Archiv des Schlagwortes ‘Jürgen Großmann’

RWE: Die Welt innogyren

Sonntag, den 19. Februar 2017

Vielleicht gehören Sie ja auch zu den jenen, die derzeit folgende Werbe-Kampagne miterleben dürfen:

Es geht um RWE, diesen fehlgeleiteten und krisengebeutelten Kohlekonzern, der ja zuletzt die Reißleine gezogen hatte und sich aufspaltete – in einen vermeintlich guten Konzern und den bösen Rest. Seit 7. Oktober 2016 ist „innogy“ an der Börse notiert: Die gute Tochter ist zuständig für Netze, Übertragungsstationen, Vertrieb und – nun ja, wenn auch derzeit noch in sehr zartem Umfang – auch für die erneuerbaren Energien.

Zuletzt stieg innogy in den MDAX auf, 76,8 Prozent der Anteile gehören aber weiterhin der bösen Mutter RWE, dem Kohlekonzern, der jetzt noch kohlelastiger geworden ist, weil ja die Offshore-Windparks und das Biomasseheizkraftwerk Wittgenstein mit seinen 5 Megawatt Leistung hinübergewandert sind zu innogy.

Aber seien wir nicht so negativ, gucken wir erstmal, was innogy uns so zu bieten hat!

Nee, Leute, da kommt ihr zu spät! Solaranlagen war damals Geldanlage, als RWE noch voRWEg ging und die Erneuerbaren bekämpfte, wo es nur ging.  Wie lästerte doch gleich der damalige Chef von RWE – vor fast genau fünf Jahren? Solarenergie in Deutschland sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“! Und jetzt wollt ihr daraus eine Geldanlage für uns machen??

Damals sah das Erneuerbare-Energien-Gesetz für kleine Dachanlagen eine Einspeisevergütung von 24,4 Cent je Kilowattstunde vor. Wer konnte, nutzte das – auch – als Geldanlage. In keinem Jahr der bundesdeutschen Geschichte wurde mehr in die Solarkraft investiert als 2012: Damals gingen Anlagen mit 7.600 Megawatt installierter Leistung neu ans Netz, zumeist kommunale oder Bürgeranlagen.

Zum Vergleich: Seit Januar 2017 gibt es 12,7 Cent je Kilowattstunde – gerade mal die Hälfte. Zu wenig, um als „Geldanlage“ für den „kleinen Mann“ zu taugen: So was gilt allenfalls noch für Großinvestoren, seitdem Solaranlagen per Ausschreibemodell finanziert werden müssen – übrigens auch auf Betreiben der neuen innogy-Vorständin Hildegard Müller, die bislang Staatsministerin im Kanzleramt und Cheflobbyistin war.

Zwar liegen die offiziellen Ausbau-Zahlen für 2016 noch nicht vor. Nach unseren internen Auswertungen dürften im vergangenen Jahr aber nicht einmal mehr 1.000 Megawatt Photovoltaik neu ans Netz gekommen sein – der schlechteste Wert seit 2008.

Also, liebe Leute: bittebitte KEINE Solaranlage mehr zur Geldanlage machen. Wer so was behauptet, kappt euch eure Rente.

Gibt es vielleicht noch etwas anderes, dass uns innogy in seiner Werbung bietet?

Ab wann das gilt? Bei dieser Frage wurde Günter Schabowski einst nervös. „Nach meiner Kenntnis ist das, also, gilt das sofort“, sagte der Sekretär für Informationswesen der DDR am 9. November 1989. Wie wir heute wissen, brachte diese kleine Unkoordiniertheit den ganzen schönen DDR-Kramladen zu Fall, die Leute trampelten die Mauer einfach nieder, weil „ab sofort“ jetzt „visafrei bis nach Hawaii“ galt.

Also, RWE: Nachhaltig wird jetzt normal? Ab wann gilt das? RWE sollte schleunigst den Wachschutz seiner Braunkohletagebaue verstärken! Könnte ja sein, dass die Klimaschützer die innogy-Kampagne wörtlich nehmen!! Werden die massenhaften Verfahren gegen die Tagebau-Besetzer jetzt eingestellt? Zahlt RWE jetzt seine Klimaschuld in Peru ab? Fragen über Fragen!

Zum Beipiel diese: Gibt es in der innogy-Kampagne wenigstens ein Motiv, das nicht glatt gelogen ist?

Vorsicht! Die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen warnt dringend vor diesem Angebot! Es ist nämlich deutlich teurer als das von echten Öko-Stromanbietern! Und eine Mogelpackung.

Genauso wie die ganze innogy-Werbung, die derzeit in der Stadt rumhängt.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2017 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


RWE: Ist das wirklich die kehRtWEnde?

Mittwoch, den 2. Dezember 2015

Also, echt, dass wir das noch erleben dürfen! Diese Titelschlagzeile der Süddeutschen Zeitung heute:

rwe_kehrtwende

RWE? War das nicht der Konzern, dessen Vorstandschef noch vor dreieinhalb Jahren lästerte, Solarenergie in Deutschland sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“? Ja, Jürgen Großmann hieß dieser Herr. Der wie ein Bulldozer für die alten Energien kämpfte – und es schaffte, dass Angela Merkels schwarz-gelbe Regierung 2010 den rot-grünen Atomkonsens kündigte. Der viele Milliarden in Kohlekraftwerke versenkte und maßgeblich für die heutige Existenzkrise bei RWE verantwortlich ist. Ende 2008 notierte die RWE-Aktie bei knapp hundert Euro, vor einer Woche waren es noch gut zehn Euro.

Die Lage des Unternehmes ist zu traurig, als dass wir uns Schadenfreude erlauben. Großmanns Nachfolger Peter Terium versucht seit 2012, die Scherben zusammenzukehren, er muss sparen, Unternehmensteile verkaufen, Leute entlassen. Nun, endlich, will er offenbar das Ruder herumreißen und auf das Geschäft mit klimaschonender Energie setzen. Wie ernsthaft er das tut, werden wir genau verfolgen – und beispielsweise gucken, wie es mit dem geplanten Braunkohle-Monster BoA plus im rheinischen Niederaußem weitergeht. Zweifellos hat Terium einen langen Weg vor sich – im vergangenen Jahr lag der Erneuerbaren-Anteil an der RWE-Stromversorgung bei gerade fünf Prozent.

Wir wünschen jedenfalls viel Erfolg bei der kehRtWEnde!


Jürgen Großmann (RWE): Schönen Ruhestand!

Freitag, den 20. April 2012

Zugegeben, das Team vom Klima-Lügendetektor war anfangs über diesen Vorgang uneins: Ist das nun eine gute Nachricht? Oder eine schlechte?

RWE-Boss Jürgen Großmann hatte in dieser Woche seinen Abgang. Der Vorstandschef des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns hat letztmalig die Hauptversammlung seines Konzerns geleitet. Und ist von den Aktionären entlastet worden. Das war’s dann für ihn. Schluss, aus, vorbei: Ab Anfang Juli übernimmt der Niederländer Peter Terium die Geschäfte.

Für RWE-Aktionäre mag die Antwort auf die Eingangsfrage einfach ausfallen. Seit Großmann im September 2007 antrat, ist der Aktienkurs um mehr als die Hälfte gesunken. Nicht nur das: Projektverzögerungen, Gewinneinbruch, Sparprogramm – Jürgen Großmann mit seiner Fixierung auf Kohle- und Atomkraft hinterläßt einen größeren Scherbenhaufen, als er von seinem Vorgänger Harry Roels übernommen hatte.

Für den Klima-Lügendetektor ist die Sache defiziler. Kaum jemand hat uns so viel Stoff geliefert wie der PR-Rambo Großmann.

Das „Klumpenrisiko Deutschland“  müsse verringert werden, hatte er zum Beispiel vor einem Jahr der Süddeutschen Zeitung gesagt: Und damit gedroht Firmensitz und Investitionen von RWE ins Ausland zu verlagern – sollte die Regierung ernst machen mit dem Atomausstieg.

Bürgerproteste gegen den Ausbau der Stromnetze seien ein „Riesenproblem“, erläuterte Großmann im Herbst 2010 dem Stern. Und forderte, dass der Rechtstaat das Gewaltmonopol behalten müsse. „Ich würde mir jedenfalls nicht das Recht herausnehmen, eine Sprengladung an einen Hochspannungsmast zu setzen.“

Im Sommer würden wegen der Energiewende tagelange Stomausfälle drohen, warnte der RWE-Chef Anfang 2008 in der Bild. Und die bienenfleißigen Springer-Leute trugen flugs zusammen, was das bedeuten könne: Handy-Netze tot, kein Fernsehen, Verkehrschaos wegen ausgefallener Ampeln, und auch an Tankstellen gehe dann „gar nichts mehr“.

Insofern war Jürgen Großmann ein Segen für unsere Arbeit: Der Elefant polterte stets so herzhaft im Porzellanladen, dass es ein Leichtes war und großen Spaß machte, die Scherben hinterher auf dem Tablett zu präsentieren. Wo Großmann war, war immer etwas los – egal ob er nun in Berlin Elektroautos präsentierte, in Hamm mit Angela Merkel einen Grundstein legte oder zur Klimakonferenz nach Kopenhagen reiste.

Andererseits zeigte der RWE-Chef aber auch, was ein geschickter Kommunikator anrichten kann. Das Bild-Interview beispielsweise enthielt nicht eine einzige Zahl oder irgendeinen Beleg für Großmanns Stromausfall-Szenario – trotzdem verbreiteten Nachrichtenagenturen die Panikmache prompt. Sein Meisterstück aber war der „Energiepolitische Appell“ im Sommer 2010 – ohne Fukushima hätte Großmann sich durchgesetzt mit seiner Forderung nach einer jahrzehntelangen Zukunft für die Atomkraft in Deutschland.

Irgendwie ist es schade, dass wir diesen Blog künftig ohne Großmann füllen müssen. Aber es gibt ja würdige Nachfolger, etwa den ebenfalls ehemaligen RWE-Mann und Klima“skeptiker“ Fritz Vahrenholt. Insofern können wir dem Milliardär Jürgen Großmann von ganzem Herzen einen ruhigen Lebensabend in Gesundheit, Genuss und Frieden wünschen.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Und weiter geht’s: Bilds Ökostrom-Bashing

Samstag, den 8. Oktober 2011

So, da sind wir wieder. Der Klima-Lügendetektor macht weiter – Bild sei „Dank“. Zwar war unser Rettungsaufruf vom Sommer nicht ganz erfolgreich (obwohl, etwas hat er schon gebracht – mehr dazu nächste Woche). Doch als wir heute morgen die Schlagzeile von Springers Schlachtschiff sahen, war klar: Wir müssen weitermachen.

Denn wir bringen es einfach nicht übers Journalistenherz, diese Schlagzeile und den zugehörigen Text auf Seite 2 unwidersprochen zu lassen.

„Bild erklärt den Irrsinn“? Nein, das Blatt erklärt wenig, sondern macht vor allem Stimmung. Das fängt an bei der unterschwelligen Fremdenfeindlichkeit: Mehrfach betont das Boulevardblatt, „deutscher“ Strom werde „ins Ausland verschenkt“. Ginge es Bild nur um Aufklärung über ein (echtes oder vermeintliches) „Energie-Chaos“, wäre das keiner Erwähnung wert – denn für Netzstabilität und Versorgungssicherheit ist es reichlich irrelevant, ob überschüssiger Strom zu negativen Preisen an Abnehmer im In- oder Ausland geht.

Aber es kommt noch schöner tendenziöser in dem Text der Bild-Redakteure Stefan Ernst und Christin Martens:

Der erste Absatz ist gelinde gesagt unvollständig: An den meisten „schönen Sommertagen“ liegen „die Menschen“ nämlich nicht „am Strand oder im Schwimmbad“, sondern schwitzen in Büros. Wo dann zum Beispiel die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Und gerade mittags der Stromverbrauch am größten ist. Dass Solaranlagen just während dieser „Mittagsspitze“ den meisten Strom einspeisen, ist eher ein Vorteil für die Versorgungssicherheit. Die größten Diskrepanzen zwischen Ökostrom-Erzeugung und Elektrizitätsnachfrage gibt es weniger an Sommertagen, sondern eher nachts und an Wochenenden und vor allem im Herbst und Winter. Richtig hätte der Absatz etwa so lauten müssen: „In windigen Herbstnächten liegen die Leute im Bett, und viele Industrieanlagen stehen still – gleichzeitig speisen Windkraftanlagen jede Menge Energie ein.“

Regelrecht falsch ist dann der erste Satz des zweiten Absatzes: In der Klammer müsste stehen „z.B. Kohle, Atom“, nicht „Gas“. Denn Erdgaskraftwerke sind gerade nicht das Problem – sie können flexibel an- und abgeschaltet werden, um auf die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren Energien zu reagieren. Die eigentliche Ursache für das „Energie-Chaos“ sind große, träge Kohle- und Kernkraftwerke, die künftig nicht mehr ins Energieversorgungssystem passen, wenn es auf sauberen, aber eben schwankenden Erneuerbaren basieren soll. Etwas verschämt wird dies im folgenden „Auch“-Satz eingeräumt: Für Eon, RWE & Co. ist es schlicht billiger, ihre Großmeiler weiterlaufen zu lassen, wenn die zur Nachfragedeckung eigentlich gar nicht gebraucht werden. Das Stromaufkommen von Wind- oder Solaranlagen macht nur deshalb Probleme, weil die Netze allzu oft mit Kohle- und Atomstrom aus unflexiblen Großkraftwerken verstopft sind. Bild müsste also nicht nur den Ökostrom, sondern auch die Kohle- und Atom-Konzerne zumindest mit-verantwortlich machen für Stromüberschüsse, Netzbelastungen und empörende Geschenke ans Ausland.

Stattdessen darf am Schluss des Textes ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann zu Wort kommen:

Genau, jener Herr, der vor zweieinhalb Jahren in Bild noch dramatisch davor warnen durfte, dass im Sommer hierzulande Strommangel drohe. Und dessen Unternehmen mit gerade 2,6 Prozent Ökostrom-Anteil den grünen Energie-Boom verpennt hat.

Bleibt die Frage, warum Bild ausgerechnet jetzt das Ganze hochzieht – wo doch das Thema Netzbelastung und negative Preise seit langem bekannt ist. Vielleicht weil am kommenden Freitag voraussichtlich der nächste Anstieg bei der Ökostrom-Umlage bekanntgegeben wird? Da kann man ja schonmal ein bisschen Stimmung machen.


RWE: Kohle + Kohle = Klimaschutz

Sonntag, den 20. Dezember 2009

Wie so viele andere Firmen wollte auch RWE sich die Chance nicht entgehen lassen, den Klimagipfel von Kopenhagen für Imagewerbung zu nutzen. Und weil der Essener Konzern so superkreative Werber hat, kam genau das Motiv heraus, was einem als erstes bei den Stichworten „Kopenhagen“ und „Umwelt“ einfällt: Die kleine Meerjungfrau aus dem Kopenhagener Hafen hält eine Erde in der Hand. In der aktuellen ZEIT ist das Motiv beispielsweise zu finden.

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Im Text der Annonce schmückt sich RWE damit, weltweit ganz, ganz viele Klimaprojekte durchzuführen,

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In Sambia, heißt es weiter, bekämen 30.000 Haushalte dank RWE effizientere Kocher, damit im Land weniger Bäume abgeholzt werden müssen. Toll!

Doch nicht aus purer Menschenfreundlichkeit betreibt RWE solche Projekte, sondern weil der Konzern sich die anderswo erbrachten CO2-Einsparungen zuhause auf die Klimabilanz anrechnen lassen kann. „Clean Development Mechanism“ (CDM) heißt das Prinzip. Es wurde im Rahmen des Kyoto-Protokoll eingeführt und erlaubt eine Art weltweiten Emissionshandel: Seit 2005 müssen Kraftwerksbetreiber in Europa bekanntlich so viele CO2-Zertifikate vorweisen, wie ihre Anlagen jährlich ausstoßen. Den größten Teil bekommen sie bisher geschenkt – aber weil RWE besonders ineffiziente Braunkohlekraftwerke betreibt, muss der Konzern etwa ein Drittel der benötigten Zertifikate zukaufen. Und eine besonders preiswerte Möglichkeit sind CDM-Projekt im Ausland. Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich in der Essener Konzernzentrale allein um die Zertifikatebeschaffung, satte 1,1 Milliarden Euro musste RWE dafür nach eigenen Angaben im Jahr 2008 ausgeben.

Unter Umweltschützern aber wird der „Clean Development Mechanism“ heftig kritisiert. Denn ob die CO2-Sparmaßnahmen in fernen Ländern wie Sambia wirklich stattfinden, lässt sich schwer kontrollieren. Viele Projekte, das ergab vor zwei Jahren eine Studie im Auftrag des WWF, wären auch ganz ohne Zutun von Konzernen wie RWE gestartet. Friends of the Earth nennt CDM eine „gefährliche Ablenkung“: Durch billige Maßnahmen in den Entwicklungsländern könnten sich nämlich die Industriestaaten zu lange darum drücken, ihre eigene Wirtschaft auf CO2-arme Gleise zu setzen.

Ein besonders bizarres Projekt hat die Organisation CDM-Watch anlässlich des Klimagipfels bekanntgemacht: In der chinesischen Stadt Ningbo (Distrikt Beilun, Provinz Zhejiang) beteiligt sich RWE am Bau eines Kohlekraftwerks. Weil es technisch auf dem neuesten Stand sei, würden dadurch mehr als 460.000 Tonnen CO2 pro Jahr gespart, heißt es in den Projektunterlagen, die beim UN-Klimasekretariat zur Anerkennung eingereicht wurden. Laut CDM-Watch aber wäre das Kraftwerk sowieso gebaut worden. Eine reale CO2-Einsparung bedeutet es ohnehin nicht, denn es ist ja ein neues Kraftwerk, das den steigenden Energiebedarf Chinas decken soll. Doch RWE will Zertifikate aus diesem Projekt als CO2-Minderung in Europa anrechnen lassen, für sein neues Riesenkraftwerk in Neurath etwa bräuchte der Konzern dann weniger Zertifikate hierzulande teuer einkaufen. Im Klartext: RWE investiert in China in ein Kohlekraftwerk und kann damit Kohlekraftwerke in Deutschland verbilligen. Genial, oder?

Nun versteht man auch, warum sich RWE so für den UN-Klimagipfel interessiert – und warum der Konzern CDM-Projekte in einem neuen Klimaabkommen verankert wissen will.

rwe_kopenhagen_zitRWE-Chef Jürgen Großmann fordert das nicht nur auf der Firmenwebsite, sondern reiste auch höchstpersönlich nach Kopenhagen. Er würde gern alle Klimapflichten ins Ausland verlagern dürfen, auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verlangt einen „Ausbau“ der CDM-Projekte. Wieso, erklärt bündig Wolfgang Sterk vom Wuppertal Institut: „CDM ist kein Instrument für den Klimaschutz, sondern zur Senkung der Kosten für die Industrieländer. Für die Atmosphäre ist der Mechanismus bestenfalls ein Nullsummenspiel.“


RWE: Angst vor dem Stromwechsel?

Freitag, den 24. Oktober 2008

„RWE verliert 200.000 Kunden“, titelte vor ein paar Monaten Spiegel Online. Allein im ersten Quartal 2008 hätten damit fast so viele Stromabnehmer dem zweitgrößten deutschen Energiekonzern den Rücken gekehrt wie im ganzen Jahr zuvor. Dagegen unternimmt RWE natürlich einiges, Konzernchef Jürgen Großmann hat beispielsweise eine „Internationalisierung“ angekündigt. Und natürlich rührt RWE kräftig die Werbetrommel, hat die millionenschwere Imagekampagane „voRWEg gehen“ gestartet. Am vergangenen Wochenende schaltete die Regionalgesellschaft RWE Rhein-Ruhr in der Aachener Zeitung diese Annonce:

Nanu, fragt man sich, was soll das heißen? Denn natürlich ändert sich an der Steckdose des Verbrauchers physikalisch überhaupt nichts, wenn er den Anbieter wechselt. Weshalb auch die (elektrische) Spannung sich weder erhöht noch verringert, sie nicht mehr oder weniger schwankt als vorher. Denn es kommt dort nach wie vor derselbe Strom aus der Steckdose – nur wird die vom Kunden abgenommene Menge nach dem Wechsel von einem anderen Anbieter an anderer Stelle ins Netz eingespeist.

Der Sprecher von RWE Rhein-Ruhr bestätigt dies auf Nachfrage natürlich auch. „Rein physikalisch ist die Aussage so nicht haltbar“, gibt er zu, aber man betrachte den Spruch „als Metapher“ für die Servicequalität. Augenzwinkernd wolle man den Kunden sagen, dass man bei anderen Anbietern unliebsame Überraschungen erleben könne – bei RWE aber garantiert zufrieden sein werde. Dass man die Annonce auch anders verstehen könne, sagt er, das wundere ihn. Und wir seien auch die ersten, die in der Sache nachfragten. Allerdings sei der Spruch auch ganz neu im Werberepertoire von RWE. Aber niemand, wirklich niemand im Unternehmen, betont er, wolle damit Kunden verunsichern oder irgendwelche Ängste schüren vor einem Wechsel des Stromanbieters.

Na, dann ist ja gut.

Danke an Udo H. für den Hinweis


Daimler & RWE: Elektro-Autos mit Drecksstrom

Freitag, den 5. September 2008

Schick sieht er aus, der grau-weiße Smart, den Daimler-Chef Dieter Zetsche zusammen mit Jürgen Großmann, dem Vorstandsvorsitzenden von RWE, heute in Berlin präsentierte. Matthias Wissmann, der Chef der Autolobby VDA, war ebenfalls ins feine Grand Hotel Esplanade gekommen. Ach so, die Kanzlerin natürlich auch, denn es gab ja einen wichtigen Foto-Termin in Sachen Klima.

Im kommenden Jahr soll nämlich in der Hauptstadt ein Projekt namens „e-mobility Berlin“ starten, das in den Presseerklärungen der beiden Firmen als

und

gepriesen wurde. Hundert Daimler-Fahrzeuge der Marken Smart und Mercedes-Benz mit Elektroantrieb sollen bis 2010 auf die Straßen kommen, RWE steuert 500 Strom-Zapfsäulen bei.

Wow, tolle Sache! Solch ein RWE-Elektro-Smart hat dann doch sicherlich einen erheblich niedrigeren co2-Ausstoß als ein konventioneller Smart, oder?

Schau‘n wir mal: Laut Daimler stößt ein handelsüblicher Smart cdi mit Dieselmotor (Werbeslogan: „co2-Champion“) pro gefahrenem Kilometer 88 Gramm Kohlendioxid aus. Die Elektro-Smarts, die seit einigen Monaten bereits in London unterwegs sind, kommen nach Unternehmensangaben mit den 15 Kilowattstunden (kWh) Strom, die die Bordakkus speichern können, etwa 115 Kilometer weit. Pro hundert Kilometer ergibt das einen Verbrauch von etwa 13 kWh.

Um klimaschonender als ein Diesel-Smart zu sein, dürfte der Strom für den Elektro-Smart demnach allerhöchstens mit 677 Gramm Kohlendioxid pro kWh zu Buche schlagen. Denn Elektroautos sind zwar „lokal emissionsfrei“; wie klimafreundlich sie aber insgesamt sind, entscheidet sich bei der Erzeugung des „getankten“ Stroms. Fährt ein Elektro-Smart mit Ökostrom, ist er tatsächlich eine feine Sache. Selbst mit dem deutschen Durchschnittsstrom wäre er noch ein – kleiner – Gewinn fürs Klima. Pro kWh hierzulande erzeugten Stroms wurden 2007 nämlich laut Umweltbundesamt rund 600 Gramm co2 emittiert – damit käme ein E-Smart auf etwa 78 g/km Kohlendioxid-Ausstoß.

Daimler zeigt auf seiner Internetseite das Foto eines Elektro-Smart, der vor einem Windrad steht – doch Projektpartner RWE hat im vergangenen Jahr lediglich 2,4 Prozent seines gesamten Stromes mit regenerativen Quellen erzeugt. Dagegen stammte 2007 mehr als ein Drittel des RWE-Stroms aus der besonders klimaschädlichen Braunkohle. Auf Anfrage mochte die Pressestelle nicht verraten, wieviel Kohlendioxid im Unternehmen pro Kilowattstunde anfällt. Der RWE-Geschäftsbericht für 2007 aber enthält alle Daten (S.61ff.), um den Wert selbst zu errechnen: Bei 216 Milliarden kWh erzeugtem Strom fielen 187 Millionen Tonnen des Klimagases an – pro Kilowattstunde stieß RWE also 866 Gramm Kohlendioxid aus. Der RWE-Elektrosmart kommt folglich auf co2-Emissionen von 113 Gramm pro gefahrenem Kilometer – etwa 30 Prozent mehr als beim selben Fahrzeug mit Dieselmotor.

Falls es Daimler ernst meint mit der Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes, hätte sich das Unternehmen kaum einen schlechteren Partner für das Projekt „e-mobility Berlin“ aussuchen können als RWE. Doch PR-mäßig hat sich die Berliner Veranstaltung für beide Unternehmen gelohnt. Dutzende Medien berichteten. Und Die Welt titelte besonders schön: „Daimler und RWE starten Klima-Smart in Berlin“.

P.S.: Noch negativer würde übrigens die co2-Bilanz des Elektro-Smart ausfallen, wenn man nur den Strom berücksichtigt, den RWE die nächsten 40 jahre in seinem neuen Braunkohle-Kraftwerk Neurath (Werbeslogan: „Klimavorsorge mit Hightech“) erzeugen will. Schätzungsweise werden dort pro kWh 950 Gramm emittiert (genaue Zahlen möchte das Unternehmen nicht nennen), das ergäbe dann sogar 124 Gramm pro gefahrenem Kilometer.


RWE & Angela Merkel: Halbwahrheiten in Hamm

Freitag, den 29. August 2008

Gute Laune herrschte heute offenbar in Hamm in Westfalen:

Die RWE AG, Europas größter Verursacher von Kohlendioxid und Deutschlands zweitgrößter Stromerzeuger, legte den Grundstein für zwei Kohlekraftwerks-Blöcke mit je 800 Megawatt Leistung. Neben NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und RWE-Chef Jürgen Großmann war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angereist – „sehr bewusst“, wie sie erklärte, weil sie „die Modernisierung von Kohlekraftwerken unterstützen“ wolle.

In ihrer Rede hatte sie kleine Seitenhiebe auf die Profite von RWE & Co. und die Windkraftfeinde in ihrer eigenen Partei versteckt, aber die Hauptbotschaft lautete: Das Land brauche „effiziente, moderne Kohlekraftwerke“, damit es nicht „zu einer Verknappung von Strom kommt“. Letzteres droht zwar entgegen aller Angstmacherei der Energieversorger gar nicht, wie erst vergangene Woche eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ergab. Trotzdem behauptete Merkel, „die Ablehnung neuer Kraftwerksbauten“ sei „nicht nur wirtschaftspolitisch kontraproduktiv, sondern sie ist auch umwelt- und klimapolitisch kontraproduktiv“. Doch ob diese Aussage stimmt, kommt u.a. auf die Zahl und die Größe der „neuen Kraftwerksbauten“ an.

RWE würdigte das Ereignis jedenfalls mit einer ausführlichen Presseerklärung, und daraus übernahm die Bundesregierung auf ihrer Internetseite wortgleich eine geschickt formulierte Irreführung:

Der letzte Satz stimmt nämlich nur, sofern man das Wörtchen „bei“ nicht im Sinne von „während“, sondern von „falls“ versteht. In Wahrheit aber will RWE in Hamm künftig fast dreimal so viel Kohlestrom erzeugen wie bisher. Die beiden Blöcke A und B aus dem Jahr 1962/63, die stillgelegt werden sollen, verfügen über je 152 Megawatt Leistung – die neuen Blöcke D und E dagegen sind mit je 800 MW mehr als siebenmal so groß.

Deshalb wird der RWE-Standort Hamm/Westfalen statt derzeit etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid bald circa neun Millionen Tonnen des Klimagases emittieren. Das neue Kraftwerk stößt also nicht 2,5 Millionen Tonnen weniger, sondern etwa sechs Millionen Tonnen mehr Kohlendioxid aus. Möglicherweise liegt das Plus sogar noch höher, weil RWE nach Informationen des BUND den ebenfalls bereits 40 Jahre alten Block C in Hamm mit 284 MW auch nach Inbetriebnahme der neuen Blöcke weiterlaufen lassen will.

Wie die Pressestelle von RWE trotzdem behaupten kann,

bleibt deren Geheimnis.

P.S.: Nicht nur am Standort Hamm, auch konzernweit fällt die Klimabilanz des Kraftwerkserneuerungsprogramm von RWE laut einer BUND-Studie negativ aus. Derzeit plant RWE den Neubau von sechs Kohleblöcken mit 6390 MW und einem CO2-Ausstoß von 39 Millionen Tonnen, vom Netz gehen sollen im Gegenzug zwar 17 alte Blöcke, die zusammen aber lediglich auf 2830 MW und 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid kommen.


Stromlücke (2): Wie Bild und RWE Ängste schüren

Mittwoch, den 27. Februar 2008

„Au weia“, werden heute früh viele Bild-Leser gedacht haben. Nein, nicht weil das Springer-Blatt schon zum zweiten Mal den „Wortbruch“ von SPD-Chef Kurt Beck anprangerte. Sondern wegen dieser Schlagzeile:

Vor ein paar Monaten durfte schon E.on-Chef Wulf Bernotat in Deutschlands größter Boulevardzeitung die steile These verbreiten, Strom sei eigentlich zu billig (ja, genau: wenn er nicht so verdammt billig wäre, hätte E.on in den ersten drei Quartalen 2007 nicht bloß 4,2 Milliarden Euro Gewinn gemacht). Nun also warnt Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender des Konkurrenten RWE, vor künftigen Engpässen in der Stromversorgung. Die würden, darf Großmannin einem großen Interview auf Seite 13 bild_rwe_gross_sh.jpgausführen, in heißen Sommern drohen. Das PR-Märchen von der Stromlücke ist nun also in Bild angekommen.

Das halbseitige Interview mit dem RWE-Chef enthält nicht eine einzige Zahl oder irgendeinen Beleg für das Gruselszenario. Trotzdem verbreiteten Nachrichtenagenturen die Angstmacherei prompt. Und die Bild-Redaktion malte in einem separaten Text eilfertig aus, welche Folgen ein sommerlicher Stromausfall für die armen Bild-Leser haben könnte (Handy-Netze tot, kein Fernsehen, Verkehrschaos wegen ausgefallener Ampeln, und auch an Tankstellen gehe dann „gar nichts mehr“).

Ein Blick auf die Fakten – das stellten dann mittags in Berlin auch die Regierungssprecher klar – zeigt alles andere als eine Stromlücke: Derzeit ist Deutschland ein Stromexporteur – obwohl etliche Atomkraftwerke aus Sicherheitsgründen stillstehen. Auch gingen in den vergangenen Jahren erheblich mehr Erzeugungskapazitäten ans Netz als zeitgleich stillgelegt wurden. Aber natürlich können Energiekonzerne wie RWE dafür sorgen, dass es in wenigen Jahren hierzulande wirklich eine Stromlücke gibt: Indem sie nämlich weiterhin nur einen Bruchteil ihrer Milliardeninvestitionen in zukunftssichere Erneuerbare Energien leiten. Oder, in den Worten von Andreas Troge (CDU), Präsident des Umweltbundesamtes: „Es wird keine Probleme geben, wenn sich alle an das Klima- und Energieprogramm der Bundesregierung halten, das eine starke Steigerung der Energieeffizienz vorsieht“, so Troge kürzlich in der Financial Times Deutschland. „Falls allerdings die Erzeuger die Verbesserung der Effizienz und den Transport des Stroms aus erneuerbaren Energien bewusst verzögerten, können sie Probleme provozieren.“

RWE-Chef Großmann klagt in der Bild, dass hierzulande der Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke immer größer werde. Natürlich ärgert ihn das, wo doch ein großer Teil der Gewinne seines Unternehmens auf der klimaschädlichen Kohleverstromung basiert. Man brauche auch künftig Braunkohle- und Atomkraftwerke, betont Großmann. Und verschweigt, dass gerade solche Großkraftwerke wegen ihres immensen Bedarfs an Kühlwasser die ersten sind, die in trockenen Sommern abgeschaltet werden müssen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Riesenmengen Kohlendioxid aus Kohleanlagen den Klimawandel verstärken und damit direkt dazu beitragen, dass es in Deutschland häufiger zu Dürrephasen kommen wird.

Darauf hätten die Bild-Interviewer Oliver Santen und Jan W. Schäfer den Herrn Großmann ja mal ansprechen können…