Monatsarchiv für Dezember 2013

Gesucht: Der größte Schurke 2013

Samstag, den 28. Dezember 2013

Bevor wir unserer verehrten Leserschaft viel Kraft und Mut für das Jahr 2014 wünschen können, müssen wir noch auf die Public Eye Awards hinweisen: Mit den wohl bekanntesten internationalen Schmähpreisen werden Unternehmen „ausgezeichnet“, die sich im Laufe des vergangenen Jahres die schlimmsten Verstöße gegen Umwelt- und Menschenrechte geleistet haben. Es sind zwei Preise: Einen bestimmt eine Jury aus Wirtschaftsethikern, Menschenrechts- und Umweltexperten, den anderen, den Publikumspreis, bestimmt die Öffentlichkeit, also Sie!

In der „Hall of Shame“ finden sich diesmal illustre Namen wie der Textilgigant Gap, der Bergbaukonzern Glencore Xstrata oder die Chemieriesen Syngenta, Bayer und BASF.

Auf der Liste steht auch die HSBC Holding, einer der größten Finanzdienstleister mit Geschäftstätigkeiten in über 85 Ländern. Der Bank werden schwere Fälle von Landenteignungen und Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Malaysia, Indonesien oder Liberia angelastet: HSBC beteilige sich an der Finanzierung der Palmölfirmen Sime Darby und Wilmar, die Regenwälder roden, Menschen verjagen, Land stehlen. „Trotz Studien, welche die zerstörerischen Geschäftspraktiken der Firmen belegen, vergibt HSBC weiterhin Kredite an die beiden Unternehmen und hält deren Aktien“, heißt es in der Nominierungsbegründung. Die Gesamtsumme dieser finanziellen Unterstützung belaufe sich auf über eine Milliarde Euro.

case-hsbc-consequences-002 Nominiert für den Public Eye Award ist auch Südafrikas staatlicher Energiekonzern Eskom. Der produziert circa 95 Prozent seines Stroms in 17 Kohlekraftwerken. Medupi, das 18. Eskom-Kohlekraftwerk, befindet sich noch im Bau und wird bei Fertigstellung das viertgrößte der Welt sein. Eskom produziert heute 45 Prozent des gesamten afrikanischen Stromes – aus Kohle. Und als ob der Kontinent nicht schon heute unter der Erderwärmung zu leiden hätte, plant Eskom ein noch größeres Kohlekraftwerk: Die Kusile Power Station soll nach der Fertigstellung das mit 5.400 Megawatt zweitgrößte Kohlekraftwerk der Welt sein, nach dem taiwanesischen Taichung Power Plant.

Für den Public Eye Award nominiert ist Eskom aber hauptsächlich wegen seiner Geschäftspraxis, die Verantwortung für die südafrikanische Luftqualität auf die Steuerzahler abzuwälzen: Eskom behauptet, nicht über die nötigen finanziellen Mittel zu verfügen, um die südafrikanischen Mindeststandards zum Schutz der Gesundheit und Umwelt zu erfüllen. Das Unternehmen hat gar beantragt, sich erst später oder gar nicht an die Emissionsstandards halten zu müssen.

eskom-content-image-003 Ebenfall zur Abstimmung steht der Kandidat Gazprom – der erste Konzern, der eine Bohrplattform in der Arktis errichtet hat. Gazprom verursachte bereits bei seinen kontinentalen Bohrungen eine beträchtliche Anzahl Öllecks. Bis heute weigert sich der russische Staatskonzern, seinen Notfallplan gegen eine Havarie in der Arktis zu veröffentlichen.

Nun ist es an Ihnen: Wählen Sie den größten Schurken des Jahres 2013! Und wenn Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, von Ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht haben, bleibt der Redaktion des Klima-Lügendetektors im zu Ende gehenden Jahr nur noch, Ihnen Kraft, Weitblick und Erfolg für 2014 zu wünschen! Bleiben Sie wachsam: Wer einen Engel um Rat fragen will, darf bei der Suche nicht nur auf die Flügeln achten. Sonst hat er es zum Schluss mit einem Schwan zu tun.

PS: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit Sommer 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Deutsche Post: Besser Psst!

Donnerstag, den 19. Dezember 2013

„Der Journalist“ heißt die Fachzeitschrift für Journalistinnen und Journalisten: Wer Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband DJV ist, bekommt sie einmal im Monat kostenlos. Alle anderen zahlen 12 Euro pro Ausgabe. Immerhin 39.966 Exemplare werden laut IVW-Analyse monatlich verkauft. Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, kurz IVW, ermittelt, wie oft ein Medium tatsächlich über die Ladentheke geht.

„83 Prozent der Journalist-Bezieher sind hauptberuflich als Redakteur, Volontär, Ressortleiter, Bildjournalist, Chefredakteur oder für Spezialbereiche (Umbruchredakteur, Agenturredakteur, Online-Redakteur) tätig“, heißt es in den Mediadaten des Fachblatts. Man kriegt sie also alle – die Medienschaffenden, die Meinungsmacher, die Menschen der Nachrichten und der Magazine. Garantiert jedenfalls alle, die gewerkschaftlich im DJV organisiert sind.

In der aktuellen Ausgabe finden also die Journalistinnen und Journalisten des Landes folgende Anzeige (39.966 gedruckte Mal):

post2

„DEUTSCHE PSST“, haben sich die Werber ausgedacht. Und die DEUTSCHE POST hat dafür 8.740,00 Euro ausgegeben – netto, wie der Blick in die Anzeigenpreisliste zeigt.

Aber klar, wenn die Deutsche Post sie damit alle kriegt, die MedienMagazinMeinungsMacher, dann ist das möglicherweise gut investiertes Geld. Oder vielleicht doch nicht? Im Kleingedruckten heißt es:

post1

Na also: „Wow!“, „Hey!“ und „Toll!“ Endlich wird einmal ein Bereich unseres Lebens emissionsfrei. Zwar nur im Testversuch mit den „StreetScooters“, aber neben „CO2-frei“ obendrein auch noch „leise“ – also PSST!

Bekanntermaßen ist Elektromobilität fürs Klima nur so gut wie der „getankte“ Strom. Der Klima-Lügendetektor hatte sich im Mai mit genau dieser Frage befasst: Welchen Strom tankt die Deutsche Post für ihr Modellvorhaben? Ergebnis: sogenannten RECS-Strom.

RECS ist die Abkürzung für das Renewable Energy Certificate System, das in Deutschland unter anderem von den Kohlekonzernen Eon, RWE und Vattenfall mitbegründet wurde. Kritiker bezeichnen die Organisation als Greenwashing-Zentrale: Für jede in Skandinavien oder den Alpenländern gewonnene Kilowattstunde Strom bekommt der dortige Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat, das er für etwa 0,05 Cent pro Kilowattsunde weiterverkaufen kann. Das bedeutet andersherum, dass jeder, der zum Strompreis zusätzlich noch 0,05 Cent pro Kilowattsunde draufzahlt, die gleiche Strommenge aus Atom- oder Kohlekraftwerken als Ökostrom anpreisen darf.

„So wird aus konventionellem Strom Ökostrom“, beschreibt Thorsten Kasper, Energieexperte beim Verbraucher­zentrale Bundes­verband (VZBV), den Mechanismus. „Der Nutzen für die Umwelt ist gleich Null. In Skandinavien wird so viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, dass mit den dazugehörigen Zertifikaten die gesamte bundesdeutsche Produktion von Atom- und Kohlestrom für Haushaltskunden zu Ökostrom umetikettiert werden könnte. Dieses System schafft aber keinen Anreiz für den Bau neuer umweltfreundlicher Anlagen. Unterm Strich wird weiterhin so viel konventioneller Strom produziert wie bisher.“

„CO2-frei für Sie unterwegs“, behauptet die DEUTSCHE POST. Nun ist das Handwerkszeug der Journalisten die Recherche. Wir glauben deshalb, dass der versuchte Betrug auffliegen wird. Und raten den Werbern besser zum „PSST!“

Vielen Dank an Marco E. aus München für den Hinweis!


Oskar Lafontaine (Die Linke): Brutaler Unverstand

Donnerstag, den 12. Dezember 2013

Karl Marx definierte den Begriff der „Klasse“ über das Eigentum an Produktionsmitteln. Die einen, die Kapitalisten, haben Produktionsmittel, die anderen, die Proletarier, haben keine. Das führt laut Marx zu einem „Klassengegensatz“. Produktionsmittel sind beispielsweise Boden, Rohstoffe, Kapital oder Maschinen, zum Beispiel Kraftwerke. Jene, die nicht über Kapital, Rohstoffe oder Kraftwerke verfügen, müssen ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen – die dann über Einsatz und Entlohnung der Proletarier bestimmen. Marx empfiehlt deshalb die Revolution, die Umverteilung von Produktionsmitteln von oben nach unten.

Oskar Lafontaine, der – nunja, man muss es so hart sagen – ehemalige Vordenker der Linken, hat immer gern die Klassiker zitiert. Doch in seinem Gastbeitrag im heutigen FAZ-Feuilletonlavon zitiert er weder Liebknecht noch Luxemburg, weder Marx noch Engels. Sondern den Schriftsteller Botho Strauß: „Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht.“

Keine Ahnung, ob Botho Strauß Oskar Lafontaine bei seinen zahlreichen DDR-Reisen niemals das Chemiedreieck Halle–Leipzig–Bitterfeld besucht hat. Ob er Mitte der 1980er Jahre nicht doch mal durch den Schwarzwald gewandert ist. Oder irgendwann den 85 Quadratkilometer großen Braunkohle-Tagebau Hambach bei Köln gesehen hat. Wer je an solchen Orten war, der weiß, was eine wirklich brutale Zerstörung der Landschaft ist. Der weiß, dass Windräder zumindest das kleinere Übel sind. (Wobei natürlich zugestanden werden muss, dass es Windräder gibt, die übel aufgestellt wurden.)

Hier könnte dieser Text eigentlich schon enden. Aber weil Oskar Lafontaine schon immer ein begnadeter Demagoge war, wollen wir uns noch ein paar weitere Textstellen anschauen. Beispielsweise schrieb Lafontaine in der FAZ:

Öko ist nicht zwangsläufig gut für die Umwelt – Der Anteil der Stromerzeugung aus Windenergie am primären Energieverbrauch in Deutschland wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie mit 1,3 Prozent für das Jahr 2012 angegeben. Und dafür sollen wir unsere Kulturlandschaft zerstören? Selbst wenn es gelänge, diesen Anteil auf 2,6 Prozent zu verdoppeln, wäre das noch immer nicht gerechtfertigt.

Bingo, ja, genau so macht es jemand, der irreführen will, ohne zu lügen: Er konstruiert eine Zahl, in diesem Falle eine möglichst kleine. Lafontaine hätte sagen können, Windräder stünden für rund 40 Prozent der deutschen Ökostrom-Produktion. Er hätte auch sagen können, sie lieferten gut neun Prozent der gesamten deutschen Stromproduktion. Aber nein, er bemisst die Leistung der Windräder als Anteil am „primären Energieverbrauch in Deutschland“: In diesen aber sind auch der Benzinverbrauch, das warme Badewasser, sämtliche Heizenergie, das Flugzeugkerosin etc. pp. eingerechnet. So gedreht wirkt die Windkraft besonders klein. Aber: Gelogen ist Lafontaines Zahl natürlich nicht.

Weiter geht es bei Lafontaine wieder mit einem typischen, praktisch unwiderlegbaren Demagogensatz, der mit den Worten beginnt: „Es mehren sich Stimmen …“ Mehr Wischiwaschi geht kaum.

Es folgt die Aussage: „Das Fördersystem für erneuerbare Energien sorgt so dafür, dass mit jedem neuen Windrad mehr Kohle verfeuert und daher zusätzliches Kohlendioxid ausgestoßen wird.“ Das aber ist nun wirklich falsch! Das Fördersystem für erneuerbare Energien hat dafür gesorgt, dass die Börsenstrompreise radikal in den Keller gegangen sind. Weil aber der EU-Zertifikatehandel derzeit nicht funktioniert, werden klimafreundlichere Gaskraftwerke abgeschaltet – statt der klimaschädlichen Kohlekraftwerke. Es wird zusätzliches Kohlendioxid ausgestoßen – nicht wegen der emissionsfreien Windräder, sondern wegen des kaputten EU-Emissionshandels.

Zurück zu Marx. Fast 90 Prozent aller Windräder sind praktische Umverteilung der Produktionsmittel von oben nach unten. Weil nämlich die vier großen Stromkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW kaum in diese Zukunftstechnologie investiert haben, gehören heute knapp 30.000 Megawatt Windkraft-Kapazität den Bürgern – über Genossenschaften, Anteile oder Stadtwerke. Tatsächlich ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eines der marxistischsten Gesetze, das die Bundesrepublik je kannte: Es enteignet die aktieninhabenden Kapitalisten der vier Großkonzerne und schichtet die Produktionsmittel in die Hände des Volkes um. Es schafft Arbeitsplätze in Zukunftstechnologien und gesellschaftlichen Reichtum. Es demokratisiert die Gesellschaft – denn wer eine Solaranlage auf dem Dach oder einen Windradanteil im Depot hat, der interessiert sich für die Energieversorgung und will mitreden.

Oskar Lafontaine, im Abendrot seiner Karriere stehend, versteht das offenbar nicht mehr. Stattdessen plappert er die Propaganda konservativer Wirtschaftskreise und Think-Tanks nach und hetzt gegen die Umverteilung. Ein Jammer.

 Danke an Andreas L., Tabea B. und Stefan G. für ihre Hinweise


Joschka Fischer (Grüne): Gelogenes „Statement“

Montag, den 2. Dezember 2013

Hans-Christian Ströbele (74) war jüngst einfach mal nach Moskau gefahren, um sich mit Edward Snowden über den NSA-Überwachungsskandal zu unterhalten: Snowden sei bereit, deutschen Vertretern Auskunft über Art und Umfang der Bespitzelung zu erteilen. Ströbele, der bündnisgrüne Abgeordnete, ist bekannt dafür, dass er mit dem Fahrrad aus Berlin-Kreuzberg täglich in den Bundestag kommt. Auch Wahlkampfauftritte oder Außentermine unternimmt der Grüne per Bicycle. Aber Moskau war natürlich zu weit für eine Radpartie.

Joseph Martin Fischer (65) – genannt „Joschka“ – ist jüngst einfach mal nach Leipzig gefahren, um sich von BMW.TV filmen zu lassen. BMW baut in Leipzig sein neues Elektromodell i3, und Joseph Martin Fischer sagt: „Ich hätte geglaubt, nicht so früh in einem solchen Auto zu sitzen.“ 

Fischer-450x274_1

Wir wissen jetzt nicht, wie spät es gerade war, als die Aufnahmen entstanden. Der Moderator jedenfalls säuselt: „Der Traum für den ehemaligen Außenminister wurde wahr: Als einer der ersten Kunden holte er sich im Rahmen einer Betriebsversammlung in Leipzig seinen BMW i3 ab.“

Werksleiter Milan Nedeljkovic sagt: „Ich konnte sein Leuchten in den Augen sehen: Gerade als Vertreter einer grünen Welt war es für ihn etwas Besonderes, in diesem Fahrzeug zu sitzen.“

Was bis hierher einfach nur peinlich war, wird jetzt zur Lüge: „Vorreiter für komplett emissionsfreies Fahren zu sein, ist für Joschka Fischer nicht nur Ehrensache“, sagt der Erzähler, äh, Moderator. „Es ist ein Statement“, echot Fischer.

Es ist Quatsch, Herr Fischer! Solange die Erneuerbaren lediglich 25 Prozent zum deutschen Stromverbrauch beitragen, so lange ist Ihr „emissionsfreies Fahren“ – Ihr „Statement“ – eine Lüge. Solange Sie an öffentlichen Ladestationen Ihren BMW i3 aufladen, so lange tragen Sie zur Erderwärmung bei. Und solange Sie Autos promoten, die von sich behaupten: „Mit einer Leistung von 170 PS und seinem hohen Drehmoment von 250 Nm … sorgt der elektrische Antrieb … für ein spritziges Fahrvergnügen. Von 0 auf 60 km/h beschleunigt der BMW i3 Concept in unter vier Sekunden, die 100 km/h sind in weniger als acht Sekunden erreicht“ – so lange machen Sie sich des plumpen Greenwashings einer überholten Welt schuldig.

Fischer-450x274_2

Der BMW i3 ist ein Auto, das „auch noch Spaß macht!“, sagt der Außenminister a.D. in dieser Zeigefinger-Szene oben. In dem Film verrät Joseph Martin Fischer, dass er seit 13 Jahren in Berlin lebt. „Ich fahr pro Tag nicht mehr als 100 Kilometer, ich brauch da keinen so großen Wagen wie den 5er oder so.“

„Keinen 5er oder so“ in Berlin, jener Stadt, die wie kaum eine andere mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen ist. Keinen 5er BMW (je nach Baujahr und Modell zwischen 140 g/km CO2 und 357 g/km CO2) in der Fahrradstadt Berlin. Die Familie Fischer kommt auch ohne 5er BMW aus, nun aber mit einem BMW i3 – na, Gott sei Dank! Hoffentlich fährt der emissionsschwindelnde Joseph Martin Fischer in Berlin nicht den emissionsfreien Hans-Christian Ströbele irgendwo mal über den Haufen.

PS: Seit mehr als zwei Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2014 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER