Archiv des Schlagwortes ‘Bioplastik’

Kaiser’s Tengelmann: Eine halbe Korrektur

Donnerstag, den 14. Februar 2013

Vergangene Woche haben wir hier über die vermeintlich umweltfreundlichen Plastiktüten von Kaiser’s, Lidl und Co. geschrieben. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vermeldet nun einen Erfolg: Nach einer Klagedrohung habe sich Kaiser’s Tengelmann schriftlich dazu verpflichtet, nicht mehr mit dem Slogan „Einkaufen mit gutem Gewissen! … Mit unseren biologisch abbaubaren Plastiktüten“ für seine Einweg-Einkaufsbeutel zu werben. Wir gratulieren!

In einer Stellungnahme betont die Firma, man habe niemanden täuschen wollen – und schiebt dann doch gleich wieder eine zweifelhafte Aussage hinterher: „Unsere I’m green-Tragetaschen sind umweltfreundliche Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen.“ Der zweite Teilsatz mag stimmen, der erste nicht. Oder in den bereits letzte Woche zitierten Worten des Umweltbundesamtes: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“

Es bleibt dabei: Wirklich umweltfreundlich sind nur Mehrweg-Einkaufsbeutel.


Lidl, Kaiser’s & Co: Im Schein der grünen Tüte

Freitag, den 8. Februar 2013

„Wenn ich an der Supermarktkasse Leuten sage: ‚Hey, kauft keine Plastiktüte!‘, erwidern die immer häufiger: ‚Wieso, das sind doch die neuen, umweltfreundlichen!‘“ Dies schrieb unser Leser Benedikt B. aus Berlin und fragt: Haben die Leute etwa recht?

Tatsächlich werben Lidl, Kaiser’s & Co. auf ihren Plastik-Tragetaschen neuerdings mit dem Slogan: „I‘m green“. Die Tüten bestünden schließlich nicht aus Erdöl, sondern aus „Polyethylen, welches zum Großteil aus Zuckerrohr hergestellt wird“. Und mit dem Naturprodukt Zuckerrohr werde ein nachwachsender Rohstoff eingesetzt – „bei 100 %-iger Recyclingfähigkeit“. Na, super!

zucker

„Als erster Lebensmittelhändler in Deutschland haben wir uns für den Einsatz der sogenannten ‚I‘m green‘-Taschen entschieden, die im Gegensatz zu herkömmlichen Plastiktüten aus nachwachsenden statt fossilen Rohstoffen hergestellt werden“, hatte im Jahr 2011 Raimund Luig, Geschäftsführer der Kaiser’s Tengelmann GmbH, erklärt. Auch Lidl, Aldi, Rewe und andere entdeckten inzwischen die angeblich grünen Tüten. Sie alle wissen: Der deutsche Konsument ist umweltbewusst wie kaum ein anderer auf dieser Welt, die deutsche Konsumentin erst recht.

Noch einmal O-Ton Kaiser’s Tengelmann: „Neben der Ressourcenschonung leistet die ‚I‘m green‘-Tasche einen Beitrag zum Klimaschutz. Durch die Gewinnung von einem Kilogramm grünem Polyethylen wird 2,5 Kilogramm CO2 gebunden. Die Zuckerrohrpflanze wandelt dabei CO2 in das Naturprodukt Saccharose um. Aus einem Kilogramm grünem Polyethylen können durchschnittlich 50 Tragetaschen hergestellt werden. Bei der Herstellung von einem Kilogramm herkömmlichen Polyethylen hingegen werden 2,5 Kilogramm CO2 freigesetzt.“ Eine solche Plastiktüte, soll das wohl heißen, ist praktizierter Klimaschutz. Also: Kauft, kauft, kauft die neuen Plastiktüten! Ja, was denn sonst?

Wer dabei Bauchschmerzen bekommt, dem kann der Klima-Lügendetektor gesunden Menschenverstand attestieren. Denn die wichtigste Frage bei jeder Einkaufstüte ist: Was passiert mit ihr nach dem Gebrauch? Wandern die 50 „grünen“ Tragetaschen gleich nach Benutzung in den Müll? Und von dort gar in eine Müllverbrennungsanlage? Dort würde das vom Zuckerrohr gebundene Kohlendioxid ja doch bloß wieder freigesetzt.

Selbst wenn die „Bio-Tragetüte“ in die Biotonne und auf den Weg in eine professionelle Kompostierungsanlage geschickt würde, wäre das nur wenig besser: Die meisten solchen Anlagen sind noch gar nicht auf die neuen Beutel ausgelegt, bei der Sortierung kann oft nicht zuverlässig zwischen verrottbarem und unverrottbarem Plastik unterschieden werden – weshalb in der Regel alle Tüten aus dem Biomüll gefischt werden und im Verbrennungsofen landen.

Doch selbst wenn die „I‘m-green“-Tasche es zum Kompostieren schaffen sollte – dort würde lediglich das Material wiederverwendet, nicht aber die Energie, die für das Herstellen des biologisch abbaubaren Kunststoffs verbraucht wurde. Heribert Wefers vom Umweltverband BUND fasste das im Deutschlandradio so zusammen: „Hinsichtlich der Energiebilanz ist das Kompostieren völlig ineffektiv.“

Weil es vielen Menschen so geht wie unserem Leser Benedikt B., hat sich auch das Umweltbundesamt des Themas angenommen und bereits vor einem Jahr eine gründliche Untersuchung der Möchtegern-Öko-Tüten vorgelegt. Ergebnis: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“

Ja, aber was ist mit dem behaupteten Klimanutzen? Lügt der Chef von Kaiser’s Tengelmann etwa? Nein, er blendet nur etwas aus: „Die Klimabilanz von Biokunststoffen ist zwar günstiger“, betont UBA-Präsident Jochen Flasbarth, „dafür gibt es Nachteile bei anderen Umweltbelastungen.“ Aus ihrem Fazit leiten die Experten denn auch eine klare Empfehlung ab:

Damit ist auch klar, dass die derzeit vielfach angepriesenen Bioplastiktüten keine Umweltvorteile gegenüber herkömmlichen Plastiktüten bieten. Wirklich umweltfreundlich sind nur Mehrwegtaschen, etwa Stoffbeutel und Taschen aus anderen langlebigen Materialien.

Was aber macht dann die neuen Tüten so attraktiv für Supermarktketten? Es ist das grüne Image. Und die Möglichkeit, den Kunden an der Kasse das schlechte Gewissen zu nehmen, wenn sie doch wieder zum Einwegbeutel greifen. Aber es gibt auch handfeste finanzielle Vorteile für die Unternehmen: Für Verpackungen aus biologisch abbaubaren Kunststoffen gilt nach § 16 Absatz 2 der Verpackungsverordnung derzeit eine Sonderregelung – für diese Verpackungen brauchen Hersteller und Vertreiber kein Geld an Rücknahmesysteme wie den „Grünen Punkt“ abzuführen. Im Klartext: Je höher der Anteil der Pseudo-Öko-Tüten an den 25 Millionen Plastebeuteln ist, die pro Jahr bei Kaiser’s und Tengelmann über den Kassentisch gehen, desto mehr sinkt für die Firma die Abgabenlast.

Danke an Benedikt B. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Kurz nach Erscheinen unseres Blogbeitrags hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Kaiser’s Tengelmann wegen seiner angeblichen Öko-Plastiktüten „Verbrauchertäuschung“ vorgeworden. Hier geht’s zur DUH-Pressemitteilung


ING-Diba: FAIRantwortungsvoller Kohle-Finanzier

Montag, den 26. November 2012

Die ING-Diba gilt als größte Direktbank Europas. Die rund sieben Millionen deutschen Kunden haben mehr als 85 Milliarden Euro bei der Tochter des niederländischen Finanzkonzerns ING angelegt. Mit großem Aufwand pflegt das Unternehmen sein Image: Beispielsweise lässt die ING-Diba den Basketball-Star Dirk Nowitzki für sich werben. Im Rahmen der Aktion „DibaDu und Dein Verein“ hat sie im vergangenen Jahr tausend Vereine mit je 1.000 Euro beschenkt. Weil die Aktion mit einem öffentlichen Voting verbunden war, bei dem alle deutschen Vereine alle ihre Mitglieder und Freunde zur Stimmabgabe aufrufen konnten, dürfte der Werbeeffekt der verschenkten einen Million immens gewesen sein – währenddessen die Summe nicht einmal einem Sechshundertstel des Diba-Jahresgewinns 2011 entsprach.

