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Bild: Keine fünf Wahrheiten über Energiekosten

Freitag, den 31. Januar 2014

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild „Wahrheiten“ ankündigt.

Mit exakt diesen Worten begann vor fünfeinhalb Jahren ein Klima-Lügendetektor. Sie werden es nicht glauben, heute passt genau derselbe Einstieg genauso. Denn heute heißt es auf Seite 1 der Bild:

Ausriss mit Zitat: "Strom wird noch teurer! Bild-APO-Anfrage enthüllt 5 bittere Wahrheiten über die Energiekosten"

Im Juli 2008 verbreitete das Springer-Blatt Pro-Atom-Propaganda als „Wahrheit“, fünfeinhalb Jahre später kommt mit der gleichen Masche (und zum wiederholten Male) eine Breitseite gegen die erneuerbaren Energien. Fünf „Wahrheiten über die Energiekosten“ kündigt Bild in schreienden Lettern an. „Es ist bitter“, beginnt der Artikel auf Seite 1. Aber was dann auf Seite 2 folgt, ist alles andere als wahr und deshalb wirklich bitter.

Grundlage des Textes von Fritz Esser und Dirk Hoeren sind offenbar Daten aus dem neuerdings SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium. Die zeigen angeblich, dass „bei der Energiewende … in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer“ ist. Doch bei genauer Betrachtung sind die präsentierten Zahlen ein kruder Mix zur tendenziösen Stimmungsmache.

Die angebliche „Wahrheit“ Nr. 2 zum Beispiel ist:

Ausriss mit Zitat: "An der Strombörse ist der Strompreis wegen des Überangebots an Öko-Energie in den letzten zwei Jahren von 5,11 Cent/kWh auf 3,8 Cent gesunken – minus 25,6 %! Trotzdem zahlen die Verbraucher mehr, weil die Umlagen für Ökostrom rasant steigen, von 2010 bis 2012 im Schnitt von 6,01 auf 10,09 Euro/Monat je Haushalt (plus 67,9 Prozent!)."

Gucken wir uns das mal ganz genau an. Der erste Satz ist wahr. In der Tat ist der Strompreis dank der Energiewende deutlich gesunken. Der erste Halbsatz des zweiten Satzes stimmt auch: „Trotzdem zahlen die Verbraucher mehr“ – so ist es. Aber dann folgt der rhetorische Trick, wenn es heißt: „… weil die Umlagen für Ökostrom rasant steigen“.

Der Fakt an sich ist korrekt, doch das „weil“ ist falsch, zumindest solange es nicht durch ein „auch“ ergänzt wird. In Wahrheit müsste der Satz lauten: „Trotzdem zahlen Verbraucher mehr, auch weil die Umlagen für Ökostrom rasant gestiegen sind.“ Der Anstieg der Ökostrom-Umlage ist nämlich nicht der alleinige Grund für den Anstieg der Verbraucherpreise. Ebenso verantwortlich ist der Fakt, dass viele Stromversorger die gesunkenen Börsenpreise nicht an die Verbraucher weitergeben. Doch davon findet sich kein Wort in Bild, vielleicht weil es ablenken würde vom Bashing der Energiewende und den Blick richten würde auf das Profitstreben der Stromkonzerne.

Dasselbe Muster bei „Wahrheit“ Nr. 4:

Ausriss mit Zitat: "Solaranlagen auf Dächern von Privathäusern haben im vergangenen Jahr nur an 3540 Stunden Strom geliefert. 240 Stunden weniger als im Vorjahr. Die Zahlungen an die Betreiber der Solaranlagen stiegen aber von 2010 bis 2013 von 4,3 auf 7,7 Milliarden Euro (plus 79,1 Prozent!), weil immer mehr Hausbesitzer ihre Dächer mit Solaranlagen zupflastern."

Wieder werden hier Zahlen kombiniert, die direkt nichts miteinander zu tun haben – aber eine Suggestivkraft entfalten. Sätze 1 und 2 sagen etwas über die Betriebsstunden von Solaranlagen auf Privatdächern (wir haben die Zahl nicht überprüft, sondern nehmen zugunsten von Bild mal an, dass sie korrekt sind). Die Zahlen in Satz 3 sind mit den vorherigen durch das Wort „aber“ verknüpft. Nur hat der Anstieg der Ausgaben für Solarstrom nichts damit zu tun, dass die Zahl der Betriebsstunden gesunken ist. Die Hauptursache ist, dass zwischen 2010 und 2013 viele neue Anlagen installiert wurden (was die Bild im Nachsatz dann ja auch auflöst). Wie gesagt, die Zahlen in diesem Absatz mögen korrekt sein. Und man kann sich ja auch gern über die Betriebsstundenzahl von Solaranlagen mokieren – nur haben die nichts mit dem Anstieg der Vergütungszahlungen zu tun.

Hier soll offensichtlich einfach nur miese Stimmung erzeugt werden, wie auch die Wortwahl zeigt („Dächer mit Solaranlagen zupflastern“). Zur ganzen Wahrheit über Solarstrom hätte zumindest auch gehört, dass heute installierte Solaranlagen so billig Strom erzeugen wie nie zuvor. Oder dass Photovoltaik durch seine Erzeugungsspitze in der verbrauchsstarken Mittagszeit kräftig zum Sinken der Börsenstrompreise beigetragen hat. Aber auch hierzu kein Wort in Bild.

Zum Schluss noch kurz zur fünften „Wahrheit“:

Ausriss mit Zitat: "An manchen Tagen produzieren Wind- und Solaranlagen zu viel Strom, der gar nicht genutzt und deshalb nutzlos weggeworfen (abgeregelt) wird."

Für diesen Strom, so geht das Argument weiter, müssten die Verbraucher trotzdem zahlen, zwischen 2010 und 2012 „allein 76,5 Millionen Euro“. Ob diese Zahl stimmt, ist belanglos – der demagogische Kniff ist ein anderer. Dass bereits heute in größerem Umfang Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden müssen, hat weniger damit zu tun, dass ihr Strom „gar nicht genutzt“ werden könnte. In Wahrheit könnte er sehr wohl genutzt werden – er müsste nur irgendwie zum Verbraucher transportiert werden, was aber nicht geht, weil es entweder zu wenige Stromleitungen gibt oder diese allzu oft durch Strom aus nur schwer regelbaren Braunkohle- oder Atomkraftwerken verstopft sind. Das häufige Abregeln sagt also wenig über Wind- und Solaranlagen aus, dafür umso mehr über das Stromnetz und über konventionelle Großkraftwerke.

Tolle „Wahrheiten“, die Bild heute liefert, oder?

Vielen Dank an Matthias R. aus Dresden und an Heike P. aus Bregenz
für die Hinweise


Bild: Die Energiewende hassen

Samstag, den 10. August 2013

Diffamieren, verleumden, ‚fertigmachen‘: Die Kollegen der Bild haben am Freitag wieder einmal meisterlich gezeigt, wie und mit welchem Handwerkszeug sie arbeiten.

Schlagzeile:

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In den Umfragen sagen die Deutschen immer wieder, dass sie Ökostrom gut finden. Dass die Energiewende richtig ist. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie, und wegen der Erderwärmung kann es mit der Kohleverstromung einfach nicht so weitergehen.

Aber ist das nicht ein Irrsinn mit diesem ganzen Öko-Quatsch? Völlig gaga?

bild_11

Es geht um den Windpark Riffgat, der heute vom niedersächsischen Mininsterpräsidenten Stephan Weil (SPD) eröffnet wird: Weil auf dem Meeresgrund jede Menge Weltkriegsmunition liegt, schaffte es Netzbetreiber Tennet nicht rechtzeitig, ein Kabel zu dem 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum befindlichen Windpark zu legen. Die fertigen 30 Windkraftwerke können also keinen Strom abtransportieren und stehen folglich still. Damit die Lager und Getriebe im rauen Seeklima aber keinen Schaden nehmen, müssen sie bewegt werden – mit Strom, der von einem Dieselgenerator erzeugt wird.

Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als „Wahnsinn“: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.

Ein spezieller Problemfall? Nicht für die Bild:

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Der Energie-“Versorger“ Vattenfall wird zitiert, der droht, seine Pumpspeicherkraftwerke abzuschalten. Grund: Auch diese Anlagen müssen … die Ökostrom-Umlage (5,3 Cent) zahlen“, so die Bild. Ein hundert Meter hoher Betonmast für ein Windrad bei Castrop-Rauxel wird genannt, der vor Jahren wieder gesprengt werden musste, weil er zu nahe an einem Haus gebaut worden war. Und das Gaskraftwerk in Hürth südlich von Köln wird aufgeführt, das der norwegische Konzern Statkraft für 350 Millionen Euro gebaut, aber nicht ans Netz genommen hatte.

Irre Fälle also, und spätestens bei der Ökostrom-Vorfahrt gegen das „topmoderne Gaskraftwerk“ wird klar, wohin der Hase läuft: Die Bild-Macher hassen Ökostrom, die Energiewende und den Klimaschutz. Weshalb sie auch regelmäßig Gegenstand unseres Lügendetektors sind: Von den 46 Einträgen der Kategorie Medien befassen sich zehn gezwungenermaßen mit der Bild.

Statkraft selbst hatte zur Eröffnung erklärt, das Gaskraftwerk stehe ab sofort bereit, „die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit klimafreundlicher Gaskraft zu ergänzen“. Wegen der derzeitigen Preissituation an den Strombörsen könne die Anlage derzeit aber nicht wirtschaftlich betrieben werden, hieß es: Während Gas zuletzt teurer wurde, sank der Preis für die produzierte Kilowattstunde Elektrizität. Tatsächlich ist Strom derzeit so billig wie nie.

Was einerseits an den Erneuerbaren liegt: Mittags ist der Stromverbrauch in Deutschland am größten, also genau dann, wenn die Solaranlagen am meisten liefern. Früher konnte Vattenfall seinen billigen Atomstrom in der Nacht dazu nutzen, Wasser auf den Berg zu pumpen – um es in den Mittagsstunden wieder zu (dann teuer verkaufbarem) Strom zu machen. Aber heute ist dank Sonnenkraft der Strom dann nicht mehr so teuer – es lohnt sich für Vattenfall nicht mehr. Andererseits liegt der günstige Strompreis aber an der Kohlekraft und am Emissionshandel: Nie gingen so viele neue Kraftwerke ans Netz wie in diesem Jahr. Und nie waren die Emissionszertifikate – auch weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler bisher jede Reform blockiert – so billig wie heute. Der Zusammenhang ist einfach, aber vielleicht doch zu schwierig für Bild: Viele Emissionszertifikate auf dem Markt = niedriger Preis = niedrige Zusatzkosten für Kohlekraftwerke = hohe Konkurrenzfähigkeit von Kohlestrom, der dadurch Gaskraftwerke noch weiter aus dem Markt drängen kann.

Man kann den Bild-Kollegen nicht vorwerfen, sie hätten irgendeinen Einzelfakt falsch berichtet – dadurch wird ihre Darstellung aber noch lange nicht richtig: Das Verschweigen von Details, das Nicht-Herstellen von Zusammenhängen, das Kreieren eines Skandal-Potenzials gewürzt mit einigen deftigen Kraftausdrücken – und schon ist sie angerichtet, die „Energiewende bizarr“:

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Frühling und Klimawandel: Keine Glaubensfragen

Donnerstag, den 28. März 2013

Nun ist es amtlich, der Glaube an den doch wirklich bald beginnenden Frühling ist eine „Religion“! Das Bundesverwaltungsgericht hat heute „eindeutige Parallelen zu dem Glauben an die irrationalen Heilsversprechen anderer Religionsgemeinschaften“ festgestellt und den Frühlingsglauben unter den Schutz des Grundgesetzes gestellt, berichtet das Online-Portal Der Postillon:

frühling

Es zitiert einen Sprecher des Bundesverwaltungsgerichtes mit den Worten: „Obwohl sie jeden Tag eines besseren belehrt werden, behaupten Anhänger des Frühlingskults mit verträumtem Blick, dass schon bald überall Blumen blühen werden und die Menschen ohne dicke Kleidung auf die Straße gehen können. Ähnlich wie andere Buchreligionen berufen sie sich dabei auf alte Überlieferungen aus längst vergangenen Tagen.“

Um das zu Anfang dieses Textes klarzustellen: Natürlich achten auch wir die Glaubensfreiheit!

