Monatsarchiv für April 2012

Eon: Die Windkraft-Hochstapler

Freitag, den 27. April 2012

Seit einiger Zeit läuft das nächste Motiv der Eon-Kampagne „Energie der Zukunft“ – nach der fotogenen „Anna Kuhn“ haben die Casting-Experten der Werbeagentur nun einen gemütlich wirkenden Mann als Protagonisten ausgewählt, Herrn „Stefan Rehm“. Sonst gibt es wenig Neues in der Zeitungsannonce. „Ihr gestaltet also die Zukunft der Energie. Redet Ihr nur, oder macht Ihr auch was“, legt Eon seinem Herrn Rehm in den Mund. Um darauf zu antworten: „Hallo Herr Rehm, wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘. Für noch mehr grünen Strom.“ Ah, es geht also um dasselbe Eon-Windprojekt in der Nordsee, das Eon schon beim letzten Mal beworben hat.

Aber, Moment. Im Dezember in der „Anna Kuhn“-Annonce hieß es im Kleingedruckten:

Bei Herrn Rehm steht da nun:

Witzig, oder? Aber wir wollen hier gar nicht auf der Vermehrung der versorgten Menschen herumreiten, sondern auf dem Wörtchen

Die Formulierung „weitere 700.000 Menschen in Deutschland“ klingt nämlich so, als würde Eon schon heute eine größere Menge Leute hierzulande mit Windstrom versorgen. Auf der Kampagnenwebsite heißt es denn auch vollmundig „Windparks: 100 in Betrieb“. Klickt man sich dann weiter auf die Landkarte mit den Standorten, dann wird sofort klar, dass der größte Teil von Eons Windrädern im Ausland steht.

Nur 13 Windrädchen haben wir auf dieser Eon-Karte gezählt. Und dann die Pressestelle gefragt, ob das denn so stimme und wann die Anlagen errichtet wurden und wieviele Menschen Eon bisher damit versorgen kann. Die Antworten kamen – nunja, wir würden sagen – etwas zögerlich und lückenhaft. Man verwies lediglich, das aber sehr freundlich, auf ein online veröffentlichtes Eon-Papier namens „Facts&Figures“.

Darin finden sich – neben interessanten Infos wie der, dass Eon im kleinen Dänemark mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen besitzt als im Heimatmarkt Deutschland – Tabellen mit den hiesigen Windkraftanlagen (Seite 28/29). Liest man die Liste durch, dann finden sich darauf etliche Standorte mit bloß 2, 3 oder 4 Megawatt, darunter zum Beispiel der „Windpark Breitling“. Schaut man sich dessen Details in einer Windkraft-Datenbank an, dann wird klar, dass es sich hier um eine einzige Windkraftanlage handelt. Schräg, was Europas größter Stromversorger unter „Windpark“ versteht.

Aber darauf wollten wir eigentlich gar nicht hinaus. Sondern auf Eons bisherige Windkraftkapazität in Deutschland. Sie beträgt laut dieser Liste sage und schreibe 226 Megawatt. Zum Vergleich: Das Kohlekraftwerk Scholven, das Eon in Gelsenkirchen betreibt, hat eine Kapazität von 2.200 MW – ein einziges von Eons Steinkohlekraftwerken ist zehnmal so groß wie alle Windkraftanlagen, die der Konzern bisher in Deutschland betreibt.

Aber zurück zur Eon-Annonce und dem Windpark Amrumbank West. Der wird nach Unternehmensangaben, wenn er wie geplant 2015 ans Netz geht, eine Kapazität von 288 MW haben. Nicht dass uns jemand missversteht, wir finden das Projekt ganz großartig. Aber es wird auf einen Schlag deutlich mehr Windstrom erzeugen, als Eon bisher in ganz Deutschland zustande bringt. Dies mit den Worten zu bewerben, man habe bald „noch mehr grünen Strom“ bzw. grünen Strom für „weitere“ 700.000 Menschen, finden wir dann doch ziemlich hochstaplerisch.


Jürgen Großmann (RWE): Schönen Ruhestand!

Freitag, den 20. April 2012

Zugegeben, das Team vom Klima-Lügendetektor war anfangs über diesen Vorgang uneins: Ist das nun eine gute Nachricht? Oder eine schlechte?

RWE-Boss Jürgen Großmann hatte in dieser Woche seinen Abgang. Der Vorstandschef des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns hat letztmalig die Hauptversammlung seines Konzerns geleitet. Und ist von den Aktionären entlastet worden. Das war’s dann für ihn. Schluss, aus, vorbei: Ab Anfang Juli übernimmt der Niederländer Peter Terium die Geschäfte.

Für RWE-Aktionäre mag die Antwort auf die Eingangsfrage einfach ausfallen. Seit Großmann im September 2007 antrat, ist der Aktienkurs um mehr als die Hälfte gesunken. Nicht nur das: Projektverzögerungen, Gewinneinbruch, Sparprogramm – Jürgen Großmann mit seiner Fixierung auf Kohle- und Atomkraft hinterläßt einen größeren Scherbenhaufen, als er von seinem Vorgänger Harry Roels übernommen hatte.

Für den Klima-Lügendetektor ist die Sache defiziler. Kaum jemand hat uns so viel Stoff geliefert wie der PR-Rambo Großmann.

Das „Klumpenrisiko Deutschland“  müsse verringert werden, hatte er zum Beispiel vor einem Jahr der Süddeutschen Zeitung gesagt: Und damit gedroht Firmensitz und Investitionen von RWE ins Ausland zu verlagern – sollte die Regierung ernst machen mit dem Atomausstieg.

Bürgerproteste gegen den Ausbau der Stromnetze seien ein „Riesenproblem“, erläuterte Großmann im Herbst 2010 dem Stern. Und forderte, dass der Rechtstaat das Gewaltmonopol behalten müsse. „Ich würde mir jedenfalls nicht das Recht herausnehmen, eine Sprengladung an einen Hochspannungsmast zu setzen.“

Im Sommer würden wegen der Energiewende tagelange Stomausfälle drohen, warnte der RWE-Chef Anfang 2008 in der Bild. Und die bienenfleißigen Springer-Leute trugen flugs zusammen, was das bedeuten könne: Handy-Netze tot, kein Fernsehen, Verkehrschaos wegen ausgefallener Ampeln, und auch an Tankstellen gehe dann „gar nichts mehr“.

Insofern war Jürgen Großmann ein Segen für unsere Arbeit: Der Elefant polterte stets so herzhaft im Porzellanladen, dass es ein Leichtes war und großen Spaß machte, die Scherben hinterher auf dem Tablett zu präsentieren. Wo Großmann war, war immer etwas los – egal ob er nun in Berlin Elektroautos präsentierte, in Hamm mit Angela Merkel einen Grundstein legte oder zur Klimakonferenz nach Kopenhagen reiste.

Andererseits zeigte der RWE-Chef aber auch, was ein geschickter Kommunikator anrichten kann. Das Bild-Interview beispielsweise enthielt nicht eine einzige Zahl oder irgendeinen Beleg für Großmanns Stromausfall-Szenario – trotzdem verbreiteten Nachrichtenagenturen die Panikmache prompt. Sein Meisterstück aber war der „Energiepolitische Appell“ im Sommer 2010 – ohne Fukushima hätte Großmann sich durchgesetzt mit seiner Forderung nach einer jahrzehntelangen Zukunft für die Atomkraft in Deutschland.

Irgendwie ist es schade, dass wir diesen Blog künftig ohne Großmann füllen müssen. Aber es gibt ja würdige Nachfolger, etwa den ebenfalls ehemaligen RWE-Mann und Klima“skeptiker“ Fritz Vahrenholt. Insofern können wir dem Milliardär Jürgen Großmann von ganzem Herzen einen ruhigen Lebensabend in Gesundheit, Genuss und Frieden wünschen.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Rewe: Die kompostierbare Leiche im Keller

Freitag, den 13. April 2012

Der Lebensmittelkonzern Rewe versucht uns gerade seine Geschäftstätigkeit sehr schmackhaft zu machen. Gleich mit einer ganzen Anzeigenserie. „Arbeitsleben oder Familie? Ich lebe beides“, sagt da beispielsweise Maren R. 32 Jahre, Fachverkäuferin und Mutter. Für Rewe sei Familie und Beruf kein Widerspruch, wie es in der Anzeige heißt. Hier geht eben beides – so selbstverständlich wie die tägliche Ernährung.

Oder Sandra G., 34jährige Marktmanagerin und Abdenteurerin: „Ich will im Beruf als Frau meinen Mann stehen. Mach ich ja auch privat“.  Der Anzeigentext erklärt, dass bei Rewe „Anstellung auch Gleichstellung“ bedeutet.

Beim Kauf von Lebensmitteln geht es im 21. Jahrhundert hierzulande eben um mehr als nur ums satt werden: Langsam scheint sich der Gedanke durchzusetzen, dass es ohne Ausbeutung von Individuum und Umwelt schmackhafter ist. „Mein Job soll auch nachhaltig Früchte tragen“, sagt beispielsweise Manfred B., Marktmanager und Hobby-Gärtner. Dabei steht er vor einem Wandbild, ein bisschen wirkt, als stamme es aus realsozialistischen Propagandazeiten. Der Anzeigentext dazu erklärt:

„Rewe – jeden Tag ein bisschen besser“ – das ist der Kampagnenslogan, der uns Hoffnung schenkt. Und Rewe jeden Tag ein paar mehr Kunden bringen soll. Dummerweise hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) diese Woche kritisiert, dass von Rewe vertriebene „Bio“-Einkaufstüten zuviel versprächen. Der Umweltverband beklagt: „Die als kompostierbar beworbenen Tragetaschen aus Bioplastik bestehen zu mehr als zwei Dritteln aus Erdöl. Nach Recherchen der Deutschen Umwelthilfe werden sie weder kompostiert noch recycelt. Die DUH fordert deshalb ein sofortiges Ende der Werbelüge und die Umstellung auf eine umweltfreundlichere Alternative.“

Neben Rewe bieten auch Aldi und andere Ketten diese „Biotüten“ der Firma Victor Güthoff & Partner aus Frechen im Rheinland an. Und werben mit deren angeblichen Umweltvorteilen. So seien die Tragetaschen „so weit wie möglich aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt“ und „100 Prozent kompostierbar“.

Rewe verspricht seinen Kunden, mit dem Kauf der Einwegtüte „gemeinsam Gutes“ zu tun. Aldi Süd ist noch pathetischer mit dem Aufdruck „Zeig der Umwelt ein Lächeln“. Alle Tüten sind mit lieblichen Motiven bedruckt, etwa mit Blumen, Tieren oder Wiesen. Dadurch werde der Eindruck erweckt, dass es sich bei den Plastiktüten um ein ökologisch vorteilhaftes Produkt handele, so die DUH. Die Beutel seien unter gewissen Umständen zwar kompostierbar, wirklich kompostiert würden sie aber nicht, wie eine Umfrage bei Abfallentsorgern ergeben habe.

Wie hieß nochmal der Werbespruch: „Jeden Tag ein bisschen besser“. Einen Tag nach der Pressekonferenz der Umwelthilfe reagierte Rewe denn auch und nahm die Tüten vorläufig aus dem Sortiment. „Mit diesem Schritt wollen wir dafür sorgen, dass es bei unseren Kunden nicht zu Verunsicherung über die tatsächliche Umweltverträglichkeit dieser Tragetaschen kommt“, erläuterte Rewe-Sprecher Martin Brüning. Gemeinsam mit Herstellern und unabhängigen Experten will Rewe die Tüten nun noch einmal auf ihre Umweltverträglichkeit hin untersuchen.

Rewe braucht also offenbar noch ein paar Tage, um wirklich gut zu werden.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Thermotec: Die Ökostrom-Verschwender

Mittwoch, den 4. April 2012

Elektroheizungen sind ja ein Dauerbrenner hier auf dem Blog. Aber der letzte Text liegt tatsächlich schon mehr als ein Jahr zurück, deshalb schauen wir mal wieder auf das Thema. Schließlich wirbt auch die Elektroofen-Branche trotz aller Warnungen von Verbraucherschützern und Umweltverbänden und entgegen eindeutiger Forschungsergebnisse weiter für ihre Stromfresser.

Diesmal hat uns ein Leser auf die Internetseite der sächsischen Firma Thermotec hingewiesen:

Im Kleingedruckten der Homepage heißt es:

Hübsch, oder? Weil es sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass Elektroheizungen die Schadstoffemissionen lediglich aus dem eigenen Heizungskeller ins Kraftwerk verschieben, legen viele Hersteller ihren Kunden mittlerweile einen Ökostrom-Vertrag nahe (aber meist nur im Kleingedruckten). Thermotec verzichtet sogar darauf und verweist einfach auf die 20 Prozent sauberen Stroms, die sich dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes mittlerweile im normalen Strommix finden.

Formal stimmt ja auch, dass für diese Elektrizität keine Treibhausgas-Emissionen anfallen (jedenfalls nach der üblichen Bilanzierungsmethode). Trotzdem wäre es falsch, mit Ökostrom zu heizen (jedenfalls wenn es sich nicht um ein Niedrigenergiehaus handelt, wo für den minimalen Wärmebedarf manchmal tatsächlich eine Elektroheizung sinnvoll sein kann). Von „Verschwendung“ spricht klar und deutlich beispielsweise Jens Schuberth vom Umweltbundesamt. Stattdessen sollte Ökostrom, solange es ihn noch nicht im Überfluss gibt, im Interesse des Klimaschutzes dort eingesetzt werden, wo er am meisten Kohlendioxid vermeidet. Und das ist nunmal nicht beim Heizen – denn hierfür gibt es eine ganze Reihe relativ klimaschonender Möglichkeiten: Fernwärme (aus effizienten Gaskraftwerken) zum Beispiel oder Sonnenkollektoren in Kombination mit einem Erdgas-Brennwertkessel oder einer Holzpellet-Heizungen oder ähnliches. “Der wertvolle Ökostrom sollte zur Substitution des Kohle- und Atomstroms verwenden werden in Bereichen, wo man keine andere Energie einsetzen kann“, erklärt Birgit Holfert von der Energieberatung des Verbraucherzentrale-Bundesverbandes (vzbv), „beispielsweise bei der Beleuchtung oder bei Elektromotoren.“ Wer Ökostrom hingegen zum Heizen nutzt, treibt den Gesamt-Elektrizitätsbedarf hoch und sorgt dafür, dass dreckige Stein- oder Braunkohlekraftwerke unnötig am Netz bleiben.

Achso, Elektroheizungen als „heimliche Klimaschützer“ zu bezeichnen, ist in jedem Falle falsch. Selbst unter Berücksichtigung des 20-prozentigen Ökostrom-Anteils ist der deutsche Strommix mit gut 560 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde immer noch so dreckig, dass die (indirekten) CO2-Emissionen fürs Heizen mit Strom mehr als doppelt so hoch sind wie beispielsweise einer modernen Erdgasheizung.

Danke für Mario Sedlak aus Wien für den Hinweis