Archiv des Schlagwortes ‘AfD’

Alexander Gauland (AfD): Oldies gegen’s Klima

Freitag, den 22. September 2017

Noch ist Wahlkampf, deshalb – sehen Sie es uns bitte nach – hier schon wieder ein politisches Thema: Im ZDF lief gestern Abend die „Schlussrunde“, die wohl letzte TV-Debatte von Spitzenpolitikerinnen und -politikern vor dem Sonntag. Und, oh Wunder, zehn Minuten vor Schluss dieser Schlussrunde sprachen die Moderatorinnen ENDLICH mal das Zukunftsthema Klimawandel an (ab 1:19:40 in diesem Video):

Doch das Wort erhielt dann ausgerechnet Alexander Gauland (AfD). Einer seiner Parteigenossen, der Berliner Landeschef Georg Pazderski, war im vorhergegangenen Einspielfilm mit der Behauptung aufgetreten, es sei ja gar nicht nachweisbar, dass der gegenwärtige Klimawandel menschengemacht ist.

Weder diese These noch jene, die Gauland im Folgenden vorbrachte, waren irgendwie originell. Die beiden älteren Herren schnurrten einige der ältesten Oldies der Klimaleugnisten-Szene herunter – weshalb wir hier gar nicht viel Arbeit haben, sondern einfach auf einige der dutzendfachen Widerlegungen verlinken können:

Nein, liebe Herren, es ist belegt, dass der Mensch hauptverantwortlich für den gegenwärtigen Klimawandel. Nur mit dem Effekt seiner Treibhausgas-Emissionen lässt sich die längst zu beobachtende Erderhitzung schlüssig erklären.

Und nein, Herr Gauland, dass sich das Erdklima schon immer wandelte, sagt nichts über die Ursache der gegenwärtigen Erderhitzung. Eine kleine Analogie: Wenn Sie vor einem umgesägten Baum stehen, sagen Sie dann auch, das könne kein Mensch gewesen sein, denn schon immer seien doch bei Stürmen Bäume umgefallen?

Witzigerweise bekam es Gauland aber nicht einmal hin, die alten Schallplatten der Klima-Leugnisten korrekt aufzulegen, sondern machte aus zwei weiteren Oldies ein krudes Medley: „Deutschland ist für zwei Prozent des CO2-Ausstoßes in der Welt verantwortlich“, so Gauland, „für zwei Prozent! Und von diesen zwei Prozent sind 95 Prozent nicht menschengemacht …“ Herrje, beide Zahlen für sich genommen sind ja nicht mal ganz verkehrt: In der Tat verantwortet die Bundesrepublik direkt gut zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, und in der Tat ist der menschengemachte CO2-Ausstoß relativ gering im Vergleich zu natürlichen Emissionen, etwa Ausgasungen aus Böden und Weltmeeren. Aber zusammengerührt sind beide Zahlen wirklicher Quatsch. Herr Gauland muss wohl mal seine Plattensammlung sortieren.

Was er mit den beiden (unter Leugnisten beliebten) Zahlen suggerieren wollte, ist ebenso falsch: Auch mit relativ geringen Mengen CO2 bringt der Mensch den natürlichen Kohlenstoffkreislauf aus dem Gleichgewicht und sorgt so für den gefährlichen Temperaturanstieg auf der Erde. Und obwohl die deutschen Emissionen nur einen Bruchteil der weltweiten ausmachen, ist es natürlich sehr wichtig, was hierzulande passiert. Politisch und diplomatisch betrachtet: Wenn Deutschland seine Emissionen nicht senkt, werden andere – auch ärmere – Länder es erst recht nicht tun. Und ökonomisch betrachtet: Die milliardenschweren Investitionen in erneuerbare Energien (egal ob sie ausreichen, das deutsche Klimaziel zu erreichen, oder nicht) haben einen weltweiten Effekt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Solarpaneele und Windräder heute so billig sind und neue Kohle- oder Atomkraftwerke preislich locker unterbieten. Nicht irgendein Öko-Träumer, sondern die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg schrieb deshalb völlig zutreffend schon vor Jahren:

Aber klar, der Welt (oder dem Weltklima) etwas Gutes zu tun ist einem National-Populisten wie Alexander Gauland vollkommen schnuppe.

Danke an Katrin R. aus Berlin für den Hinweis


Sommer-Rückblick: Welt am Sonntag, AfD, BBC – und der großartige Postillon

Sonntag, den 27. August 2017

Auch wenn das Klima, äh, Wetter gar nicht danach war – es waren Sommerferien in den vergangenen Wochen. Doch nun sind wir zurück am Schreibtisch und räumen das Postfach auf. Denn die Klima-Lügner und -Leugner, die Fakten-Verdreher und -Weglasser waren natürlich auch im Sommerloch aktiv. Doch zum Glück sind nicht alle Journalisten- und Blogger-Kolleginnen und -Kollegen im Urlaub gewesen.

1. Die meisten Leserhinweise bekamen wir zu einem Artikel in der Welt am Sonntag (WamS) vom 25. Juli.

Auf drei vollen Seiten hat Welt-Redakteur Daniel Wetzel da im Das-muss-man-doch-endlich-mal-sagen!-Gestus versucht, mit der Energiewende abzurechnen. Ergänzt wurde das Stück durch einen Beitrag des notorischen Klimawandel-Leugnisten Fritz Vahrenholt über Windräder als Vogeltötungsmaschinen.

Das Bemerkenswerteste an Wetzels Artikel war, dass er im Gewande der indirekten Rede einem der ältesten Mythen der Leugnisten-Szene Raum einräumte: Dass die Menge des menschengemachten Kohlendioxids doch viel zu klein sei, um wirklich das Klima zu beeinflussen. Wir brauchen hierzu kein einziges Wort zu verlieren, weil der Ozeanologe und Klimaforscher Stefan Rahmstorf auf seinem Blog „KlimaLounge“ alles Nötige gesagt hat. (Einige Aussagen Wetzels zur Energiewende kontert Wolf von Fabeck auf der Website des Solarenergie-Fördervereins. Nachtrag vom 7.9.: Auf unserer Partnerseite klimaretter.info ist heute ein weiterer Text zum WamS-Artikel erschienen.)

2. In der ARD-Talksendung Anne Will hat sich die Bundestags-Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, am 20. August als oberste Anwältin aller Verbrennungsmotorautofahrer präsentiert und eine „Dieselgarantie“ bis 2050 gefordert. Auf Nachfragen konnte sie zwar nicht genau sagen, was diese „Garantie“ genau sein soll – aber mit einem Beispiel für vermeintlichen staatlichen Regulierungsirrsinn brachte sie dann SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Verlegenheit: Warum denn in Büros viel mehr Stickoxid in der Luft erlaubt sei als draußen auf der Straße, fragte sie mit anklagender Stimme.

Doch die zugrundeliegende Behauptung war erstens falsch und zweitens irreführend, wie Kristin Becker ausführlich im Faktenfinder von tagesschau.de erklärt. (Welt-Redakteur Daniel Wetzel hingegen griff den vermeintlichen Skandal ziemlich wohlwollend auf, und komischerweise ließ er auch in diesem Text Fritz Vahrenholt als Experten zu Wort kommen.) Das Umweltbundesamt hatte übrigens bereits knapp drei Wochen vorher eine detaillierte wissenschaftlich-gesundheitspolitische Begründung für die unterschiedlichen Grenzwerte auf seiner Website veröffentlicht. Doch die hatten weder Oppermann noch Anne Will noch ihr Redaktionsteam vor der Sendung gelesen …

3. Ein kurzer Blick ins Ausland, nach Großbritannien. Am 10. August hatte das viel gehörte Morgenprogramm Today von BBC 4 ausgerechnet den bekannten Klima-Leugnisten Lord Nigel Lawson als Interviewpartner eingeladen, um über den neuen Film von Al Gore zu sprechen. Lawson ist ein ehemaliger Energie- und Finanzminister der Konservativen und Mitgründer der Global Warming Policy Foundation (GWPF) in London, einem rechten, klimawissenschaftsfeindlichen Think-Tank (der seit einigen Jahren auch von – huch, schon wieder dieser Name – Fritz Vahrenholt unterstützt wird).

In dem Interview verbreitete Lawson – natürlich – zahlreiche Unwahrheiten, denen (wie es in Live-Interviews so oft vorkommt, siehe zum Beispiel Anne Will) vom Moderator nicht widersprochen wurde. Etliche Klimawissenschaftler protestierten gegen den Auftrittt, das Portal Carbon Brief veröffentlichte noch am selben Tag einen für Lawson verheerenden Faktencheck. Auch die BBC, die schon mehrfach durch ähnliche Fehlleistungen auffiel, berichtete schließlich über die Kritik. Und die GWPF zog drei Tage später zumindest eine Lawson-Lüge öffentlich zurück.

4. So, zum Schluss noch etwas Heiteres. Die Satire-Website Der Postillon enthüllt, wie die Betreiber von Kohlekraftwerken ihre Dreck- und Klimagas-Schleudern sauber bekommen: Mit einem Software-Update, das ihnen die Kollegen aus der Autoindustrie freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

„Seitdem sind wir fast so sauber wie ein Windkraftwerk“, zitiert der Postillon einen Kohlekraftwerks-Betriebsleiter namens Hartmut Bansen. „Allein unser Ausstoß an schädlichen Stickstoffoxiden ist von 19.300 Tonnen im Jahr auf 0,8 Milligramm pro Kilometer gesunken. Und weil sich unser Kraftwerk praktisch nie fortbewegt, geht die tatsächliche Verschmutzung gegen Null.“

Großartig!


Die AfD: Alternative Fakten verbreiten

Sonntag, den 29. Januar 2017

Der ehemalige US-Senator Daniel Patrick Moynihan sagte einmal: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Aber keiner hat das Recht auf eigene Fakten.“

Gut gesprochen, Herr Senator! Leider stimmt das aber nicht mehr: 14 Jahre nach seinem Tod – Daniel Patrick Moynihan wurde 2003 in New York beerdigt – wurde die Lüge ganz offiziell in den Zeugenstand der politischen Auseinandersetzung gerufen, wenn auch nicht als Lüge, sondern als „alternative facts“.

Insofern sind wir vom Klima-Lügendetektor uns nicht mehr ganz über unsere Rolle im Klaren. Sind wir jetzt die „Alternative-Klimafakten-Lieferanten“?

Zum Beispiel mit der Zuschrift von Christine S. aus Rostock: Die hat uns auf die Rede des vorpommerschen AfD-Abgeordneten Ralf Borschke aufmerksam gemacht, die Borschke am vergangenen Mittwoch im Schweriner Landtag gehalten hat. Darin sagte der Landtagsabgeordnete aus Stralsund:

Ist absolut richtig. Wenn man an der richtigen Stelle das kleine Wörtchen nicht einfügt: „In Wirklichkeit gibt es keine einzige wissenschaftliche und begutachtete Studie, die nicht den Nachweis erbracht hat, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und Zunahme anthropogener CO2‐Emissionen gibt.“

Das es diesen signifikanten Zusammenhang gibt, können wir – O-Ton Professor Anders Levermann – „ungefähr so klar sagen, wie wir sagen können, dass wir von der Gravitation auf der Erde gehalten werden“. Formuliert hat das der Experte vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung am vergangenen Donnerstag im Deutschlandfunk. Schade eigentlich, dass Ralf Borschke keinen Deutschlandfunk hört. Und schade, dass die Gravitation auf der Erde auch für Leute wie Ralf Borschke gilt.

Oder hier, Borschke zum grünen Grönland:

Wirklich, ein gutes Beispiel! Der berüchtigte Meuchelmörder Erik der Rote (für die Faktenliebhaber: Er hatte einen roten Bart) benutzte schon vor 1.000 Jahren alternative Fakten. Grönland war nur an der Südspitze ein bisschen grün und das auch nur ganz kurz im Sommer. Erik war wegen fortgesetzer Verbrechen mit seiner Familie erst bei den Wikingern rausgeflogen, dann bei den Isländern. Ihm blieb deshalb nur die unwirtliche Insel nordwestlich, die er – um Wikinger und Isländer zu ärgern – Grönland, also „Grünland“ nannte.

Ein PR-Gag, der andere Siedler anlocken sollte. Tatsächlich war der Eispanzer auf Grönland aber damals schon ungefähr zwei Kilometer mächtig – in die Höhe.

Nochmal Ralf Borschke im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern:

Genau, genau! Postfaktisch halt. Hat dieser Weltklimarat IPCC doch einfach so berechnet, wie sich bestimmte Entwicklungen auf unser Leben im Jahr 2100 auswirken werden – ohne das durch reale Messungen zu bestätigen! Die haben noch nicht mal Satellitenmessdaten aus dem Jahr 2065! Geschweige denn aus dem Jahr 2033! Und wollen uns erklären, dass die Erderwärmung unser aller Leben verändert. Aber warum denn nur?

Na ja, auch da kennt der AfD-Abgeordneten Ralf Borschke postfaktisch alternative Fakten, also die Wahrheit und nichts als die Wahrheit:

Vielen Dank an Christine S. aus Rostock für den Hinweis!

PS: Einige Zuschriften zu diesem Post wollen wir Ihnen nicht vorenthalten!

Jochen L. aus Wuppertal schreibt uns, dass „die Aussage des Landtagsabgeordneten Ralf Borschke richtig ist. Der Zusammenhang geht in der Tat nicht über ’steigende THG-Emissionen‘, sondern über ’steigende THG-Konzentrationen‘. Eine Studie, die einen Zusammenhang via ’steigende THG-Emissionen‘ behauptet, wäre grottenfalsch – deshalb gibt es sie in der Tat nicht.“

Georg K. aus dem österreichischen Pöllau schreibt, dass die FPÖ bei der Leugnung des Klimawandels genau so drauf ist wie die AfD.

Craig M. aus Potsdam sandte uns einen Link, nach dem das grüne Stückchen, das Erik der Rote seinerzeit auf Grönland fand, größer als von uns beschrieben war.

Die Zuschriften, die mit Pöbeleien und Beschimpfungen reagieren, veröffentlichen wir aber nicht!


F. Petry (AfD): Wissenschaftlich disqualifiziert

Donnerstag, den 6. Oktober 2016

Auf Youtube gibt es einen Kanal namens „Jung & Naiv“, der Untertitel lautet „Politik für Desinteressierte“. Gemacht wird sie von dem 30-jährigen Tilo Jung, 2014 bekam er für das Format den renommierten Grimme Online Award. Regelmäßig interviewt Jung Politikerinnen und Politiker; und Teil des Konzepts ist, dass es da auch gehörig menschelt. Kürzlich saß Tilo Jung mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry beisammen und fragte zum Beispiel, warum sie Chemie studiert habe und nicht Kirchenmusik. Antwort: „Orgelspielen geht als Hobby. Chemie als Hobby, das geht nicht.“

petr

Das 72-minütige Interview handelt aber natürlich auch von Politik. So erzählt die Chefin der Rechtspopulisten, dass sie früher CDU gewählt habe. Und Gerhard Schröder (SPD). Aber auch mal FDP. Einmal sei sie gar nicht zur Wahl gegangen. Wem sie aber niemals ihre Stimme gegeben habe, seien die Grünen: „Als Chemiker geht man mit den Fragen von Umweltschutz sehr viel differenzierter um als die Grünen. Überspitzt gesagt habe ich den Eindruck, dass sich die Grünen eine menschenfreie Umwelt wünschen, die es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland nicht geben kann.“ Industrieland, Wirtschaftskraft und so.

Ab Minute 19:30 wird es besonders interessant. „Ich bin als Wissenschaftler der Meinung, man sollte nicht schwarz oder weiß denken. Das ist eine Kritik, die ich an den Grünen habe“, hebt Petry an. Und dann fügt sie an – gefragt war nach Natur- und Klimaschutz: „Die aktuell vorherrschende These ist, dass der menschgemachte Klimawandel existiert, dass es den Klimawandel gibt, da bin ich dabei, weil es den zu allen Zeiten gegeben hat. Allein: Ich halte die Hypothese, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, nicht für bewiesen. Selbst wenn man Bücher von den sogenannten Klimaschützern liest …, dann sind sie bei einer Frage eben auch nicht entschieden, nämlich der Frage, ob zuerst die Erwärmung da war oder erst der CO₂-Anstieg. Das ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei.“

Ei, ei, ei.

So viele halbseidene Behauptungen in einer Antwort. Klar, es hat zu allen Zeiten Klimawandel gegeben, und diese historischen Klimawandel hatten natürliche Ursachen. Aber als Wissenschaftlerin (mit einer Promotionsnote summa cum laude) sollte Frau Petry logisch zu denken gelernt haben. Als Nachhilfe eine kleine Analogie: Wenn es früher Waldbrände gab, die natürlich ausgebrochen sind – kann man daraus ableiten, dass ein heutiger Waldbrand auch natürlich verursacht wurde?

Oder die Sache mit dem Kohlendioxid und der Erwärmungswirkung, die von Leugnern des Klimawandels immer wieder aufgebracht wird: In der Tat gab es bei historischen Klimawandeln das Phänomen, dass durch eine Erderwärmung in der Natur vermehrt CO₂ freigesetzt wurde. Damals waren die Emissionen also in der Tat Folge des Klimawandels. Aber auch damals verstärkte das dann frei gewordene Kohlendioxid die Erwärmung weiter. Diese Treibhauswirkung von CO₂ in der Atmosphäre ist seit vielen Jahrzehnten und durch haufenweise Experimente belegt. Ebenso viele Belege gibt es dafür, dass menschengemachtes Kohlendioxid ursächlich für den aktuellen Klimawandel ist. Die Fachwissenschaft ist sich praktisch einig darüber.

Das weiß natürlich auch Interviewer Tilo Jung, weshalb er nachhakt: „Du bist doch ’ne Wissenschaftlerin! [Jung duzt Petry] 97 Prozent der Wissenschaftler sagen doch: Der Klimawandel ist besonders durch den Menschen verschärft!?“

petry1

Petry antwortet: „Ja, das stimmt, das ist eine große Mehrheit, die das sagt. Wenn man aber weiß, wie Grundlagenforschung funktioniert, wie sich Förderprogramme finanzieren und wie es in der Wissenschaft leider keine politische Unabhängigkeit gibt, wenn wir wissen, dass der sogenannte Klimarat IPCC eine politische Einrichtung ist, die zugibt, dass all seine Prognosen auf Hypothesen basieren …, dann bleiben da verdammt viele Fragen offen.“

Auch diese Antwort ist ein Sammelsurium von Behauptungen der Leugnerszene, die sooooo einen Bart haben.

Klar, der Weltklimarat ist eine von Politikern (bei den Vereinten Nationen) gegründete Einrichtung – aber die Wissenschaftler, die im IPCC (ehrenamtlich übrigens) die vieltausendseitigen, akribischen Berichte verfassen, arbeiten nicht politisch. Natürlich, die Klimaforschung arbeitet mit Hypothesen. Aber in der Wissenschaft ist eine Hypothese, anders als im allgemeinen Sprachgebrauch, nicht irgendeine fixe Idee oder ein Hirngespinst, sondern eine Phänomenerklärung, die durch Prüfung und Beobachtung bestätigt wird. Auch das weiß die Chemikerin Frauke Petry garantiert – aber sie ist eben auch Populistin und weiß, wie Worte in politischen Reden wirken.

Fakt ist, dass der weltweit gemessene Temperaturanstieg nicht mit natürlichen Schwankungen des Klimasystems erklärbar ist. Der von Petry erwähnte IPCC urteilte 2014 in seinem letzten Sachstandsbericht (Abschnitt D3):

petry2

Die Formulierung „äußerst wahrscheinlich“ bedeutet beim IPCC irgendetwas zwischen 95- und 100-prozentiger Sicherheit. In der Forschung ist das eine extrem starke Aussage. Aber okay, dem Weltklimarat will Frauke Petry ja nicht trauen.

Wie wäre es mit Wissenschaftskollegen jenseits des IPCC? Auf der Website der kalifornischen Regierung wird eine Liste weltweiter Forschungsvereinigungen geführt, die den Konsens teilen, dass der Mensch Hauptursache des gegenwärtigen Klimawandels ist. Die Liste hat momentan 197 Einträge – von A wie „Academia Chilena de Ciencias“ aus Chile über G wie „German Academy of Natural Scientists Leopoldina“ aus Deutschland und R wie „Russian Academy of Sciences“ in Russland bis Z wie „Zimbabwe Academy of Sciences“ aus Simbabwe. Sind das auch alles „politische Einrichtungen“?

Wie wäre es mit Fachkollegen, Frau Petry? Es war der schwedische Chemiker Svante Arrhenius, der nach jahrelangen Berechnungen schon 1896 vorhersagte, dass große zusätzliche Kohlendioxid-Emissionen (zusätzlich zu den natürlichen) die Temperaturen auf der Erde ansteigen lassen werden. Oder vielleicht sollte Frauke Petry einfach nur mal beim Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz anrufen. Dort gibt es einen ganzen Fachbereich „Klimageochemie“, der sich mit den Wirkungen von Chemikalien im Klimasystem der Erde befasst. Vor ein paar Monaten erst ist eine große internationale Studie erschienen, an der die Mainzer Kollegen mitgewirkt haben und die im Detail den Beitrag des Menschen zum Klimawandel darstellt.

Die Grimme-Preis-Jury lobte in ihrer Laudatio den Journalisten Tilo Jung dafür, dass er seinen Interviewpartnern „teils entlarvende Antworten“ entlocke. In der Tat hat sich Frauke Petry mit ihren Aussagen zum Klimawandel entlarvt: Einer Wissenschaftlerin, die ernsthaft an Erkenntnis interessiert ist, sind sie unwürdig. So betrachtet, hätte ein Orgelmusik-Studium wohl besser zu ihr gepasst.

Für eine Politikerin aber ergeben die Aussagen durchaus Sinn: Wenn man Chefin einer Partei ist, die sich als Tabubrecherin und Gegenpol zu einer Mehrheit inszeniert, dann ist es sehr passend, sich auch gegen die übergroße Mehrheit der Wissenschaft zu stellen. Und wenn man staatliche Interventionen in die Wirtschaft ablehnt, deren Notwendigkeit aber nahezu zwingend aus den Erkenntnissen der Klimaforschung folgt – tja, dann ist es halt eine bewährte Strategie, Zweifel an der Forschung zu säen. Auch wenn man es als Wissenschaftlerin besser wissen könnte.

Vielen Dank an Bernd R. aus Merseburg für den Hinweis!


AfD: Läddagschwäddz für Deutschland

Donnerstag, den 25. Februar 2016

Sie selbst nennt sich ja „Alternative für Deutschland“. Zurzeit ist die Partei auch mit populistischen Attacken auf die Energiewende auf Wählerfang. Im Wahlprogramm der baden-württembergischen AfD heißt es auf Seite 47:

AFDGanz Deutschland zittere unter der „Angst vor Treibhausgasen und der Kernenergie“, die zur „einseitigen Bevorzugung der sogenannten Erneuerbaren Energien“ führen würde. Wen „die Politik“ meint, ob nur die deutsche Regierung oder die gesamte deutsche Parteienlandschaft – oder gar die 195 Staaten, die im Dezember 2015 einen Weltklimavertrag in Paris unterzeichneten – bleibt im „Alternative für Deutschland“-Programm unklar.

Stattdessen wird dort das alte Lied der „überreichlichen Subventionierungen“ für Erneuerbare angestimmt. Sämtliche Milliarden, die in den letzten Jahrzehnten an die Atom- und Kohleindustrie gingen, bleiben jedoch selbstverständlich unerwähnt. Dümmer gehts nimmer – oder wie der Schwabe sagen würde: So a Läddagschwäddz, ein saudummes Gerede halt.

AFD1Diese Aussage zum Start besagter Klimakonferenz in Paris stammt von der AfD-Frontfrau Frauke Petry.

AFD2Kann die Frau nicht lesen? Oder: Versteht sie einfach nicht, was jeder lesen kann?

Auf die Beschlüsse von Paris reagierte die Partei gar nicht – wahrscheinlich zu viel Lesestoff.

Ein Sammelbecken für Klimaskeptiker und Läddagschwäddz war die AfD schon bei ihrer Gründung.  Im Bundesparteiprogramm wird diese Haltung noch diplomatisch verpackt. Dort heißt es:

AFD3

Immerhin wird hier eingeschränkt, dass „im Rahmen internationaler Abkommen eine graduelle Reduktion von CO2-Emissionen vereinbart werden“ könne.

Allerdings lassen es die Mitglieder der Partei in öffentlichen Statements an Läddagschwäddz zum Thema Klima und Energie nicht fehlen: Der Klimawandel sei Panikmache und die Anstrengungen Deutschlands, Kohlendioxid einzusparen, ergäben wenig Sinn, meinte Stephan Boyens, Vertreter des Fachausschusses für Energiepolitik der Partei AfD, im Jahr 2013: „Das hat ungefähr so viel Wirkung, als würde eine Dreijährige Pipi in einen Baggersee machen“, schwurbelte der damalige Manager der Rheinenergie AG, die von den Kölner Stadtwerken und RWE betriebenen werden.

So ausgewählt drücken sich hochgebildete Manager und Lobbyisten aus, die – aus purem Altruismus – mithalfen, die sogenannte „Alternative für Deutschland“ aus der Taufe zu heben. Dazu gehören auch Klima“skeptiker“ wie Michael Limburg, der Vizepräsident des klimaskeptischen „Europäischen Instituts für Klima und Energie“ (EIKE) – seit Jahren Mitglied in der AfD-Arbeitsgruppe für Energiepolitik.

Die deutsche Tea Party AfD kann mit ihrem Läddagschwäddz vielleicht den einen oder andern Protestwähler in seinem Frust für sich gewinnen. Doch die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe ist, wird sich auch mit ein paar regionalen Wahlerfolgen nicht mehr kippen lassen.

Dank an Susanne G. aus Berlin für ihren Hinweis!