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RWE: Die Welt innogyren

Sonntag, den 19. Februar 2017

Vielleicht gehören Sie ja auch zu den jenen, die derzeit folgende Werbe-Kampagne miterleben dürfen:

Es geht um RWE, diesen fehlgeleiteten und krisengebeutelten Kohlekonzern, der ja zuletzt die Reißleine gezogen hatte und sich aufspaltete – in einen vermeintlich guten Konzern und den bösen Rest. Seit 7. Oktober 2016 ist „innogy“ an der Börse notiert: Die gute Tochter ist zuständig für Netze, Übertragungsstationen, Vertrieb und – nun ja, wenn auch derzeit noch in sehr zartem Umfang – auch für die erneuerbaren Energien.

Zuletzt stieg innogy in den MDAX auf, 76,8 Prozent der Anteile gehören aber weiterhin der bösen Mutter RWE, dem Kohlekonzern, der jetzt noch kohlelastiger geworden ist, weil ja die Offshore-Windparks und das Biomasseheizkraftwerk Wittgenstein mit seinen 5 Megawatt Leistung hinübergewandert sind zu innogy.

Aber seien wir nicht so negativ, gucken wir erstmal, was innogy uns so zu bieten hat!

Nee, Leute, da kommt ihr zu spät! Solaranlagen war damals Geldanlage, als RWE noch voRWEg ging und die Erneuerbaren bekämpfte, wo es nur ging.  Wie lästerte doch gleich der damalige Chef von RWE – vor fast genau fünf Jahren? Solarenergie in Deutschland sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“! Und jetzt wollt ihr daraus eine Geldanlage für uns machen??

Damals sah das Erneuerbare-Energien-Gesetz für kleine Dachanlagen eine Einspeisevergütung von 24,4 Cent je Kilowattstunde vor. Wer konnte, nutzte das – auch – als Geldanlage. In keinem Jahr der bundesdeutschen Geschichte wurde mehr in die Solarkraft investiert als 2012: Damals gingen Anlagen mit 7.600 Megawatt installierter Leistung neu ans Netz, zumeist kommunale oder Bürgeranlagen.

Zum Vergleich: Seit Januar 2017 gibt es 12,7 Cent je Kilowattstunde – gerade mal die Hälfte. Zu wenig, um als „Geldanlage“ für den „kleinen Mann“ zu taugen: So was gilt allenfalls noch für Großinvestoren, seitdem Solaranlagen per Ausschreibemodell finanziert werden müssen – übrigens auch auf Betreiben der neuen innogy-Vorständin Hildegard Müller, die bislang Staatsministerin im Kanzleramt und Cheflobbyistin war.

Zwar liegen die offiziellen Ausbau-Zahlen für 2016 noch nicht vor. Nach unseren internen Auswertungen dürften im vergangenen Jahr aber nicht einmal mehr 1.000 Megawatt Photovoltaik neu ans Netz gekommen sein – der schlechteste Wert seit 2008.

Also, liebe Leute: bittebitte KEINE Solaranlage mehr zur Geldanlage machen. Wer so was behauptet, kappt euch eure Rente.

Gibt es vielleicht noch etwas anderes, dass uns innogy in seiner Werbung bietet?

Ab wann das gilt? Bei dieser Frage wurde Günter Schabowski einst nervös. „Nach meiner Kenntnis ist das, also, gilt das sofort“, sagte der Sekretär für Informationswesen der DDR am 9. November 1989. Wie wir heute wissen, brachte diese kleine Unkoordiniertheit den ganzen schönen DDR-Kramladen zu Fall, die Leute trampelten die Mauer einfach nieder, weil „ab sofort“ jetzt „visafrei bis nach Hawaii“ galt.

Also, RWE: Nachhaltig wird jetzt normal? Ab wann gilt das? RWE sollte schleunigst den Wachschutz seiner Braunkohletagebaue verstärken! Könnte ja sein, dass die Klimaschützer die innogy-Kampagne wörtlich nehmen!! Werden die massenhaften Verfahren gegen die Tagebau-Besetzer jetzt eingestellt? Zahlt RWE jetzt seine Klimaschuld in Peru ab? Fragen über Fragen!

Zum Beipiel diese: Gibt es in der innogy-Kampagne wenigstens ein Motiv, das nicht glatt gelogen ist?

Vorsicht! Die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen warnt dringend vor diesem Angebot! Es ist nämlich deutlich teurer als das von echten Öko-Stromanbietern! Und eine Mogelpackung.

Genauso wie die ganze innogy-Werbung, die derzeit in der Stadt rumhängt.

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Ökostrom: Die schärfsten Kritiker kritisieren…

Donnerstag, den 11. Oktober 2012

„Viele junge Leute stellen kritische Fragen. Wir auch. Denn unsere schärfsten Kritiker sind wir selbst.“  Nett formuliert, diese Zeitungsanonnce, die am 26. Juni 1993 von der deutschen Stromwirtschaft in den Tageszeitungen platziert wurde:

19 Jahre später wird gerade wieder ganz heftig um die Energiewende, deren Sinn und vor allem ihre Kosten gestritten. Am heutigen Donnerstag stellte beispielsweise Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) seine „Reformpläne“ für das Erneuerbare-Energien-Gesetz vor. Und Hildegard Müller, ebenfalls CDU, ist ganz seiner Meinung.

Erinnern wir uns, Hildegard Müller war bis 2008 als Kanzleramtsministerin die rechte Hand von Angela Merkel (CDU). Dann wurde sie Cheflobbyistin der deutschen Stromwirtschaft. Und am heutigen Donnerstag erklärte die politischste Beauftragte der fossilen Großkraftwerke: „Die Energiewirtschaft teilt die wesentlichen Kritikpunkte am aktuellen EEG, die vom Bundesumweltminister angesprochen wurden. Es gibt bei der Förderung der Erneuerbaren Energien derzeit vermeidbare Mehrkosten und zunehmend energiewirtschaftliche Probleme.“

Das ist natürlich enorm bedauerlich! „Mehrkosten“ die zu vermeiden wären und „energiewirtschaftliche Probleme“ – wer will das schon!? Suchen wir uns doch noch einmal schnell die energiewirtschaftlichen Probleme im Kleingedruckten der Anzeige von 1993 heraus:

Natürlich, auch die deutsche Stromwirtschaft ist mittlerweile eines Besseren belehrt: Ja, Deutschland kann aus der „Kernenergie“ aussteigen, nein, das muss keine enorme Steigerung der Kohleverbrennung mit sich bringen – und doch, doch: Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können sogar kurzfristig mehr als 25 Prozent des deutschen Strombedarfs decken.

Statt aber nun einmal aus falschen Prognosen zu lernen und endlich ein bisschen konstruktiv an der vom Wahlvolk präferierten Energiewende mitzuarbeiten, streut die atomar-fossile Energiewirtschaft schon wieder Sand ins Energie-Wende-Getriebe: In Form von „zunehmend energiewirtschaftlichen Problemen“.

Da sei dann doch noch einmal der Blick in die Historie bemüht. Altmaiers Vor-Vor-Vor-Vorgängerin plapperte den Anzeigeninhalt der deutschen Stromwirtschaft 1994 einfach nach: „Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 Prozent unseres Strombedarfs decken“, erklärte Bundesumweltministerin Angela Merkel damals im Interview. Mittlerweile ist die Frau Bundeskanzlerin, ihre ehedem engste Mitarbeiterin Cheflobbyistin der Stromwirtschaft und ihr treuester und erfolgreichster Mehrheitsbeschaffer in der CDU/CSU-Fraktion mittlerweile Umweltminister.

Das Motto des Anzeigentextes müsste im Herbst des Jahres 2012 also eigentlich lauten: Wer das Erneuerbare-Energien-Gesetz kritisch hinterfragt, muss noch längst kein Freund der Erneuerbaren sein.

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER