Monatsarchiv für September 2021

Volker Angres (ZDF): Fossile im Fernsehen

Dienstag, den 28. September 2021

Sorry, schon zum dritten Mal in Folge müssen wir uns heute mit anderen Medien befassen – diesmal mit dem eigentlich sehr geschätzten öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dort gab es vor acht Wochen nicht nur Humbug zum neuesten IPCC-Report, sondern in der Folge auch eine halbseidene Verteidigung und am Ende etwas, das wir Rabulistik nennen würden. Aber der Reihe nach.

Am 9. August legte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) den ersten Band seines Sechsten Sachstandsberichts (AR6) zur Klimaforschung vor. Es gibt keinen verlässlicheren Überblick über den Stand des Wissens zum Klimawandel, weshalb dieser Report des sogenannten Weltklimarats weltweit Schlagzeilen machte. Auch in Deutschland berichteten die Medien, darunter natürlich die ZDF-Nachrichten.

Wie es im Fernsehen oft üblich ist zum Erklären komplexer Materie, holte man dabei einen hausinternen Experten vor die Kamera – in diesem Falle den Chef der ZDF-Umweltredaktion, Volker Angres.

Der 65-Jährige leitet die Redaktion seit 1990, also seit bereits 31(!) Jahren. Doch was Angres zum IPCC-Report sagte, war alles andere als kompetent. Zum Ende des knapp dreiminütigen Studiogesprächs fragte ihn die Moderatorin: „Was muss, was kann Europa jetzt tun?“

Angres hätte die knappe Sendezeit nutzen können, um darüber zu reden, was in der Fachwelt Konsens ist: Dass Europa seine Emissionen schnellstens auf null bringen muss, dass das Ende der fossilen Energieversorgung und der Umstieg auf Erneuerbare drastisch beschleunigt gehören, dass es etwa im Verkehrssektor in den vergangenen Jahrzehnten kaum Fortschritte gab, dass auch Gebäudesektor, Landwirtschaft oder die gesamte Industrie ihren Ausstoß an Treibhausgasen in den nächsten 20 Jahren rasant runterfahren müssen. Dass die Klimaziele in Brüssel oder Berlin zwar in die richtige Richtung gehen, aber nicht ausreichen – vor allem aber bisher die politischen Maßnahmen fehlen, um diese Ziele auch nur annähernd erreichen zu können. Und, und, und.

Was aber sagt Angres? Er lenkt ab redet stattdessen über die nächste UN-Klimakonferenz, für die der Report „ein Weckruf“ sei (was nicht verkehrt ist, aber nichts mit der Frage zu tun hat). Europa müsse dort „eine Führungsrolle übernehmen“ (was auch stimmt). Doch was versteht Angres unter „Führungsrolle“? Hier der O-Ton ab Minute 2:20 des Gesprächs:

„Man nehme ein modernes, deutsches Kohlekraftwerk, baue es in Indien oder in Afrika. In Südafrika könnte man locker drei bis vier alte Kraftwerke dort stilllegen, die deutschen sind so gut, mit guten Wirkungsgraden. Das würde Klimaschutz großskalig voranbringen. Und genau das fordert der Weltklimarat.“

Hä? Neue Kohlekraftwerke sind das Erste, was dem obersten Umweltjournalisten des ZDF als europäische Klimaschutzmaßnahme einfällt? Und die einzige überhaupt, die er hier vor riesigem Publikum nennt?

Hierbei handelt es sich nicht um einen kurzzeitigen Aussetzer, offenbar meint Angres das wirklich. In einer anderen Schalte, nämlich in einer anderen heute-Sendung, wiederholt er sein Plädoyer für Kohlekraftwerksexporte nochmal.

Das Schräge ist: Nichts dergleichen steht im IPCC-Report, über den Angres doch eigentlich informieren soll.

Der Auftritt wird denn auch sofort kritisiert, unter anderem von den Parents for Future auf Twitter. Zahlreiche Programmbeschwerden erreichen den Sender – auch eine Anfrage des Klima-Lügendetektors an die ZDF-Pressestelle, was denn Angres‘ Quellen für seine Kohleempfehlung sind, wird als solche gewertet und ins offizielle Verfahren eingespeist.

Dessen Ergebnis veröffentlicht das ZDF mit Datum vom 2. September, zwei Seiten lang, unterschrieben vom Intendanten Thomas Bellut. Der Sender hätte da zum Beispiel schreiben können: Sorry, Kollege Angres hat sich da vertan. Oder: Er ist versehentlich dem uralten PR-Märchen von „Clean Coal“ aufgesessen, tut uns leid. Bellut hätte auch antworten können: „Ich habe ihm den Kopf gewaschen“ – so hatte es der damalige ZDF-Chefredakteur 2007 nach eigenen Angaben getan, als Angres schon mal eine private Meinung (die er ja gern haben kann) unter dem Logo des ZDF verbreitete. Thomas Bellut jedoch schrieb, er könne „einen Verstoß gegen den Grundsatz der wahrheitsgetreuen Berichterstattung … nicht erkennen“.

Dies hier ist der zentrale Absatz von Belluts Antwort:

Ui! Sollten tatsächlich wir falsch liegen?

Also haben wir, weil wir davon ausgehen, dass der Intendant des ZDF keinen Quatsch schreibt und sorgfältig recherchiert (bzw. recherchieren lässt), die knapp 4.000 Seiten des frischen IPCC-Reports nochmal durchgesehen. Doch nirgends finden wir eine Stelle, wo der IPCC den Neubau von „modernen, deutschen Kohlekraftwerken … in Indien oder in Afrika“ fordert. Nichts, nada. (Alles andere wäre auch verwunderlich, weil der Anfang August veröffentlichte Band 1 von naturwissenschaftlichen Grundlagen handelt – um mögliche Anpassungsmöglichkeiten und Maßnahmen zur Emissionsminderung hingegen wird es erst in Band 2 und 3 gehen, die im Frühjahr 2022 erscheinen.)

Sicherheitshalber haben wir dann nochmal direkt beim IPCC in Genf angefragt. Nein, antwortete ein Sprecher, er könne sich nicht vorstellen, dass der IPCC den Bau von Kohlekraftwerken empfehle. Auch beim Sekretariat der Arbeitsgruppe 1 des IPCC, die den vorliegenden Berichtsband erstellt hat, heißt es klar: Für eine Aussage wie die von Volker Angres findet sich im Report keine Grundlage.

Doch es kommt noch dicker. Nicht nur steht im IPCC-Bericht nicht das, was der Leiter der ZDF-Umweltredaktion erzählt. Anlässlich der Veröffentlichung exakt dieses Reports sagte UN-Generalsekretär António Guterres exakt das Gegenteil:

Zu Deutsch: Nach diesem Bericht dürfen keine Kohlekraftwerke mehr gebaut werden. Der Grund dafür ist sonnenklar: Wer jetzt noch fossile Anlagen errichtet, egal ob sie effizienter sind als alte Kohleblöcke, muss sie jahrzehntelang laufen lassen, um die Investition wieder hereinzubekommen. Und das bedeutet bei diesen Riesenanlagen nun mal hohe, absolute Emissionen. Doch weitere Jahrzehnte mit hohen Emissionen – das geht nicht mehr, wenn die Welt die schlimmsten Folgen der Erderhitzung noch verhindern will. Wer sollte das besser wissen als der Leiter der Umweltredaktion eines öffentlich-rechtlichen Qualitätsmediums?

Worauf im IPCC-Report also stützt Volker Angres seine Empfehlung? Und worauf Thomas Bellut seine Verteidigung? Das haben wir letzte Woche nochmal die ZDF-Pressestelle gefragt. Und heute eine – überraschende – Antwort bekommen.

Das sei alles ein „Missverständnis“, lässt Angres ausrichten. Sein Satz „Und genau das fordert der Weltklimarat“ (siehe vollständiges Zitat oben) habe sich gar nicht auf den Neubau von Kohlekraftwerken bezogen – sondern nur darauf, dass man jetzt „Klimaschutz großskalig voranbringen“ müsse. Zugegeben, dies fordert der IPCC tatsächlich. Folgt man dieser rabulistischen Erklärung, käme Angres um eine Kopfwäsche vom Chef herum. Das mit den Kohlekraftwerken wäre dann also kein Wiedergeben einer IPCC-Forderung, sondern schlicht Angres‘ private Meinung.

Der Haken daran: Sie ist nicht durch den Stand der Forschung gedeckt, und am selben Tag hat der UN-Generalsekretär das Gegenteil gefordert. Entweder weiß Volker Angres das nicht, dann hat er nicht sorgfältig recherchiert. Oder er weiß es und sagt bewusst das Gegenteil. Wir wissen nicht, was für einen Leiter der ZDF-Umweltredaktion schlimmer wäre.

Danke an Robert G. aus Berlin für den Hinweis


Bild: Anti-Klimaschutz-Propaganda verbreiten

Donnerstag, den 16. September 2021

Dass die Bild ein rückwärtsgewandtes Kampagnenblatt ist, wissen unsere Leserinnen und Leser schon lange, lange, lange, lange, lange, lange, lange. (Und zwei Kollegen vom Bildblog haben gerade ein hervorragendes Buch zum Thema geschrieben.)

Heute gab es wieder neues Anschauungsmaterial:

Nein, wir meinen mit „rückwärtsgewandt“ nicht die Zeile zu „Sex im Alter“. Sondern die Hauptschlagzeile. Um gegen Klimaschutz hetzen anschreiben zu können, macht die Redaktion hier eine Aussage des Vorsitzenden der IG Metall ganz groß auf. Auf Seite 2 gibts das „Bild-Interview“ mit Jörg Hofmann etwas ausführlicher:

Die Politik habe „völlig den Kontakt zur Realität verloren“, kritisiert der Gewerkschaftsmann dort. Er nennt Pläne zu einer Anhebung des Renten-Eintrittsalters „Irrsinn“. Und sagt: „Wer den Wählern … jetzt Steuersenkungen verspricht, veräppelt sie.“ Nun, dazu hätte man eigentlich auch knallige Schlagzeilen für die Titelseite texten können – aber klar, Bild schießt lieber gegen Klimaschutz als gegen CDU/CSU.

Woher kommt aber jetzt das Zitat mit den „Hunderttausenden Jobs“? Aus dieser Passage:

Fällt Ihnen etwas auf? Hofmann spricht da lediglich von „weit mehr als 100.000 Jobs“, die „in Gefahr“ seien. Das ist auch eine hohe Zahl, aber die genügte Bild offenbar nicht für die dramatische Titelzeile.

Die basiert auf der im Text nachgeschobenen Zahl von 410.000 Jobs. Diese wiederum stammt aus einer Studie, die bereits anderthalb Jahre alt ist und einiges Aufsehen erregte. Die taz-Kollegin Anja Krüger hat sich das Papier damals genauer angeschaut. Ergebnis: Die Horrorzahl steht zwar tatsächlich dort, wird aber lediglich für ein Extremszenario mit den denkbar ungünstigsten Annahmen genannt. Es ist also sehr unrealistisch, dass sie jemals Wirklichkeit wird.

Selbst der Lobbyverband der Autoindustrie (VDA) wies diese Panikmache damals auf Spiegel Online zurück:

Stört Bild aber offenbar nicht. Denn für eine fette Portion Klimaschutz-Bashing zehn Tage vor der Bundestagswahl ist die Zahl natürlich prima.

Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Jedenfalls viel differenzierter. Auch wenn in der Automobilbranche durch die Umstellung der Antriebstechnologie Jobs verloren gehen, entstehen woanders viele neue Arbeitsplätze. Die Gesamtbilanz ist jedenfalls laut einer Studie der Stiftung Klimaneutralität deutlich positiv. Bis 2030 können demnach durch Klimaschutz rund 360.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Erscheinungstag dieser Bild-Schlagzeile ist übrigens genau der Tag, an dem die wohl größte Studie zu Klimawandel und Gesundheit in Deutschland vorgelegt wird – erarbeitet von der Krankenkasse BKK-Nordwest gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem Helmholtz-Zentrum Hereon. Bereits in den vergangenen zehn Jahren haben demnach Krankheiten, die durch die Erderhitzung begünstigt werden, deutlich zugenommen – etwa Hitzekollaps oder Hitzschlag, Heuschnupfen oder Lyme-Borreliose. Auf tagesschau.de lesen wir dazu:

Genauso gut (nein, auf viel soliderer Faktengrundlage) hätte die Bild also heute auch titeln können:

Hat sie aber natürlich nicht. Das Irre ist – Bild weiß es eigentlich selbst besser. Just in der heutigen(!) Ausgabe findet sich eine zwölfseitige Beilage namens „Zukunfts-Bild“, in der es unter anderem um E-Autos geht. Auf einer opulenten halben Seite wird dort das neue Elektromodell von Volkswagen gefeiert – das sieht dann so aus:

Ein Hinweis hierauf findet sich sogar auf der Titelseite. Scrollen Sie noch mal zum Anfang dieses Textes – sehen Sie das kleine blaue Kästchen im ersten Ausriss, oben rechts?

Aber die allermeisten Leute werden natürlich nur die demagogische Anti-Klimaschutz-Schlagzeile sehen

P.S.: Den Kollegen vom Bildblog ist noch etwas ganz anderes aufgefallen – im vollständigen Interview mit Jörg Hofmann sagt der Gewerkschafter sogar nicht nur nicht, was die Schlagzeile draus macht, sondern das ziemliche Gegenteil: dass richtig gemachter Klimaschutz sogar „ein Erfolgsmodell“ sein kann.


Die Zeit: Nicht ganz grün

Sonntag, den 12. September 2021

Jetzt also soll es endlich Lösungen geben! Und zwar in der Wochenzeitung Die Zeit:

„Für Menschen, die nach Lösungen suchen“ – unter diesem Slogan bietet die größte Wochenzeitung Deutschlands ein neues Ressort an: „Green“. Monatlich soll „ein eigenes Buch mit mindestens vier Seiten“ erscheinen, was komisch klingt, aber in der Zeitungssprache bedeutet, dass die „greenen“ Seiten nicht etwa den Wirtschaftsseiten oder dem Politikteil beigelegt werden, sondern eigenständig sind und damit gleichwertig wie das „Kulturbuch“ der Zeit oder die Wissenschaftsberichterstattung.

„Für Menschen, die nach Lösungen suchen“ – endlich besetzt also auch Die Zeit das Thema Nachhaltigkeit. Und wie sieht nun so eine Lösung aus, nach der die Menschen suchen?

So:

Aber das ist doch Markus Söder! Der Populist aus Bayern. Der dort Umweltminister war, heute Ministerpräsident ist und CSU-Chef. Jener Markus Söder, der um ein Haar Kanzlerkandidat der Union geworden wäre!!

Und dieser Söder darf nun mitten im Bundestagswahlkampf auf den „greenen“ Seiten der Zeit sagen:

Die Kollegen vom Ressort „Green“ wissen vermutlich, dass bereits der Erste Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC im Jahr 1990 ein dramatisches Bild von der Erderwärmung zeichnete und dass ihm in den 1990er und 2000er Jahren vier weitere IPCC-Berichte folgten, die das dramatische Bild immer genauer werden ließen. Die Kollegen fragen auch nach, weisen Söder darauf hin, dass Wörter wie „wir müssen“ eigentlich verboten sind an dieser Stelle, wo „Green“ Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen will. Aber Markus Söder antwortet:

Man könnte das jetzt als typischen Söder ablegen, Populist eben! Man könnte sich auf die anderen Seiten des neuen „Green“ in der Zeit konzentrieren. (Es geht beispielsweise um CCS, Fleisch, Altkleider oder Mülltrennung in Korea.) Allerdings sagt Markus Söder in dem Interview:

Das ist eine glatte Lüge, die nicht unwidersprochen bleiben darf.

Hier die Fakten: Anhand des Indikators „Energiepolitische Programmatik“ bewerten Wissenschaftler die Energie- und Klimaschutzkonzepte der Bundesländer – Bayern kommt hier auf Platz sieben (hinter Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Berlin, Brandenburg und Hessen). Bei den Ausbauzielen für erneuerbare Energien liegt Bayern nur auf dem fünften Platz (hinter BaWü, Schleswig-Holstein, Berlin und Thüringen). Erfolgreiche Programme zur Förderung erneuerbarer Energien gibt es in Bayern wesentlich seltener als in anderen Bundesländern, hier kommt der Freistaat nur auf Platz 11. Bei der Bruttostromerzeugung aus Erneuerbaren liegt Bayern nur auf einem Mittelrang, Platz sieben. (Die Erhebung stammt aus dem Jahr 2019, neue Daten gibt es noch nicht.)

Sicherlich: Es gibt auch Spitzenpositionen für die Bayern. Anders als Markus Söder aber der Öffentlichkeit weismachen will, stockt der Erneuerbaren-Ausbau. Im Jahr 2020 wurden in Bayern beispielsweise ganze acht neue Windräder mit einer Leistung von 32 Megawatt errichtet. Obwohl der Freistaat mit Abstand die größte Fläche aller Bundesländer hat, drehen sich hier nur 1.172 Windräder. Im kleinen Schleswig-Holstein sind es dagegen mehr als doppelt so viele: 3.673 Stück. Der bündnisgrüne Landtagsabgeordnete und Energieexperte Martin Stümpfig urteilt: „Die Klimapolitik der Söder-Regierung ist auf einem absoluten Tiefstand angekommen“.

Leider erfahren wir das alles nicht auf den Seiten „für Menschen, die nach Lösungen suchen“. Dort bleibt mitten im Wahlkampf der Eindruck zurück, Bayern sei spitze. Und das ist alles andere als „green“!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER