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Daimler: Smarte Kohlendioxid-Grafik

Montag, den 19. Mai 2008

Für Mercedes-Benz arbeiten fähige Ingenieure – und ebensolche Werbetexter. Das sah man zum Beispiel vorletzte Woche in der ZEIT, wo eine ganzseitige Anzeige im Stil eines Zeitungsartikels erschien.
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Das „Advertorial“, wie solche Annoncen im Werberjargon heißen, stellte den neuen Begriff „TrueBlueSolutions“ vor, unter dem ab sofort die „Umweltaktivitäten“ der Marke firmieren. „Die Schonung von Ressourcen ist seit Langem ein fester Bestandteil der Produktentwicklung von Mercedes-Benz“, heißt es gleich in der Überschrift. Unten auf der Seite werden mit kleinen Fotos „Meilensteine von Mercedes-Benz“ in Sachen Umwelt präsentiert, die der Text dann auf der Seite detailliert ausbreitet. Blickfang ist ein Foto der neuen C-Klasse, die es neuerdings mit „BlueEfficiency“-Maßnahmen gibt – diese senken u.a. Gewicht und Luftwiderstand und damit Kraftstoffverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß.

In der Tat ist die neue C-Klasse weniger klimaschädlich als ihre Vorgänger – das sparsamste Modell CDI 200 zum Beispiel stößt nun 135 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus (vorher: 167 g/km). Die anderen Motorenvarianten aber liegen deutlich darüber, der protzige C 350 kommt auf 237 g/km. Die Senkungen beim Kohlendioxid-Ausstoß im Laufe der letzten zwölf Jahre werden in der Annonce durch eine Grafik illustriert:

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Gar nicht übel, denkt man sich. Von der Selbstverpflichtung der Autoindustrie, die im Jahr 2008 für Neuwagen eigentlich einen Flottenwert von 140 g/km erreichen wollte, ist das aber noch weit entfernt. Und ein genauer Blick macht dann stutzig: Die Grafik beziehe sich, so die Legende, auf den Durchschnitts-Kohlendioxid-Ausstoß

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Nanu? Was ist denn damit gemeint? Es brauchte mehrere Tage, rund ein Dutzend Mails und Gespräche mit insgesamt vier Sprechern von Unternehmen und Werbeagentur, bis schließlich bestätigt wurde, was wir gleich vermutet hatten: Nicht in die Grafik eingeflossen sind die Fahrzeuge der zeitweise zu Daimler gehörende Marke Chrysler und deren drastisch höhere CO2-Werte. Sehr wohl einbezogen wurde aber die zu Daimler gehörende Marke Smart, deren seit 1998 gebaute Stadtflitzer nur relativ wenig Kohlendioxid ausstoßen. Eine Grafik ausschließlich über den CO2-Ausstoß der Mercedes-Benz-Flotte enthielte deshalb deutlich höhere Werte.

Wir hätten an dieser Stelle sehr gern autorisierte Daten nur für Mercedes Benz geliefert – denn um diese Marke geht es im ganzen Rest der Annonce, der „Smart“ wird in deren Text nirgends erwähnt. Doch selbst auf mehrmalige Nachfrage wollte Daimler diese nicht herausgeben. „Wir möchten die Daten nicht weiter aufdröseln“, hieß es. Mit dieser Linie halte man sich an die einschlägigen EU-Vorschriften und den Brauch der Branche, wonach Flottenverbräuche nicht für einzelne Marken errechnet würden, sondern für Gesamtkonzerne.

Dank einer Studie des BUND aus dem vergangenen Jahr sind Werte bekannt: Demnach stieß die deutsche Mercedes-Benz-Flotte im Jahr 2001 durchschnittlich 207 g/km aus, 2005 waren es 191 g/km – jeweils rund zehn Gramm mehr als die Angaben in der Annonce.

Weil der Daimler-Sprecher riet, wir mögen uns diesen Text auch juristisch gut überlegen, betonen wir explizit, dass wir die Grafik in der Annonce keineswegs anzweifeln oder für gelogen halten.