Wer von der Bank Post bekommt, kann auf der Rückseite des Kuverts diesen Hinweis finden:

Großartig, oder? Das engagierte Geldhaus hat es nicht nur geschafft, dass die Adressfeldfolie ihrer Fensterbriefumschläge aus Bioplastik gefertigt ist (offenbar aus PLA-Folie). Nein, um ihr überragendes FAIRantwortungsgefühl für den Erhalt der Umwelt zu beweisen, hat die ING-Diba in sicherlich langwieriger und schwieriger Suche auch Papier aus nachwachsenden Rohstoffen auftreiben können! Nach unbestätigten Angaben soll es sich dabei um Papier auf Holzbasis handeln. (Briefumschläge aus Recyclingpapier hätten den hohen Ansprüchen der Bank vermutlich nicht genügt, weil für Recycling ja Fabriken gebraucht werden – natürlich nachwachsende Rohstoffe wie Frischholz sind da selbstverständlich besser.)

So begeistert waren wir von dieser Bank, dass wir sofort auf die Website der ING-Diba gegangen sind, um mehr über ihr Umweltengagement zu erfahren. Doch außer zwei lieblichen Fotos und drei dürren Sätzen („… engagiert sich für einen verantwortlichen, nachhaltigen und schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen“) war da leider nichts zu finden.

Und mit dem „FAIRantwortungsreport“, der dort zum Herunterladen angeboten wird, stimmte auch irgendetwas nicht. Als wir nämlich die PDF-Datei öffneten, war der gesamte Text ein Kauderwelsch aus unlesbaren Sonderzeichen:

Deshalb mussten wir bei der Kampagne „Bankwechsel jetzt!“ nachschauen, in der sich mehr als ein Dutzend Organisationen zusammengetan haben, unter anderem aus dem Umwelt- und Menschenrechtsbereich. Dort gibt es reichlich Informationen zur Umwelt-, Klima- und Sozialbilanz der Mutterbank ING: Beispielsweise mache sie gute Geschäfte mit Atomkonzerne wie EdF und Eon, ebenso mit dem Rüstungsunternehmen EADS oder dem „gegenüber Bürgerkriegen völlig gleichgültigen Erdölriesen PetroChina“. Und weiter: „Seit das Kyotoprotokoll in Kraft getreten ist, hat die ING Bank den Kohlesektor mit mehr als 3,3 Milliarden Euro unterstützt. Mehr als ein Drittel der Finanzdienstleistungen ging an Betreiber- und Bergbaufirmen in Osteuropa und Russland (1,383 Milliarden Euro). Rund 68 Millionen Euro erhielt als Projektfinanzierung der polnische Energieversorger Polska Grupa Energetyczna (PGE) direkt für den Bau des neuen Braunkohlekraftwerks BOT Elektrownia Bełchatów.“ Wahnsinn, wie sich die ING für einen nachhaltigen und schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen engagiert!

Noch mehr Infos dazu bietet die Website banksecrets.org (gestartet unter anderem von der Nichtregierungsorganisation Urgewald). Auf einer virtuellen Weltkarte lassen sich da echt FAIRantwortungsvolle Projekte und Firmen anklicken, die von der ING (mit-)finanziert wurden: Beispielsweise eine umweltzerstörende Gold- und Kupfer-Mine in Indonesien, die klimaschädliche Teersandförderung in Kanada oder Streubomben aus den USA.

Na, wenigstens sind die Briefkuverts voll öko.

Danke für den Hinweis an Julian L. aus Göttingen

P.S.: Unser Leser Felix W. weist uns darauf hin, dass bei ihm die PDF-Datei mit dem „FAIRantwortungsreport“ problemlos funktioniere. Anscheinend verwendet das Dokument eine Schriftart, über die unsere Standard-Software nicht verfügte. Dank seiner Hilfe haben wir nun den Bericht gelesen, und auf einer von 38 Seiten geht es dort tatsächlich um ökologisches Handeln. „Umweltschutz beginnt am Arbeitsplatz“, lautet da die Überschrift, und dann geht es um Geschäftsreisen mit der Bahn, die Einsparung von Kopierpapier und Energieeffizienz im Bankgebäude in Frankfurt/Main. Dann ist man ganz neugierig, wo Umweltschutz bei der ING-Diba denn weitergeht – und auf der folgenden Seite gibt es: ein Foto zum Thema Papiersparen und die Ankündigung, man werde „weitere Umweltmaßnahmen“ erarbeiten. Hm, da finden wir die Website banksecrets.org doch erheblich informativer…


Rewe: Die kompostierbare Leiche im Keller

Freitag, den 13. April 2012

Der Lebensmittelkonzern Rewe versucht uns gerade seine Geschäftstätigkeit sehr schmackhaft zu machen. Gleich mit einer ganzen Anzeigenserie. „Arbeitsleben oder Familie? Ich lebe beides“, sagt da beispielsweise Maren R. 32 Jahre, Fachverkäuferin und Mutter. Für Rewe sei Familie und Beruf kein Widerspruch, wie es in der Anzeige heißt. Hier geht eben beides – so selbstverständlich wie die tägliche Ernährung.

Oder Sandra G., 34jährige Marktmanagerin und Abdenteurerin: „Ich will im Beruf als Frau meinen Mann stehen. Mach ich ja auch privat“.  Der Anzeigentext erklärt, dass bei Rewe „Anstellung auch Gleichstellung“ bedeutet.

Beim Kauf von Lebensmitteln geht es im 21. Jahrhundert hierzulande eben um mehr als nur ums satt werden: Langsam scheint sich der Gedanke durchzusetzen, dass es ohne Ausbeutung von Individuum und Umwelt schmackhafter ist. „Mein Job soll auch nachhaltig Früchte tragen“, sagt beispielsweise Manfred B., Marktmanager und Hobby-Gärtner. Dabei steht er vor einem Wandbild, das ein bisschen wirkt, als stamme es aus realsozialistischen Propagandazeiten. Der Anzeigentext dazu erklärt:

„Rewe – jeden Tag ein bisschen besser“ – das ist der Kampagnenslogan, der uns Hoffnung schenkt. Und Rewe jeden Tag ein paar mehr Kunden bringen soll. Dummerweise hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) diese Woche kritisiert, dass von Rewe vertriebene „Bio“-Einkaufstüten zuviel versprächen. Der Umweltverband beklagt: „Die als kompostierbar beworbenen Tragetaschen aus Bioplastik bestehen zu mehr als zwei Dritteln aus Erdöl. Nach Recherchen der Deutschen Umwelthilfe werden sie weder kompostiert noch recycelt. Die DUH fordert deshalb ein sofortiges Ende der Werbelüge und die Umstellung auf eine umweltfreundlichere Alternative.“

Neben Rewe bieten auch Aldi und andere Ketten diese „Biotüten“ der Firma Victor Güthoff & Partner aus Frechen im Rheinland an. Und werben mit deren angeblichen Umweltvorteilen. So seien die Tragetaschen „so weit wie möglich aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt“ und „100 Prozent kompostierbar“.

Rewe verspricht seinen Kunden, mit dem Kauf der Einwegtüte „gemeinsam Gutes“ zu tun. Aldi Süd ist noch pathetischer mit dem Aufdruck „Zeig der Umwelt ein Lächeln“. Alle Tüten sind mit lieblichen Motiven bedruckt, etwa mit Blumen, Tieren oder Wiesen. Dadurch werde der Eindruck erweckt, dass es sich bei den Plastiktüten um ein ökologisch vorteilhaftes Produkt handele, so die DUH. Die Beutel seien unter gewissen Umständen zwar kompostierbar, wirklich kompostiert würden sie aber nicht, wie eine Umfrage bei Abfallentsorgern ergeben habe.

Wie hieß nochmal der Werbespruch: „Jeden Tag ein bisschen besser“. Einen Tag nach der Pressekonferenz der Umwelthilfe reagierte Rewe denn auch und nahm die Tüten vorläufig aus dem Sortiment. „Mit diesem Schritt wollen wir dafür sorgen, dass es bei unseren Kunden nicht zu Verunsicherung über die tatsächliche Umweltverträglichkeit dieser Tragetaschen kommt“, erläuterte Rewe-Sprecher Martin Brüning. Gemeinsam mit Herstellern und unabhängigen Experten will Rewe die Tüten nun noch einmal auf ihre Umweltverträglichkeit hin untersuchen.

Rewe braucht also offenbar noch ein paar Tage, um wirklich gut zu werden.

P.S.: Seit Anfang Oktober ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2012 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER