Monatsarchiv für April 2014

Lausitz: Gar nicht schmackhaft

Montag, den 28. April 2014

Heute müssen wir uns mit dem Fremdenverkehr befassen. Wer schon einmal an einer Tagebaukante stand, wer die Kühlturm-Schlote der Vattenfall-Kraftwerke schon einmal von Nahem gesehen und das Kettenrasseln der Abraumbagger in seinen Nervenbahnen erlebt hat (Als Test: Hier ab 1:48 und ab 2:48), der weiß: In weiten Teilen der Lausitz funktioniert nur noch Katastrophen-Tourismus.

Insofern ist folgende Anzeige, die Vattenfall großformatig zum Beispiel am Bahnhof in Lübbenau geschaltet hat, interessant:

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Wer zu Peter Frankes Landgasthof „Zum Stern“ möchte, muss in Vetschau die Autobahn A 13 verlassen. Vetschau hatte es vor Jahresfrist bundesweit zu einigen Schlagzeilen gebracht, weil das Wasser des Vetschauer Mühlenfließes zu einer rostbraunen Kloake verkommen war. Der Abbau der Braunkohle ist schuld daran. Fast alles Leben ist wegen der Verseuchung des kleinen Fließes mit Eisenocker, einem Ewigkeitsproblem des Braunkohlebergbaus, abgestorben, und weil das Mühlenfließ in das Unesco-Biosphärenreservat Spreewald mündet, ist so etwas wie Panik ausgebrochen. Denn: Zwischen all den Abraumhalden und Kraftwerksflächen ist das Gebiet das einzig erhalten gebliebene Naturparadies der Lausitz.

„Der Spreewald ist akut bedroht, zumindest der Süd-Spreewald“, sagt Jana Eitner vom Tourismusverband Burg. Sie befürchtet massive Einbußen im wichtigsten Wirtschaftszweig der Region, dem Tourismus, „denn wir verkaufen die Spree quasi als Produkt“. Und wenn jetzt durch die Braunkohle der Eisenocker unappetitlich alles Leben im Fluss zerstört, dann „ist die Destination Spreewald nicht mehr zu vermarkten“. Harald Altekrüger, der zuständige Landrat, sagt: „Für die Flora und Fauna ist das eine ganz bedrohliche Sache.“ Deshalb hat sich auch ein Aktionsbündnis „Klare Spree“ gegründet, um Vattenfall auf die Füße zu treten und gegen die Sache anzukämpfen.

Es ist nicht bekannt, ob sich Peter Franke als Mitglied dieses Aktionsbündnisses für die Erhaltung des Spreewald-Paradieses engagiert. Unter dem Slogan „Was wichtig ist“ erklärt er aber, dass es gute Gründe gibt, „Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle“, argumentiert Franke, der Koch.

Igitt, mag man sich denken, wenn ein Koch so etwas als schmackhaft anpreist:

RS9757_ockerrIm Bild zu sehen ist das Mühlenfließ in Vetschau, etwa zehn Kilometer Luftlinie von Frankes Landgasthof entfernt. Das Rostbraune ist Eisenocker, chemisch Eisen(III)-oxidhydrat. Für den Menschen ist der Nebenstoff der Braunkohleförderung zwar relativ ungefährlich, er verfärbt lediglich Badesachen und die Haut. Tödlich aber ist der Eisenocker für alles aquatische Leben.

„Es gibt gute Gründe, Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Peter Franke ist Koch. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle.“ Fragt man sich: Wie schmackhaft ist das denn?

„Die Verantwortlichen haben die Gefahr erkannt und ich bin froh, dass unser Ministerpräsident auch die notwendigen Mittel zur Bekämpfung frei gegeben hat“, erklärt Peter Franke gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Die Natur, auch die des Spreewaldes, sei ihm wichtig, am Wochenende habe er mit dem Solarkocher gekocht, mit der Erderwärmung befasse er sich auch: „In 20 Jahren muss Schluss sein mit der Braunkohle.“

Just am heutigen Tag befasst sich in Cottbus der Braunkohleausschuss mit einem neuen Tagebau für Vattenfall – damit der schwedische Staatskonzern auch nach 2040 noch Braunkohle verstromen kann. Mehr als 800 Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. 2.000 Hektar Lausitz sollen verschwinden, um dort zusätzliche 200 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern. Und die Anzeigenkampagne von Vattenfall – bei uns bereits im vergangenen November Thema – soll für diese Heimatzerstörung guten Wind im Volk machen. „Ein mächtiger und finanzstarker Akteur betreibt Meinungsmache, um politische Entscheidungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen“, urteilt Lobbycontrol. Demnach wird nicht in 20 Jahren Schluss sein mit der Braunkohle, so wie es Peter Franke fordert, sondern erst in 32 Jahren. Fühlt sich Peter Franke von Vattenfall also missbraucht?

Ein Gastwirt brauche in seiner Region gut bezahlte Arbeitsplätze, die ein verfügbares Einkommen haben, argumentiert der Kneiper. Und die Braunkohle sorge eben dafür mit ihren 5.000 Arbeitsplätzen. Ja, aber der Heimatverlust von 800 Menschen? Der Klimawandel?

„Ich habe das für einen guten Zweck gemacht“, sagt Peter Franke. Das Honorar seiner Vattenfall-Werbung geht nach Frankes Aussage an die Stiftung „Familien in Not“.

Danke an Falk H. aus Cottbus für den Hinweis

P.S. am 2. Mai: Der Verein LobbyControl hat kürzlich die Pro-Braunkohle-Kampagne(n) von Vattenfall beleuchtet.


Die Bahn: Von der Schiene auf die Straße

Freitag, den 25. April 2014

Heute geht es um die Deutsche Bahn. Die wirbt im Internet mit folgendem Angebot:

bahnDer Autozug ist eine ziemlich privilegierte Form moderner Mobilität: Wer nicht ohne sein eigenes Auto sein kann, Kilometer aber dennoch hundertfach und unfallfrei wegschrubben möchte, der parkt in München, Berlin, Hamburg oder Düsseldorf seinen Pkw auf einem Spezial-Waggon der Deutschen Bahn. Um dann umweltschonend und klimafreundlicher und ganz entspannt im Liegewagen durch das Land zu rauschen. Motto der Bahn: „Sie machen Urlaub, wir machen Strecke“:

bahn2Dummerweise ist das klimaschädliche Fliegen auf vielen Strecken viel billiger als der Autozug: Ein Einzelplatz im Liegewagen, 5er Belegung, kostet von Berlin nach München 156,50 Euro. Wer intimer im Schlafwagen reisen möchte, muss für diese Strecke sogar 256,50 Euro zahlen. Zudem sind die Mietwagen immer billiger geworden, weshalb die Kombination Fliegen plus Mietwagen am Zielort oft die gleiche Mobilität ermöglicht – sieht man mal vom eigenen Auto ab.

Der Autozug ist deshalb ganz schön unter Druck geraten, an diesem Freitag beispielsweise waren es gerade noch ein Dutzend Fahrgäste, die in Berlin die Schlafwagenabteile Richtung München enterten. „Leider werden es immer weniger Kunden“, klagt Bahnsprecher Jürgen Kornmann, „und deswegen haben wir in den letzten Jahren hier rote Zahlen geschrieben.“

Ein Grund wohl, warum die Bahn ihr Angebot nun umgestellt hat. Seit diesem Samstag werden die Autos per Lkw nach München transportiert. „DB Autozug: Benzin sparen und Umwelt schonen“ – das war einmal, die Bahn verlagert neuerdings ihren Verkehr von der Schiene auf die Straße.

Die Bahn nennt den Autozug jetzt Betriebskonzept „Auto+Zug“, aus dem Zug sind zwei mobile Einheiten geworden, die gleichzeitig nach München rollen auf Schiene und Straße. Aber das hängt die Bahn lieber nicht an die große Glocke: Auf der Webseite „So funktioniert Autozug“ werden die Autos immer noch auf die Spezialwaggons gefahren, die es im wirklichen Leben zwischen Berlin, Düsseldorf und München gar nicht mehr gibt.

Das ist nichts anderes als Betrug!

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Tagesspiegel: Ein wenig schwanger

Mittwoch, den 2. April 2014

Das Fliegen ist bekanntlich die klimaschädlichste Art des Reisens: Zum einen ist es gegenüber den meisten anderen Verkehrsträgern relativ energieaufwendig, sodass der Treibhausgas-Ausstoß ohnehin sehr hoch ist. Zum anderen entstehen zusätzlich Kondensstreifen und Stickoxide durch die Kerosin-Verbrennung in den Flugzeugtriebwerken – was die Treibhauswirksamkeit vervierfacht.

Insofern interessiert sich auch die Redaktion des Klima-Lügendetektors für den Pilotenstreik und die veröffentlichte Meinung dazu. Im Berliner Tagesspiegel ist auf der Kommentarseite zu lesen:

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Der Kommentator führt aus, dass die Piloten „sehr komfortabel vergütet“ werden, dass sie an „Besitzständen“ festhalten wollen und „ihrem Arbeitgeber massiv“ schaden. Fazit: „Insofern ist der Kurs der Piloten wenig nachhaltig“. Und das wurde dann schlagzeilengebend.

„Wenig nachhaltig“ ist in etwa dasselbe wie „ein bisschen schwanger“: großer Unfug. Entweder ist etwas nachhaltig oder es ist nicht nachhaltig. “Wenig schwanger“ würde der Kollege vom Tagesspiegel bestimmt nicht schreiben!

Das Wort „nachhaltig“ ist zerfleddert wie kaum ein anderes in unserer Sprache: Die Deutsche Bank will nachhaltig Wert schaffen: für unsere Kunden und Mitarbeiter, unsere Aktionäre“ – und spekulierte deshalb mit Lebensmitteln und finanziert die Atmosphärenschädigung durch Kohlekraft. Vattenfall behauptet, sich laufend und intensiv darum zu bemühen, „unsere Aktivitäten gesellschaftlich nachhaltig zu gestalten“ – und will noch mehr Menschen vertreiben, um ihre Heimat wegzubaggern. Daimler erhielt für Deutschlands nachhaltigstes Produkt 2010 den Nachhaltigkeitspreisund baut weiter die schlimmsten Klimasünder. Der FC Bayern ist selbstverständlich „nachhaltig rentabel“. Und das Wikiwörterbuch Wiktionary hat sogar eine Steigerung zu bieten: nachhaltig, nachhaltiger, am nachhaltigsten. Schwanger, schwangerer, am schwangersten …

Für das ständige Missbrauchen des Begriffs nachhaltig ist die Verkürzung der Wortbedeutung verantwortlich. Nachhaltig bedeutet eben nicht „anhaltend, lange nachwirkend, dauernd“, wie uns Wörterbücher glauben machen wollen. Nachhaltig geht auf ein Handlungsprinzip aus der Forstwirtschaft zurück, das die natürliche Regenerationsfähigkeit eines Waldes ins Zentrum rückt: Abgeholzt werden darf nie mehr als nachwachsen kann. Im 18. Jahrhundert im sächsischen Freiberg entwickelt, entdeckte dieses Prinzip die Brundtland-Kommission der UNO in den 1980er Jahren wieder: Eine nachhaltige Entwicklung sei eine, „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“, heißt es im Bericht „Our Common Future“.

Nachhaltig im Zusammenhang mit Flugzeugen und dem Kurs der Piloten wäre also allenfalls, wenn die für immer am Boden blieben. Oder wenigstens innerdeutsche Flüge unterbleiben würden. Und die atmosphärenschädigenden Emissionen aus der Luftfahrt endlich einmal sinken würden, statt immer nur zu steigen. Statt „Wenig nachhaltig“ könnte der Tagesspiegel dann titeln: „Richtig schwanger“.

Das wäre dann immerhin sprachlich korrekt.


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