Der Postillon ist ein empfehlenswertes Satire-Magazin, das sich die US-Zeitschrift The Onion zum Vorbild genommen hat. Weitere Schlagzeilen des Postillons: „Hohe Benzinpreise hindern Millionen daran, ihre Schwiegereltern über Ostern zu besuchen“. Oder: „BER, Stuttgart 21 und Elbphilharmonie werden zu einem riesigen ‚Bad Bau‘ zusammengelegt“. Die typische Postillon-Story hat also einen sehr realen Hintergrund, im aktuellen Fall eine Frühlingssehnsucht, die wohl auch zum Osterfest nicht erfüllt werden wird. Der März 2013 war – wie der DWD bilanziert – deutschlandweit rund 3,4 Grad kälter als das langjährige Mittel der Jahre 1961 bis 1990. Aber, so die Experten vom Deutschen Wetterdienst: „Dass wir jetzt im März eine Frostperiode haben, gehört zu den Schwankungen in der Witterung“, betont der Meteorologe Andreas Friedrich. „Klimaerwärmung und Schnee im März schließen sich nicht aus.“

Doch zugegeben, bei den gegenwärtigen Temperaturen kann einem schon mal das Hirn einfrieren. Reihum haben sich Kollegen in der vergangenen Woche mit dem Wetter beschäftigt. So dichtete Bild-Cheflyriker Franz-Josef Wagner über „heimtückische Flocken“ und „Blut im Schnee“. Und der schon öfter durch klimaskeptische Artikel aufgefallene Welt-Kollege Ulli Kulke lieferte einen sehr langen Artikel mit dieser Überschrift ab:

kulke_winter2013

Er rührt darin die Frühlingssehnsucht zusammen mit den typischen Thesen von Leuten, die den Klimawandel für eine Erfindung der Wissenschaftsmafia halten: Eine Schwächephase der Sonne sorge für eine Pause der angeblichen Erderwärmung, jedenfalls sei das Treibhausgas Kohlendioxid völlig überschätzt. Zwei russische Wissenschaftler werde mit dieser Aussage zitiert („russische Wissenschaftler“ sind unter Klimaforschern inzwischen ein running gag, auch der Focus präsentierte vor drei Jahren einen solchen) – der Haken: die beiden waren zuvor durch keinerlei Klimaforschung auffällig geworden, einer arbeitet für Gazprom, und der Aufsatz, auf den sich Kulke bezieht, erschien nicht in irgendeinem angesehenen Forschungsjournal, sondern im vergangenen September im fossilen Branchenblatt Oil & Gas Eurasia. Die einzige seriöse Studie aus dem Fachmagain PNAS, die Kulke zitiert, handelt zwar tatsächlich von natürlichen Klimaschwankungen und deren Abgrenzung zum menschengemachten Erwärmungstrend, konstatiert aber unter anderem: „Der Beitrag der Sonne ist, wie wir fanden, minimal für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und liegt bei weniger als zehn Prozent für die erste Hälfte.“ Irgendwie unwahrscheinlich, dass eine Schwächephase der Sonne trotzdem einen durchschlagenden Effekt auf den Klimawandel haben soll!? Aber, wie gesagt, wir respektieren die Glaubensfreiheit.

Völlig unter den Tisch fällt bei Wagner, Kulke und Co. natürlich auch, dass wir zwar in Deutschland grad arg frieren, bei einer großräumigen Betrachtung aber (auf die es in Klimafragen bekanntlich ankommt) der März alles andere als ungewöhnlich ist. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat auf seinem Blog Klimalounge dankenswerterweise diese eindrückliche Grafik der Temperaturverteilung auf der Nordhalbkugel veröffentlicht:

rahmstorf_winter2013

Während es in Nordrussland – wozu in diesen Tagen gefühlt auch Berlin gehört – tatsächlich außergewöhnlich kalt ist, liegen die Temperaturen anderswo deutlich über dem Durchschnitt. Unterm Strich sei der März in der Nordhemisphäre sogar „ein wenig wärmer als der März letzten Jahres“. Kollegen von Rahmstorf hatten schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Klimawandel sehr wohl zu Winterkälte in Deutschland passt: Je geringer die arktische Meereis-Bedeckung, desto wahrscheinlicher frostige Wetter in Europa.

Okay, okay, das alles hilft wenig gegen den Winterfrust. Deshalb danken wir am Schluss noch zwölf Abgeordneten von SPD und Bündnisgrünen im Landtag von Wiesbaden. Sie haben in Antrag 19/7173 die Landesregierung aufgefordert, „endlich ihre Untätigkeit aufzugeben und alles Erforderliche zu unternehmen, um für Frühling in Hessen zu sorgen“. Schauen wir mal, was Schwarz-Gelb in Hessen hinbekommt …


Bild: Überschriften 30 Prozent tendenziöser!

Dienstag, den 28. August 2012

Peng! Das war ja heute wieder eine jener Titelseiten, für die man Bild so sehr schätzt: Hauptthema ist das „Liebes-Aus“ von Helge Schneider (allerdings mit Fragezeichen). Daneben spricht eine „Eiskunstlauflegende“ über „Männer, Sex & den Tod“. Eine „große Festveranstaltung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bonn bot Gelegenheit, gleich zwei Fotos von Altkanzler Helmut Kohl unterzubringen. Und mittendrin diese Schlagzeile:

Man beachte das Ausrufezeichen am Ende der Überschrift und das liebevoll gebastelte Anti-Ökostrom-Logo links daneben. Der Minitext unter der Schlagzeile lautet: „Immer weiter steigt der Strompreis an, bringt Mehrkosten für Verbraucher und Familien bis zu 30 Prozent in den nächsten acht Jahren. Welche Rolle der teure Ökostrom spielt, warum die Preise gerade jetzt explodieren und was die Regierung beim Energiegipfel heute beschließen will – Seite 2″

Eine satte Leistung! Ganz beiläufig hat Bild den Ökostrom umgetauft in „der teure Ökostrom“. Und gleich zweimal die „30 Prozent“ auf der Titelseite untergebracht – da wird das Springer-Blatt für die Zahl sicher eine erstklassige Quelle haben…

Auf Seite 2 dann die Überraschung: Eine Infografik mit der Überschrift „Diese Infografik zeigt, wie die Preise entstehen“ zeigt tatsächlich, wie die Preise entstehen!

Im Detail ist da nachzulesen (im rechten Teil der Grafik), dass Privathaushalte gut viermal so viel für eine Kilowattstunde (kWh) Strom ausgeben wie die energieintensive Industrie (nämlich 25,45 Cent gegenüber 6,08 Cent). Dass die Privathaushalte derzeit 3,53 Cent Ökostrom-Umlage pro kWh zahlen müssen, Stromgroßkunden in der Wirtschaft aber nur ein Siebzigstel davon, nämlich 0,05 Cent. Dass Privathaushalte im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes insgesamt 4,5 Milliarden Euro pro Jahr für die Energiewende zahlen, die industriellen Großverbraucher hingegen läppische 37 Millionen Euro.

Im Text über der Grafik finden sich dann noch weitere Wahrheiten, die wir hier ständig ausbreiten - die dem größten Teil des Bild-Publikums hingegen neu sein dürften:

Wie gesagt, diese klaren Worte haben uns wirklich überrascht. Weshalb wir diesmal gar nicht auf anderen Textstellen herumreiten wollen, in denen sich das Springer-Blatt doch gewohnt industriefreundlich gibt.

Nur eins, die Quelle für die „30 Prozent“ aus der Titelzeile – die wollen wir Bild dann doch nicht durchgehen lassen: Es ist Tuomo Hataka, der gestern im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von einem solchen Energiepreisanstieg sprach. Toll, oder? Die durch nichts untersetzte Aussage des Deutschland-Chefs von Vattenfall macht Bild flugs zur angstmacherischen Schlagzeile. Nicht mit Fragezeichen oder Anführungsstrichelchen - sondern mit fettem Ausrufezeichen! Dabei gehört der Chef des viertgrößten Stromversorgers sogar laut Bild zu den Abzockern (siehe oben).

Aber so funktionieren Kampagnen, zum Beispiel gegen die Erneuerbaren Energien – wer liest schon das Kleingedruckte auf Seite 2?


Bild: Stimmungsmache gegen Ökostrom

Dienstag, den 14. August 2012

Bild ist bekanntlich die „Zeitung“ des kleinen Mannes. Und als solche natürlich auch auf dessen Seite. Sie nimmt sich seiner Sorgen an: Neben dem Brustumfang des Playmates Michaela, der ausgeraubten Villa von Udo Jürgens oder dem neuesten Hartz-IV-Urteil, geht es in der heutigen Ausgabe auch ums Portemonnaie des kleinen Mannes. In Form eines Interviews:

Unter dieser Überschrift redet der deutsche EU-Kommissar erstmal über Griechenland, die Euro-Rettung, den Bericht der Troika, über die Europäischer Zentralbank, EFSF (die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität), über den Ankauf von Staatsanleihen und über eine Volksabstimmung über den Euro. Die vorletzte Frage an Günther Oettinger (CDU) lautet: „Was sagen Sie als Energie-Kommissar zu den ständig steigenden Strompreisen in Deutschland?“


Was für eine kernige Aussage. Aber stimmt sie?

Kleiner Blick zurück: Im Jahr 2000 betrug der durchschnittliche Haushaltsstrompreis knapp 14 Cent. Zur Finanzierung der Erneuerbaren wurden damals 0,2 Cent Umlage erhoben.  Heute kostet Haushaltsstrom durchschnittlich 26 Cent, die EEG-Umlage stieg auf 3,592, Cent pro Kilowattstunde. Neben der Umlage gab es also viele weitere Faktoren, die den Endpreis für Privatkunden um 8,408 Cent in die Höhe trieben: gestiegene Ausgaben für fossile Brennstoffe etwa, die Renditen der Stromkonzerne, der Anstieg der Mehrwertsteuer oder die Kosten des Netzausbaus.

Aber solch komplexe Sachverhalte sind dem kleinen Mann natürlich nicht zumutbar, weshalb Bild diese auch nicht erörtert. Statt dessen stellt der Interviewer die Frage:


Der Energiekommisar sagt nicht „ja“ oder „nein“, sondern reichlich verschwurbelt: „Wenn im Herbst die neue Höhe der Umlage für die erneuerbaren Energien festgelegt wird, müssen wir noch einmal über eine Deckelung reden. Sonst laufen die Kosten für Verbraucher und Wirtschaft aus dem Ruder.“

Das ist natürlich Quatsch. Der Strompreis für die Wirtschaft ist zuletzt sehr stark gefallen, sogar der teuerste Strom – der sogenannte Spitzenlaststrom -  lag im Juni 2012 mit 5,0 Cent je Kilowattstunde um mehr als 19 Prozent unter dem Vorjahreswert (Juni 2011: 6,2 Cent). Auch dank der Solarenergie: Wenn in den Mittagsstunden deutschlandweit Mittagessen gekocht wird, die Kühlung am dringendsten gebraucht wird oder die Fabriken auf Hochtouren laufen, dann ist der Strombedarf am größten. Aber genau da liefern die Solarkraftwerke auch am meisten.

Außerdem hat sich die Wirtschaft enorm viele Ausnahmen erkämpft (eine hübsche Grafik zur Entwicklung der Industriestrompreise und dem Anteil der Ökostrom-Förderung findet sich hier). Und gerade erst hatte das Bundeskabinett 2,7 Milliarden Euro Entlastung bei der Öko- und Stromsteuer für die energieintensive Industrie beschlossen, allein 23.419 Firmen genießen Vergünstigungen bei der Stromsteuer. Dazu kommen Befreiungen von der EEG-Umlage oder vom Netzentgelt. Wenn aber einige nichts zahlen, müssen die anderen mehr berappen: Richtigerweise hätte Oettinger also sagen müssen: „Wenn die Industrie noch weiter entlastet wird, laufen die Kosten für die Verbraucher aus dem Ruder.“

Aber das ist vermutlich schon wieder zu komplex für den kleinen Mann. Damit der auch wirklich kapiert, worum es geht, hat Bild die Angewohnheit, das Wichtigste zu unterstreichen. Damit auch der letzte Heini noch begreift, was wichtig ist. Also sagt Oettinger – unterstrichen – zur Energiewende:

Bild erklärt dem kleinen Mann natürlich nicht, dass die Stromnetzbetreiber, die für den Bau der Leitungen verantwortlich sind, bis vor kurzem den großen Energiekonzernen gehörten und diese in den vergangenen Jahren die Energiewende bewusst verzögert haben. Oder dass der dezentrale Ausbau der Solarenergie den Leitungsbau mancherorts überflüssig machen würde. Das alles überfordert den kleinen Mann ja ohnehin.

Ganz abgesehen davon, dass Günther Oettinger im Interview gar nicht gesagt hat: „Deutschlands Strompreise sind viel zu hoch“ – wie es in der Überschrift heißt. Wirklich ärgerlich wird das Interview erst dadurch, dass es von vermeintlich „seriösen“ Kollegen ernstgenommen und weiterverbreitet wird. „Hohe Strompreise: Oettinger warnt Deutschland vor Wirtschafts-Schaden“, titelt der Focus. Bei n-tv heißt es „Subventionen für Ökostrom – Oettinger will Umlage deckel“. Und der Stern macht daraus sogar: „Oettinger: Umlage für neue Energien überfordert Bürger“.


Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge

Donnerstag, den 9. Februar 2012

Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch Themen, etwa die menschengemachte Erderwärmung. Als 2007 der IPCC seinen 4. Sachstandsbericht zur Klimaforschung vorlegte, drehte Bild richtig auf. „Nur noch 13 Jahre zur Rettung der Welt“, titelte das Blatt alarmistisch, schrieb von einem „Neuen UNO-Schock-Bericht!“ und phantasierte eine „Sahara Deutschland“ herbei. Die Bild am Sonntag setzte gar eine „Klima-Kommissarin“ ein und nutzte das Thema trickreich zur Abowerbung. Teilweise wehrten sich Wissenschaftler gegen die reißerische Art des Springer-Blattes, doch Umweltverbände wie BUND, Greenpeace oder der WWF starteten gemeinsam mit Bild eine umstrittene „Klimaschutzaktion“.

Nun fährt der Fahrstuhl wieder runter. Seit drei Tagen lässt Bild den RWE-Manager Fritz Vahrenholt und seine Co-Autoren die Thesen ihres Buches „Die kalte Sonne“ ausbreiten: Weniger die menschengemachten Treibhausgase bestimmten den Klimawandel der letzten Jahrzehnte, sondern Schwankungen bei Sonnenaktivität und Ozeanströmungen. Dass Vahrenholt&Co. kein „renommiertes Expertenteam“ sind, wie Bild großspurig titelt, hatten wir ja am Wochenende schon geschrieben. Im aktuellen Spiegel hat der RWE-Mann das auch selbst zugegeben: „Ich betreibe ja keine Klimaforschung“, sagte er da. Entsprechend abwegig sind viele Aussagen und Bewertungen der Autoren.

Im ersten Teil der Bild-Serie etwa übertrieb der Dortmunder Physik-Professor Werner Weber heillos die Folgen der solaren Schwankungen Mittelalter:

 

 

 

 

 

 

 

In der Tat gab es die beschriebene Abkühlung. Aber nach dem aktuellen Stand der Forschung hatte diese „Kleine Eiszeit“ weniger mitder Sonne zu tun – sondern vor allem mit heftigen Vulkanausbrüchen, die damals große Mengen an Aerosolpartikel in die Atmosphäre schleuderten, die wie ein Sonnenschirm wirkten und die Erde kühlten.

Ein paar Absätze weiter wird den IPCC-Experten vorgeworfen:

 

 

 

 

Der erste Satz ist Quatsch, der Weltklimarat berücksichtigt in seinen Modellrechnungen selbstverständlich auch natürliche Klimafaktoren – wie ein Blick in den IPCC-Report (Teil 1, Kapitel 9.4.1.2) belegt. Und im Anhang sind in Tabelle S9.1 die für die 14 Modelle verwendeten Sonnendaten sogar detailliert aufgeführt. Falsch ist auch der zweite Satz. Die Theorien von Henrik Svensmark zum Einfluss von Sonne und kosmischer Strahlen aufs Klima hat der IPCC nicht ignoriert. Vielmehr sind sie im letzten IPCC-Report (Kapitel 2.7.1) explizit erwähnt – werden da aber (zutreffenderweise) als „sehr ungesichert“ und „noch nicht ausdiskutiert“ bewertet.

Ähnlich krude geht es in Teil 2 der Bild-Serie weiter:

 

 

 

 

Diese Aussage ist nicht komplett verkehrt, in der Tat zeigen die Temperaturaufzeichnungen des letzten Jahrzehnts – wenn man nur sie betrachtet – kaum einen Anstieg. Aber eine solche Betrachtung ist klimawissenschaftlich irrelevant. Zwölf Jahre sind nämlich zu kurz, um natürliche Klimavariabilität verlässlich von einem menschengemachten Klimawandel zu unterscheiden. Klimatrends werden stets über mehrere Jahrzehnte ermittelt, und da ist klar: Die vergangene Dekade war die wärmste je registrierte (egal ob sie in sich selbst eine Temperaturzunahme zeigte oder nicht).

Im letzten und dritten Serienteil schließlich ging es gar nicht mehr um Klimawissenschaft – dafür wurde endlich klar, worauf Fritz Vahrenholt die ganze Zeit hinauswollte:

Die Forderung mag paradox klingen für einen Manager, der in seinem Unternehmen RWE just für die Windkraft zuständig ist. Sie klingt weniger paradox, wenn man weiß, dass genau dieses Unternehmen beim Ausbau der Erneuerbaren Energien weit, weit zurückhängt – und durch dezentrale Solaranlagen wie Windräder seine profitablen Kohlekraftwerke bedroht sieht.


Und weiter geht’s: Bilds Ökostrom-Bashing

Samstag, den 8. Oktober 2011

So, da sind wir wieder. Der Klima-Lügendetektor macht weiter – Bild sei „Dank“. Zwar war unser Rettungsaufruf vom Sommer nicht ganz erfolgreich (obwohl, etwas hat er schon gebracht – mehr dazu nächste Woche). Doch als wir heute morgen die Schlagzeile von Springers Schlachtschiff sahen, war klar: Wir müssen weitermachen.

Denn wir bringen es einfach nicht übers Journalistenherz, diese Schlagzeile und den zugehörigen Text auf Seite 2 unwidersprochen zu lassen.

„Bild erklärt den Irrsinn“? Nein, das Blatt erklärt wenig, sondern macht vor allem Stimmung. Das fängt an bei der unterschwelligen Fremdenfeindlichkeit: Mehrfach betont das Boulevardblatt, „deutscher“ Strom werde „ins Ausland verschenkt“. Ginge es Bild nur um Aufklärung über ein (echtes oder vermeintliches) „Energie-Chaos“, wäre das keiner Erwähnung wert – denn für Netzstabilität und Versorgungssicherheit ist es reichlich irrelevant, ob überschüssiger Strom zu negativen Preisen an Abnehmer im In- oder Ausland geht.

Aber es kommt noch schöner tendenziöser in dem Text der Bild-Redakteure Stefan Ernst und Christin Martens:

Der erste Absatz ist gelinde gesagt unvollständig: An den meisten „schönen Sommertagen“ liegen „die Menschen“ nämlich nicht „am Strand oder im Schwimmbad“, sondern schwitzen in Büros. Wo dann zum Beispiel die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Und gerade mittags der Stromverbrauch am größten ist. Dass Solaranlagen just während dieser „Mittagsspitze“ den meisten Strom einspeisen, ist eher ein Vorteil für die Versorgungssicherheit. Die größten Diskrepanzen zwischen Ökostrom-Erzeugung und Elektrizitätsnachfrage gibt es weniger an Sommertagen, sondern eher nachts und an Wochenenden und vor allem im Herbst und Winter. Richtig hätte der Absatz etwa so lauten müssen: „In windigen Herbstnächten liegen die Leute im Bett, und viele Industrieanlagen stehen still – gleichzeitig speisen Windkraftanlagen jede Menge Energie ein.“

Regelrecht falsch ist dann der erste Satz des zweiten Absatzes: In der Klammer müsste stehen „z.B. Kohle, Atom“, nicht „Gas“. Denn Erdgaskraftwerke sind gerade nicht das Problem – sie können flexibel an- und abgeschaltet werden, um auf die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren Energien zu reagieren. Die eigentliche Ursache für das „Energie-Chaos“ sind große, träge Kohle- und Kernkraftwerke, die künftig nicht mehr ins Energieversorgungssystem passen, wenn es auf sauberen, aber eben schwankenden Erneuerbaren basieren soll. Etwas verschämt wird dies im folgenden „Auch“-Satz eingeräumt: Für Eon, RWE & Co. ist es schlicht billiger, ihre Großmeiler weiterlaufen zu lassen, wenn die zur Nachfragedeckung eigentlich gar nicht gebraucht werden. Das Stromaufkommen von Wind- oder Solaranlagen macht nur deshalb Probleme, weil die Netze allzu oft mit Kohle- und Atomstrom aus unflexiblen Großkraftwerken verstopft sind. Bild müsste also nicht nur den Ökostrom, sondern auch die Kohle- und Atom-Konzerne zumindest mit-verantwortlich machen für Stromüberschüsse, Netzbelastungen und empörende Geschenke ans Ausland.

Stattdessen darf am Schluss des Textes ausgerechnet RWE-Chef Jürgen Großmann zu Wort kommen:

Genau, jener Herr, der vor zweieinhalb Jahren in Bild noch dramatisch davor warnen durfte, dass im Sommer hierzulande Strommangel drohe. Und dessen Unternehmen mit gerade 2,6 Prozent Ökostrom-Anteil den grünen Energie-Boom verpennt hat.

Bleibt die Frage, warum Bild ausgerechnet jetzt das Ganze hochzieht – wo doch das Thema Netzbelastung und negative Preise seit langem bekannt ist. Vielleicht weil am kommenden Freitag voraussichtlich der nächste Anstieg bei der Ökostrom-Umlage bekanntgegeben wird? Da kann man ja schonmal ein bisschen Stimmung machen.


REWE/toom: Nachhaltige Startschwierigkeiten

Mittwoch, den 24. November 2010

Das Hauptmotiv der neuen Anzeigenkampagne der Rewe-Handelsgruppe ist ganz hübsch: Eine Kleinfamilie steht da mit ihrem gefüllten Einkaufswagen auf einem Waldweg, vor ihr ein großer Holzlaster, die Trucker gucken verblüfft: „Unsere Kunden bewegen mehr als ihren Einkaufswagen“, lautet der Slogan dazu. Der zweitgrößte Lebensmittelhändler Deutschlands will sich so als Adresse für „verantwortungsvollen Einkauf“ empfehlen. Nachhaltigkeit, heißt es auf der Firmenwebsite, sei bei Rewe „fest in der Unternehmensphilosophie“ verankert.

Im Anzeigentext erfährt man dann leider, dass die „verantwortungsvollen“ Produkte nur einen Teil des Sortiments ausmachen. An einem neuen Label namens „Pro Planet“ sollen sie bei Rewe, toom und Penny ab sofort zu erkennen sein, es geht beispielsweise um Schreibblöcke aus Recyclingpapier oder Wandfarben ohne Lösungsmittel. „Dabei kombinieren wir Imagewerbung intelligent mit Verkaufsimpulsen“, erklärte Rewe-Vorstandschef Alain Caparros.

Die Realität bei Rewe sieht allerdings nicht ganz so glänzend aus wie die von der Edel-Agentur Scholz&Friends betreute PR-Kampagne. So wählte man als Partner für die Elektroauto-Ladestationen in Berliner Märkten ausgerechnet Vattenfall - jenen Konzern, dessen Braunkohlekraftwerke Unmengen von Kohlendioxid ausstoßen und der mit 890 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde laut Greenpeace „Deutschlands klimaschädlichster Stromanbieter“ ist.

Zudem ging bei Rewes Baumarkttochter toom der Start der Öko-Offensive gründlich daneben, dort hat man Imagewerbung und Kaufimpulse tatsächlich sehr intelligent miteinander verbunden. Mit billigen Energiesparlampen lockte toom Kunden in die Filialen, schaltete dazu auf Seite 1 der Bild eine große Annonce. Für 99 Cent wurden da Lampen aus „Energieeffizienzklasse A“ angepriesen – doch tatsächlich zeigte und verkaufte toom schlechtere Energiesparlampen der Klasse B. Daraufhin ging die Deutsche Umwelthilfe (DUH) juristisch gegen Rewe und die Bild vor. „Mit falschen Angaben wurden die Verbraucher getäuscht und zum Kauf niederwertiger Energiesparlampen verleitet“, kritisiert DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. „Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes wird mit solchen Aktionen eine grundsätzlich positive Technologie wie die Energiesparlampe diskreditiert.“

Vor einigen Tagen fiel toom zum zweiten Mal negativ auf: Die Kette verkaufte Energiesparlampen mit überhöhten Quecksilberwerten. Bereits seit Juli 2006 beschränkt die RoHS-Richtlinie der EU die Menge dieses gefährlichen Schwermetalls auf höchstens fünf Milligramm pro Lampe, die DUH fand bei Testkäufen jedoch 5,7 und 6,35 Milligramm. Rewe rechtfertigte das gegenüber der DUH mit den Worten, man habe die beanstandeten Lampen schon im Mai 2002 eingekauft – dieses Datum sei juristisch der Zeitpunkt des Inverkehrbringens, mithin fielen die fraglichen Lampen auch heute noch nicht unter den EU-Grenzwert. Nachhaltig sei bei Rewe, so DUH-Mann Resch, „nur das Streben nach Gewinnmaximierung, notfalls auch zu Lasten der Gesundheit der Verbraucher und der Umwelt“.

„Das ist zweimal wirklich blöd gelaufen“, sagt Rewe-Sprecher Andreas Krämer hörbar zerknirscht. Im ersten Fall sei einem Mitarbeiter der Werbeabteilung schlicht ein Fehler passiert, im zweiten Fall habe es sich um „eine minimale Restmenge“ alter Lampen gehandelt – und die Antwort des Firmenjuristen sei mit der Unternehmensspitze nicht abgestimmt gewesen. Krämer versichert, dass man es tatsächlich ernst meine mit dem Nachhaltigkeitsengagement. Die Vorfälle seien Rewe bzw. toom „wirklich unangenehm“ – und sollten nicht nochmal vorkommen.

Nun, wir werden ein Auge drauf haben.

Danke an Christian B. und Christoph S. für die Hinweise


Peter Ramsauer (CSU): Lügen zur Ökosteuer

Montag, den 22. März 2010

Als „Abrechnung“ verkauft das Magazin Focus in seiner neuen Ausgabe ein großes Interview mit Bundespräsident Horst Köhler – weil er genau jene schwarz-gelbe Koalition kritisiert, die ihn ins Amt gebracht hat. ramsauer_focuskoehler_klIn dem Gespräch erinnerte Köhler auch an Rohstoff-Knappheit und Umweltschäden und regte eine Wende der Wirtschaft hin zu „grünem Wachstum“ an. Wörtlich sagte er: „Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt mit vielen anzulegen: Wir sollten zum Beispiel darüber nachdenken, ob der Preis von Benzin nicht tendenziell höher als tendenziell niedriger sein sollte.“ Schließlich sei der Preis das stärkste Signal, damit Menschen ihr Verhalten ändern.

Der ADAC fand das natürlich ganz blöde, hingegen applaudierten die Umweltverbände. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer meldete sich per Bild zu Wort: „Die Öko- bzw. Spritsteuer im Benzinpreis hat bis heute keinerlei Lenkungswirkung entfaltet“, so der CSU-Mann. „Gefahren wird wie eh und je.“ Doch der erste Satz ist schlicht falsch, der zweite lediglich geschickt formulierter Zweck-Populismus.

Denn selbstverständlich hat die von Rot-Grün 1999 eingeleitete „Ökologisch-Soziale Steuerreform“ (so der ausführlich Titel der „Ökosteuer“), deutliche Wirkungen gehabt. Die gezielte Verteuerung von Energie (z.B. Strom und Benzin) hat deren Verbrauch gedämpft, der deutsche Kohlendioxid-Ausstoß wurde so um zig tausend Tonnen pro Jahr gemindert, und durch höhere Steuerzuschüsse an die Rentenkassen wurden Beitragserhöhungen vermieden und Zehntausende von Arbeitsplätzen geschaffen. Nachzulesen ist das alles in ausführlichen Studien etwa des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) oder des Think Tanks Ecologic. (Noch stärker übrigens wären die positiven Effekte gewesen, wenn Wirtschaftslobbyisten, schwarz-gelbe Opposition und der Clement-Flügel der SPD die Ökosteuer nicht mit zahlreichen Ausnahmen regelrecht durchlöchert hätten.)

Geschickter schwindelt der Bundesverkehrsminister mit seiner zweiten Aussage. Denn in der Tat ist die Fahrfreude der Deutschen stabil groß: Laut dem Standardwerk „Verkehr in Zahlen“ (S. 220f.), herausgegeben von Ramsauers Ministerium, werden hierzulande mehr als eine Billion Personenkilometer pro Jahr zurückgelegt, mehr als 80 Prozent davon im „Motorisierten Individualverkehr“, also mit Personenwagen oder Motorrädern . So gesehen könnte man den Satz, es werde „gefahren wie eh und je“, durchaus gelten lassen. Schaut man sich aber genauer an, WIE die Leute fahren, so wird die Lenkungswirkung der Ökosteuer offensichtlich: Rot-grüne Politik schaffte es nämlich, den jahrzehntelangen Zuwachstrend beim Spritverbrauch zu brechen. Die alljährliche Steigerung galt im Nachkriegsdeutschland fast schon als Naturgesetz; laut Mineralölwirtschaftsverband (siehe Seite 51 des Jahresberichts 2008) explodierte der Verbrauch geradezu: von 2,6 Millionen Tonnen (1950) auf fast 60 Millionen Tonnen (1998). Doch im Jahr der Ökosteuer knickt diese Kurve plötzlich weg, exakt seit 1999 sinkt der Verbrauch. Diese Grafik des UPI-Instituts verdeutlicht  die Entwicklung:

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Das Bild zeigt auch einen weiteren Effekt, den Experten der Ökosteuer zuschreiben: den Trend zu relativ sparsamen Diesel-Pkws. Während nämlich der Benzinabsatz deutlich zurückging, blieb der Verbrauch von Diesel (bei zunehmender Fahrzeugzahl) ziemlich stabil.

Im Klartext: Die Leute fahren zwar nicht unbedingt weniger Auto, wenn das Tanken teurer wird – aber ganz offensichtlich fahren sie sparsamer bzw. mit sparsameren Autos. Und das sollte doch eigentlich auch dem Bundesverkehrsminister ein Anliegen sein, oder?


VDA: Mit Neusprech für Klimakiller

Sonntag, den 16. August 2009

Ein Jahr ist es her, dass der Verband der Automobilindustrie (VDA) gemeinsam mit der Bild in patriotischem Schwarz-Rot-Gold  für „Unsere Autos“ trommelte. Ausgiebig haben die Lobbyisten seither an ihrer Propaganda-Website gearbeitet.
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Inzwischen präsentiert sie sich in so ausgefeiltem Neusprech, dass selbst George Orwell erblassen würde. Äußerst gekonnt werden da Aussagen über Fahrzeugsicherheit, Elektronikspielereien und Klimaschutz vermixt, um im Vorfeld der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main das Bild einer wahren Öko-Industrie zu hinterlassen. Irgendwie scheinen die „Träger der Initiative“ – laut Website Audi, BMW, Bosch, Daimler, Ford, Opel, Porsche und Volkswagen – solche Tricks nötig zu haben.

Jedenfalls sind viele Aussagen der Website ohne Dolmetscher kaum zu verstehen:

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Übersetzung: „Ein Glück, dass es auch andere Treibhausgase gibt neben Kohlendioxid und andere Klimasünder neben unseren Spritschleudern – sonst hätten wir kein Material für krude Vergleiche und schwer nachprüfbare Rechenspiele. Um die Verwirrung zu komplettieren liefern wir als Hintergrundinformationen zu dieser Aussage nicht etwa Grafiken über den CO2-Ausstoß ‚unserer Autos‘, sondern über Kohlenwasserstoff-Emissionen und andere Gifte – es fällt bestimmt keinem auf, wenn wir hier nur die Ergebnisse gesetzlicher Auflagen präsentieren.“vda_unsereautos09_2gr

Übersetzung: „Der hohe CO2-Ausstoß unserer Fahrzeugflotte – bei Audi waren es 2008 z.B. 176 g/km, bei Mercedes 188 g/km oder bei VW 166 g/km – beschämt uns so sehr, dass wir die einzelnen Zahlen nirgends auf diese Website gestellt haben. Denn dann würde jeder merken, dass wir mit dem Smart nur ein einziges 88-Gramm-Auto herstellen – das neben dem viel größeren Toyota Prius (89 Gramm) ziemlich alt aussieht.“
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Übersetzung: „Garantiert bekommt niemand mit, dass mit dem ‚wir‘ in diesem Satz diesmal nicht die deutschen Autos gemeint ist, sondern sich die Aussage zur Treibhausgasreduktion auf die deutsche Gesamtbilanz bezieht. Dass Experten den Rückgang der Verkehrsemissionen vor allem auf die Wirkung der rot-grünen Ökosteuer (die wir vom VDA stets bekämpften) zurückführen und auf die Umstellung vieler Pkw auf effizientere Dieselmotoren, das erwähnen wir natürlich nicht.“
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Übersetzung: „So richtig geht es zwar nicht voran mit der Forschung an den sogenannten ‚Biokraftstoffen der zweiten Generation‘. Wir machen trotzdem weiter Werbung damit – und sparen uns die Entwicklung wirklich verbrauchsarmer Autos. Obwohl viele Experten vor einer Überschätzung des CO2-Sparpotenzial von Biokraftstoffen warnen, schreiben wir 90 Prozent – mit den Wörtchen ‚bis zu‘ ist schließlich jedes noch so hochtrabende Versprechen irgendwie wahr.“

vda_unsereautos09_7grSo geht es weiter und weiter. Die Textakrobaten vom VDA verdrehen, verbiegen, lassen weg. Besonders phantasievoll waren sie bei einer kleinen Grafik, in der sie die weltweiten Verursacher von Kohlendioxid darstellen. Die Stromerzeugung liegt – dank dreckiger Kohlekraftwerke – mit großem Abstand auf dem Spitzenplatz, deutlich vor dem Straßenverkehr auf Platz 5. In der VDA-Illustration symbolisiert ein kleines Windrad den Energiesektor. Deutsche Autos, soll das wohl suggerieren, sind noch klimaschonender als Windkraftanlagen…

Wir wollen Sie, liebe Leserinnen und Leser, nicht mit weiteren Beispielen ermüden. Sondern zum Mitmachen aufrufen. Schicken Sie weitere Zitate von der Propaganda-Website des VDA und die zugehörige Übersetzung an: hinweise(at)klima-luegendetektor.de. Die drei „besten“ Einsendungen werden veröffentlicht – als Dank gibt es zudem je ein Exemplar des Buches zum Blog: „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“.

Danke an Barbara M. aus Berlin für den Hinweis