Archiv des Schlagwortes ‘Tagebau’

IG BCE: Unter Realitätsverlust leiden

Donnerstag, den 30. März 2017

Die energiepolitische Nachricht am heutigen Donnerstag stammt zweifelsfrei aus der Lausitz. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg vermeldete am Abend:

Es geht um die Zukunft der Lausitz: Vattenfall wollte hier einst neue Tagebaue aufschließen, um auch nach 2030 noch Braunkohle verstromen zu können. Dann brachte dem schwedischen Staatskonzern das Geschäft aber nur noch Verluste ein, weshalb Vattenfall den Laden an tschechische Finanzinvestoren verkauft hatte. Wobei „verkauft“ die falsche Formulierung ist: Die neuen Besitzer hatten 1,7 Milliarden Euro dafür erhalten, dass sie Vattenfall den Laden auch wirklich abnehmen.

Seitdem war spekuliert worden, was die Neuen eigentlich mit dem nun unter dem Namen LEAG firmierenden Unternehmen wollen. Offenbar nicht weiter in Braunkohle investieren. Das mediale Echo auf die heute vorgestellten Pläne ist jedenfalls eindeutig. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten titeln:

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung heißt es:

Selbst in der als Braunkohle-freundlich verschrienen Lausitzer Rundschau wird betont:

Gegen die Zwangsumsiedlung von Menschen muss also nicht mehr protestiert werden? Die Lausitz kommt jetzt endlich zur Ruhe?

Nicht, wenn man der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) glaubt: Deren Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape bezeichnete nämlich heute prompt die vorgestellten Geschäfts-Pläne

Weiter sagt die Gewerkschafterin: Deutschland

Deshalb könnten die Beschäftigten in der Lausitz nun aufatmen:

Fassen wir zusammen: Die Brandenburger Medien berichten darüber, dass jene 3.000 Menschen aufatmen können, die von den früheren Braunkohleplänen Vattenfalls betroffen gewesen wären. Weil sich neue Tagebaue betriebswirtschaftlich nicht rentieren, ist ihre Umsiedlung vom Tisch.

Die IG BCE wiederum frohlockt, dass die 8.000 Beschäftigten der Lausitzer Braunkohle aufatmen können, weil Deutschland die Braunkohle noch für lange Zeit als Eckpfeiler einer bezahlbaren Energieversorgung braucht.

Stoppstopp! Da ist eindeutig viel zu viel Atemluft im Spiel!

Vielleicht liegt das aber daran, dass IG-BCE-Vorständin Petra Reinbold-Knape nicht nur Gewerkschafterin ist, sondern auch noch stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei der LEAG-Bergbau-Tochter: Die hat heute das Ende des Tagebau-Projektes Jänschwalde beschlossen und alle anderen auf Eis gelegt.

Die Frau betreibt ein Doppelspiel. Noch bleibt den Finanzinvestoren aus Tschechien schließlich ein Geschäftsmodell erhalten: Mutter des milliardenschweren Unternehmens LEAG ist die Lausitz Energie Verwaltungs-GmbH – eine haftungsbeschränkte Kapitalgesellschaft mit 25.000 Euro Stammkapital.

Die dichtzumachen dürfte ziemlich einfach sein. 1,7 Milliarden blieben dann in der Tasche der Investoren!

Vielen Dank an Julia G. für den Hinweis via Posteo.


RWE: Die Welt innogyren

Sonntag, den 19. Februar 2017

Vielleicht gehören Sie ja auch zu den jenen, die derzeit folgende Werbe-Kampagne miterleben dürfen:

Es geht um RWE, diesen fehlgeleiteten und krisengebeutelten Kohlekonzern, der ja zuletzt die Reißleine gezogen hatte und sich aufspaltete – in einen vermeintlich guten Konzern und den bösen Rest. Seit 7. Oktober 2016 ist „innogy“ an der Börse notiert: Die gute Tochter ist zuständig für Netze, Übertragungsstationen, Vertrieb und – nun ja, wenn auch derzeit noch in sehr zartem Umfang – auch für die erneuerbaren Energien.

Zuletzt stieg innogy in den MDAX auf, 76,8 Prozent der Anteile gehören aber weiterhin der bösen Mutter RWE, dem Kohlekonzern, der jetzt noch kohlelastiger geworden ist, weil ja die Offshore-Windparks und das Biomasseheizkraftwerk Wittgenstein mit seinen 5 Megawatt Leistung hinübergewandert sind zu innogy.

Aber seien wir nicht so negativ, gucken wir erstmal, was innogy uns so zu bieten hat!

Nee, Leute, da kommt ihr zu spät! Solaranlagen war damals Geldanlage, als RWE noch voRWEg ging und die Erneuerbaren bekämpfte, wo es nur ging.  Wie lästerte doch gleich der damalige Chef von RWE – vor fast genau fünf Jahren? Solarenergie in Deutschland sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“! Und jetzt wollt ihr daraus eine Geldanlage für uns machen??

Damals sah das Erneuerbare-Energien-Gesetz für kleine Dachanlagen eine Einspeisevergütung von 24,4 Cent je Kilowattstunde vor. Wer konnte, nutzte das – auch – als Geldanlage. In keinem Jahr der bundesdeutschen Geschichte wurde mehr in die Solarkraft investiert als 2012: Damals gingen Anlagen mit 7.600 Megawatt installierter Leistung neu ans Netz, zumeist kommunale oder Bürgeranlagen.

Zum Vergleich: Seit Januar 2017 gibt es 12,7 Cent je Kilowattstunde – gerade mal die Hälfte. Zu wenig, um als „Geldanlage“ für den „kleinen Mann“ zu taugen: So was gilt allenfalls noch für Großinvestoren, seitdem Solaranlagen per Ausschreibemodell finanziert werden müssen – übrigens auch auf Betreiben der neuen innogy-Vorständin Hildegard Müller, die bislang Staatsministerin im Kanzleramt und Cheflobbyistin war.

Zwar liegen die offiziellen Ausbau-Zahlen für 2016 noch nicht vor. Nach unseren internen Auswertungen dürften im vergangenen Jahr aber nicht einmal mehr 1.000 Megawatt Photovoltaik neu ans Netz gekommen sein – der schlechteste Wert seit 2008.

Also, liebe Leute: bittebitte KEINE Solaranlage mehr zur Geldanlage machen. Wer so was behauptet, kappt euch eure Rente.

Gibt es vielleicht noch etwas anderes, dass uns innogy in seiner Werbung bietet?

Ab wann das gilt? Bei dieser Frage wurde Günter Schabowski einst nervös. „Nach meiner Kenntnis ist das, also, gilt das sofort“, sagte der Sekretär für Informationswesen der DDR am 9. November 1989. Wie wir heute wissen, brachte diese kleine Unkoordiniertheit den ganzen schönen DDR-Kramladen zu Fall, die Leute trampelten die Mauer einfach nieder, weil „ab sofort“ jetzt „visafrei bis nach Hawaii“ galt.

Also, RWE: Nachhaltig wird jetzt normal? Ab wann gilt das? RWE sollte schleunigst den Wachschutz seiner Braunkohletagebaue verstärken! Könnte ja sein, dass die Klimaschützer die innogy-Kampagne wörtlich nehmen!! Werden die massenhaften Verfahren gegen die Tagebau-Besetzer jetzt eingestellt? Zahlt RWE jetzt seine Klimaschuld in Peru ab? Fragen über Fragen!

Zum Beipiel diese: Gibt es in der innogy-Kampagne wenigstens ein Motiv, das nicht glatt gelogen ist?

Vorsicht! Die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen warnt dringend vor diesem Angebot! Es ist nämlich deutlich teurer als das von echten Öko-Stromanbietern! Und eine Mogelpackung.

Genauso wie die ganze innogy-Werbung, die derzeit in der Stadt rumhängt.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2017 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Lausitz: Gar nicht schmackhaft

Montag, den 28. April 2014

Heute müssen wir uns mit dem Fremdenverkehr befassen. Wer schon einmal an einer Tagebaukante stand, wer die Kühlturm-Schlote der Vattenfall-Kraftwerke schon einmal von Nahem gesehen und das Kettenrasseln der Abraumbagger in seinen Nervenbahnen erlebt hat (Als Test: Hier ab 1:48 und ab 2:48), der weiß: In weiten Teilen der Lausitz funktioniert nur noch Katastrophen-Tourismus.

Insofern ist folgende Anzeige, die Vattenfall großformatig zum Beispiel am Bahnhof in Lübbenau geschaltet hat, interessant:

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Wer zu Peter Frankes Landgasthof „Zum Stern“ möchte, muss in Vetschau die Autobahn A 13 verlassen. Vetschau hatte es vor Jahresfrist bundesweit zu einigen Schlagzeilen gebracht, weil das Wasser des Vetschauer Mühlenfließes zu einer rostbraunen Kloake verkommen war. Der Abbau der Braunkohle ist schuld daran. Fast alles Leben ist wegen der Verseuchung des kleinen Fließes mit Eisenocker, einem Ewigkeitsproblem des Braunkohlebergbaus, abgestorben, und weil das Mühlenfließ in das Unesco-Biosphärenreservat Spreewald mündet, ist so etwas wie Panik ausgebrochen. Denn: Zwischen all den Abraumhalden und Kraftwerksflächen ist das Gebiet das einzig erhalten gebliebene Naturparadies der Lausitz.

„Der Spreewald ist akut bedroht, zumindest der Süd-Spreewald“, sagt Jana Eitner vom Tourismusverband Burg. Sie befürchtet massive Einbußen im wichtigsten Wirtschaftszweig der Region, dem Tourismus, „denn wir verkaufen die Spree quasi als Produkt“. Und wenn jetzt durch die Braunkohle der Eisenocker unappetitlich alles Leben im Fluss zerstört, dann „ist die Destination Spreewald nicht mehr zu vermarkten“. Harald Altekrüger, der zuständige Landrat, sagt: „Für die Flora und Fauna ist das eine ganz bedrohliche Sache.“ Deshalb hat sich auch ein Aktionsbündnis „Klare Spree“ gegründet, um Vattenfall auf die Füße zu treten und gegen die Sache anzukämpfen.

Es ist nicht bekannt, ob sich Peter Franke als Mitglied dieses Aktionsbündnisses für die Erhaltung des Spreewald-Paradieses engagiert. Unter dem Slogan „Was wichtig ist“ erklärt er aber, dass es gute Gründe gibt, „Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle“, argumentiert Franke, der Koch.

Igitt, mag man sich denken, wenn ein Koch so etwas als schmackhaft anpreist:

RS9757_ockerrIm Bild zu sehen ist das Mühlenfließ in Vetschau, etwa zehn Kilometer Luftlinie von Frankes Landgasthof entfernt. Das Rostbraune ist Eisenocker, chemisch Eisen(III)-oxidhydrat. Für den Menschen ist der Nebenstoff der Braunkohleförderung zwar relativ ungefährlich, er verfärbt lediglich Badesachen und die Haut. Tödlich aber ist der Eisenocker für alles aquatische Leben.

„Es gibt gute Gründe, Touristen die Lausitz schmackhaft zu machen“. Peter Franke ist Koch. Wer dabei hilft? „Die Braunkohle.“ Fragt man sich: Wie schmackhaft ist das denn?

„Die Verantwortlichen haben die Gefahr erkannt und ich bin froh, dass unser Ministerpräsident auch die notwendigen Mittel zur Bekämpfung frei gegeben hat“, erklärt Peter Franke gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Die Natur, auch die des Spreewaldes, sei ihm wichtig, am Wochenende habe er mit dem Solarkocher gekocht, mit der Erderwärmung befasse er sich auch: „In 20 Jahren muss Schluss sein mit der Braunkohle.“

Just am heutigen Tag befasst sich in Cottbus der Braunkohleausschuss mit einem neuen Tagebau für Vattenfall – damit der schwedische Staatskonzern auch nach 2040 noch Braunkohle verstromen kann. Mehr als 800 Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. 2.000 Hektar Lausitz sollen verschwinden, um dort zusätzliche 200 Millionen Tonnen Braunkohle zu fördern. Und die Anzeigenkampagne von Vattenfall – bei uns bereits im vergangenen November Thema – soll für diese Heimatzerstörung guten Wind im Volk machen. „Ein mächtiger und finanzstarker Akteur betreibt Meinungsmache, um politische Entscheidungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen“, urteilt Lobbycontrol. Demnach wird nicht in 20 Jahren Schluss sein mit der Braunkohle, so wie es Peter Franke fordert, sondern erst in 32 Jahren. Fühlt sich Peter Franke von Vattenfall also missbraucht?

Ein Gastwirt brauche in seiner Region gut bezahlte Arbeitsplätze, die ein verfügbares Einkommen haben, argumentiert der Kneiper. Und die Braunkohle sorge eben dafür mit ihren 5.000 Arbeitsplätzen. Ja, aber der Heimatverlust von 800 Menschen? Der Klimawandel?

„Ich habe das für einen guten Zweck gemacht“, sagt Peter Franke. Das Honorar seiner Vattenfall-Werbung geht nach Frankes Aussage an die Stiftung „Familien in Not“.

Danke an Falk H. aus Cottbus für den Hinweis

P.S. am 2. Mai: Der Verein LobbyControl hat kürzlich die Pro-Braunkohle-Kampagne(n) von Vattenfall beleuchtet.


Vattenfall: Gute Stimmung herlügen

Montag, den 17. September 2012

Vattenfall hat gerade eine Werbeoffensive gestartet. „Komm ins Team“, heißt es beispielsweise in der Berliner Zeitung. Oder im Hamburger Abendblatt: „Für die Energiewende in Hamburg braucht es Innovationen, Versorgungssicherheit – und mich“.  In der Sächsischen Zeitung lautet die Botschaft:

Im Kleingedruckten heißt es dort: „Braunkohle ist ein moderner, flexibler und bezahlbarer Energieträger – und spielt eine wichtige Rolle bei der Beschäftigung und Wertschöpfung in der Lausitz.“

„Modern, flexibel und bezahlbar“ – das ist natürlich glatt gelogen. Das größte Problem der Moderne ist die Erderwärmung und Braunkohle ist der mit Abstand klimaschädlichste aller Energieträger und damit das unmodernste, was es gibt. Pro Kilowattstunde Strom werden dreimal so viel Treibhausgase frei, als wenn diese Kilowattstunde beispielsweise in einem wirklich modernen Gaskraftwerk erzeugt worden wäre.

Die Bezeichnung „flexibel“ ist ein Witz der Werbetexter: Rohbraunkohle besteht zu 55 Prozent aus Wasser, zu 5 Prozent aus Asche und zu 40 Prozent aus Kohle. 60 Prozent des Brennstoffs sind also schon einmal Abfall. Und wenn man bedenkt, dass Menschen umgesiedelt werden müssen, bevor viele tausend Tonnen Abraum bewegt werden können, um die Tonnen Rohbraunkohle dann endlich zu heben, wird deutlich, wie „flexibel“ Braunkohle tatsächlich ist.

„Bezahlbar“ ist die Braunkohle nur deshalb, weil ihre wahren Kosten verschleiert sind: Der deutsche Steuerzahler musste Milliarden aufbringen, um die Tagebau-Restlöcher aus DDR-Zeiten zu renaturieren. Weil die Politik jede Menge Schlupflöcher in den europäischen Emissionshandel einbaute, kostet dort die Tonne Treibhausgas derzeit gerade mal so viel wie zwei Gläser Bier. Für die Klimaschuld in anderen Ländern zahlt Vattenfall natürlich nichts. Nach Greenpeace-Recherchen sind die deutschen Vattenfall-Kohlekraftwerke für rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr verantwortlich– doppelt so viel wie ganz Bangladesch emittiert. In Bangladesch aber sterben schon heute Menschen an der Erderwärmung.

Menschenleben sind nicht „bezahlbar“. Vattenfall lügt wie gedruckt, weil der Konzern gute Stimmung für einen neuen Tagebau braucht. Derzeit laufen die Anhörungen zum geplanten Tagebau Welzow Süd. Zwar will Vattenfall hier erst ab 2027 Braunkohle fördern. Aber das Genehmigungs-Prozedere ist eben so unflexibel, dass jetzt schon mit den Planungen begonnen werden muss.

Zumal der Widerstand von den Betroffenen nicht unerheblich ist. Die Lausitzer Rundschau vermeldete (man beachte die dazu gehörige Werbung):

Ganz „modern“ ist Vattenfalls Politik der Zwangsumsiedlung nämlich nicht: 800 Menschen würden ihr Zuhause verlieren, sollte der Tagebau genehmigt werden. Das erinnert doch sehr an Nazi- oder DDR-Zeiten, als die Leute notfalls mit Gewalt vertrieben wurden.

Deshalb führt Vattenfall „Beschäftigung und Wertschöpfung“ ins Gefecht. Und hier sagt Vattenfall tatsächlich die Wahrheit. Nach dem Motto: „Wenn viele das Falsche machen und damit richtig Kohle verdienen, dann kann das Falsche von Vattenfall ja nur das Richtige für alle anderen sein.“

Danke an Susi M. aus Dresden für den Hinweis

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Braunkohle-Lobby: Sieben Seen voller Krokodilstränen

Dienstag, den 21. April 2009

Der Braunkohle-Lobbyverband DEBRIV hat die dritte Welle seiner groß angelegten Greenwashing-Kampagne mit sogenannten „Diskussionsbeiträgen“ gestartet. Diesmal darf Walter C. Steinbach, Präsident der Landesdirektion Leipzig, im farblich passenden Layout seinen Senf abgeben. Ihm ist ein besonders zynischer Beitrrag gelungen:

Steinbachs Argumentation lautet, es sei zwar bedauerlich, dass in der Region Leipzig in den vergangenen Jahrzehnten 24.000 Menschen ihre Heimat verlassen mussten, um dem Braunkohletagebau zu weichen, aber das sei ja quasi Geschichte: „Erst die politische Wende 1989 führte zu einem Umdenken. Die Braunkohleförderung ging von 60 auf 10 Millionen Tonnen pro Jahr zurück (…)“ Inzwischen transformiere sich der Südraum Leipzig „von einer Industrielandschaft in eine Industriekulturlandschaft mit hohem Freizeit- und Erholungswert.“ Bis 2015 sollen in dem Gebiet sieben Seen mit einer Gesamtwasserfläche von fast 35 Quadratkilometern entstehen. „Nach den teilweise schlimmen Folgen der früheren bergbaulichen Nutzung können die Menschen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken“, schreibt Steinbach.

Für die Menschen in Heuersdorf am südlichen Rand des Tagebaus Schleenhain muss das wie Hohn klingen. Hoffnungsvoll blickt dort niemand in die Zukunft, vielmehr ist die Stimmung unglaublich trostlos. Denn in diesen Tagen reißen Baufahrzeuge alles nieder, was von dem Dorf noch übrig ist, die letzten Bewohner müssen ihre Häuser verlassen. Und das alles nur, weil unter ihrem Heimatort rund 50 Millionen Tonnen Braunkohle liegen. Dass sie ihr mehr als 700 Jahre altes Dorf aufgeben müssen, damit das Kraftwerk Lippendorf viereinhalb Jahre lang mit Brennstoff versorgt werden kann, empfinden die Heuersdorfer als Verbrechen. Ob ihre Ortschaft nun in der DDR oder im Freistaat Sachsen abgebaggert wird, ist für sie nebensächlich.

Steinbachs Beitrag endet wie eine Drohung: „Um diese Entwicklung nicht zu gefährden, hält der Freistaat Sachsen im Rahmen seines Energieprogramms an der heimischen Braunkohle auch zukünftig fest.“ Nach den derzeitigen Plänen soll der Tagebau noch bis 2040 wachsen.

PS: Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger überhaupt. Vor diesem Hintergrund ist auch der in der Anzeige besonders hervorgehobene Satz interessant, die Landschaft um Leipzig bekomme „ein ganz neues Gesicht“: Tatsächlich weren für den Norden Sachsens bis Ende des Jahrhunderts ein Rückgang der sommerlichen Niederschläge um 30 Prozent und deutlich steigende Temperaturen prognostiziert. Sachsen droht zu versteppen.