen und damit wie zu erwarten effizienter sind als alte Braunkohlekraftwerke. Der Essener Konzern will jedoch – im Gegenzug für den Neubau – die alten Neurath-Blöcke aus den 70er-Jahren gar nicht stilllegen. Und plant auch an anderen Standorten nicht, in gleichem Umfang alte Kraftwerke dicht zu machen.

Zu den 17,9 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, die das bestehende Kraftwerk Neurath schon jetzt jährlich ausstößt, kommen durch die neuen Blöcke deshalb rund 16,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr hinzu. In Neurath werden also unterm Strich keine Emissionen reduziert – dort entsteht vielmehr der größte Klimakiller Europas.


NRW-Landesregierung: Bremser statt Vorreiter

Sonntag, den 11. Mai 2008

„Nordrhein-Westfalen“, verkündete vor ein paar Tagen die dortige Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU), „wird in Sachen Klimaschutz die Führungsrolle in Deutschland übernehmen.“ Das hat das Land auch bitter nötig, fällt einem dazu als erstes ein. An Rhein und Ruhr wird nämlich soviel Kohlendioxid ausgestoßen wie sonst nirgendwo in Deutschland, vor allem die dortigen Braun- und Steinkohlekraftwerke sind dafür verantwortlich. Beim Klima-Ranking der Zeitschrift Geo belegte NRW deshalb unter 16 Bundesländern nur Platz zwölf.

Nun aber habe man eine „ambitionierte Energie- und Klimaschutzstrategie“, heißt es in einer Presseerklärung der Landesregierung. (Die von etlichen Medien unkritisch aufgegriffen wurde, beispielsweise schrieb die Welt am Sonntag sofort vom „Klima-Vorreiter“ NRW.) Um 81 Millionen Tonnen bis 2020 wolle man die energiebedingten CO2-Emissionen senken, so die großspurige Ankündigung der Landesregierung. In ihrer Pressemitteilung jongliert sie fröhlich mit Jahreszahlen und Reduktionsversprechen – gekrönt von der Feststellung, man schaffe allein in NRW 44 Prozent der bundesweit bis 2020 avisierten Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Wortgleich mit den Energiekonzernen verkauft Thoben den Bau neuer Kohlekraftwerke als „Beitrag zum Klimaschutz“ – dabei sind selbst die modernsten Anlagen noch CO2-Schleudern, auf Jahrzehnte wird NRW durch die Neubauten von RWE & Co. zur größten Treibhausgas-Quelle ganz Europas (wie gerade erst eine Studie des Öko-Instituts festgestellt hat).

Nehmen wir ganz nüchtern den Taschenrechner zur Hand: Laut NRW-Landesamt für Statistik betrugen im Jahr 2005 die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen des Landes 282 Millionen Tonnen. Die Landesregierung verspricht nun bis 2020 eine Senkung um 81 Millionen Tonnen – es wären dann also 201 Millionen Tonnen. Im Jahr 1990 aber beliefen sich die Emissionen, so das Statistikamt, noch auf 299 Millionen Tonnen. Ergibt gegenüber dem Basisjahr des Kyoto-Protokolls folglich eine Senkung um 32,8 Prozent.

Nanu? Hatte nicht die Bundesregierung im vergangenen Jahr eine Senkung des deutschen Treibhausgas-Ausstoßes um 40 Prozent bis 2020 versprochen? Wie Christa Thoben da von einer „Führungsrolle“ ihres Landes sprechen kann, bleibt ihr Geheimnis.