Archiv des Schlagwortes ‘AfD’

Freunde des Fake-News-Standorts Deutschland

Mittwoch, den 6. Dezember 2017

Happy Nikolaus!

Auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages fanden heute Morgen eine Überraschung – zwar nicht im Stiefel, sondern in ihrem Postfach. Zahlreiche Parlamentarier, etwa von Linkspartei, Bündnisgrünen und SPD, bekamen Karten wie diese zugesandt: einen angeblichen Faktencheck in Sachen Energiewende.

Doch die Karte enthält weder Fakten noch einen Check. Sondern mehr oder weniger geschickte Tricksereien.

Das fängt schon bei den „Behauptungen“ an, die knallig rot unterlegt widergegeben sind. „Solar- und Windstrom kann Strom aus Kohlekraftwerken 1:1 ersetzen“, steht da zum Beispiel. Aber hat das überhaupt irgendwann mal irgendjemand gesagt?? Uns fällt niemand ein, Google ebenso wenig. Diese „Behauptung“ ist also ein klassischer Pappkamerad: Zusammengezimmert und aufgestellt, damit man ihn einfach umschießen kann.

Links daneben wird eine weitere „Behauptung“ abgedruckt: „Das Abschalten von Kohlekraftwerken kann die Versorgungssicherheit im deutschen Stromnetz steigern“ – dies immerhin hat tatsächlich jemand gesagt. Nämlich Experten von Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur in einem Papier, das Mitte November während der Jamaika-Koalitionsverhandlungen bekannt wurde. Mehrere Medien berichteten darüber, zum Beispiel Spiegel Online, tagesschau.de oder auch die hochseriöse dpa. Hier ist es der „Fakt“, den die Absender der Nikolausüberraschung Postkarte formuiert haben, der bei näherer Betrachtung zerbröselt: Die beiden Behörden hätten sich von dem Papier distanziert, steht da, weil es „im Haus und mit der Hausleitung nicht abgestimmt“ gewesen sei. Okay, die interne Abstimmung fehlte wohl tatsächlich, wie sich den zitierten Medienberichten entnehmen lässt. Aber der Inhalt der Aussage stimmt: Die derzeitigen Braunkohlekapazitäten destabilisieren das Stromnetz, weil die Kraftwerksbetreiber sie fast ungeregelt weiterlaufen lassen, auch wenn Wind- und Solarstrom reichlich zur Verfügung stehen. Bei Spiegel Online ist jedenfalls zu lesen:

Zwei von zwei Faktenchecks auf der Postkarte entpuppen sich also als falsch. Sehr gern hätten wir die Urheber gefragt, woher sie denn ihre „Fakten“ haben. Weshalb wir einen Absender, einen Kontakt, ein Impressum auf der anscheinend in größerer Auflage gedruckten Postkarte suchen. Aber der ist auf der Rückseite ebenso zu finden wie auf der Vorderseite, die so aussieht:

„Es werden immer wieder Behauptungen aufgestellt, mit denen die Realität zurechtgebogen werden soll, um die Braunkohle besser abwickeln zu können“, heißt es da. Dem können wir rundum zustimmen – die Postkarte selbst belegt es ja (unfreiwillig).

Aber ein Absender?

In winziger, grauer Schrift kann man – sofern nicht vom Frankierstempel der Deutschen Post überschrieben – hochkant neben dem Adressfeld lesen: Freunde des Industriestandortes Deutschland. Oha, da wird ja ein ganz großes Rad gedreht! Nicht ein paar Braunkohlekraftwerke werden hier verteidigt, sondern die gesamte deutsche Industrie. Leider lassen sich diese „Freunde des Industriestandortes Deutschland“ weder im Telefonbuch noch im Internet finden – keine Kontaktmöglichkeit, nichts. Eine anonyme PR-Kampagne also. Wer könnte dahinterstecken? Uns fallen als mögliche Braunkohle-Lobbyisten beispielsweise die Bergbaugewerkschaft IG BCE, der Branchenverband DEBRIV oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ein – aber die haben bei ihren Aktionen bisher eher nicht ihre Urheberschaft verschwiegen.

Auffällig ist, dass auf anderen Motiven der Postkartenserie gezielt Parteien und Politikerinnen angegriffen werden – und zwar von CDU, SPD wie Bündnisgrünen gleichermaßen:

Die ganze Aktion wirkt daher wie eine gezielte politische Kampagne. Die Grobschlächtigkeit der „Argumente“ ebenso wie die Verschleierung der Absenderschaft erinnert uns an eine Aktion der rechtspopulistischen SVP aus der Schweiz.

Noch ein Indiz deutet in diese Richtung – nämlich der arg nach Verschwörungsmythos klingende Slogan auf der Vorderseite der Karte:

Jawoll, der Ausstieg aus der Braunkohle ist der erste Schritt in die Diktatur! Genau so kennen wir die Demagogie von AfD und anderen Rechtspopulisten: Jeder Moslem in Deutschland bringe uns dem Untergang des Abendlandes näher, jedes schwule Ehepaar sei ein weiterer Schritt in den Volkstod.

„Diese Postkarten sind genau, was auf ihnen steht: 100 Prozent Fake News“, kommentiert Caren Lay, eine der Vize-Vorsitzenden der Links-Fraktion im Bundestag. „Solche absurde Argumentation kenn ich bisher nur von der AfD. Ich frag mich, wer sonst hinter den ‚Freunden des Industriestandortes Deutschland‘ stecken sollte?“

Annalena Baerbock, die auf einer der Postkarten angegriffene Klimapolitikerin der Bündnisgrünen, sagt: „Hier versucht jemand klar, mit schmutzigen Tricks Stimmung gegen den Kohleausstieg zu machen. Wer hinter solch zwielichtigen Anti-Klima-Kampagnen steckt, muss dringend aufgeklärt werden.“

Sehr gern hätten wir bei der AfD nachgefragt, ob sie hinter den Postkarten steckt. Doch leider war dort am Nachmittag des Nikolaustages niemand mehr zu erreichen.

Danke an Bernd B. und Christian B. aus Berlin für den Hinweis!

P.S.: Es sind ausschließlich unsere Leserinnen und Leser, die seit Oktober 2011 die Arbeit des Klima-Lügendetektors ermöglichen. Wenn Sie wollen, das unser Team weiter dranbleibt an Halbwahrheiten und Lügen rund um den Klimawandel in Politik, Wirtschaft und Medien, dann unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.

P.P.S.: Interessieren würde uns natürlich auch, ob Bundestagsabgeordnete der Union, der FDP oder der AfD vom Nikolaus mit einer solchen Postkarte bewichtelt wurden. Vielleicht auch mit einem kurzen Statement, was Sie von der Aktion halten?


AfD-Fraktion NRW: Der Brandolini-Gesetzentwurf

Montag, den 27. November 2017

Die Alternative für Deutschland (AfD) war in den vergangenen Monaten auf dem Klima-Lügendetektor bereits häufiger Thema. Nun erreichte uns ein Gesetzentwurf der AfD-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Mit Drucksache 17/1128 möchte sie die Abschaffung des nordrhein-westfälischen Klimaschutzgesetzes erreichen, das Anfang 2013 von der damaligen rot-grünen Landesregierung beschlossen wurde.

Auch die neue schwarz-gelbe Regierung in Nordrhein-Westfalen ist alles andere als ein Fan des Gesetzes. In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU und FDP angekündigt, es erheblich einzuschränken. Die AfD will das Gesetz hingegen komplett abschaffen und begründet dies in ihrem Entwurf damit, dass auf Landesebene kein Bedarf für ein Klimaschutzgesetz bestehe – schließlich täten Bund und EU bereits genug. Zudem schwäche das Landesgesetz den Industriestandort Nordrhein-Westfalen und habe allein in der Verwaltung schon mehr als drei Millionen Euro gekostet.

Die Begründung ihrer politischen Forderung kann man richtig oder falsch finden (wir tun Letzteres). Aber dem Klima-Lügendetektor geht es nicht um politische Debatten. Uns interessieren Lügen und Falschaussagen, Desinformationen und Tatsachenverdrehungen, mit denen die AfD ihre Politik begründet – und davon gibt es im Abschnitt A des Gesetzentwurfes so viele, dass wir sie kaum zählen können. Denn die AfD bringt nicht nur finanzielle oder bürokratische Gründe gegen das Gesetz vor, sondern ganz grundsätzliche, nämlich wissenschaftliche anti-wissenschaftliche.

Gesetzentwürfe sind üblicherweise in mehrere Abschnitte gegliedert: Unter A. wird zunächst das Problem bzw. die Ausgangslage dargestellt, unter B. eine politische Lösung skizziert, unter C. werden mögliche Alternativen dazu aufgezeigt sowie unter D. die resultierenden Kosten betrachtet. Die AfD-Fraktion hat im Abschnitt A einen – wie soll man sagen? – zweieinhalb Seiten langen Parforceritt durch ihr Nichtverständnis klimawissenschaftlicher Basis-Erkenntnisse hingelegt.

Der Text beginnt mit einem sehr kategorischen Statement:

Totaler Quatsch! Natürlich gibt beziehungsweise gab es „einen natürlichen Zustand“ der Erde. Vermutlich wollte die AfD hier eigentlich ausdrücken, dass die Natur nichts Statisches ist, dass sie sich ändert und wandelt – dass es also nicht den einen einzigen natürlichen Zustand der Erde gibt. Und das ist natürlich eine Binsenweisheit. Im AfD-Gesetzentwurf folgen weitere: „Im Laufe der gesamten Erdgeschichte traten Kaltzeiten immer wieder auf.“ Oder: „Das Klima der Erde hat sich immer schon gewandelt.“

Wer in der Politik (oder generell in der Rhetorik) auf solch banal klingende Allgemeinaussagen stößt, der sollte grundsätzlich hellhörig werden. In der Regel wird aus diesen Binsenweisheiten nämlich eine Schlussfolgerung gezogen, häufig eine falsche – die man jedoch durch das Voranstellen der Binsenweisheit zu tarnen sucht. So ist es auch hier bei der AfD: Aus der Banalität, dass Natur sich stets verändert und das Erdklima sich immer schon gewandelt hat, versucht sie abzuleiten, dass alle Naturveränderung und aller Klimawandel natürlich seien. Dies ist ein so uraltes „Argument“ der Klima-Leugnisten-Szene, dass es zum Beispiel schon hier und hier und hier und hier und hier ausgiebig widerlegt wurde. Und es widerspricht  auch blanker Logik: Nur weil ein Ereignis natürlich sein kann, muss es nicht immer natürlich sein! Es gibt zum Beispiel natürliche Waldbrände. Aber daraus kann man schlicht nicht folgern, dass jeder Waldbrand natürlichen Ursprungs ist…

Schauen wir auf eine weitere Passage:

Da steht wieder eine Binse: Die Pole waren nicht immer vereist. Dann noch eine: Kaltzeiten in der Erdgeschichte führten zu dramatischen Massensterben. Ja, und? Suggeriert wird hier (und später im Text dann explizit gesagt), dass Warmphasen ganz normal seien und sogar echt prima für Natur und Mensch. Deshalb sei – so diesmal die Schlussfolgerung – auch die gegenwärtige Erderhitzung nichts Schlimmes. Aber das ist natürlich wieder Quatsch oder – wie man im Rheinland sagt – Kappes. Erstens nämlich folgt die vermeintliche Schlussfolgerung wieder der erwähnten AfD-Un-Logik: Weil einige Warmphasen in der Erdgeschichte ganz normal waren, muss nicht auch die gegenwärtige ganz normal sein! Zweitens kam es in der Erdgeschichte nicht nur bei Eiskälte, sondern auch in Phasen starker Erwärmung zu massenhaftem Artensterben, siehe zum Beispiel das Paläozän-Eozän-Temperaturmaximum vor rund 55 Millionen Jahren. Und drittens: Klar waren die Pole nicht immer vereist – nur standen die Meeresspiegel in Zeitenen eisfreier Pole viele Meter höher. Der Erde ist so was egal – nur haben blöderweise inzwischen Hunderte Millionen von Menschen ihre Städte an der gegenwärtigen Küstenlinie errichtet…

Neben diesem „System mit der Binse“ finden sich im AfD-Gesetzentwurf weitere klassische Desinformations-Strategien, zum Beispiel das Weglassen wichtiger Informationen. Da wird etwa behauptet,

Klar, gibt es Belege für diesen sogenannten „CO2-Düngeeffekt“. Doch genauso substanziell sind die Belege dafür, dass die negativen Folgen des Klimawandels diesen Effekt mehr als übersteigen – unterm Strich also der Klimawandel ein Riesenproblem ist für Pflanzen und Umwelt. Mehr dazu hier oder hier oder hier.

Und natürlich gibt es in diesem AfD-Text echte Falschaussagen. So behauptet die Fraktion, „Ergebnisse unabhängiger Wissenschaftler“ zum Klimawandel würden „weitestgehend totgeschwiegen“ – und verweist dazu auf die sogenannte „Oregon-Petition“. Doch die enthält gar keine Forschungsergebnisse „unabhängiger Wissenschaftler“, sondern ist eine fast 20 Jahre alte Unterschriftensammlung, die vor allem Laien und Fachfremde signiert haben. Und gern behauptet wird von den Klima-Leugnisten auch:

Keine Ahnung, welche „letzte Kaltzeit“ die AfD meint (wir sind für jeden ernst zu nehmenden Hinweis dankbar). Unter Wissenschaftlern ist nämlich vom Gegenteil die Rede: Die Erde befindet sich gerade in einer Zwischeneiszeit, also in einer Warmphase des aktuellen Eiszeitalters. Aufgrund der langfristigen Schwankungen in der Erdumlaufbahn um die Sonne, müsste die Erde gegenwärtig eigentlich auf dem Weg in eine neue Eiszeit hinein sein. Doch der Aufheiz-Effekt der menschengemachten Treibhausgase überlagert diese natürliche Abkühlungstendenz und dürfte dafür sorgen, dass die nächste Eiszeit um Zehntausende von Jahren nach hinten verschoben oder ganz ausfallen wird.

Sowieso ist es ziemlich absurd, die natürlichen Eiszeit-Zyklen heranzuziehen, um dadurch die gegenwärtige Erderhitzung zu relativieren. Die natürlichen Erdbahnzyklen spielen sich in Zeiträumen von Zehn- oder Hunderttausenden von Jahren ab, der Mensch aber verursacht gerade drastische Temperaturanstiege innerhalb von Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Andere Relativierungsversuche, die der  AfD-Text versucht, sind ähnlich unsinnig: Er verweist – wie es Leugnisten des Klimawandels gern tun – auf Klimaveränderungen in der jüngeren Menschheitsgeschichte wie die sogenannte „Mittelalterliche Warmzeit“ oder das angeblich einst ach so grüne Grönland.

So geht es weiter und weiter – insgesamt zweieinhalb Seiten mit, man kann es nicht anders sagen, Bullshit. Der AfD-Text ist nicht überall komplett falsch – weshalb man nicht einfach kurz und bündig sagen kann, dass das Gegenteil korrekt ist. Sondern es ist eben das System mit der Binse plus Weglassungen plus Halbwahrheiten plus Lügen und so weiter. Das Problem: Solcher Unsinn kann kurz und knackig daherkommen – ihn auch nur ansatzweise zurechtzurücken braucht (wie Sie an diesem Text merken) erheblich mehr Zeit und Platz. Doch so lange liest oder hört kaum jemand zu – und falls doch, dann bleibt allzu oft nur der Eindruck hängen, hm, da streiten sich halt zwei Seiten, keine Ahnung, wer recht hat…

Klimawandel-Leugnisten sind deshalb kommunikativ im Vorteil. Die NRW-AfD profitiert hier (wie so viele Verbreiter von Desinformation) vom sogenannten Brandolini-Gesetz:

Zu Deutsch in etwa: „Das Widerlegen von Schwachsinn braucht ein Vielfaches der Energie, die zu dessen Produktion nötig ist.“ Die Drucksache 17/1128 des Landtages von Nordrhein-Westfalen ist also das Musterbeispiel eines Brandolini-Gesetzentwurfs.

Vielen Dank an Wibke B. aus Gütersloh für den Hinweis


Alexander Gauland (AfD): Oldies gegen’s Klima

Freitag, den 22. September 2017

Noch ist Wahlkampf, deshalb – sehen Sie es uns bitte nach – hier schon wieder ein politisches Thema: Im ZDF lief gestern Abend die „Schlussrunde“, die wohl letzte TV-Debatte von Spitzenpolitikerinnen und -politikern vor dem Sonntag. Und, oh Wunder, zehn Minuten vor Schluss dieser Schlussrunde sprachen die Moderatorinnen ENDLICH mal das Zukunftsthema Klimawandel an (ab 1:19:40 in diesem Video):

Doch das Wort erhielt dann ausgerechnet Alexander Gauland (AfD). Einer seiner Parteigenossen, der Berliner Landeschef Georg Pazderski, war im vorhergegangenen Einspielfilm mit der Behauptung aufgetreten, es sei ja gar nicht nachweisbar, dass der gegenwärtige Klimawandel menschengemacht ist.

Weder diese These noch jene, die Gauland im Folgenden vorbrachte, waren irgendwie originell. Die beiden älteren Herren schnurrten einige der ältesten Oldies der Klimaleugnisten-Szene herunter – weshalb wir hier gar nicht viel Arbeit haben, sondern einfach auf einige der dutzendfachen Widerlegungen verlinken können:

Nein, liebe Herren, es ist belegt, dass der Mensch hauptverantwortlich für den gegenwärtigen Klimawandel. Nur mit dem Effekt seiner Treibhausgas-Emissionen lässt sich die längst zu beobachtende Erderhitzung schlüssig erklären.

Und nein, Herr Gauland, dass sich das Erdklima schon immer wandelte, sagt nichts über die Ursache der gegenwärtigen Erderhitzung. Eine kleine Analogie: Wenn Sie vor einem umgesägten Baum stehen, sagen Sie dann auch, das könne kein Mensch gewesen sein, denn schon immer seien doch bei Stürmen Bäume umgefallen?

Witzigerweise bekam es Gauland aber nicht einmal hin, die alten Schallplatten der Klima-Leugnisten korrekt aufzulegen, sondern machte aus zwei weiteren Oldies ein krudes Medley: „Deutschland ist für zwei Prozent des CO2-Ausstoßes in der Welt verantwortlich“, so Gauland, „für zwei Prozent! Und von diesen zwei Prozent sind 95 Prozent nicht menschengemacht …“ Herrje, beide Zahlen für sich genommen sind ja nicht mal ganz verkehrt: In der Tat verantwortet die Bundesrepublik direkt gut zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, und in der Tat ist der menschengemachte CO2-Ausstoß relativ gering im Vergleich zu natürlichen Emissionen, etwa Ausgasungen aus Böden und Weltmeeren. Aber zusammengerührt sind beide Zahlen wirklicher Quatsch. Herr Gauland muss wohl mal seine Plattensammlung sortieren.

Was er mit den beiden (unter Leugnisten beliebten) Zahlen suggerieren wollte, ist ebenso falsch: Auch mit relativ geringen Mengen CO2 bringt der Mensch den natürlichen Kohlenstoffkreislauf aus dem Gleichgewicht und sorgt so für den gefährlichen Temperaturanstieg auf der Erde. Und obwohl die deutschen Emissionen nur einen Bruchteil der weltweiten ausmachen, ist es natürlich sehr wichtig, was hierzulande passiert. Politisch und diplomatisch betrachtet: Wenn Deutschland seine Emissionen nicht senkt, werden andere – auch ärmere – Länder es erst recht nicht tun. Und ökonomisch betrachtet: Die milliardenschweren Investitionen in erneuerbare Energien (egal ob sie ausreichen, das deutsche Klimaziel zu erreichen, oder nicht) haben einen weltweiten Effekt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Solarpaneele und Windräder heute so billig sind und neue Kohle- oder Atomkraftwerke preislich locker unterbieten. Nicht irgendein Öko-Träumer, sondern die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg schrieb deshalb völlig zutreffend schon vor Jahren:

Aber klar, der Welt (oder dem Weltklima) etwas Gutes zu tun ist einem National-Populisten wie Alexander Gauland vollkommen schnuppe.

Danke an Katrin R. aus Berlin für den Hinweis


Sommer-Rückblick: Welt am Sonntag, AfD, BBC – und der großartige Postillon

Sonntag, den 27. August 2017

Auch wenn das Klima, äh, Wetter gar nicht danach war – es waren Sommerferien in den vergangenen Wochen. Doch nun sind wir zurück am Schreibtisch und räumen das Postfach auf. Denn die Klima-Lügner und -Leugner, die Fakten-Verdreher und -Weglasser waren natürlich auch im Sommerloch aktiv. Doch zum Glück sind nicht alle Journalisten- und Blogger-Kolleginnen und -Kollegen im Urlaub gewesen.

1. Die meisten Leserhinweise bekamen wir zu einem Artikel in der Welt am Sonntag (WamS) vom 25. Juli.

Auf drei vollen Seiten hat Welt-Redakteur Daniel Wetzel da im Das-muss-man-doch-endlich-mal-sagen!-Gestus versucht, mit der Energiewende abzurechnen. Ergänzt wurde das Stück durch einen Beitrag des notorischen Klimawandel-Leugnisten Fritz Vahrenholt über Windräder als Vogeltötungsmaschinen.

Das Bemerkenswerteste an Wetzels Artikel war, dass er im Gewande der indirekten Rede einem der ältesten Mythen der Leugnisten-Szene Raum einräumte: Dass die Menge des menschengemachten Kohlendioxids doch viel zu klein sei, um wirklich das Klima zu beeinflussen. Wir brauchen hierzu kein einziges Wort zu verlieren, weil der Ozeanologe und Klimaforscher Stefan Rahmstorf auf seinem Blog „KlimaLounge“ alles Nötige gesagt hat. (Einige Aussagen Wetzels zur Energiewende kontert Wolf von Fabeck auf der Website des Solarenergie-Fördervereins. Nachtrag vom 7.9.: Auf unserer Partnerseite klimaretter.info ist heute ein weiterer Text zum WamS-Artikel erschienen.)

2. In der ARD-Talksendung Anne Will hat sich die Bundestags-Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, am 20. August als oberste Anwältin aller Verbrennungsmotorautofahrer präsentiert und eine „Dieselgarantie“ bis 2050 gefordert. Auf Nachfragen konnte sie zwar nicht genau sagen, was diese „Garantie“ genau sein soll – aber mit einem Beispiel für vermeintlichen staatlichen Regulierungsirrsinn brachte sie dann SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Verlegenheit: Warum denn in Büros viel mehr Stickoxid in der Luft erlaubt sei als draußen auf der Straße, fragte sie mit anklagender Stimme.

Doch die zugrundeliegende Behauptung war erstens falsch und zweitens irreführend, wie Kristin Becker ausführlich im Faktenfinder von tagesschau.de erklärt. (Welt-Redakteur Daniel Wetzel hingegen griff den vermeintlichen Skandal ziemlich wohlwollend auf, und komischerweise ließ er auch in diesem Text Fritz Vahrenholt als Experten zu Wort kommen.) Das Umweltbundesamt hatte übrigens bereits knapp drei Wochen vorher eine detaillierte wissenschaftlich-gesundheitspolitische Begründung für die unterschiedlichen Grenzwerte auf seiner Website veröffentlicht. Doch die hatten weder Oppermann noch Anne Will noch ihr Redaktionsteam vor der Sendung gelesen …

3. Ein kurzer Blick ins Ausland, nach Großbritannien. Am 10. August hatte das viel gehörte Morgenprogramm Today von BBC 4 ausgerechnet den bekannten Klima-Leugnisten Lord Nigel Lawson als Interviewpartner eingeladen, um über den neuen Film von Al Gore zu sprechen. Lawson ist ein ehemaliger Energie- und Finanzminister der Konservativen und Mitgründer der Global Warming Policy Foundation (GWPF) in London, einem rechten, klimawissenschaftsfeindlichen Think-Tank (der seit einigen Jahren auch von – huch, schon wieder dieser Name – Fritz Vahrenholt unterstützt wird).

In dem Interview verbreitete Lawson – natürlich – zahlreiche Unwahrheiten, denen (wie es in Live-Interviews so oft vorkommt, siehe zum Beispiel Anne Will) vom Moderator nicht widersprochen wurde. Etliche Klimawissenschaftler protestierten gegen den Auftrittt, das Portal Carbon Brief veröffentlichte noch am selben Tag einen für Lawson verheerenden Faktencheck. Auch die BBC, die schon mehrfach durch ähnliche Fehlleistungen auffiel, berichtete schließlich über die Kritik. Und die GWPF zog drei Tage später zumindest eine Lawson-Lüge öffentlich zurück.

4. So, zum Schluss noch etwas Heiteres. Die Satire-Website Der Postillon enthüllt, wie die Betreiber von Kohlekraftwerken ihre Dreck- und Klimagas-Schleudern sauber bekommen: Mit einem Software-Update, das ihnen die Kollegen aus der Autoindustrie freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

„Seitdem sind wir fast so sauber wie ein Windkraftwerk“, zitiert der Postillon einen Kohlekraftwerks-Betriebsleiter namens Hartmut Bansen. „Allein unser Ausstoß an schädlichen Stickstoffoxiden ist von 19.300 Tonnen im Jahr auf 0,8 Milligramm pro Kilometer gesunken. Und weil sich unser Kraftwerk praktisch nie fortbewegt, geht die tatsächliche Verschmutzung gegen Null.“

Großartig!


Die AfD: Alternative Fakten verbreiten

Sonntag, den 29. Januar 2017

Der ehemalige US-Senator Daniel Patrick Moynihan sagte einmal: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Aber keiner hat das Recht auf eigene Fakten.“

Gut gesprochen, Herr Senator! Leider stimmt das aber nicht mehr: 14 Jahre nach seinem Tod – Daniel Patrick Moynihan wurde 2003 in New York beerdigt – wurde die Lüge ganz offiziell in den Zeugenstand der politischen Auseinandersetzung gerufen, wenn auch nicht als Lüge, sondern als „alternative facts“.

Insofern sind wir vom Klima-Lügendetektor uns nicht mehr ganz über unsere Rolle im Klaren. Sind wir jetzt die „Alternative-Klimafakten-Lieferanten“?

Zum Beispiel mit der Zuschrift von Christine S. aus Rostock: Die hat uns auf die Rede des vorpommerschen AfD-Abgeordneten Ralf Borschke aufmerksam gemacht, die Borschke am vergangenen Mittwoch im Schweriner Landtag gehalten hat. Darin sagte der Landtagsabgeordnete aus Stralsund:

Ist absolut richtig. Wenn man an der richtigen Stelle das kleine Wörtchen nicht einfügt: „In Wirklichkeit gibt es keine einzige wissenschaftliche und begutachtete Studie, die nicht den Nachweis erbracht hat, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und Zunahme anthropogener CO2‐Emissionen gibt.“

Das es diesen signifikanten Zusammenhang gibt, können wir – O-Ton Professor Anders Levermann – „ungefähr so klar sagen, wie wir sagen können, dass wir von der Gravitation auf der Erde gehalten werden“. Formuliert hat das der Experte vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung am vergangenen Donnerstag im Deutschlandfunk. Schade eigentlich, dass Ralf Borschke keinen Deutschlandfunk hört. Und schade, dass die Gravitation auf der Erde auch für Leute wie Ralf Borschke gilt.

Oder hier, Borschke zum grünen Grönland:

Wirklich, ein gutes Beispiel! Der berüchtigte Meuchelmörder Erik der Rote (für die Faktenliebhaber: Er hatte einen roten Bart) benutzte schon vor 1.000 Jahren alternative Fakten. Grönland war nur an der Südspitze ein bisschen grün und das auch nur ganz kurz im Sommer. Erik war wegen fortgesetzer Verbrechen mit seiner Familie erst bei den Wikingern rausgeflogen, dann bei den Isländern. Ihm blieb deshalb nur die unwirtliche Insel nordwestlich, die er – um Wikinger und Isländer zu ärgern – Grönland, also „Grünland“ nannte.

Ein PR-Gag, der andere Siedler anlocken sollte. Tatsächlich war der Eispanzer auf Grönland aber damals schon ungefähr zwei Kilometer mächtig – in die Höhe.

Nochmal Ralf Borschke im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern:

Genau, genau! Postfaktisch halt. Hat dieser Weltklimarat IPCC doch einfach so berechnet, wie sich bestimmte Entwicklungen auf unser Leben im Jahr 2100 auswirken werden – ohne das durch reale Messungen zu bestätigen! Die haben noch nicht mal Satellitenmessdaten aus dem Jahr 2065! Geschweige denn aus dem Jahr 2033! Und wollen uns erklären, dass die Erderwärmung unser aller Leben verändert. Aber warum denn nur?

Na ja, auch da kennt der AfD-Abgeordneten Ralf Borschke postfaktisch alternative Fakten, also die Wahrheit und nichts als die Wahrheit:

Vielen Dank an Christine S. aus Rostock für den Hinweis!

PS: Einige Zuschriften zu diesem Post wollen wir Ihnen nicht vorenthalten!

Jochen L. aus Wuppertal schreibt uns, dass „die Aussage des Landtagsabgeordneten Ralf Borschke richtig ist. Der Zusammenhang geht in der Tat nicht über ’steigende THG-Emissionen‘, sondern über ’steigende THG-Konzentrationen‘. Eine Studie, die einen Zusammenhang via ’steigende THG-Emissionen‘ behauptet, wäre grottenfalsch – deshalb gibt es sie in der Tat nicht.“

Georg K. aus dem österreichischen Pöllau schreibt, dass die FPÖ bei der Leugnung des Klimawandels genau so drauf ist wie die AfD.

Craig M. aus Potsdam sandte uns einen Link, nach dem das grüne Stückchen, das Erik der Rote seinerzeit auf Grönland fand, größer als von uns beschrieben war.

Die Zuschriften, die mit Pöbeleien und Beschimpfungen reagieren, veröffentlichen wir aber nicht!


F. Petry (AfD): Wissenschaftlich disqualifiziert

Donnerstag, den 6. Oktober 2016

Auf Youtube gibt es einen Kanal namens „Jung & Naiv“, der Untertitel lautet „Politik für Desinteressierte“. Gemacht wird sie von dem 30-jährigen Tilo Jung, 2014 bekam er für das Format den renommierten Grimme Online Award. Regelmäßig interviewt Jung Politikerinnen und Politiker; und Teil des Konzepts ist, dass es da auch gehörig menschelt. Kürzlich saß Tilo Jung mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry beisammen und fragte zum Beispiel, warum sie Chemie studiert habe und nicht Kirchenmusik. Antwort: „Orgelspielen geht als Hobby. Chemie als Hobby, das geht nicht.“

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Das 72-minütige Interview handelt aber natürlich auch von Politik. So erzählt die Chefin der Rechtspopulisten, dass sie früher CDU gewählt habe. Und Gerhard Schröder (SPD). Aber auch mal FDP. Einmal sei sie gar nicht zur Wahl gegangen. Wem sie aber niemals ihre Stimme gegeben habe, seien die Grünen: „Als Chemiker geht man mit den Fragen von Umweltschutz sehr viel differenzierter um als die Grünen. Überspitzt gesagt habe ich den Eindruck, dass sich die Grünen eine menschenfreie Umwelt wünschen, die es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland nicht geben kann.“ Industrieland, Wirtschaftskraft und so.

Ab Minute 19:30 wird es besonders interessant. „Ich bin als Wissenschaftler der Meinung, man sollte nicht schwarz oder weiß denken. Das ist eine Kritik, die ich an den Grünen habe“, hebt Petry an. Und dann fügt sie an – gefragt war nach Natur- und Klimaschutz: „Die aktuell vorherrschende These ist, dass der menschgemachte Klimawandel existiert, dass es den Klimawandel gibt, da bin ich dabei, weil es den zu allen Zeiten gegeben hat. Allein: Ich halte die Hypothese, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, nicht für bewiesen. Selbst wenn man Bücher von den sogenannten Klimaschützern liest …, dann sind sie bei einer Frage eben auch nicht entschieden, nämlich der Frage, ob zuerst die Erwärmung da war oder erst der CO₂-Anstieg. Das ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei.“

Ei, ei, ei.

So viele halbseidene Behauptungen in einer Antwort. Klar, es hat zu allen Zeiten Klimawandel gegeben, und diese historischen Klimawandel hatten natürliche Ursachen. Aber als Wissenschaftlerin (mit einer Promotionsnote summa cum laude) sollte Frau Petry logisch zu denken gelernt haben. Als Nachhilfe eine kleine Analogie: Wenn es früher Waldbrände gab, die natürlich ausgebrochen sind – kann man daraus ableiten, dass ein heutiger Waldbrand auch natürlich verursacht wurde?

Oder die Sache mit dem Kohlendioxid und der Erwärmungswirkung, die von Leugnern des Klimawandels immer wieder aufgebracht wird: In der Tat gab es bei historischen Klimawandeln das Phänomen, dass durch eine Erderwärmung in der Natur vermehrt CO₂ freigesetzt wurde. Damals waren die Emissionen also in der Tat Folge des Klimawandels. Aber auch damals verstärkte das dann frei gewordene Kohlendioxid die Erwärmung weiter. Diese Treibhauswirkung von CO₂ in der Atmosphäre ist seit vielen Jahrzehnten und durch haufenweise Experimente belegt. Ebenso viele Belege gibt es dafür, dass menschengemachtes Kohlendioxid ursächlich für den aktuellen Klimawandel ist. Die Fachwissenschaft ist sich praktisch einig darüber.

Das weiß natürlich auch Interviewer Tilo Jung, weshalb er nachhakt: „Du bist doch ’ne Wissenschaftlerin! [Jung duzt Petry] 97 Prozent der Wissenschaftler sagen doch: Der Klimawandel ist besonders durch den Menschen verschärft!?“

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Petry antwortet: „Ja, das stimmt, das ist eine große Mehrheit, die das sagt. Wenn man aber weiß, wie Grundlagenforschung funktioniert, wie sich Förderprogramme finanzieren und wie es in der Wissenschaft leider keine politische Unabhängigkeit gibt, wenn wir wissen, dass der sogenannte Klimarat IPCC eine politische Einrichtung ist, die zugibt, dass all seine Prognosen auf Hypothesen basieren …, dann bleiben da verdammt viele Fragen offen.“

Auch diese Antwort ist ein Sammelsurium von Behauptungen der Leugnerszene, die sooooo einen Bart haben.

Klar, der Weltklimarat ist eine von Politikern (bei den Vereinten Nationen) gegründete Einrichtung – aber die Wissenschaftler, die im IPCC (ehrenamtlich übrigens) die vieltausendseitigen, akribischen Berichte verfassen, arbeiten nicht politisch. Natürlich, die Klimaforschung arbeitet mit Hypothesen. Aber in der Wissenschaft ist eine Hypothese, anders als im allgemeinen Sprachgebrauch, nicht irgendeine fixe Idee oder ein Hirngespinst, sondern eine Phänomenerklärung, die durch Prüfung und Beobachtung bestätigt wird. Auch das weiß die Chemikerin Frauke Petry garantiert – aber sie ist eben auch Populistin und weiß, wie Worte in politischen Reden wirken.

Fakt ist, dass der weltweit gemessene Temperaturanstieg nicht mit natürlichen Schwankungen des Klimasystems erklärbar ist. Der von Petry erwähnte IPCC urteilte 2014 in seinem letzten Sachstandsbericht (Abschnitt D3):

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Die Formulierung „äußerst wahrscheinlich“ bedeutet beim IPCC irgendetwas zwischen 95- und 100-prozentiger Sicherheit. In der Forschung ist das eine extrem starke Aussage. Aber okay, dem Weltklimarat will Frauke Petry ja nicht trauen.

Wie wäre es mit Wissenschaftskollegen jenseits des IPCC? Auf der Website der kalifornischen Regierung wird eine Liste weltweiter Forschungsvereinigungen geführt, die den Konsens teilen, dass der Mensch Hauptursache des gegenwärtigen Klimawandels ist. Die Liste hat momentan 197 Einträge – von A wie „Academia Chilena de Ciencias“ aus Chile über G wie „German Academy of Natural Scientists Leopoldina“ aus Deutschland und R wie „Russian Academy of Sciences“ in Russland bis Z wie „Zimbabwe Academy of Sciences“ aus Simbabwe. Sind das auch alles „politische Einrichtungen“?

Wie wäre es mit Fachkollegen, Frau Petry? Es war der schwedische Chemiker Svante Arrhenius, der nach jahrelangen Berechnungen schon 1896 vorhersagte, dass große zusätzliche Kohlendioxid-Emissionen (zusätzlich zu den natürlichen) die Temperaturen auf der Erde ansteigen lassen werden. Oder vielleicht sollte Frauke Petry einfach nur mal beim Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz anrufen. Dort gibt es einen ganzen Fachbereich „Klimageochemie“, der sich mit den Wirkungen von Chemikalien im Klimasystem der Erde befasst. Vor ein paar Monaten erst ist eine große internationale Studie erschienen, an der die Mainzer Kollegen mitgewirkt haben und die im Detail den Beitrag des Menschen zum Klimawandel darstellt.

Die Grimme-Preis-Jury lobte in ihrer Laudatio den Journalisten Tilo Jung dafür, dass er seinen Interviewpartnern „teils entlarvende Antworten“ entlocke. In der Tat hat sich Frauke Petry mit ihren Aussagen zum Klimawandel entlarvt: Einer Wissenschaftlerin, die ernsthaft an Erkenntnis interessiert ist, sind sie unwürdig. So betrachtet, hätte ein Orgelmusik-Studium wohl besser zu ihr gepasst.

Für eine Politikerin aber ergeben die Aussagen durchaus Sinn: Wenn man Chefin einer Partei ist, die sich als Tabubrecherin und Gegenpol zu einer Mehrheit inszeniert, dann ist es sehr passend, sich auch gegen die übergroße Mehrheit der Wissenschaft zu stellen. Und wenn man staatliche Interventionen in die Wirtschaft ablehnt, deren Notwendigkeit aber nahezu zwingend aus den Erkenntnissen der Klimaforschung folgt – tja, dann ist es halt eine bewährte Strategie, Zweifel an der Forschung zu säen. Auch wenn man es als Wissenschaftlerin besser wissen könnte.

Vielen Dank an Bernd R. aus Merseburg für den Hinweis!


AfD: Läddagschwäddz für Deutschland

Donnerstag, den 25. Februar 2016

Sie selbst nennt sich ja „Alternative für Deutschland“. Zurzeit ist die Partei auch mit populistischen Attacken auf die Energiewende auf Wählerfang. Im Wahlprogramm der baden-württembergischen AfD heißt es auf Seite 47:

AFDGanz Deutschland zittere unter der „Angst vor Treibhausgasen und der Kernenergie“, die zur „einseitigen Bevorzugung der sogenannten Erneuerbaren Energien“ führen würde. Wen „die Politik“ meint, ob nur die deutsche Regierung oder die gesamte deutsche Parteienlandschaft – oder gar die 195 Staaten, die im Dezember 2015 einen Weltklimavertrag in Paris unterzeichneten – bleibt im „Alternative für Deutschland“-Programm unklar.

Stattdessen wird dort das alte Lied der „überreichlichen Subventionierungen“ für Erneuerbare angestimmt. Sämtliche Milliarden, die in den letzten Jahrzehnten an die Atom- und Kohleindustrie gingen, bleiben jedoch selbstverständlich unerwähnt. Dümmer gehts nimmer – oder wie der Schwabe sagen würde: So a Läddagschwäddz, ein saudummes Gerede halt.

AFD1Diese Aussage zum Start besagter Klimakonferenz in Paris stammt von der AfD-Frontfrau Frauke Petry.

AFD2Kann die Frau nicht lesen? Oder: Versteht sie einfach nicht, was jeder lesen kann?

Auf die Beschlüsse von Paris reagierte die Partei gar nicht – wahrscheinlich zu viel Lesestoff.

Ein Sammelbecken für Klimaskeptiker und Läddagschwäddz war die AfD schon bei ihrer Gründung.  Im Bundesparteiprogramm wird diese Haltung noch diplomatisch verpackt. Dort heißt es:

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Immerhin wird hier eingeschränkt, dass „im Rahmen internationaler Abkommen eine graduelle Reduktion von CO2-Emissionen vereinbart werden“ könne.

Allerdings lassen es die Mitglieder der Partei in öffentlichen Statements an Läddagschwäddz zum Thema Klima und Energie nicht fehlen: Der Klimawandel sei Panikmache und die Anstrengungen Deutschlands, Kohlendioxid einzusparen, ergäben wenig Sinn, meinte Stephan Boyens, Vertreter des Fachausschusses für Energiepolitik der Partei AfD, im Jahr 2013: „Das hat ungefähr so viel Wirkung, als würde eine Dreijährige Pipi in einen Baggersee machen“, schwurbelte der damalige Manager der Rheinenergie AG, die von den Kölner Stadtwerken und RWE betriebenen werden.

So ausgewählt drücken sich hochgebildete Manager und Lobbyisten aus, die – aus purem Altruismus – mithalfen, die sogenannte „Alternative für Deutschland“ aus der Taufe zu heben. Dazu gehören auch Klima“skeptiker“ wie Michael Limburg, der Vizepräsident des klimaskeptischen „Europäischen Instituts für Klima und Energie“ (EIKE) – seit Jahren Mitglied in der AfD-Arbeitsgruppe für Energiepolitik.

Die deutsche Tea Party AfD kann mit ihrem Läddagschwäddz vielleicht den einen oder andern Protestwähler in seinem Frust für sich gewinnen. Doch die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist, wird sich auch mit ein paar regionalen Wahlerfolgen nicht mehr kippen lassen.

Dank an Susanne G. aus Berlin für ihren Hinweis!