Monatsarchiv für September 2021

Die Zeit: Nicht ganz grün

Mittwoch, den 22. September 2021

Jetzt also soll es endlich Lösungen geben! Und zwar in der Wochenzeitung Die Zeit:

„Für Menschen, die nach Lösungen suchen“ – unter diesem Slogan bietet die größte Wochenzeitung Deutschlands ein neues Ressort an: „Green“. Monatlich soll „ein eigenes Buch mit mindestens vier Seiten“ erscheinen, was komisch klingt, aber in der Zeitungssprache bedeutet, dass die „greenen“ Seiten nicht etwa den Wirtschaftsseiten oder dem Politikteil beigelegt werden, sondern eigenständig sind und damit gleichwertig wie das „Kulturbuch“ der Zeit oder die Wissenschaftsberichterstattung.

„Für Menschen, die nach Lösungen suchen“ – endlich besetzt also auch Die Zeit das Thema Nachhaltigkeit. Und wie sieht nun so eine Lösung aus, nach der die Menschen suchen?

So:

Aber das ist doch Markus Söder! Der Populist aus Bayern. Der dort Umweltminister war, heute Ministerpräsident ist und CSU-Chef. Jener Markus Söder, der um ein Haar Kanzlerkandidat der Union geworden wäre!!

Und dieser Söder darf nun mitten im Bundestagswahlkampf auf den „greenen“ Seiten der Zeit sagen:

Die Kollegen vom Ressort „Green“ wissen vermutlich, dass bereits der Erste Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC im Jahr 1990 ein dramatisches Bild von der Erderwärmung zeichnete und dass ihm in den 1990er und 2000er Jahren vier weitere IPCC-Berichte folgten, die das dramatische Bild immer genauer werden ließen. Die Kollegen fragen auch nach, weisen Söder darauf hin, dass Wörter wie „wir müssen“ eigentlich verboten sind an dieser Stelle, wo „Green“ Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen will. Aber Markus Söder antwortet:

Man könnte das jetzt als typischen Söder ablegen, Populist eben! Man könnte sich auf die anderen Seiten des neuen „Green“ in der Zeit konzentrieren. (Es geht beispielsweise um CCS, Fleisch, Altkleider oder Mülltrennung in Korea.) Allerdings sagt Markus Söder in dem Interview:

Das ist eine glatte Lüge, die nicht unwidersprochen bleiben darf.

Hier die Fakten: Anhand des Indikators „Energiepolitische Programmatik“ bewerten Wissenschaftler die Energie- und Klimaschutzkonzepte der Bundesländer – Bayern kommt hier auf Platz sieben (hinter Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Berlin, Brandenburg und Hessen). Bei den Ausbauzielen für erneuerbare Energien liegt Bayern nur auf dem fünften Platz (hinter BaWü, Schleswig-Holstein, Berlin und Thüringen). Erfolgreiche Programme zur Förderung erneuerbarer Energien gibt es in Bayern wesentlich seltener als in anderen Bundesländern, hier kommt der Freistaat nur auf Platz 11. Bei der Bruttostromerzeugung aus Erneuerbaren liegt Bayern nur auf einem Mittelrang, Platz sieben. (Die Erhebung stammt aus dem Jahr 2019, neue Daten gibt es noch nicht.)

Sicherlich: Es gibt auch Spitzenpositionen für die Bayern. Anders als Markus Söder aber der Öffentlichkeit weismachen will, stockt der Erneuerbaren-Ausbau. Im Jahr 2020 wurden in Bayern beispielsweise ganze acht neue Windräder mit einer Leistung von 32 Megawatt errichtet. Obwohl der Freistaat mit Abstand die größte Fläche aller Bundesländer hat, drehen sich hier nur 1.172 Windräder. Im kleinen Schleswig-Holstein sind es dagegen mehr als doppelt so viele: 3.673 Stück. Der bündnisgrüne Landtagsabgeordnete und Energieexperte Martin Stümpfig urteilt: „Die Klimapolitik der Söder-Regierung ist auf einem absoluten Tiefstand angekommen“.

Leider erfahren wir das alles nicht auf den Seiten „für Menschen, die nach Lösungen suchen“. Dort bleibt mitten im Wahlkampf der Eindruck zurück, Bayern sei spitze. Und das ist alles andere als „green“!

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Bild: Anti-Klimaschutz-Propaganda verbreiten

Donnerstag, den 16. September 2021

Dass die Bild ein rückwärtsgewandtes Kampagnenblatt ist, wissen unsere Leserinnen und Leser schon lange, lange, lange, lange, lange, lange, lange. (Und zwei Kollegen vom Bildblog haben gerade ein hervorragendes Buch zum Thema geschrieben.)

Heute gab es wieder neues Anschauungsmaterial:

Nein, wir meinen mit „rückwärtsgewandt“ nicht die Zeile zu „Sex im Alter“. Sondern die Hauptschlagzeile. Um gegen Klimaschutz hetzen anschreiben zu können, macht die Redaktion hier eine Aussage des Vorsitzenden der IG Metall ganz groß auf. Auf Seite 2 gibts das „Bild-Interview“ mit Jörg Hofmann etwas ausführlicher:

Die Politik habe „völlig den Kontakt zur Realität verloren“, kritisiert der Gewerkschaftsmann dort. Er nennt Pläne zu einer Anhebung des Renten-Eintrittsalters „Irrsinn“. Und sagt: „Wer den Wählern … jetzt Steuersenkungen verspricht, veräppelt sie.“ Nun, dazu hätte man eigentlich auch knallige Schlagzeilen für die Titelseite texten können – aber klar, Bild schießt lieber gegen Klimaschutz als gegen CDU/CSU.

Woher kommt aber jetzt das Zitat mit den „Hunderttausenden Jobs“? Aus dieser Passage:

Fällt Ihnen etwas auf? Hofmann spricht da lediglich von „weit mehr als 100.000 Jobs“, die „in Gefahr“ seien. Das ist auch eine hohe Zahl, aber die genügte Bild offenbar nicht für die dramatische Titelzeile.

Die basiert auf der im Text nachgeschobenen Zahl von 410.000 Jobs. Diese wiederum stammt aus einer Studie, die bereits anderthalb Jahre alt ist und einiges Aufsehen erregte. Die taz-Kollegin Anja Krüger hat sich das Papier damals genauer angeschaut. Ergebnis: Die Horrorzahl steht zwar tatsächlich dort, wird aber lediglich für ein Extremszenario mit den denkbar ungünstigsten Annahmen genannt. Es ist also sehr unrealistisch, dass sie jemals Wirklichkeit wird.

Selbst der Lobbyverband der Autoindustrie (VDA) wies diese Panikmache damals auf Spiegel Online zurück:

Stört Bild aber offenbar nicht. Denn für eine fette Portion Klimaschutz-Bashing zehn Tage vor der Bundestagswahl ist die Zahl natürlich prima.

Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Jedenfalls viel differenzierter. Auch wenn in der Automobilbranche durch die Umstellung der Antriebstechnologie Jobs verloren gehen, entstehen woanders viele neue Arbeitsplätze. Die Gesamtbilanz ist jedenfalls laut einer Studie der Stiftung Klimaneutralität deutlich positiv. Bis 2030 können demnach durch Klimaschutz rund 360.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Erscheinungstag dieser Bild-Schlagzeile ist übrigens genau der Tag, an dem die wohl größte Studie zu Klimawandel und Gesundheit in Deutschland vorgelegt wird – erarbeitet von der Krankenkasse BKK-Nordwest gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem Helmholtz-Zentrum Hereon. Bereits in den vergangenen zehn Jahren haben demnach Krankheiten, die durch die Erderhitzung begünstigt werden, deutlich zugenommen – etwa Hitzekollaps oder Hitzschlag, Heuschnupfen oder Lyme-Borreliose. Auf tagesschau.de lesen wir dazu:

Genauso gut (nein, auf viel soliderer Faktengrundlage) hätte die Bild also heute auch titeln können:

Hat sie aber natürlich nicht. Das Irre ist – Bild weiß es eigentlich selbst besser. Just in der heutigen(!) Ausgabe findet sich eine zwölfseitige Beilage namens „Zukunfts-Bild“, in der es unter anderem um E-Autos geht. Auf einer opulenten halben Seite wird dort das neue Elektromodell von Volkswagen gefeiert – das sieht dann so aus:

Ein Hinweis hierauf findet sich sogar auf der Titelseite. Scrollen Sie noch mal zum Anfang dieses Textes – sehen Sie das kleine blaue Kästchen im ersten Ausriss, oben rechts?

Aber die allermeisten Leute werden natürlich nur die demagogische Anti-Klimaschutz-Schlagzeile sehen


CDU: Jobs vernichten

Dienstag, den 7. September 2021

Vor Monatsfrist hatten wir die SPD mit ihren Wahlkampf-Lügen auf dem Klima-Lügendetektor. Das hier aber schlägt dem Fass den Boden aus:

Da steht auf einem Wahlplakat der CDU doch tatsächlich:

Klima schützen.
Jobs schaffen.

Aber liebe CDU, ihr seid doch die Partei, die gerade die ganzen Jobs in der Solarwirtschaft abgeschafft hat! Es war euer Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der 2012 den solaren Ausbau deckelte und die EEG-Umlage so stark zusammenstreichen half, dass die deutsche Solarwirtschaft nahezu komplett in die Pleite getrieben wurde. Von den einst 150.000 Arbeitsplätzen der Branche sind noch 50.000 übrig, wie die Internationale Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) ermittelte (Seite 10).

Und ihr seid als CDU doch die Partei, die dann auch Hand an die Windkraftwirtschaft angelegt hat! Es war 2013 euer Koalitionsbeschluss mit der FDP, jetzt auch noch die Windkraft zu deckeln, also den Ausbau zu begrenzen! Mit durchschlagendem Erfolg: 2019 wurden in Deutschland lediglich 325 neue Windräder ans Netz geschaltet, so wenige pro Jahr wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr.

Jobs schaffen?
Klima schützen?

Ist es nicht der CDU-Spitzenkandidat, der als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen den Bau von Windrädern massiv einschränkt? Armin Laschets Baugesetz erlaubt Gemeinden in NRW, einen Mindestabstand von 1.000 Metern von Windrädern zu Wohnsiedlungen einzufordern – wobei drei Häuser bereits als Wohnsiedlung gelten, was neue Windräder im dicht besiedelten Land praktisch unmöglich macht.

Auch im vergangenen Jahr 2020 stockte der Windkraftausbau massiv. Und das wird so weitergehen: Die Zahl der neu genehmigten Windräder ging etwa im Saarland, in Bayern, Hessen, Sachsen und Baden-Württemberg seit 2015 um 75 bis 100 Prozent zurück – alles unionsgeführte Länder, sieht man einmal von BaWü ab, wo die CDU als Juniorpartner der Bündnisgrünen das zuständige Wirtschaftsministerium leitet.

Auf den Wahlkampf-Seiten der CDU heißt es:

Oder noch anders zusammengefasst: Durch eure Weigerung, die Energiewende voranzubringen, vernichtet ihr von der CDU Jobs und würgt den Klimaschutz ab.

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